Roma aus (Süd-)Osteuropa als Betroffene von Frauenhandel

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Eine Untersuchung der Vulnerabilitätsfaktoren

Nach der zweiten EU-Osterweiterung 2007 stieg in Deutschland die Zahl der von Menschenhandel betroffenen Frauen aus Rumänien oder Bulgarien signifikant an. Ein großer Teil von ihnen gehört der Bevölkerungsgruppe der Roma an. Welche Mechanismen führen dazu, dass diese Gruppe offenbar so viel vulnerabler gegenüber dem Menschenhandel ist als andere?

Noch immer sind Roma die wahrscheinlich marginalisierteste Bevölkerungsgruppe Europas, und Beobachter_innen sprechen mit Sorge von einem sich in den letzten Jahren deutlich verschärfenden Antiziganismus (Antiziganismus Watchblog, 2012). Dieser Rassismus gegen Roma wird sichtbar an degradierender Medienberichterstattung, offener Diskriminierung am Arbeits- und Wohnungsmarkt oder durch Polizei und Behörden, einem Anstieg von Gewaltakten und „hate crimes“ gegen Roma und nicht zuletzt an (nicht rechtskonformen) Massenabschiebungen, wie 2010 in Frankreich mit rund 8.000 Roma. Im Zuge dieser Abschiebung bezeichnete der damalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy die Lager der Roma unter anderem als Quelle von Drogenschmuggel, Ausbeutung von Kindern und Prostitution (Süddeutsche Zeitung, 2010).

Während oft auf Roma als Täter_innen bzw. auf die Involviertheit von Romafamilien in (organisierte) Kriminalität verwiesen wird, findet die besondere Vulnerabilität von Roma gegenüber dem Menschenhandel und ihre häufige Viktimisierung seltener Erwähnung. Diese Praxis besteht sowohl aufseiten osteuropäischer Regierungen (vgl. ERRC 2011a, S. 26) als auch der Medien in Westeuropa, die mitunter pauschal von „Roma-Zuhältern“ sprechen, wenn sie über Prozesse gegen Menschenhändler_innen berichten (Amnesty International 2011). Den von Ausländerfeindlichkeit geprägten politischen Diskursen kommt eine solche Herkunft der Täter_innen sehr gelegen.

Allzu oft findet in der Öffentlichkeit eine solche diskursive Vermischung bzw. Verknüpfung der Themen Prostitution und Menschenhandel, Migration und Menschenhandel und Roma und Menschenhandel statt, die zu verurteilen ist. Das Thema Menschenhandel wird teilweise zum Anlass genommen, die Migration von Roma generell unter diesem Stichwort zu diskreditieren und zu bekämpfen. Festzuhalten ist jedoch, dass die Migration von Roma in der Regel freiwillig auf der Suche nach einem besseren Leben geschieht und ihre Wurzeln in strukturellen Benachteiligungen und Armut hat (ERRC 2011a, S. 9f.).

Migration ist somit als legitime Strategie der betreffenden Akteur_innen zu sehen, die nach der Verwirklichung bestimmter (Migrations-) Ziele streben. Auch soll selbstbestimmte Sexarbeit als legitime Form der Erwerbstätigkeit verstanden werden, die zudem den weitaus überwiegenden Teil der Angebote im Sexgewerbe ausmacht.

Nicht nur die diskreditierende Auffassung (irregulärer) Migration als "Kriminalität", sondern auch pauschal-entmündigende Zuschreibungen eines passiven Opferstatus verstellen den Blick darauf, dass es sich bei den betreffenden Personen zuallererst um handelnde Subjekte (nicht Objekte) und Rechteinhaber_innen handelt.

Menschenhandel von Ost- und Südosteuropa nach Deutschland

Die deutsche Polizei ermittelte im Jahr 2013 542 Opfer des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, von ihnen 96 Prozent weiblich. Bulgarien war mit 26 Prozent das häufigste Herkunftsland der gehandelten Personen, gefolgt von Rumänien mit 23 Prozent der offiziell registrierten Betroffenen (BKA 2013, S. 5).

In den letzten zehn Jahren zeigten die jährlichen "Bundeslagebilder Menschenhandel" des deutschen BKA starke Verschiebungen hinsichtlich der Herkunftsländer: Der Anteil an rumänischen und bulgarischen Betroffenen hat deutlich zugenommen. Während diese beiden Nationalitäten in den Jahren 2005 und 2006 zusammen weniger als ein Drittel aller polizeilich erfassten Opfer ausmachten, waren es in den Jahren 2008 bis 2011 bereits rund 40 Prozent. Mittlerweile stammt fast die Hälfte der registrierten Betroffenen von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung aus diesen beiden Ländern. 

Im Vergleich dazu wurden im Jahr 2013 61 Opfer des Menschenhandels zur Arbeitsausbeutung identifiziert (BKA 2013, S. 7). Hier liegt die Dunkelziffer vermutlich noch um einiges höher, dennoch kann festgehalten werden, dass Menschenhandel in Deutschland (zumindest den offiziellen Zahlen zufolge) in überwiegendem Maße Frauen betrifft, insbesondere Frauen aus (Süd-) Osteuropa, und vor allem zum Zweck der sexuellen Ausbeutung.

Da, abseits der Nationalität, die ethnische Zugehörigkeit durch die Behörden nicht erfasst wird, gibt es keinerlei offizielle Zahlen dazu, wie viele der in Deutschland vom Menschenhandel Betroffenen der Bevölkerungsgruppe der Roma angehören. Fachberatungsstellen nehmen jedoch wahr, dass ihr Anteil in den letzten Jahren deutlich angestiegen ist und dass ein großer Teil der betroffenen Frauen, die aus Rumänien und Bulgarien stammen, tatsächlich Roma sind (persönliche Kommunikation mit einer Fachberatungsstelle, 2012).

Die Roma sind Europas größte Minderheit, und dennoch die verletzlichste – rund 12 Millionen Roma leben offiziellen Schätzungen nach in Europa, davon rund die Hälfte in der europäischen Union (Cahn/Guild 2008, S. 88). Obwohl den Roma oft ein nomadischer Lebensstil zugeschrieben wird, sind in der Realität 95 Prozent sesshaft (ERRC 2011a, S. 9).

Nach Jahrhunderten der Verfolgung und erzwungenen Assimilation stellt sich ihre Situation aber bis heute alles andere als rosig dar. Der Journalist Keno Verseck charakterisiert die Situation der Roma in Osteuropa als "vergessenen Bürgerkrieg" (Verseck 2011). Diese Metapher ist insofern irreführend, als der Begriff üblicherweise mit wechselseitiger Aggression und Dominanzbestrebungen beider Parteien assoziiert wird. Die Roma in Osteuropa hingegen befinden sich fast immer in einer rein defensiven Position. Die Wortwahl des Journalisten rüttelt jedoch auf und soll auf das schiere Ausmaß an Gewalt aufmerksam machen, das den Roma entgegengebracht, in den westlichen EU-Ländern aber weitestgehend ignoriert wird bzw. einfach unbekannt bleibt:

"Es gibt Aufmärsche gegen sie, selbsternannte Ordnungshüter schikanieren und bedrohen sie; um die Viertel, in denen sie wohnen, werden Mauern errichtet; ihre Häuser werden angezündet; sie werden von ihren Wohnorten vertrieben, manchmal brutal ermordet. Geführt wird dieser Krieg mal von paramilitärisch organisierten Rechtsextremisten oder von Rechtsterroristen, mal von Hooligans oder einfach von aufgebrachten, ansonsten jedoch unbescholtenen Bürgern. Die Behörden schauen fast überall lange zu, am Ende verhindern Ordnungskräfte nur das Schlimmste. Oder auch nicht." (Verseck 2011)

Während in vielen osteuropäischen Ländern rund 7 bis 10 Prozent der Bevölkerung Roma sind, machen sie Schätzungen zufolge mitunter 50 bis 80 Prozent der Betroffenen des Menschenhandels aus – abhängig von dessen Zweck (etwa Prostitution, Arbeitsausbeutung oder organisiertes Betteln) und der jeweiligen Region (ERRC 2011a, S. 11). Zuverlässige Zahlen gibt es jedoch nicht, da die Ethnizität der (registrierten) Opfer auch in Osteuropa von offizieller Seite nicht erfasst wird (ERRC 2011a, S. 31ff.).

Das European Roma Rights Centre, eine NGO, die die Interessen der Roma in Europa vertritt und Forschungs-, Aufklärungs- und politische Arbeit leistet, stützt sich daher größtenteils auf eigene Untersuchungen und das wenige bereits vorhandene Datenmaterial. Für seinen 2011 erschienenen Bericht "Breaking the Silence – Trafficking in Romani Communities" führte das ERRC Feldforschungen in Tschechien, Bulgarien, Ungarn, Rumänien und der Slowakei durch. Interviewt wurden neben 227 Expert_innen aus verschiedenen Bereichen (zum Beispiel Polizeibeamt_innen, Sozialarbeiter_innen, NGO-Mitarbeiter_innen, Behördenvertreter_innen) auch 37 selbst von Menschenhandel betroffene Roma und 26 weitere Informant_innen, etwa Sexarbeiter_innen, Angehörige bzw. Bekannte von gehandelten Personen oder Händler_innen (ERRC 2011a, S. 15f.). Der Bericht des ERRC ist eine der wenigen vorliegenden Studien zu diesem Thema, und ihm ist insofern besonderes Gewicht beizumessen, da anzunehmen ist, dass er keinen diskriminierenden oder verzerrten Blick "von außen" auf die Roma wirft.

Bis Anfang der 2000er-Jahre haben Roma-NGOs das Thema "Menschenhandel" kaum offen angesprochen bzw. diese Problematik nicht eingeräumt, aus Furcht, bestehende Vorbehalte zu verstärken und um keine Zielscheibe für zusätzliche Anfeindungen zu bieten (OSCE 2002). Seit 2002 hat sich diese Praxis jedoch stark gewandelt, wofür der Bericht des ERRC ein gutes Beispiel ist.

Geschichte und aktuelle Situation von Roma in Europa

Die historische Herkunft der europäischen Roma ist bis heute umstritten; Sprachanalysen stützten die Annahme, dass sie ursprünglich aus dem nordindischen bzw. persischen Raum emigrierten. Historisch belegt ist ihre Ankunft in Südeuropa Anfang des 14. Jahrhunderts, von wo aus sie in den folgenden 200 Jahren auch weiter nördlich bis nach Großbritannien, Russland und Skandinavien zogen. Den anfänglichen nomadischen Lebensstil gaben viele Gruppen unter der osmanischen Herrschaft in Südosteuropa, dem Kaiserreich Österreich-Ungarn oder schließlich während des Kommunismus im 20. Jahrhundert auf. 

Forscher_innen sprechen von einem "Kaleidoskop" oder einem "Mosaik" von Roma-Gruppen in Europa (Ringold et al. 2005, S. 10), die sich durch große Diversität auszeichnen. Traditionellerweise definieren sich die Roma als distinkt, als unterschiedlich von den Gadje, den Nicht-Roma. Dies hilft zu verstehen, wieso viele Gruppierungen sich über die Jahrhunderte, trotz oftmaligem Druck zur Assimilation, eine eigenständige Identität bewahrt haben (Ringold et al. 2005, S. 11). Die Geschichte der Roma in Europa ist über Jahrhunderte geprägt von Verfolgung und erzwungener Assimilation. Bereits in der frühen Neuzeit wurden in Europa drakonische Anti-Roma-Gesetze erlassen. Im österreichischen Kaiserreich unter Maria Theresia gab es intensive Bestrebungen, nomadische Lebensstile zu unterbinden und Roma sesshaft zu machen. Das NS-Regime markierte den dunkelsten Abschnitt ihrer bisherigen Geschichte: Im Dritten Reich wurden rund eine halbe Million europäische Roma in Konzentrationslagern ermordet (Ringold et al. 2005, S. 6f.).

Die kommunistischen Regierungen Osteuropas waren in unterschiedlichem Ausmaß bestrebt, ethnische Differenzen zu nivellieren. Es wurde eine Politik der sozioökonomischen Integration betrieben, Arbeitsplätze und Wohnmöglichkeiten für Roma geschaffen. Diese Maßnahmen waren jedoch oft kulturell repressiv, insbesondere in der Tschechoslowakei und Bulgarien, wo ethnische Differenzen überhaupt ausradiert werden sollten und (erneut) intensive Kampagnen gegen den nomadischen Lebensstil stattfanden.

Die sozialistischen Versuche, Roma in den Mainstream von Wirtschaft und Gesellschaft einzugliedern, waren ein zweischneidiges Schwert. Einerseits stieg ihre Bildungsbeteiligung stark an und die Analphabetismusrate ging signifikant zurück. Andererseits begann bereits damals die Praxis, Roma in speziellen Klassen oder Schulen für "schwierige“ oder „behinderte" Kinder zu konzentrieren, was fatale Folgen für die gesellschaftliche Teilhabe hatte.

Ringold et al. (2005) halten fest, dass die sozialistischen Programme die Situation der Roma insgesamt durchaus positiv beeinflussten, indem sie den Zugang zu Bildung, Arbeit und Wohnraum verbesserten. Gleichzeitig schufen die repressiven Assimilierungsbestrebungen (begründetes) Misstrauen der Roma gegenüber dem Staat. Sie waren von politischer Partizipation oder gar Selbstverwaltung ausgeschlossen, und die kommunistischen Regierungen schufen mit ihrer paternalistischen Versorgungsmentalität ein Verhältnis der Abhängigkeit. Nach der Wende gingen die Arbeitsplätze und die staatliche Unterstützung zu einem großen Teil verloren, und die zunehmende Armut hat etliche Roma, ebenso wie viele andere, mit einem Gefühl der Entfremdung zurückgelassen (Ringold et al. 2005, S. 8). Gleichzeitig haben sie mit zunehmenden Feindseligkeiten der Mehrheitsbevölkerung zu kämpfen, die ihnen vorwirft, dem Staat mit dem Bezug von Beihilfen bloß „auf der Tasche zu liegen“ (Husova 2011, Ringold et al. 2005 S. 86).

Welche Faktoren machen vulnerabel gegenüber Menschenhändler_innen?

Das European Roma Rights Centre (ERRC) identifiziert in seinem Bericht "Breaking the Silence. Trafficking in Romani Communities" eine Reihe von Vulnerabilitätsfaktoren, die das Risiko erhöhen, Betroffene_r von Menschenhandel zu werden (ERRC 2011a, S. 41):

  • Leben in einer von Armut und sozialer Exklusion geprägten Situation
  • Niedrige Bildung und Analphabetismus
  • Aufwachsen in staatlicher Obhut
  • Verschuldung bei Wucher_innen
  • Mit problematischem Substanzkonsum und/oder Gewalt belastetes familiäres Umfeld
  • Diskriminierung in Bezug auf Geschlecht und Ethnizität
  • Vorherige Tätigkeit im Bereich der Sexarbeit
  • Kinder sind in erhöhtem Maße gefährdet

Ethnische Diskriminierung, ein oben separat angeführter Punkt, ist für Roma jedoch nicht nur in allen Lebensbereichen spürbar und gegenwärtig, sondern durchdringt, verstärkt oder löst die anderen genannten Faktoren überhaupt erst aus. So hat der faktische Ausschluss von Roma-Kindern aus dem regulären Schulsystem seine Wurzeln ebenso in ethnischer Diskriminierung wie die drückende Armut und Arbeitslosigkeit, Schikanen durch die Polizei und letztlich die Abhängigkeit von Kreditwucher_innen. Ethnische Diskriminierung kann daher nicht losgelöst betrachtet werden, sondern wird im Folgenden im Kontext der einzelnen Themenbereiche behandelt und jeweils auf ihre spezifischen Folgen hin untersucht.

Das ERRC hält klar fest, dass es keinen speziellen "Roma-Vulnerabilitätsfaktor" gibt, der zu der besonderen Betroffenheit dieser Gruppe von Menschenhandel führt, insbesondere handelt es sich dabei nicht um eine "kulturelle Eigenheit" der Roma (ERRC 2011a, S. 12). Die genannten Faktoren sind ebenso bei anderen Betroffenen, die nicht Roma sind, zu beobachten. Strukturelle Formen ethnischer und geschlechterbezogener Diskriminierung führen jedoch zu einem dichten Geflecht sozialer Benachteiligung von Roma, insbesondere Armut, Arbeitslosigkeit und fehlender Bildung, aber auch struktureller Gewalt gegen Frauen, aus dem die Individuen kaum entkommen können.

Frauen, die ethnischen Minderheiten angehören, sind dabei in der Regel von multiplen Diskriminierungen betroffen. Man spricht von Intersektionalität: Diskriminierungen in Bezug auf Ethnizität, Geschlecht, soziale Klasse, sexuelle Orientierung etc. treten nicht isoliert auf, sondern überschneiden und beeinflussen sich meist gegenseitig (Women's Caucus 2000). Die staatlichen Akteur_innen und Institutionen in Osteuropa versäumen es, die Rechte von Frauen aus Minderheiten (insbesondere Roma) sicherzustellen und sie adäquat vor häuslicher oder sexueller Gewalt und nachteiligen (traditionellen) Praktiken, zum Beispiel sehr früher Eheschließung, zu schützen (ebd.).

Während der vom ERRC genannte Punkt "Diskriminierung in Bezug auf Geschlecht und Ethnizität" somit von den anderen Faktoren kaum zu entflechten ist, ist der Liste noch ein weiterer wichtiger Aspekt  hinzuzufügen. Aus der Makroperspektive betrachtet lässt sich festhalten, dass Länder mit Menschenhandelsproblemen in aller Regel auch ein gewaltiges Korruptionsproblem haben. Dabei kann ein kausaler Zusammenhang angenommen werden. Die (Haupt-) Herkunftsländer der in Deutschland registrierten Opfer, Rumänien und Bulgarien, sind in besonderem Maße von Korruption betroffen. Im "Corruption Perception Index 2013" von Transparency International schneiden Rumänien und Bulgarien, wie schon in den vergangenen Jahren, sehr schlecht ab. Innerhalb der EU wird nur Griechenland als noch korrupter wahrgenommen. Rumänien erreichte Platz 69, Bulgarien Platz 77 von 177 – knapp vor Griechenland, das sich Rang 80 ex aequo mit China teilt (Transparency International 2013). Es lässt sich zeigen, dass insbesondere Roma und Frauen (aufgrund von Armut und Diskriminierung) überproportional unter Korruption leiden und dass dies den Kampf gegen den Menschenhandel erschwert. In diesem Zusammenhang ist auch auf die rassistische Behandlung von Roma durch Polizei und Justiz zu verweisen, die nicht immer „Korruption“ im klassischen Sinne (zum Beispiel zum Zweck finanzieller Vorteilsnahme), aber eindeutig eine Form von Amtsmissbrauch darstellt.

Auf folgende Vulnerabilitätsfaktoren soll nun näher eingegangen werden:

  • Armut und soziale Exklusion
  • Fehlende Bildung und Analphabetismus
  • Von Gewalt bzw. problematischem Substanzkonsum geprägtes familiäres Umfeld
  • Staatliche Korruption und Diskriminierung durch Sicherheitsbehörden und Justiz

Unter besonderem Verweis auf die Rolle, die ethnische Diskriminierungen bzw. Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts in diesem Kontext jeweils spielen.

Armut und soziale Exklusion

Ökonomischer und sozialer Abstieg nach dem Fall des Eisernen Vorhangs

Der Fall der UdSSR brachte neben beträchtlichen politischen auch gravierende wirtschaftliche Umwälzungen, deren Auswirkungen in den Ökonomien der Nachfolgestaaten bis heute präsent sind. Donna M. Hughes beschäftigte sich mit dem Phänomen Frauenhandel in Russland und dessen Verbindung zur wirtschaftlichen Situation des Landes, die sich nach dem Ende der Sowjetunion abrupt verschlechterte. Die Arbeitslosenzahlen stiegen stark an, und oft waren es zuerst die Frauen, die ihre Jobs verloren. Zwar wurde in der Sowjetunion offiziell die Gleichheit von Mann und Frau propagiert, praktisch war der Arbeitsmarkt dennoch segregiert: Es gab Berufe, in denen in überdurchschnittlichem Ausmaß Frauen beschäftigt waren, welche jedoch ein vergleichsweise niedrigeres Einkommen erzielten. Geschätzte 80 Prozent der Frauen arbeiteten in solchen typischerweise schlechter bezahlten "Frauenberufen", etwa im Handel, im Bildungssektor oder der Textilindustrie (Hughes 2005).

Auch innerhalb der Betriebe waren Frauen in der Regel auf den niedrigeren und schlechter bezahlten Positionen der Hierarchiekette zu finden (ebd.), die in Krisenzeiten eher von Kündigungen bedroht sind. Nach dem Ende der Sowjetunion gingen Zusatzleistungen der Arbeitgeber_innen verloren, in erster Linie betriebliche Kinderbetreuungseinrichtungen, was dem Ausschluss von Frauen aus dem Arbeitsmarkt ebenfalls Vorschub leistete (ebd.). Folglich waren sie in Zeiten wirtschaftlichen Abschwungs in stärkerem Ausmaß von Kündigungen, Arbeitslosigkeit und daraus resultierender Armut bedroht.

Von den wirtschaftlichen Umbrüchen besonders betroffen waren auch marginalisierte gesellschaftliche Gruppen wie die Roma. Obwohl sie auch im historischen Rückblick immer zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen in Europa zählten, so ist der Kollaps ihrer Lebensumstände seit 1989 beispiellos (Ringold et al. 2005, xiii).

Aufgrund ihrer vergleichsweise niedrigen Bildung und Qualifikation waren Roma oft in Staatsbetrieben bzw. der Landwirtschaft beschäftigt. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der sozialistischen Regierungen waren sie daher auch in besonderem Maße von Arbeitslosigkeit und wirtschaftlich-sozialem Abstieg betroffen. Roma waren oft die ersten, die aus den (vormals) staatlichen Industriefabriken, Minen und landwirtschaftlichen Kooperativen entlassen wurden. Aufgrund ihrer meist eher niedrigen Qualifikationen hatten und haben sie es schwer, in den neuen Marktökonomien Arbeitsplätze zu finden und sind oft auf (ohnehin niedrige) staatliche Beihilfen oder unsichere Arbeit im informellen Sektor angewiesen, die sie einem höheren Risiko der Ausbeutung aussetzt. 

Die Roma waren historisch gesehen ohne Landbesitz und haben somit auch von der Restitution von Boden und dessen Privatisierung nicht profitiert. Schrumpfende fiskalische Ressourcen während der Übergangsphase bedeuteten auch weniger Geld für Investitionen in den Erhalt der öffentlichen Wohnbauten, in denen Roma leb(t)en (Ringold et al. 2005, S. 9).

Die politische Transformation ist zudem mit zunehmender offener Diskriminierung und Gewalt gegenüber Minderheiten einhergegangen.  Die politische Liberalisierung hat die Bühne auch für (rechts-) extreme Parteien geöffnet und Wege für öffentliche Hassbekundungen gegen Roma geebnet (Ringold et al. 2005, S. 10).

Intersektionalität – Roma-Frauen als wirtschaftlich doppelt negativ Betroffene

Mitunter wird es in Roma-Familien als selbstverständlich angesehen, dass die Mädchen und Frauen neben Haushaltstätigkeiten auch für die materielle Versorgung der Familie verantwortlich sind. Besonders problematisch für Frauen ist es, einerseits als "Ernährerinnen" für die finanzielle Versorgung der Familie verantwortlich zu sein bzw. gemacht zu werden, während die Verfügungsgewalt über die erwirtschafteten Ressourcen jedoch (weiterhin) beim männlichen "Haushaltsvorstand" liegt. Jones konstatierte Ende der 90er Jahre für Bosnien-Herzegowina einen "breakdown in the structure of Roma society, and a shift in gender relations", bedingt durch die hohe Arbeitslosigkeit der Männer, die immer häufiger Frauen zu den "breadwinners" der Familie machte: "Roma men have difficulty coming to terms with the change in relationships. In male-headed households, even while women are increasingly the main providers of income, it is still the men who have control over the economic resources. Respondents felt that, by placing the burden of economic provision on women without giving up control of the resulting resources, men are trying to maintain their power; in this light it appears that the status of women has decreased in Roma society, rather than increased." (Jones 1998, S. 69)

Verschuldung bei Wucher_innen

Armut, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung führen dazu, dass viele Roma keinen Zugang zu regulären Bankkrediten haben und auf informelle Geldverleiher_innen angewiesen sind. Diese verlangen meist exorbitante Zinsen, nutzen fehlende mathematische Kenntnisse ihrer Kreditnehmer_innen aus und schrecken nicht vor repressiven Maßnahmen zurück, um die Rückzahlung sicherzustellen (ERRC 2011a, S. 53). Die Betroffenen geraten in eine Abhängigkeitssituation, was wiederum ihr Risiko erhöht, Betroffene von Menschenhandel zu werden. Das ERRC berichtet von Roma, die ihre Schulden nicht zurückzahlen konnten und in Folge von den Kredithaien verkauft oder gezwungen wurden, ihre Schulden mit sexuellen Dienstleistungen "abzuarbeiten" (ERRC 2011a, S. 53).

In einem Interview mit der Zeitung "Der Spiegel" berichtet ein Vater: "Weil wir Schulden hatten, wurde meine Tochter von unseren Gläubigern in Mazedonien mehrfach belästigt. Sie war damals 16 und darum in einem gefährlichen Alter. In mazedonischen Roma-Familien kommt es vor, dass Gläubiger die Kinder der Schuldner zur Prostitution zwingen. Darum sind wir nach Deutschland geflohen." (Der Spiegel 2011)

Niedrige Bildung und Analphabetismus

Niedrige Bildung resultiert in schlechteren Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt und erhöht das Risiko, in informelle Beschäftigung und Situationen der Ausbeutung (wie Menschenhandel) zu geraten.

Systematische Diskriminierung im Bildungsbereich führt dazu, dass Roma in Osteuropa eine im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung deutlich schlechtere Schulbildung erhalten und meist nur niedrige oder gar keine Abschlüsse erzielen. Das European Roma Rights Centre hat 2005 den Bericht "Stigmata: Segregated Schooling of Roma in Central and Eastern Europe" (2005) über das segregierte Bildungswesen in fünf osteuropäischen Ländern (Rumänien, Bulgarien, Tschechische Republik, Slowakei und Ungarn) veröffentlicht, der zu erschreckenden Ergebnissen kommt.

Zahlen des rumänischen Bildungsministeriums illustrieren, wie der Anteil der Roma mit fortschreitenden Schuljahren immer weiter abnimmt: Im Vorschulbereich stellen sie 3 Prozent aller Schüler_innen, in der ersten bis vierten Klasse rund 8 Prozent, in der fünften bis achten Klasse rund 5 Prozent und in den Klassen neun bis dreizehn sind nur noch 1 Prozent der Schüler_innen Roma (ERRC 2005, S. 28). Anzumerken ist dabei, dass solche Zahlen in der Regel auf der Selbst-Identifikation als Rom_ni basieren. Da viele aus Furcht nicht gewillt sind, sich als Roma zu deklarieren, sind solche Daten jedoch wenig zuverlässig.

Einer Studie der Weltbank zufolge liegt der Anteil von bulgarischen Roma über 15 Jahren ohne jeglichen Schulabschluss bei 13,3 Prozent, 76,4 Prozent haben nur die Primarstufe abgeschlossen, 10 Prozent die Sekundarstufe und 0,2 Prozent verfügen über eine universitäre oder andere postsekundäre Ausbildung. Unter den ethnischen Bulgar_innen liegen die Zahlen im Vergleich dazu wie folgt: 6,4 Prozent ohne Abschluss, 28,1 Prozent mit abgeschlossener Primarstufe, 45,4 Prozent mit Sekundärbildung und 20,1 Prozent mit universitärer oder anderer postsekundärer Bildung (ERRC 2005, S. 10).

Mädchen sind noch einmal besonders betroffen, frühe Heirat (teilweise schon im Alter von 13 oder 14 Jahren) und Schwangerschaften führen zu sporadischem Schulbesuch oder Schulaustritt. Von Mädchen wird eher als von Jungen erwartet, Versorgungstätigkeiten für die Familie (Hausarbeit oder finanzielle Unterstützung zum Beispiel durch Betteln) wahrzunehmen, wodurch sie in Bezug auf den Schulbesuch gegenüber den Jungen benachteiligt sind (Refugee Women’s Resource Project 2002, S. 38).

Teilweise möchten die Eltern auch verhindern, dass ihre Töchter in der Schule "böse Dinge" lernen (etwa über Sexualität, die oft tabuisiert ist) oder dort mit "bösen Jungs" in Kontakt kommen (Xhemajli 2000).

Vom European Roman Rights Centre (ERRC) durchgeführte Interviews in Bulgarien ergaben, dass insbesondere Roma-Frauen meist nicht einmal die Elementarstufe abgeschlossen haben und oft funktionale Analphabetinnen sind (ERRC 2011a, S. 49).

Der Hauptfaktor für die eklatanten Bildungsunterschiede zwischen Roma und Mehrheitsbevölkerung in Osteuropa sind die hochgradig segregierten, diskriminierenden Bildungssysteme.

Systematisch werden Roma in ethnisch homogene Schulen mit niedrigerer Qualität oder in Sonderschulen gedrängt und somit von einer regulären Ausbildung und sozialer Teilhabe ausgeschlossen. Eltern üben Druck auf Schulen aus, ihre Kinder von Roma fernzuhalten und diese in separaten Klassen zu unterrichten (ERRC 2005, S. 12). Die physische Separierung geht mitunter so weit, dass die Roma-Schüler_innen in anderen Gebäuden des Schulkomplexes unterrichtet werden, in der Kantine nur einen bestimmten Bereich nutzen dürfen und sogar ihr eigenes Geschirr und Besteck verwenden (ERRC 2005, S. 54). Angesichts solcher Zustände sehen sich Kritiker_innen dazu veranlasst, von einem System der "Apartheid" gegen Roma in Osteuropa zu sprechen (vgl. Uken 2004).

In Ungarn werden Roma-Eltern teilweise dazu gedrängt, ihre Kinder als so genannte „private Schüler_innen“ zu registrieren, die nur noch eine lose Verbindung zur Schule unterhalten und sich den Stoff zu Hause „privat“ aneignen sollen (ERRC 2005, S. 80f.).

Offizielle, umfassende und verlässliche Zahlen zur Bildungsbeteiligung von Roma existieren in den fünf vom ERRC untersuchten Ländern eigentlich nicht, da hierzu (wie zu vielen anderen Themenbereichen) die Daten nicht systematisch zusammen mit ethnischer Zugehörigkeit erhoben werden. Wo sie vorhanden sind, basieren sie meist auf Selbst-Identifikation und unterschätzen die Zahl der Roma (ERRC 2005, S. 21).

Diese Praxis, die mit nationalen Datenschutzrichtlinien begründet wird, betrachten Organisationen wie das ERRC oder die UN als Hindernis, da ohne zuverlässige Zahlen auch keine entsprechenden, effektiven Policy-Maßnahmen zugunsten von Roma in die Wege geleitet werden können (ERRC 2011a, S. 32).

Laut dem bulgarischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft betrug der Anteil von Roma an der Gesamtschüler_innenzahl im Schuljahr 2000-2001 rund 10,5 Prozent, oder 106.200 Personen. Davon besuchten geschätzte 70 Prozent eine Schule, in der ausschließlich Roma unterrichtet wurden und die das ERRC folglich als „Ghetto-Schulen“ bezeichnet (ERRC 2005, S. 10). Diese folgen zwar offiziell dem üblichen Lehrplan, die materielle Ausstattung und Qualität der Ausbildung sind aber in Wirklichkeit signifikant schlechter als in Schulen, in denen überwiegend Kinder der Mehrheitsbevölkerung unterrichtet werden. Diese „Ghetto-Schulen“ haben seit ihrer Einrichtung in den 1950er Jahren massive Bildungsungleichheiten zwischen Generationen von Roma und dem Rest der Gesellschaft produziert und sie somit in die soziale Exklusion gedrängt (ebd.).

Viele Roma-Kinder werden überhaupt in Sonderschulen bzw. Sonderklassen für Kinder mit Lernschwierigkeiten, Entwicklungsstörungen bzw. leichten geistigen Behinderungen unterrichtet, obwohl sie gar keine entsprechende Behinderung haben. Laut Schätzungen von Lehrer_innen und Schuldirektor_innen beträgt der Roma-Anteil in diesen Schulformen rund 80 bis 90 Prozent. (ERRC 2005, S. 22). Alle fünf vom ERRC untersuchten Länder weisen neben den regulären Schulen noch ein komplexes System an solchen alternativen Einrichtungen für Schüler_innen mit Behinderungen auf, in denen in punkto Lehrplan deutlich niedrigere Standards als im regulären Schulwesen gelten (ERRC 2005, S. 34).

In Tschechien und der Slowakei bestehen viele Roma-Kinder die Schuleingangstests für die erste Klasse nicht, in denen motorische Entwicklung, Wahrnehmung, intellektuelle Entwicklung, Sprachverständnis und -ausdruck, emotionale und soziale Entwicklung überprüft werden (ERRC 2005, S. 39). Diese psychologischen Tests berücksichtigen die sprachlichen und kulturellen Unterschiede zwischen Mehrheitsbevölkerung und Roma jedoch nicht, sie sind zuungunsten der Roma verzerrt und können daher keine akkurate Aussage über die tatsächlichen Fähigkeiten bzw. Potenziale der Kinder geben (ERRC 2005, S. 50).

Für das ERRC weisen die verfügbaren Daten darauf hin, dass das System von Sonderschulen für Kinder mit (vermeintlichen) Lernbehinderungen und Entwicklungsstörungen de facto als ein „paralleles Substandard-Bildungssystem für Roma“ fungiert (ERRC 2005, S. 37). In einigen Fällen seien diese Sonderschulen scheinbar speziell für Roma eingerichtet worden, etwa in der Nähe von Roma-Ghettos in Bulgarien, Tschechien und der Slowakei. In Tschechien und der Slowakei korreliert zudem die Anzahl von Sonderschulen in den Verwaltungsbezirken auffällig mit dem Anteil von Roma in der jeweiligen Region (ebd.).

Als Ursachen für diese Fehlentwicklungen nennt das ERRC den weitverbreiteten Rassismus gegen Roma und eine ins Bildungssystem eingebaute Unfairness gegenüber Roma, die auf vermeintlicher "ethnischer Blindheit" fußt. Anstatt die Bedingungen dafür zu schaffen, dass Roma vor dem Schuleintritt ihre Kenntnis der offiziellen Amts- und Schulsprache verbessern (oftmals wird in den Familien nur Romani gesprochen) und benachteiligte Kinder die für die Schule nötigen sozialen Fähigkeiten erwerben können, werden sie schlicht und einfach einer Substandard-Ausbildung zugewiesen  (ERRC 2005, S. 38). Vorurteilsbehaftete Lehrer_innen, Schulbehörden und Psycholog_innen drängen Roma in Sonderschulen. Eine Studie kam etwa zum Ergebnis, dass 84 Prozent der untersuchten Lehrer_innen in der Slowakei der Ansicht waren, dass Roma-Kinder eine geringere mentale Leistungsfähigkeit hätten (ERRC 2005, S. 42).

Den Eltern wird mitunter geraten, ihr Kind in eine Sonderschule zu geben, da es sich in diesem gewohnten Umfeld einfach „wohler fühle“. Viele Eltern wollen ihre Kinder auch nicht dem zu erwartenden Mobbing in regulären Schulen aussetzen (ERRC 2005, S. 40). Einige Sonderschulen werben bereits aktiv mit bunten Broschüren um Roma-Kinder, um ihre Schüler_innenzahl und somit die Finanzierung zu sichern. Teilweise bieten sie als Anreiz kostenlose Mahlzeiten oder Schulbücher, die sich die Eltern sonst nicht leisten könnten (ERRC 2005, S. 41).

Angesichts der historischen Ereignisse ist es verständlich, dass viele Roma noch immer Angst vor einem Verlust ihrer kulturellen Identität durch staatliche Maßnahmen haben, und deshalb eher abgeneigt sind, ihre Kinder in staatliche Schulen zu schicken (Oprea 2005).

Auch die Bereitschaft andere staatliche Leistungen, etwa im Bereich der Gesundheit, zu nutzen, wird vermutlich von dieser Sorge beeinflusst (Ringold et al. 2005, S. 12). Dass dieses Misstrauen nicht unberechtigt ist, zeigen etwa die von offizieller Seite noch immer nicht vollständig aufgearbeiteten unfreiwilligen Sterilisierungen von Roma-Frauen in Tschechien, Ungarn und der Slowakei, die in den 1970er- bis 90er-Jahren zum Teil im Zuge anderer medizinischer Prozeduren und ohne informierte Einwilligung der Patientinnen durchgeführt wurden (ERRC 2009).

Von Gewalt bzw. Substanzmissbrauch geprägtes familiäres Umfeld

Substanzkonsum (von Alkohol, Drogen, Inhalation von Lösungsmitteln) stellt in Roma-Gemeinschaften – wie in anderen ökonomisch und gesellschaftlich deprivierten Umfeldern – ein großes Problem dar. Er kann Auslöser familiärer Konflikte und Gewalt sein, zu erhöhtem (schwer zu deckendem) Geldbedarf und folglich zu Verschuldung bei Kredithaien führen. Sexarbeit wird oft nur aufgenommen, um den Substanzkonsum, etwa des Partners, zu finanzieren. Ausbeutung und Menschenhandel werden zu einem Mittel, um den kostspieligen Konsum aufrechtzuerhalten (ERRC 2011a, S. 54).

In Bezug auf Roma wird zudem immer wieder auf problematische patriarchale Geschlechterverhältnisse und weit verbreitete Gewalt gegen Frauen, etwa Zwangsverheiratung, häusliche Gewalt durch die männlichen Partner oder erniedrigende Prozeduren wie Jungfräulichkeitstests hingewiesen. Viele davon, insbesondere häusliche Gewalt und sehr frühe Eheschließung, werden vom ERRC für die Betroffenen mit einer erhöhten Vulnerabilität gegenüber Menschenhandel in Verbindung gebracht.

Auf den folgenden Seiten sollen – anhand von Schilderungen von Roma-Vertreter_innen selbst, die so weit wie möglich im Original zitiert werden – die bestehenden Problemlagen dargestellt werden, ohne plumpe Klischees und Vorurteile zu reproduzieren. Faktische Diskriminierungen, von denen Frauen innerhalb der Roma-Gemeinden oftmals betroffen sind, sollen aber genauso wenig ausgeblendet werden. 

In einer Schwerpunktausgabe zum Thema "Frauenrechte" kamen in Nummer 1/2000 von Roma Rights, dem Journal des ERRC, mehrere Roma-Aktivist_innen mit verschiedenen Ansichten zur Rolle von Frauen und der Frauenbewegung innerhalb der Roma-Communities zu Wort.

Sabina Xhemajli, Mitglied des Kölner Vereins Rom e.V. und als Sozialpädagogin tätig, beschreibt ein patriarchales, traditionelles Geschlechterverhältnis, das Roma-Frauen bis heute eine schlechter gestellte Position beschert:

"The positions of Romani men and Romani women are clearly divided. Unfortunately, women have drawn the losing card." Frauen seien für die Führung des Haushalts, die Kindererziehung und den Zusammenhalt der Familie alleinig zuständig und gehen darüber hinaus oft noch einem Broterwerb nach. Schon früh werden Mädchen in diese Pflichten hineinsozialisiert, der Schulbesuch sei daneben oft zweitrangig.

Ivan Ivanov, heutiger Direktor des European Roma Information Office (ERIO), geht in seinem Beitrag auf das traditionelle Konzept von Ehre ein, das Frauen unter Druck setzt:

"For the greater part of the Romani community, the honour of the family is the most important thing, and the chastity and the purity of women is central to that honour. Public opinion is a very important part of the life of Roma. To maintain a good public image, Romani parents exercise strict control over the girls of the family from an early age. They rigidly steer them away from any possibility of committing acts which would reflect badly on the family image." (Ivanov 2000)

Dieser Wunsch nach Kontrolle sei auch ein Grund für Eltern, Töchter aus der Schule zu nehmen. Kurz nach dem Einsetzen der Pubertät würden die Mädchen verheiratet, um "sexuellem Experimentieren" zuvorzukommen, oftmals schon im Alter von 13 oder 14 Jahren (ebd., siehe auch Oprea 2005). Aufklärung der Mädchen und Jungen über Sexualität, Verhütung etc. findet meist nicht statt (Refugee Women's Resource Project 2002, S. 43.).

Eine sehr frühe Heirat kann indes zu ernsten physischen (etwa durch Schwangerschaftskomplikationen) und psychischen Problemen der Mädchen führen. Negative psychische Effekte können aus erzwungener sexueller Aktivität, dem Verlust der Adoleszenzphase und den Einschränkungen der Freiheit und Persönlichkeitsentwicklung, die die Verpflichtungen der Ehe mit sich bringen, resultieren (ebd.).

Noch immer ist es eine durchaus verbreitete Praxis, die Mädchen vor der Eheschließung einem "Jungfräulichkeitstest" zu unterziehen, um ihre "Reinheit" zu prüfen. "Besteht" das Mädchen den Test nicht, drohen schwerwiegende soziale Konsequenzen: Sie läuft Gefahr beschimpft und beschämt, zu ihrer Familie zurückgeschickt und von der Gemeinschaft ausgegrenzt zu werden (ERRC 2011b).

Sich gegen derartige Praktiken aufzulehnen, ist aber mitunter gleichbedeutend mit sozialem Ausschluss:

"When one stands against tradition, one is shunned from the family. And because for us the family and togetherness are very important, being shunned from one’s own family is the cruellest punishment." (Xhemajli 2000)

Wie Frauen anderer Gesellschaften bzw. ethnischer Gruppen weltweit, sind auch Roma-Frauen von häuslicher Gewalt betroffen. Da die Mehrheitsgesellschaften, in deren Gegenwart sie leben, ihnen generell wenig Toleranz und Offenheit entgegenbringen, stehen den Frauen jedoch weniger Ressourcen zur Verfügung, um sich zu schützen (Refugee Women's Resource Project 2002, S. 44). Zusätzlich können einige traditionelle Werte (wie die oben beschriebenen) hinderlich seien, wenn es für die Frauen darum geht, Schutz und Gerechtigkeit zu suchen (ebd.).

Verlässliche Zahlen über die Inzidenz häuslicher Gewalt unter Roma in Osteuropa gibt es nicht. Vereinzelte Hinweise deuten auf eine erhöhte Rate häuslicher Gewalt in den Roma-Gemeinden hin, wobei oft auf die Rolle von Alkoholmissbrauch und Armut hingewiesen wird (Refugee Women's Resource Project 2002, S. 45).

Für eine Untersuchung der Lebensumstände von ungarischen Roma-Frauen führte das ERRC im Jahr 2007 124 Interviews mit Frauen im Alter von 17 bis 73 Jahren in Budapest, Miskolc und Pécs durch (ERRC 2007, S. 6). Von den 84 Frauen, die Fragen zum Thema Gewalt beantwortet hatten, gaben 42 Prozent an, aktuell oder in der Vergangenheit von häuslicher Gewalt betroffen (gewesen) zu sein. Diese ging von Ehepartnern, Schwiegereltern oder anderen Familienmitgliedern aus. In nur 20 Prozent der Fälle suchten sie Unterstützung bei der Polizei, und nur in einem dieser sieben Fälle reagierte die Polizei effektiv auf diese Kontaktaufnahme (ERRC 2007, S. 3).

Die Inzidenz häuslicher Gewalt in Roma-Gemeinden wird durch Arbeitslosigkeit, Armut, Alkoholprobleme bzw. anderen Substanzkonsum und durch auf Diskriminierung und Rassismus zurückführbare Konfliktsituationen erhöht: "Her [the Romani woman's, Anm. der Autorin] situation is caused not only by being the weaker member of the family, and not only because of the persistence of patriarchal stereotypes. It is also due to the fact that since Romani men face daily humiliation and discrimination, they are often unable to communicate and to express sentiments. All their emotions accumulate during the day and they can often explode at home, the only place a Romani man can feel powerful. This can result in domestic violence. Domestic violence is the result of the serious social and economic problems which affect the Roma community more than other communities. Alcoholism and other addictions, as well as the serious financial problems faced by most Romani families, can increase such aggression." (Ivanov 2000)

Die Frage nach der Rolle der Frau, insbesondere in Hinblick auf traditionelle Werte und Praktiken, ist eine auch unter Roma-Aktivist_innen stark debattierte.

Frauen tragen durch ihre Rolle innerhalb der Familie einen großen Teil der Verantwortung für die Weitergabe und Bewahrung der eigenen Kultur und Identität. Ihre Rolle innerhalb der Gemeinschaft kann nicht separat betrachtet werden von der Frage der Identität der Roma, die über Jahrhunderte vor Bedrohung von außen, entweder durch Verfolgung oder erzwungene Anpassung, geschützt werden musste. Aus dieser Perspektive könnte jeglicher Versuch, die Rolle der Frau umzudefinieren, als "Aufgeben" der Traditionen und somit der eigenen Identität interpretiert werden (Refugee Women's Resource Project 2002, S. 31).

Gleichzeitig wehren sich Roma-Feminist_innen gegen Vorwürfe der "Nicht-Authentizität": "Feminist dissent is not evidential of the erosion of Romani identity, but rather a natural outgrowth of it" (Oprea 2005). Viel zu oft würde der Feminismus "weißgewaschen", das heißt als eine Errungenschaft des "Westens" und der "Weißen" präsentiert. Dadurch würde eine diskursive Kluft erschaffen zwischen den Idealen des Feminismus und der Roma-Kultur und -Identität, welche als defizitär (weil Frauen- und Menschenrechte missachtend) entworfen wird (ebd.).

Die Politikwissenschaftlerin Andrea Oprea kritisiert, dass zwei Extreme zu beobachten seien, was den Blick der Mehrheitsgesellschaft auf repressive Praktiken innerhalb der Roma-Gemeinschaften betrifft:

Einerseits werden sie von manchen schlicht als Produkte einer primitiven Kultur gesehen, welche dämonisiert und plump mit Patriarchat/Sexismus gleichgesetzt wird. Die Rolle, die der Rassismus der Mehrheit in der Genese bzw. Aufrechterhaltung solcher Praktiken gespielt hat und heute noch spielt, wird komplett ausgeblendet.

Im zweiten Fall werden alle Übel allein auf den Rassismus zurückgeführt: Tatsächlich vorhandene patriarchale Strukturen werden ignoriert, da man diese als "Kultur" der Minderheit auffasst, welche die von Schuldgefühlen geplagten Angehörigen der Mehrheit aber nicht kritisieren möchten, um nicht selbst "rassistisch" zu erscheinen (Oprea 2005).

Staatliche Korruption und Diskriminierung durch Sicherheitsbehörden und Justiz

Viele Roma erfahren aufgrund ihrer Ethnie diskriminierende Behandlung und Schikanen, bis hin zu schweren körperlichen Misshandlungen, durch die Polizei. In einer 1995 durchgeführten Umfrage unter Roma in Tschechien und der Slowakei kam heraus, dass die Frauen nicht nur regelmäßig von Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung Gewalt und sexualisierte Gewalt erfahren, sondern auch „alarmierend“ oft von Polizeibeamten misshandelt und vergewaltigt wurden (Refugee Women’s Resource Project 2002: S. 69).

Diese diskriminierenden und traumatisierenden Erlebnisse führen bei den Roma zu Misstrauen und Abneigung gegen die Exekutive bzw. das staatliche Rechtssystem generell (ERRC 2011a, S. 60). Dies trifft auch auf Betroffene von Menschenhandel zu. Selbst wenn Betroffene von sich aus die Polizei kontaktieren, wird ihnen oft die Unterstützung versagt. Eine 20-jährige Romni aus Ungarn, die unter Täuschung in die sexuelle Ausbeutung verkauft wurde, erhielt keine Hilfe, da sie nach Ansicht der Polizist_innen doch "freiwillig gegangen" sei und zudem den Namen des Händlers nicht wüsste und der Fall somit "schwer zu verfolgen sei" (ERRC 2011a, S. 59).

Zudem weist das ERRC darauf hin, dass die osteuropäischen Ermittlungsbehörden nur unzureichende Anstrengungen unternehmen, proaktiv Betroffene zu identifizieren.

Eine Studie des deutschen BKA zum Thema "Aussagebereitschaft von Opfern des Menschenhandels zum Zweck sexueller Ausbeutung" belegt, dass der Wille zur Kooperation mit der Polizei massiv durch deren Wahrnehmung als „korrupt“ unterminiert wird (in Bezug auf die Polizei im Herkunftsland oder die deutsche Polizei). Befürchten die Betroffenen, dass die Polizei sie nicht schützen wird oder mit den Tätern zusammenarbeitet, erschwert dies ihre Identifikation und adäquate Unterstützung und die polizeilichen Ermittlungen gegen Täter (Helfferich et al. 2010, S. 73 und S. 91ff.).

Die Rolle von Korruption als ursächlicher Faktor von Menschenhandel wurde von der Wissenschaft bis vor kurzem größtenteils vernachlässigt. Die Tatsache, dass die Betroffenen von Menschenhandel in erster Linie aus wirtschaftlich schlecht gestellten Ländern kommen, hat Forscher_innen dazu verleitet, sich fast ausschließlich mit der Verbindung zwischen Armut und Menschenhandel zu beschäftigen (Zhang und Pineda 2008: 52). Armut als kausalen Faktor anzunehmen macht Sinn, da wirtschaftliche Not der anfängliche Antriebsfaktor potentieller Betroffener von Menschenhandel ist, sich in Situationen zu begeben, die verletzlich machen. Menschenhandel kann jedoch nicht ohne ein förderliches regulatorisches, soziales und legales Umfeld erfolgreich bzw. kontinuierlich operieren (ebd.).

Die Kriminologen Sheldon X. Zhang und Samuel L. Pineda stellen in einer multivariaten Analyse (2008) fest, dass zwar Makro-Level-Faktoren mit gewisser Erklärungskraft existieren (etwa das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen eines Landes), Korruption aber vermutlich der wichtigste Faktor ist, um Menschenhandel zu erklären.

Der Report des PACO (Program against Corruption and Organized Crime in South Eastern Europe) hält fest, dass alle Länder in Südosteuropa Korruptionsprobleme haben, die direkt mit dem Menschenhandel in Verbindung zu bringen sind - etwa innerhalb der Exekutive, in Konsulaten, bei der Grenzkontrolle, in Geheimdiensten und den bewaffneten Streitkräften, aber auch in Zusammenhang mit privaten Firmen wie Reisebüros, Airlines und Finanzinstitutionen. Menschenhandel kann nicht ohne Mitwirkung korrupter Funktionsträger_innen stattfinden (Zhang und Pineda 2008, nach PACO 2002, S. 9). Diese kann in passivem Verhalten (Ignorieren bzw. Tolerieren) oder auch aktiver Mithilfe bestehen. Korruption spielt einerseits in der Ermöglichung von Menschenhandel eine Rolle (etwa durch das Ausstellen falscher Papiere, UNODC 2001, S. 9), aber auch in der Behinderung der strafrechtlichen Verfolgung von Menschenhandel.

Mitunter zählen Polizisten zu den Kunden von Bordellen (Cockburn 2003) oder sind Komplizen von Zuhältern, wie folgendes Zitat einer ungarischen Romni, Betroffene von intranationalem Menschenhandel, vermuten lässt: "Sometimes the police would stop me and I would just have to tell them the name of my pimp and they would leave." (ERRC 2011a, S. 59)

In der Studie von Helfferich et al. äußerten Betroffene die Ansicht, die Polizei in ihrem Heimatland arbeite „nur für die, die zahlen“, also „die Zuhälter“, während sie selbst von der Polizei erniedrigt würden, wenn sie ein Problem hätten. Wer Strafverfolgung wünscht, müsse sie kaufen: „Eine Interviewpartnerin wurde von der Polizei abgewiesen, da sie keine 100 Euro für die Inhaftierung des Täters aufbringen konnte.“ (Helfferich et al. 2010, S. 92)

Ähnliche Beispiele für Korruption finden sich in einem Bericht des UNODC: “Police officer convicted of warning brothel owners and taking sexual favours” und "many times police would leave the trafficker and exploiter not arrested and only get victims” (UNODC 2011, S. 9). Auch in Deutschland gaben Betroffene an, dass die Bordellbetreiber_innen über Razzien informiert gewesen und Polizisten als „Freunde des Hauses“ gratis "bedient“ worden seien (Helfferich et al. 2010, S. 96).

Schimmel und Pech (2004) beschäftigen sich in ihrem gleichnamigen Bericht mit dem Thema "Corruption and Gender". Sie untersuchen die Ursachen und Folgen von Korruption in Bezug auf Geschlecht und weisen nach, dass Korruption Frauen deutlich negativer trifft als Männer. Korruption in Strafermittlungs- und Verfolgungsbehörden ist nach Schimmel und Pech besonders nachteilig für Frauen, die als Opfer von Diskriminierung und Gewalt ihre Rechte im Justizsystem durchzusetzen versuchen. Abgesehen von diskriminierenden prozessualen Anforderungen leiden sie unter ungleichem Zugang zu materiellen Ressourcen, die etwa für Bestechungen oder Berufungen nötig wären (Schimmel und Pech 2004: 13). Nicht zuletzt sind Frauen auch personell in den zuständigen Stellen und Behörden unterrepräsentiert. Informelle, korrupte Netzwerke sind meist klar männerdominiert bzw. haben den Charakter geschlossener Gesellschaften, oft in der Form so genannter "Old Boy Networks" (ebd.). Diskriminierende Einstellungen innerhalb dieser Gesellschaften und somit der Institutionen treffen Frauen besonders hart. Die Korruption bringt ihnen somit einen systematischen Nachteil. Das gleiche trifft für Minderheiten wie die Roma zu: Sie sind aus solchen einflussreichen Netzwerken ausgeschlossen, werden durch sie diskriminiert und leiden unter fehlenden materiellen Ressourcen.

Fazit

Sowohl die erfahrungsbasierten Einschätzungen von Fachberatungsstellen in Deutschland als auch Untersuchungen des ERRC in Osteuropa weisen darauf hin, dass Roma weit überproportional unter Betroffenen des Menschenhandels in und aus (Süd-) Osteuropa vertreten sind, wobei insbesondere Frauen bedroht sind.

Keinesfalls darf Menschenhandel aber auf vermeintliche "kulturelle Eigenheiten" der Roma zurückgeführt werden. Das ERRC zeigt auf, dass die Faktoren, die vulnerabel gegenüber dem Menschenhandel machen, die gleichen sind – egal, ob es sich bei den Betroffenen um Roma oder Nicht-Roma handelt.

Einer dieser Faktoren, und vielleicht der wichtigste, ist ökonomische Deprivation: Roma haben besonders unter strukturell angelegter Armut, Arbeits- und Chancenlosigkeit zu leiden. Der Hauptgrund dafür ist in den hochgradig segregierten Bildungssystemen Osteuropas zu finden, in denen Roma-Kinder einer parallelen Substandard-Schulbildung zugewiesen werden, die sie oft als funktionale Analphabet_innen verlassen.

Vieles weist darauf hin, dass diese Praxis auf einem geradezu salonfähigen Rassismus gegen Roma (Antiziganismus) fußt, der auch vor Lehrer_innen, Psycholog_innen, Schulbehörden und der Politik nicht Halt macht.

Ohne Zugang zum regulären Arbeitsmarkt bleibt vielen nur unsichere Beschäftigung im informellen Sektor oder in der Sexarbeit, bzw. die Hoffnung, in einem anderen Land bessere Chancen zu finden – alles Szenarien, die das Risiko erhöhen, in Situationen der Ausbeutung zu geraten.

Da auch Polizei und Justiz in (Süd-) Osteuropa für ihren diskriminierenden, korrupten und oft gewaltsamen Umgang mit Roma bekannt sind, bleiben von Menschenhandel Betroffene oder Gefährdete oft ohne jegliche Unterstützung durch den staatlichen Sicherheitsapparat. Korrupte Beamt_innen fördern die Aktivitäten von Menschenhändler_innen teilweise noch aktiv, indem sie falsche Papiere ausstellen oder Schmiergeld von Schleuser_innen bzw. Bordellbesitzer_innen, die in den Menschenhandel involviert sind, annehmen.

Manche Faktoren betreffen Roma generell, manche aber insbesondere Frauen. Und wie in der Einleitung festgehalten wurde, sind es den offiziellen Zahlen zufolge in der Tat mehrheitlich Frauen, die als Betroffene von Menschenhandel (und hier meist in der Sexarbeit) ausgebeutet werden. Die doppelte Benachteiligung aufgrund ihrer Ethnie und ihres Geschlechts beschert Roma-Frauen eine besonders ungünstige Position.

Roma-Gemeinschaften in Osteuropa sind vielfach von patriarchalen Strukturen geprägt, aus denen Situationen resultieren, die für Frauen nachteilig sind und die sie verwundbar(er) gegenüber Menschenhändler_innen machen.

Solche Nachteile sind unter anderem geringere Möglichkeiten zum Schulbesuch, Verantwortung für die (auch materielle) Versorgung der Familie bei gleichzeitig statusniedrigerer Position gegenüber dem Ehepartner bzw. fehlender Kontrolle über die erwirtschafteten Ressourcen, Heirat kurz nach Einsetzen der Pubertät, Gebundenheit an das Konzept der "Ehre" und "Reinheit" der Frau, dessen Verletzung einen Ausschluss aus sozialen Zusammenhängen nach sich ziehen kann, und hohe Inzidenz häuslicher Gewalt. Zwar gibt es Roma-Aktivist_innen, die patriarchale Zwänge tatsächlich als schützenswerte Roma-Tradition und Kultur verstanden wissen wollen und Andersdenkenden sogar vorwerfen, folglich keine "echten Roma" zu sein (zum Beispiel Sztojka 2000, Izsák 2008, S. 9), diese ernten aber harschen Widerspruch und Kritik aus den eigenen Reihen. Für Irritationen bei Roma-Feminist_innen sorgen nicht nur solche (vermeintlich) "kulturbewahrenden" Roma, sondern auch überhebliche Überbringer_innen der „frohen Botschaft der Menschenrechte“, die - ausgehend von einer dichotomen "wir da oben, die da unten"-Mentalität - den Roma unberechtigterweise genau eine solche homogene, archaisch-dysfunktionale "Kultur" unterstellen, die es im Namen der zivilisierten westlichen Werte zu bekämpfen gilt (vgl. Oprea 2005).

Festhalten lässt sich aber, dass der noch aus der Zeit vor der Ankunft in Europa stammende kulturelle Hintergrund überall dort, wo sich Roma in Europa aufhielten, lokal überformt wurde. Die Kultur, Religion und Gewohnheiten der ansässigen Mehrheitsbevölkerung beeinflussten auch die Kultur der Roma und ihre Praktiken beziehungsweise brachten diese überhaupt erst hervor ‒ in Rumänien etwa der Brauch des sehr niedrigen Heiratsalters von Mädchen, der als Reaktion auf sexuelle Übergriffe von Grundbesitzern auf ihre „leibeigenen“ Roma entstand (Nicolae 2003). Obwohl manche Praktiken, wie das sehr junge Heiratsalter von Frauen, in Europa aktuell (fast) nur mehr bei Roma auftreten, so sind sie dennoch nicht unabhängig vom lokalen Kontext, der Mehrheitsbevölkerung und deren Geschichte zu denken (und keineswegs als über die Jahrhunderte tradiertes "Importgut" der Roma zu betrachten). Die unglaubliche kulturelle Diversität der Roma-Gruppen in Europa ist beredter Zeuge der komplexen Wechselwirkungen, die dabei stattgefunden haben.

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