Geflüchtete Jugendliche stärken - ein Vortrag von Sinthujan Varatharajah

Geflüchtete Jugendliche stärken - ein Vortrag von Sinthujan Varatharajah

Minderjährige Geflüchtete sind in hohem Maß von individuellen Kontakten abhängig. Wie aber können sie langfristig gestärkt werden? Sinthujan Varatharajahs Impulsvortrag auf der Veranstaltung „Geflüchtete Jugendliche stärken“ benennt strukturelle Probleme und Wege der Selbstermachtigung.

Junger Mann auf einem Feld, unter blauem Himmel, vor einer Kleinstadt und WäldernDas neue Asyllager für geflüchtete Jugendliche war in einem ehemaligen griechischen Restaurant untergebracht, das auf einem Hügel saß und einen weitläufigen Blick auf die fränkische Schweiz erlaubte. Urheber: Sinthujan Varatharajah. All rights reserved.

Vor zwei Jahren, auf dem Höhepunkt der letzten sogenannten „Flüchtlingskrise“, wurde ein neues Asyllager für jugendliche Geflüchtete in der Kleinstadt in Bayern eröffnet, in der ich selbst aufwuchs, in der wir ankamen, als man uns in das letzte Asyllager schickte. Seit Ende der Neunzigerjahre gab es keine Asyllager mehr in dieser Kleinstadt in der fränkischen Idylle, die eher einem Dorf glich als einer Stadt. Sie wurden, wie auch heute, mit der Abnahme der Zahlen der Neuankömmlinge durch verstärkte EU-Grenzpolitiken und Drittstaatsabkommen mit EU-Grenzländern in die Peripherie, in die Vergessenheit und Unsichtbarkeit verbannt. Die ehemaligen Lager wurden schnell zu Sozialwohnungen oder gingen in die Privatnutzung über. Sie verschwanden in Vergessenheit. Ihre Einwohner wurden entweder abgeschoben, zogen in größere Städte oder gar andere Länder. Und einige wenige, so auch wir, blieben in relativer sozialer Isolation zurück.

Das neue Asyllager für geflüchtete Jugendliche war in einem ehemaligen griechischen Restaurant untergebracht, das auf einem Hügel saß und einen weitläufigen Blick auf die fränkische Schweiz erlaubte. Im Jargon des Staates war es ein „Heim für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge“. Doch auch wenn es sich inmitten von bewohnbarem Wohnraum befand, sich dem Umfeld architektonisch anpasste und mit modernen Möbeln, die von Antenne-Bayern-Zuhörer*innen gespendet wurden, ausgestattet war und soziale und psychologische Betreuung anbot, so wurde es in seiner Konzeption doch zu einem Lager, welches das Produkt einer bestimmten Sozialpolitik ist. Das Lager hatte den Anschein einer sozialen Institution, einer Art Schullandheim, einer verbesserten Version der allgemeinen Asyllager, einer bevorzugten Wohnlösung im Asylsystem. Es unterlag trotz dieses Anscheins dennoch einer bestimmten Rechtsprechung, einer Raum- und Machtordnung, die das Gebäude sowie dessen Einwohner vom Rest der Bevölkerung unterschied und zu Gefangenen machten.  

Bei der Eröffnung des Asyllagers freundete ich mich mit einigen der jungen Bewohner an. Sie waren hauptsächlich aus Eritrea, Afghanistan und Somalia. Schnell war klar, sie traten mir anders gegenüber als dem weißen Umfeld, das ihre Realität außerhalb des Lagers dominierte. Wo die psychologischen Betreuer*innen manchmal Wochen benötigten, um die Geschichten und Biographien der jungen Menschen aufzuarbeiten, so teilten sie mir intime Erfahrungen innerhalb von Minuten mit. Auf diese Erfahrungen hatten weiße Menschen keinen sofortigen Zugriff. Wir hatten von Anfang an ein Verhältnis, das freundschaftlich war und einem Machtverhältnis untergeordnet war, das eher an Altersunterschiede gekoppelt war als an „Rassen“- und Kapitalunterschiede. Im Laufe unserer gemeinsamen Zeit teilten wir Abende bei McDonalds, Spaziergänge auf Feldern, Stunden vor dem Computer oder beim gemeinsamen Anschweigen auf dem Sofa. Wir zeigten uns gegenseitig YouTube-Videos, hörten uns Musik an und blieben über soziale Medien in Kontakt. Die Bindung war ganz unabhängig von institutionellen Einbindungen und Erwartungen und dennoch an Institutionen gebunden, die unseren Kontakt zu regulieren versuchten.

Autoritäre Strukturen und bürokratische Hürden

Der Kontakt zwischen uns war einigen der Mitarbeiter*innen des Lagers zuwider. Dies betraf nicht nur mich, sondern auch andere, die nicht institutionell eingebunden waren und unkonventionelles sowie linkes Gedankengut mitbrachten. Für die Mitarbeiter*innen war der freie Umgang, den ich zum Beispiel mit den Jugendlichen genoss, ein direkter Einschnitt ihrer Autorität, der ihre Erziehungs- und Kontrollmechanismen in Frage stellte. Die Jugendlichen waren nicht frei, für sich zu entscheiden. Dies führte dazu, dass der Kontakt sich zwangsläufig reduzierte, beziehungsweise sich außerhalb des Radius des Lagers verlagern musste. Mit der Zeit verlief er sich größtenteils – so wie es sich die Autoritäten wünschten und es geplant hatten.  

Trotz Hindernisse blieb ich mit einem der Jugendlichen, einen somalischen Geflüchteten, weiter in Kontakt. Er war der einzige Somali-sprechende Mensch im Lager und dementsprechend oft isoliert und einsam. Während seine Mitbewohner alle Tigrinja und Dari sprechende Menschen in ihrem direkten Umfeld hatten, war das für den jungen Menschen nicht der Fall. Seine Isolation versuchte er zu überwinden, indem er engen Kontakt zu mir und meiner Familie suchte. Zwar sprachen wir kein Tigrinja, doch sah er eine Ähnlichkeit in unserer spezifischen Situation, die ihm eine Verbundenheit vorgab. In gewisser Weise erweiterten wir seine emotionale Landschaft. Vor seiner Ankunft in der Peripherie Bayerns reiste der junge Mensch fünf Jahre lang durch zwölf verschiedene Länder, von Jemen, Iran bis Ungarn und Österreich, bis er letztendlich in Rosenheim ankam und später, gemäß dem Königsteiner Schlüssel, umverteilt wurde. Als er sein zu Hause in einem Vorort von Mogadishu, wo seine Familie noch immer verbleibt, verlassen musste, war er zwölf Jahre alt. Als er in dem Dorf, in dem ich aufwuchs, ankam, war er 17 Jahre alt.  

Er hatte eine Vorstellung von einem Leben fern von dem, was ihm geboten wurde. Er wollte Arzt werden und sich in Deutschland, einem Land, das er damals nicht einmal beim Namen kannte, etablieren. Er sah jedoch keine Möglichkeit, im bürokratischen Wirrwarr ein Schlupfloch zu finden, das ihm seinen Traum zu erfüllen erlaubte. Wie alle minderjährigen geflüchteten Menschen wurde er auf die Berufsschule, alternativ die Haupt- oder Mittelschule, geschickt. Er wurde weder über Optionen, die ihm offenstanden, aufgeklärt, noch gab es Interesse dafür, was dieser junge Mensch eigentlich im Leben wollte. Er langweilte sich schnell im Unterricht. Seine fortgeschrittenen sprachlichen und mathematischen Kompetenzen wurden nicht erkannt. Stück für Stück wurden ihm seine Ambitionen geraubt. Er kam oft frustriert nach Hause.

Menschen werden wegintegriert

Es zeigte sich, dass der Staat und die Mehrheitsgesellschaft mit so wenig Mehraufwand wie möglich Menschen wie den jungen Somali zu integrieren versucht. Schnelle Integration heißt in diesem Fall: mit so wenig Mehraufwand wie möglich Menschen zu sogenannten produktiven Mitgliedern der Gesellschaft werden zu lassen. Das heißt auch, dass es keine fallspezifische Unterstützung geben kann, die die Individualität von geflüchteten Menschen anerkennt. Stattdessen wird nur ein allgemeines Template angeboten, das von einem Kollektivbild von geflüchteten Menschen ausgeht, das ihnen ihre Individualität abspricht. Für den Jugendlichen aus dem fränkischen Dorf bedeutete das, dass er auf ein akademisches Level gestuft wurde, das ihm nicht entsprach. In anderen Fällen wurden Jugendliche nach Herkunft unterteilt. So wurden zum Beispiel in einer Mittelschule in Bayern tschetschenische Schüler*innen von iranischen mit der Aussage getrennt, dass „die Iraner*innen“ fleißiger und intelligenter seien. Die tragischen Folgen solcher Fehlentscheidungen, die auf rassistischen Gedanken und „Wissen“ beruhen, werden von Betroffenen wie dem jungen somalischen Geflüchteten getragen.

In Deutschland versucht man* geflüchtete Menschen von den Straßen wegzubekommen und sie so schnell wie möglich in Fabriken, Werkstätten und in die Schattenwirtschaft zu verfrachten. Man* versucht, sie flink wegzuintegrieren. Fallspezifische und langfristige Unterstützung für geflüchtete Menschen ist, kurzfristig betrachtet, natürlich auch mit höheren Kosten verbunden. In Zeiten eines ohnehin schon polarisierten sozialen Klimas in Bezug auf geflüchtete Menschen kommt das natürlich nicht gut an. Dass durch staatliche Arbeitsverbote und geographische und soziale Isolation Abhängigkeiten geschaffen und verstärkt werden, wird hierbei selten benannt. Es verbleibt eine Geschichte und Perspektive, die geflüchtete Menschen zur Rechenschaft zieht, aber nicht die Strukturen, die ihre eingeschränkten Realitäten produzieren.

Im Falle des jungen geflüchteten Menschen gab es wenig Alternativen, die vom Staat geboten wurden, die dem jungen Menschen seinen Wunsch, Arzt zu werden, hätten erfüllen können. Ihm waren seine Hände zum Großteil gebunden. Es gab weder Aufklärung über das Schulsystem noch Quereinsteigemöglichkeiten für Menschen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, beziehungsweise erst spät mächtig geworden sind. Eines Tages nahm ich den jungen Menschen mit an das Gymnasium, an dem ich selbst das Abitur vor Jahren abgeschlossen hatte. Ich erklärte ihm, welche Wege ihm offenstanden, wie er die Art von Zukunft anpeilen kann, die er sich für sich selbst erhoffte. Ich erklärte ihm auch die vielen Komplikationen, mit denen er wahrscheinlich konfrontiert sein wird. Und wie wichtig es für ihn sei, an seine eigenen Kompetenzen zu glauben, sich nicht von anderen fremddefinieren und in seinem eigenen Handlungsrahmen einschränken zu lassen. Er müsse sich selbstorganisieren, für sich kämpfen, um sich den Raum in der Gesellschaft zu schaffen, der ihm zusteht, dem ihm aber nur wenige Menschen von sich aus zugestehen würden. Es war letztendlich in seinem Ermessen zu entscheiden, was das Beste für ihn selbst war. Es war keine Entscheidung, die anderen überlassen werden sollte.

Selbstermächtigung durch Austausch

Anfang 2017 lebten noch 60.000 unbegleitete minderjährige und junge, volljährige geflüchteten Menschen in staatlicher Obhut in Unterkünften für unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Diese Zahl schließt die große Zahl an Kindern und Jugendlichen aus, die mit Eltern oder anderen Verwandten in Deutschland leben. Gleichzeitig gibt es heute hunderttausende junge Erwachsene in Deutschland, die damals Kinder und Jugendliche im Asylsystem waren. Darunter fallen auch ich und meine Geschwister. Als ich die jungen Menschen in den Asyllagern traf, war mir bewusst, dass das Treffen für mich keine einfache Begegnung zwischen Fremden sein wird. Es war für mich eine mögliche Begegnung mit meiner eigenen Vergangenheit – und für geflüchtete Menschen von heute eine Begegnung mit einer möglichen Zukunft. Dies lag manchmal unausgesprochen in der Luft, manchmal jedoch kam es schnell, fast schon in einem verzweifelten Tonfall zu Wort. So zum Beispiel, als eine junge somalische Mutter, deren damals zweijähriger Sohn, der in Norwegen in einem Lager geboren wurde, die Möglichkeiten, die ihr Sohn in diesem Land in Anspruch nehmen könnte, in mir sah. Eine „einfache“ Begegnung ermöglichte es ihr, Zukunftsperspektiven für ihn zu reflektieren. Sie fragte mich in einem gehetzten Ton, den ich auch von meiner eigenen Mutter kenne, wie ich es geschafft habe, aus dem Lager, dem Zustand der Isolation, der Sprachlosigkeit, der Bildungslosigkeit zu entkommen. Wie ich als sogenannter vollständiger Mensch in das Lager zurückkehrte und meine Vergangenheit in ihrem Sohn erblicken konnte. Ihre Stimme und Fragen hallen noch immer in meinem Kopf.

Mit der Zeit wurde es für mich immer klarer, wie wichtig diese Begegnungen sind und wie sehr sie sich von dem unterscheiden, was zum Beispiel die Willkommensindustrie praktiziert und geflüchteten Menschen von heute bietet. In dem Aufeinandertreffen von damals geflüchteten Menschen und heute geflüchteten Menschen steckt ein Akt der Selbstermächtigung, der ein Potential beinhaltet, das auch heute noch oft unerforscht bleibt. In dem Aufeinandertreffen findet ein Erfahrungsaustausch statt, der einmalig ist. Hier geht es letztendlich um elementare Fragen, wie Menschen autonom handeln können, sich selbst stärken und selbstverwirklichen können in einem Umfeld, das Fremdeingriffe und Fremdbestimmung diktiert. Es geht darum, die Isolation, in die geflüchtete Menschen gezwungen werden, zu überwinden, das Gefühl, das geflüchteten Menschen kommuniziert wird, eine Anomalie im System zu sein, ein historischer Präzedenzfall zu sein, der Teil eines Ausnahmezustands ist, zu hinterfragen.

Die Frage der Selbstermächtigung ist eine Frage von Selbstbestimmung und Selbsterhalt. Sie ist im Zentrum der Debatte von vielen Gruppen, die sozial und ökonomisch marginalisiert sind. Für geflüchtete Menschen nimmt diese Frage eine noch stärke Dimension ein, da sie durch das Design des Asylsystems und durch die bürokratische Ein- bzw. Ausgliederung von Asylbewerber*innen oft noch unbestimmter in ihrem Dasein und Handlungsrahmen sind, als viele andere marginalisierten Gruppen in der deutschen Gesellschaft. Eine würdevolle Existenz wird erschwert, wenn alltägliche Entscheidungen nicht von betroffenen Menschen selbst, sondern von anderen getroffen werden. Obgleich der Ansatz ist, im Wohle derer zu entscheiden, die nicht selbst entscheiden können, bzw. wohl eher nicht dürfen, so sind die Perspektiven des Systems und der Mehrheitsgesellschaft, die dieses System trägt, oft ganz entgegen der Bedürfnisse der Menschen, die eigentlich betroffen sind. Es wird ihnen ein Leben geboten, dass oft fern der eigenen Möglichkeiten und Wünsche liegt.

Paternalismus als Teil der Willkommenskultur

Bei Jugendlichen und Kindern verstärkt sich das nochmals dadurch, dass sie aufgrund ihres Alters mit einer zusätzlichen Entmündigung konfrontiert sind. Unbegleitete minderjährige Geflüchtete kommen in Deutschland in die Obhut von staatlichen Trägern, die in ihrem Sinne entscheiden sollen. Doch was heißt das konkret, wenn, wie in dem Fall des jungen Menschen aus Bayern, keine spezifische Unterstützung vom System angeboten wird, um seine konkreten beruflichen Ambitionen zu erfüllen? Oder wenn staatliche Träger zum Beispiel den Kontakt von Jugendlichen zu anderen Menschen außerhalb der Unterkunft zu kontrollieren versuchen und somit auch den Austausch und die Begegnungsmöglichkeiten unterbinden?

Die Situation von Kindern und Jugendlichen im Asylsystem ist spezifisch und benötigt eine besondere Sensibilität. Deren Realität unterscheidet sich häufig erheblich von der erwachsener Asylbewerber*innen. Die institutionelle Einbindung sowie auch das Er- und Durchleben der deutschen Gesellschaft sind verschieden. Gleichzeitig sind die Entfaltungsmöglichkeiten von Jugendlichen und Kindern trotz schwieriger Ausgangssituationen größer als die von erwachsenen Menschen mit Fluchthintergrund. Die mehrfache Entmündigung, die sich an Fragen des Alters, der „Rasse“, der Klasse, des Geschlechts und der Sexualität orientiert, hat oft schwerwiegende Konsequenzen für die langwierige Entwicklung junger Menschen. Ihnen werden eine Reihe von Entscheidungen genommen, die selbst erwachsenen Menschen mit Fluchthintergrund zustehen. Der Schutzgedanke kollidiert schnell mit dem Recht auf Selbstbestimmung und Verantwortung. Es kann eine giftige Mischung ergeben, wenn sich das Ganze mit rassistischem Gedankengut paart, das oft nicht als solches erkannt wird. Doch Teil der Willkommenskultur, ob in institutioneller oder auf solidarischer Basis, ist der Paternalismus, der ein integraler Bestandteil des Kolonialismus und der gegenwärtigen Entwicklungspolitik ist.  

Um diesen Teufelskreis zu brechen, müssen Wege gefunden werden, Minderjährigen das Kind- und Jugendlichsein zu ermöglichen, sie gleichzeitig zu schützen und ihnen ein Maß der Selbstentscheidung und -bestimmung zu geben. Wie ist das jedoch möglich? Wie können Strukturen geschaffen werden, um jugendlichen Asylbewerber*innen ein Leben zu ermöglichen, dass ihren eigenen Wünschen und Träumen entspricht?

Strukturelle Veränderungen statt individuelles Glücksspiel

Der junge somalische Asylbewerber ist heute noch in der Berufsschule. Er pendelt noch immer jeden Morgen zwanzig Kilometer von seinem Wohnort bis zur Schule. Mittlerweile hat er, dank der Unterstützung einer befreundeten Anwaltsfamilie, zwei Praktika in Krankenhäusern abschließen können. Die Kosten wurden größtenteils von der Familie getragen. Sein schon damals sehr gutes Deutsch hat sich noch um einiges verbessert. Darüber hinaus ist er trotz fehlender Schulbildung in Somalia fließend im Englischen. Er plant später das Abendgymnasium zu besuchen, um seinen Traum, Arzt zu werden, realisieren zu können. Die Fortschritte, die er macht, sind das Resultat seiner vielen großen und kleinen Eigeninitiativen. Gleichzeitig ist er abhängig von sozialen Netzwerken, die alternative Ansätze bieten zu jenen, die das System für ihn vorgibt. Er hatte letztendlich Glück, die richtigen Menschen zu treffen, die seinen Träumen nicht im Wege stehen, die ihn stattdessen begleiten wollen. Die ihm zuhören wollten.

Auch wenn die Geschichte meines Freundes uns positiv stimmen sollte, so dürfen wir uns damit nicht zufriedengeben. Dies ist kein Happy End. Es darf nicht sein, dass Menschen vom Glück abhängig sind, den richtigen Menschen zu begegnen, um sich selbstverwirklichen zu können. Wir müssen realistisch bleiben: Der Mehrzahl von geflüchteten Menschen bleibt dies noch immer verwehrt. Genau deshalb werden Menschen wie ich, Geflüchtete von damals, noch immer hergehalten, um als Paradebeispiel für eine sogenannte gelungene „Integration“ vor einem nicht-geflüchteten Publikum vorgeführt zu werden. Doch sind wir keine Erfolge des Systems. Wir sind die Ausnahme, die das System überlebt hat. Wir können es uns jedoch nicht leisten, Ausnahmen zu bleiben. Es darf nicht nur wenige von uns geben, die es trotz schwieriger Ausgangsbedingungen und Alltagsrassismus und institutionellem Rassismus zu „etwas“ geschafft haben. Wir müssen Lösungen finden, die alle Menschen mitdenken und mitnehmen, die die marginalisiertesten Gruppen unter uns zentrieren.

Dazu muss es konkrete strukturelle Veränderungen geben, die geflüchtete Menschen, egal welchen Alters und welcher Herkunft, als Individuen mit Recht auf Selbstbestimmung und Recht auf ein würdevolles Leben wahrnehmen. Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist nicht nur eine Forderung von geflüchteten Menschen selbst oder Menschen, die solidarisch sind, sondern beruht auch auf konkreten rechtlichen Grundlagen. Die UNHCR-Kinderrechtskonvention sowie das SGB VII fordern die Teilnahme von Kindern und Jugendlichen bei Entscheidungen, die sie betreffen, um deren spezifischen Interessen zu wahren. Dies darf nicht nur ein rechtlicher Anspruch sein, der in Gesetzbüchern steht, die in Bücherregalen von Anwaltskanzleien oder juristischen Fakultäten ruhen, sondern muss auch zu einer praktischen Realität werden. Denn auch die Würde von geflüchteten Menschen muss so unantastbar sein, wie die weißer Deutscher.

Vielen Dank.

Dieser Beitrag ist eine Mitschrift des Impulsvortrags auf der Veranstaltung „Gemeinsam Mittendrin Gestalten – Geflüchtete Jugendliche stärken“ der Deutschen Kinder- und Jugenstiftung (DKJS).

 

 

 

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