(K)eine zeitlose Kunst

(K)eine zeitlose Kunst

Grafik von Anneke Gerloff. All rights reserved.

 

Tim ist engagiert im Kampf gegen das Verbrechen. Er ist ein Held, um den herum der Zeichner Hergé ein Universum erschuf, das bis heute viele Leser_innen fesselt. Beispielsweise die Ausgabe „Tim im Kongo“, in der Tim gefährlichen Tieren und schwarzen Einheimischen mit großen, roten Lippen begegnet. Die Sprache der Schwarzen ist grammatikalisch falsch, sie sind technisch unversiert, furchtsam und Tim gegenüber unterwürfig. „Du großer Zauberer! Du König der Tschibo, Dingsbums“, beten sie ihn an[1]. An der kolonialen Erziehung durch die weißen Belgier_innen ist Tim aktiv und streng beteiligt.

Jedes Stück Kunst ist ein Teil der Gesellschaft, die es kreiert hat. Und die erfolgreiche Comic-Serie „Tim und Struppi“ zählt zum kulturellen Erbe Belgiens. Die Geschichte, die ab 1930 zunächst als Fortsetzungsgeschichte in der Kinderbeilage der belgischen Zeitung „Le Vingtième Siècle“ erschien, spiegelt die übliche Weltanschauung dieser Zeit wider. Eine Zeit, in der Rassismus zum Alltag zählte und der Kongo im Osten Afrikas noch eine belgische Kolonie war. In der späteren Farbversion von 1946 entfernte Hergé die Hinweise auf Belgiens Vergangenheit[2]. Die rassistischen Darstellungen blieben jedoch weitgehend erhalten, so dass die Ausgabe in den USA und England erst 2005 für Erwachsene mit einem Warnhinweis veröffentlicht wurde. In Südafrika sind Teile der Reihe bis heute verboten. In Frankreich wurde „Tim und Struppi“ in den 60er und 70er Jahren Rassismus und Frauenfeindlichkeit vorgeworfen - heute ist die Ausgabe jedoch ohne Warnhinweis erhältlich. Genau wie in Deutschland. Als Begründung erklärte der Programmleiter des Carlsen-Verlages Ralf Keiser 2010 beim Erlanger Comic-Salon, dass die Ausgabe zwar rassistisch sei, doch man sich auf Grund von Lizenzbedingungen außer Stande sehe, dem Heft einen kritischen Kommentar beizugeben.

 

Klage gegen „Tim im Kongo“

In Belgien reichte Bienvenu Mbutu Mondondo 2007 Klage für ein Verkaufsverbot von „Tim im Kongo“ ein und berief sich dabei auf ein Anti-Rassismus-Gesetz von 1981. Der Interessenverband Schwarzer Menschen „Conseil Représentatif des Associations Noires“ (CRAN) forderte ein warnendes Vorwort, das die Leser_innen „über die Natur eines Werkes aufklärt, welches eine rassistische Überlegenheit der Weißen über die Schwarzen behauptet“, wie es in einer Stellungnahme heißt[3]. Im Februar 2012 wiesen die Richter die Klage jedoch ab. Es sei unzulässig, auf Grund eines Gesetzes von 1981 einen Comic aus dem Jahr 1931 wegen Rassismus verbieten zu lassen, so das Urteil. Zudem sei Hergé ein Kind seiner Zeit gewesen. Unbeachtet blieb, dass der 1983 verstorbene Zeichner es vor seinem Tod bedauert hatte, Schwarze auf diffamierende Art gezeichnet zu haben. Mondondo ging in Berufung. Doch brachte Ende 2012 die zweite Instanz das gleiche Ergebnis.

Es war dasselbe Jahr, in dem in Schweden das bekannte Stockholmer Kulturhaus (Kulturhuset) für Aufregung um "Tim und Struppi" sorgte, nachdem es bestimmte Ausgaben aus seiner Kinder- und Jugendbibliothek entfernt hatte. Mit seiner Argumentation, dass Literatur, die heute rassistische Werte und Bilder beinhalte, nichts in Bibliotheken für Kinder und Jugendliche verloren habe und Literatur grundsätzlich auf Vorurteile untersucht und gegebenenfalls aussortiert werden sollte, löste der künstlerische Leiter der Abteilung Behrang Miri einen massenmedialen Protest aus. Auf Twitter wurde unter dem Hashtag #tintingate diskutiert. „Es ging um Zensur. Andere behaupteten, dass Tim kein Rassist sei und es gab Dritte, die sich dadurch provoziert fühlten, dass ein Schwede mit iranischer Herkunft sich erlaubt hat, diese Entscheidung zu fällen“, sagte Nathan Hamelberg der schwedischen Organisation „Betweenship“ dem Guardian in einem Interview Ende 2012.

 

Umformulieren von Texten aus Kinderbüchern

„Tim im Kongo“ ist ein internationales Beispiel dafür, dass die Debatte um Rassismus in Kinderbüchern kein allein deutsches Phänomen und nicht neu ist. Zur Sprache der Literatur für Kinder gehörte immer auch dazu, dass Texte bearbeitet, umgeschrieben, gekürzt, erweitert und Titelbilder und Illustrationen verändert wurden - und das oft ohne einen Hinweis darauf. So wurde aus der englischen Übersetzung von Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf" in den fünfziger Jahren das Wort „negro“ gestrichen. "Noddy" von Enid Blyton verlor in den 80er Jahren seinen Platz in der Schulbibliothek, weil der kleine Holzjunge aus der magischen Welt des Spielzeuglandes sich von kleinen, schwarzen Spielfiguren mit großen weißen Pupillen, den "Golliwogs", und vermeintlich diebischen Sinti und Roma bedroht fühlte.

Andere Autor_innen veränderten ihre Werke gleich selbst. Charles Dickens beispielweise schwächte die antisemitischen Untertöne in „Oliver Twist“ ab, die in späteren Ausgaben und Verfilmungen ganz getilgt wurden. In der englischen Taschenbuchausgabe von Hugh Loftings „Dr. Dollitle“ wurde der diffamierende Ausdruck „Darkies“ durch People ersetzt. Und 2006 wurden Beschreibungen und Lebensgewohnheiten in Blytons „Fünf Freunde“ oder „Hanni und Nanni“ verändert, weil Mädchen darin immerzu die Hausarbeit machten und die Bösewichte stets zu „südländischem“ Aussehen neigten.

 

Eine Neuauflage von „Huckleberry Finn“ und das N-Wort

In den USA erreichte 2011 Alan Gribben, Sprachwissenschaftler an der Auburn Universität in Alabama, eine Neuauflage des Romans „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ von Mark Twain und löste damit einen Streit über Werktreue und Anliegen des Autors aus. Gribben wollte das Buch mit der Anpassung Schüler_innen wieder zugänglich machen, da es zunehmend aus den US-Lehrplänen verschwunden war. Im Buch entfliehen der weiße Huck und der Schwarze Jim aus unterschiedlichen Gründen ihrem Schicksal und erhoffen sich ein besseres Leben. Ihre Floßfahrt am Mississippi wird zur Metapher für den „American Dream“. Es ist eine Geschichte, die versucht das Verbindende über das Trennende zu stellen, doch kommt im Original das N-Wort über 200 Mal vor. 2011 wurde es durch "Sklave" und die für Native Americans verletzende Bezeichnung "Injun" durch "Indian" ersetzt.

Wer hat die Lizenz, das N-Wort zu benutzen? Diese Frage ist in den USA bis heute ein Politikum. So bezeichnen sich viele Schwarze in den Großstädten und der Musik damit. Was viele nicht wissen ist, dass die Übernahme des N-Wortes in den eigenen Sprachgebrauch in der frühen HipHop-Szene identitätsstiftend wirkte. Der Versuch, das N-Wort umzudeuten, reicht dabei bis in die 30er Jahre zurück. Die Revolte der drei Gründerväter der politisch-literarischen Negritudé-Bewegung, Aimé Césaire, Léopold Sédar Senghor und Léon-Gontran aus den französischen Kolonien, bestand darin, den rassistischen Begriff für sich selbst als identitätsstiftend zu dekonstruieren. Ein kontrovers diskutiertes Vorgehen, doch ging es um den Aspekt der eigenmächtigen Wiederaneignung und Abkehr von dominanten rassistischen Narrativen, was erklärt, warum diese Kulturentwicklung bis heute ein unerlaubtes Terrain für weiße Menschen in den USA ist. So ist das N-Wort für sie nicht nur bei Witzen tabu, sondern immer.

 

Debatten um Kinderbücher im internationalen Vergleich

So zeigt sich im internationalen Vergleich, dass die Argumente zwischen Verletzung und Kulturerhalt zum Teil Ähnlichkeiten in der Debatte, bei genauer Differenzierung aber auch Unterschiede aufweisen. Was sie eint ist, dass das Beharren auf sprachlicher Textveränderung weltweit historische Kontinuität aufweist. In Deutschland ist die erste große Welle mit dem gesellschaftlichen Wandel der 1960er Jahre verbunden. Sie machte den Versuch, Jahrhunderte von Missbrauch, kolonialistischer Unterdrückung und entrissener kultureller Praktiken aufzuarbeiten. So verschwanden damals einige Kinderbücher stillschweigend aus den Verlagsprogrammen - wie beispielsweise der von Paul von Lettow-Vorbeck 1920 verfasste Klassiker „Heia Safari“, der von der NSDAP in die Grundliste für Schulbibliotheken aufgenommen wurde und die Niederschlagung des Herrero-Aufstandes beschreibt. „Was nicht abgelöst wurde, wurde korrigiert", heißt es in einem Aufsatz von Corinna Bochmann und Walter Staufer, Referent_inen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien[4].

In den USA brachte die Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre den Wunsch  nach multiethnischen Kinderbüchern mit sich. "Hauptimpuls war es, Werke zu veröffentlichen, in denen Schwarze Charaktere im Kontrast zur weißen Welt der Kinderbücher auftreten und weniger das Eliminieren alter Bücher oder Begriffe", sagte Claudia Mills von der Childrens Literature Association in den  USA der Heinrich Böll Stiftung. Die Debatte um die Aufarbeitung und Wertevermittlung in der Kinderliteratur scheint dort im Vergleich zu Deutschland weiterentwickelt: "Aber noch immer haben in Amerika Menschen Rassismus verinnerlicht und deshalb können auch wir nicht damit prahlen, dass es sich dabei um etwas Vergangenes handelt", sagt Mills.

Für Nathan Hamelberg von der schwedischen Organisation "Betweenship" gleicht die Debatte in Schweden einer Kinderkrankheit, die, wenn sie früher ausgebrochen wäre, mildere Symptome gezeigt hätte: "Schweden versteht sich selbst als eine anti-rassistische Gesellschaft, die sich aber im Gegensatz zu den USA oder England oder Frankreich nicht genügend mit der eigenen Sklaven- und Kolonialgeschichte auseinandergesetzt hat." Für die Autor_innen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat vielleicht auch deshalb die aktuelle Debatte im Vergleich zu den 60er und 70er Jahren einen neuen Ursprung: "Sie nimmt eine globale Bewegung gegen Rassismus und Diskriminierung auf, die ihre Grundrechte einfordert", schreiben Bochmann und Staufer. Und während die breite gesellschaftliche Öffentlichkeit ihre moralische Diskussion nachhole, beeilten sich die Verlage nicht von der neuen Rassismusdiskussion erfasst zu werden und setzten auf die sich verändernde Zielgruppe. Es ist eine, deren Stimme sich verändert hat und die von den Medien mehr und mehr gehört wird.

 

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