Wanted: Schwarze Held_innen in deutschen Kinderbüchern

Grafik von Anneke GerloffGrafik von Anneke Gerloff. All rights reserved.

 

Ich habe Jim Knopf geliebt als Kind. Der Junge, der aussah wie ich und der der Held der Geschichte war. Ich erinnere mich daran, in (gefühlt) stundenlange Tagträume versunken gewesen zu sein, in denen ich Seite an Seite mit Jim gegen die Wilde 13 kämpfte. Er war mein Bruder, den ich mir immer gewünscht hatte. Dass Jim in einem Postpaket geschickt wurde, fand ich allerdings immer eine ziemlich gruselige Vorstellung. Über das blöde N-Wort [1]am Anfang des Buches, als Frau Waas aufschreit, weil es ein N-Baby ist, habe ich immer ganz schnell hinweggelesen. Dieses Wort, welches mich im wahren Leben oft verfolgte und mich immer dann kalt erwischte, wenn ich am wenigsten damit rechnete, sollte mir nicht auch noch in meine Tagträume folgen. Daher habe ich es übermalt. An der Stelle, wo das Wort einst stand, ist seitdem ein großer roter Fleck.

 

Auch Pippi Langstrumpf habe ich in wenigen Tagen gelesen und mich auf jeden neuen Band gestürzt. Sie war unkonventionell und machte sich keinen Kopf darüber, was andere Leute von ihr dachten, und vor allem war sie unendlich stark und konnte allen, die ihr blöd kamen, einfach einen Kinnhaken versetzen. Ich selbst war eher ein konfliktscheues Kind, steckte Schläge in die Magengrube ein, statt sie zu verteilen. Pippi war mein Vorbild. Aber je öfter ich die Bücher las, desto mehr Zweifel bekam ich und desto mehr Fragen wuchsen in meinem Kopf. Warum kann Pippis Vater einfach in ein Land in der Südsee fahren und dort König werden, ohne dass das die Menschen dort stört? Warum denken die Schwarzen[2] Kinder in Taka-Tuka-Land, dass Pippis weiße Haut “viel feiner sei als schwarze”[3] und waren deshalb voller Ehrfurcht?

Irgendwann wollte ich die Bücher nicht mehr lesen. Sie erinnerten mich zu sehr an Situationen, die mir außerhalb meiner Traumwelt oft genug selbst passierten. Sie machten mir Magenschmerzen.

Die Kinderbuchdebatte am Anfang dieses Jahres hat mich, die ich inzwischen 33 Jahre alt und Mutter zweier Söhne bin, in die 80er Jahre, in meine Kindheit zurückversetzt. Die Welle der Empörung gegen die Änderung von Preußlers „Kleine Hexe“ hat mich schockiert. Die Argumentationen für diese Empörung noch mehr: Wie können wir denken, dass Kinder, die diese Bücher lesen, diese Rassismen nicht verinnerlichen und entweder Störungen in ihrem positiven Selbstbild davontragen oder diese Vorlagen als Legitimation nehmen, Kinder in der “echten” Welt zu diskriminieren?

Kinder sind beeinflussbare, empfindsame Wesen, die uns Erwachsene nachahmen und zu uns aufschauen. Kleine Kinder lernen, welche Normen und Werte in ihrer Umgebung gelten. Diese nehmen sie auf über das, was ihre Bezugspersonen sagen und machen, aber auch darüber, was sie in Filmen, Hörspielen und Büchern vermittelt bekommen.

 

Workshops mit Kindern und Jugendlichen

In meinem Beruf als Expertin für Vielfalt und Antidiskriminierung arbeite ich viel mit Kindern und Jugendlichen. Oft tue ich dies gemeinsam mit meiner Kollegin und Anti Bias Trainerin Annette Kübler. Ziel unserer Arbeit ist, sie in Ihrer Identität zu stärken, Vielfalt als etwas Wertvolles und Wunderbares wahrnehmen zu können, aber auch kritisch zu werden gegenüber Einseitigkeiten, Vorurteilen und Diskriminierung[4].

Bücher spielen dabei eine zentrale Rolle. Ein Großteil der existierenden Kinderbücher im deutschen Markt erzählen von einer Welt, die weiß, blauäugig und blond ist. Die Protagonist_innen heißen Leon, Conny oder Tim. Treten Schwarze Kinder oder Kinder mit Migrationshintergrund als Personen in einem Buch auf, dann oft stereotypisiert oder woanders verortet à la “Tembu kommt aus Afrika”. Damit tragen diese Bücher einiges dazu bei, dass diese Kinder sich selbst als „exotisch“, abwesend oder schwach erleben. Schwarze Kinder haben – wie alle Kinder – eine große Sehnsucht in sich, handelnd, stark und mächtig zu sein. Sie suchen Identifikationsfiguren in Büchern und Medien wie im Leben.

In den Workshops stellen wir zuerst die vorhandene Vielfalt in den Mittelpunkt. Wir kreieren zum Beispiel ein großes Poster, auf das alle ihren Händeabdruck aufzeichnen und dann mit Hautfarbenstiften ihre persönliche Hand malen. Es fällt dabei auf, dass kein Kind die gleiche Hautfarbe hat. Danach machen wir Übungen zu den verschiedenen Stärken der Kinder und merken dann, wie gut sich viele verschiedene Stärken ergänzen, wenn man an einem gemeinsamen Projekt arbeitet. Auch zu Vornamen lassen sich tolle Übungen machen, bei denen man sogar die Eltern einbeziehen kann.

In einem zweiten Schritte schauen wir uns gemeinsam mit den Kindern vorhandene Bücher, aber auch Puppen, Lego- und Playmobilfiguren an. Die Kinder erkennen dann meistens sehr schnell von selbst, dass die Figuren in den Büchern, die Barbiepuppen etc. nicht so aussehen, wie sie als Gruppe. In weiteren Projekten malen wir mit den Kindern die Gesichter der Protagonist_innen an, gestalten die Puppen um (machen sie dicker, verändern die Hautfarbe, schneiden Mädchen die Haare kurz, ziehen ihnen Hosen an). Solche Konzepte sind natürlich nur dann nachhaltig, wenn sie ganzheitlich eingeführt werden und von den zuständigen Erzieher_innen und Lehrer_innen weitergeführt werden. Daher sind ein mehrtägiger Workshop und eine ausführliche Evaluation essentiell. Die meisten meiner Workshops finden in Institutionen statt (Kita, Schule, Hort). In diesen Workshops steht eine intensive Auseinandersetzung mit eigenen verinnerlichten Vorurteilen und Rassismen im Mittelpunkt. Eigene Diskriminierungserfahrungen werden beleuchtet, von der Subjekt- wie auch von der Objektperspektive aus.

Es gibt inzwischen einige sehr gute Literaturlisten von verschiedenen Institutionen zu empowernder Kinderliteratur. Diese Listen stelle ich den Workshopteilnehmenden vor und wir schauen, wie wir gemeinsam weitere bewusste Schritte unternehmen können. Ziel ist es, eine inklusive, wertschätzende und diskriminierungsfreie Umgebung für alle Kinder zu schaffen.

 

Workshops mit erwachsenen Bezugspersonen

Damit Kinder in einem vorurteilsbewussten Umfeld aufwachsen können, ist es natürlich - neben der direkten Arbeit mit ihnen - mindestens genauso wichtig, die Eltern, Erzieher_innen und Lehrer_innen einzubeziehen. Daher richtet sich ein Großteil meiner Angebote an die Erwachsenen, die mit den Kindern tagtäglich zu tun haben, sie stärken können, sie schützen und zu selbstbewussten Erwachsenen erziehen wollen.

In den Workshops für Eltern, Bezugspersonen und Multiplikator_innen Schwarzer Kinder nähern wir uns dem Thema daher in drei Schritten. Einmal beleuchten wir eigene Diskriminierungserfahrungen aus der Kindheit und die Gefühle, die das damals und heute hervorruft. Danach versuchen wir daraus eine Brücke zu bauen zu der historischen Entwicklung, der Wirkungsmacht und den Strukturen von Diskriminierung, vor allem von Rassismus. Ganz wichtig dabei ist, nicht nur die Rolle der “Opfer” von Rassismus zu verstehen, sondern vor allem die eigene Position, Rolle und die daraus erwachsene Verantwortung für sich und die Kinder zu begreifen.

In einem dritten Schritt wenden wir uns nun konkreten Handlungsoptionen zu, die wir im Alltag einsetzen können, um die Kinder zu stärken.

In dem Workshopteil, der sich “Empowerment-Support-Kit für Eltern, Bezugspersonen und Multiplikator_innen Schwarzer Kinder” nennt, spielt Literatur eine zentrale Rolle. Bücher, die Vorurteile und Rassismen nicht durch stereotype Bilder und einseitige Botschaften verstärken, sind essentiell für alle Kinder und besonders für Schwarze Kinder in einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Bei der Arbeit mit den Erzieher_innen und Lehrer_innen merke ich oft, wie stark traditionell rassistische Afrikabilder der deutschsprachigen Kinderliteratur unser kollektives Gedächtnis geprägt haben. Die Teilnehmenden sind dann oft selbst überrascht, wie einseitig ihr Bild von Schwarzen Menschen ist und wie stark dies mit der eigenen Kindheit und den damals vermittelten Bildern zusammenhängt.

Bücher müssen die ganze Vielfalt des Lebens deutlich sichtbar machen, denn dadurch, kann sich jedes Kind mit seiner bestimmten Art, seinem Aussehen, seinen Erfahrungen und seiner Familie in Büchern wiederfinden. Dadurch wird das positive Selbstwertgefühl der Kinder einerseits und ein achtsames Miteinander andererseits unterstützt. Ebenso können vorurteilsbewusste Kinderbücher den Horizont der Kinder erweitern, indem sie mehr über die vielfältigen Möglichkeiten von Lebensentwürfen erfahren. Bücher können Kindern Worte für ihre Gefühle und Gemütszustände geben. Und noch bei einer weiteren wichtigen Aufgabe kann Kinderliteratur unterstützen: Mut machen, sich gegen Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten zu wehren.

Unsere Kinder brauchen Bücher, in denen Schwarze Jungs und Mädchen starke, positive Protagonist_innen sind - nicht ausschließlich, aber eben auch. Bücher, in denen sie überhaupt vorkommen, als handelnde, starke Subjekte, verortet in der Mitte unserer Lebenswelt. Sie brauchen Bücher, in denen Vielfalt normal und bereichernd ist!

 

[1]          "Ursprünglich kommt das N-Wort aus dem Lateinischen als Bezeichnung für die Farbe Schwarz: niger. Am Ende des 18. Jh. war jedoch das N-Wort bereits ein abwertender Begriff mit verletzendem Charakter, der durchaus strategisch genutzt wurde, um das Gefühl von Verlust, Minderwertigkeit und die Unterwerfung unter weiße koloniale Herrschaft zu implementieren. Also wenn 'N.' gesagt wird, wird nicht nur über die (Haut-) Farbe 'Schwarz' gesprochen, sondern auch über: Animalität – Primitivität – Unwissenheit – Chaos – Faulheit – Schmutz. Diese Reihe von Entsprechungen charakterisiert Rassismus. Wir werden als die Verkörperung jeder dieser Bezeichnungen angesehen, keineswegs, weil sie in unseren Körper eingeschrieben sind oder wirklich und real wären, sondern vielmehr, weil Rassismus diskursiv ist. Rassismus ist nicht biologisch, er funktioniert durch Diskurse, durch Worte und durch eine Reihe von Entsprechungen, welche Identitäten aufrechterhalten." Grada Kilomba. Bundeszentrale für politische Bildung 3.6.2009. http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/afrikanische-diaspora/59448/das-n-wort   

[2]          Schwarz schreibe ich in diesem Artikel groß, um zu verdeutlichen, dass es sich um eine politisch gewählte Selbstbezeichnung handelt.

[3]          aus: Pippi Langstrumpf Band 3. Pippi in Taka-Tuka-Land. Astrid Lindgren

[4]          Zielsetzungen der vorurteilsbewussten Erziehung und Bildung www.kinderwelten.net

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