Veranstaltungsbericht: “In mir steckt hoffentlich ganz viel Mensch-sein.”

Veranstaltungsbericht

Anlässlich des 30-jährigen Mauerfalls veranstaltete Kulturprojekte Berlin, in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, am 10. November 2019 die Lesung und Podiumsdiskussion „Ostdeutsch-Plus – Die DDR Migrationsgesellschaft seit dem Fall der Mauer.“

Podiumsgäste der Diskussion

Journalistin Nhi Le, Regisseur Atif Mohammed Nor Hussein, Filmemacherin Julia Oelkers („Eigensinn im Bruderland“), Autorin Stefanie-Lahya Aukongo („Kalungas Kind – Wie die DDR mein Leben rettete“) und Gründerin des (un)Sichtbar Netzwerks für Women of Color Magdeburg Laura Schrader sprachen gemeinsam mit Moderator Özcan Karadeniz über die Erinnerungen und Gefühle, die sie mit der Wendezeit verbinden.

Viel Beachtung wurde Ostdeutschland im Hinblick auf 30 Jahre Mauerfall in den letzten Monaten gegeben, jedoch stellt sich die Frage: Wer ist ostdeutsch und welche Stimmen werden gehört? Oft finden einseitige Perspektiven Gehör und es sind mehrheitlich weiße Ostdeutsche, die medial thematisiert werden. Migration war und ist im Westen wie auch im Osten Deutschlands fester Bestandteil der gesellschaftlichen Entwicklung. Die ostdeutsche Migrationsgesellschaft ist vor und nach dem Mauerfall durch vielschichtige Erfahrungen gekennzeichnet.

Festival- „30 Friedliche Revolution – Mauerfall“

Insbesondere nach der Einheit hatten die Eingewanderten mit vielfachen rassistischen Ausgrenzungen und Ausschreitungen zu kämpfen, die durch politische Mobilisierung verstärkt wurden. Für ehemalige Vertragsarbeitende bedeutete der Mauerfall eine Wende in ihrem weiteren Lebensweg. Die historische Debatte kann heute nur im Kontext der gesamtdeutschen Migrationsgesellschaft betrachtet und verstanden werden. Perspektiven für Teilhabe und Zugehörigkeit müssen im gesamtdeutschen Kontext aufgezeigt und nachvollzogen werden. Unter diesem Aspekt war es umso wichtiger, den Sprecher/innen mit dieser Veranstaltung eine Plattform zu geben.

Zu Beginn las Stefanie-Lahya Aukongo Ausschnitte aus ihrer Autobiographie „Kalungas Kind – Wie die DDR mein Leben rettete“ vor. Darin erzählt Aukongo von ihren Kindheitserfahrungen als Schwarze Deutsche in der DDR, wie sie die Welt wahrnahm und wie sie Ungerechtigkeiten zu Anfang nicht benennen konnte. In einem der Beispiele spricht sie von ihrem Schwarzen Kindheitsfreund, der von anderen Schulkindern gehänselt und verprügelt wurde. Diese und ähnliche Vorfälle haben sie schon ganz früh spüren lassen, dass sie und ihr Freund von den Kindern anders behandelt wurde.

Stattdessen fand sie ein künstlerisches Ventil, um sich auszudrücken. Das Schreiben war ihr erstes Medium.

Stefanie-Lahya Aukongo

Zu den Themengebieten Rassismus, Flucht und Migration realisierte die Filmemacherin Julia Oelkers die Webdokumentation “Eigensinn im Bruderland.” Ausschnitte zeigten Migrant/innen aus Ländern wie Äthiopien, Chile, Mosambik, Türkei und Vietnam, die über ihre eigenen Erfahrungen berichten. In persönlichen Interviews erläutern diese, wie sie mit viel Hoffnung und positiver Stimmung durch bilaterale Verträge zwischen den sozialistischen Staaten in die DDR emigriert sind. Manche als Vertragsarbeiter/innen, manche als Studierende, andere als Werktätige und wieder andere als politische Flüchtlinge. Obwohl vielen von ihnen eine Ausbildung versprochen wurde, fanden sich die Migrant/innen später in Großküchen und Fabriken wieder. Hier wurde nicht studiert, sondern in Produktionsstätten gearbeitet.

“Im Vorfeld habe ich gedacht: Ich bin im Auftrag der Regierung. Es geht ja hier um Solidarität und gegenseitige Unterstützung beider Länder. […] Nach dem zweimonatigen Deutschkurs, hieß es: Wir stecken euch in die Küche. Koch in dieser Zeit, 1981, in Vietnam, das ist kein Beruf,” beschreibt Mai-Phuong Kollath im Interview ihre Enttäuschung.

“Sowas wie Rassismus gab es in der DDR nicht.”

Der Regisseur und in Deutschland geborene Atif Mohammed Nor Hussein sieht sich nicht als Migrant, denn er ist hier geboren und aufgewachsen. Als Person of Color merkte er jedoch schnell, dass er anders als seine Mitmenschen behandelt wurde. So zeigte ihm seine Mutter bereits in jungen Jahren auf, wie sich der Zivildienst für eine Person of Color gestaltet. Es gäbe keine Aufstiegsmöglichkeiten in der Deutschen Volksarmee für einen Jungen, der so aussähe wie Hussein.

Atif Mohammed Nor Hussein

“Was [Rassismus] anbetraf, waren wir gleiche unter gleichen, aber dann bemerkte man, irgendetwas stimmte nicht. […] Warum werde ich ausgegrenzt, warum passieren diese Geschichten? Natürlich habe ich oft bei mir selbst die Schuld gesucht, bis ich dann irgendwann gemerkt habe, das liegt nicht an mir, aber das kam auch sehr, sehr spät. Sowas wie Rassismus gab es in der DDR nicht,” beschreibt Hussein im Gespräch.

Öffentlich und medial wurden diese Ungerechtigkeiten nicht benannt, es gab kein Vokabular, darauf einigen sich die Sprecher/innen, die alle in einem vorwiegend weißen Umfeld aufwuchsen. Vor allem wenn von der Wendezeit gesprochen wird und von den Feierlichkeiten, hat Laura Schrader gemischte Gefühle. Natürlich wäre die Energie ansteckend, man wolle mitfeiern, die Hoffnung teilen, jedoch fragt sie sich:

“Wer ist dieses Wir? Wer ist das Volk? Wer gehört dazu? Wer wird mitgedacht? Wer wird mitgenommen?”

“Wenn ich Sachen angesprochen habe, hat irgendwer was Blödes gesagt, es wurde immer relativiert, heruntergespielt. Ich wurde auch von meinem weißen Umfeld nicht als Schwarze Person wahrgenommen. Meine Erfahrungen wurden nicht als Rassismus-Erfahrungen wahrgenommen,” beschreibt Schrader. Als junger PoC in einem weißen Umfeld aufzuwachsen wäre schwierig, um sich selbst zu sehen. Daher gründete sie 2017 (un)Sichtbar - Netzwerk für Women* of Color in Magdeburg, um eine Zusammenarbeit und einen Raum für Solidarität zu schaffen.

“Die Initiative richtet sich an Frauen*, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind oder erst seit einiger Zeit hier leben; sich als Schwarz, Afrodeutsch oder Women* of Color bezeichnen und politisch aktiv werden wollen.” Von der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit, arbeitet ihre Gruppe Strategien heraus, um mehr Repräsentation in den Medien, Gremien, Schulen usw. zu erhalten und sich gegen Rassismus einzusetzen. Der Zusammenschluss und die Solidarität zwischen rassismuserfahrenen Menschen ist etwas ganz Essentielles. Hier kann ein Raum entstehen, der dazu ermutigt Gedanken, Gefühle und Erfahrungen anzusprechen und auszutauschen und sich somit gegenseitig zu bestärken.

“Uns gibt es hier, wir gehören hierher und wir sind nun mal auch hier geboren und auch aufgewachsen, wir lassen uns auch nicht wegdrängen, wohin auch?”

Hoffnung und Mut sieht Schrader in der nächsten Generation, die Social Media als Werkzeug nutzt, um auf Rassismus und die damit einhergehenden Hürden aufmerksam zu machen. Sie ist beeindruckt von dem Selbstbewusstsein junger Menschen, die vielfältige Methoden und Kanäle nutzen, um sich zu positionieren. Es braucht vor allem aber auch Räume, wie die der Podiumsdiskussion, oder noch sicherere Räume, in der People of Color sich selbst nicht erklären müssen, in der ihre Erfahrungen nicht hinterfragt werden und in dem verstanden wird, dass Diskriminierung Realität ist.

Gründerin des (un)Sichtbar Netzwerks für Women of Color Magdeburg - Laura Schrader

Empowerment bedeutet für Stefanie-Lahya Aukongo, dass vorherrschende Realitäten kritisch hinterfragt werden. Ein sich selbst finden ist auch ungemein wichtig für die Schriftstellerin. Zu der Frage, “Wie viel DDR steckt in dir drin?”, antwortet sie: “In mir steckt hoffentlich ganz viel Mensch-sein […] als Person, die ostdeutsch ist, die dick ist, die Schwarz ist, die Behinderung erfährt, die Trauma erfährt […] kann ich mich positiv zeigen und dafür sorgen, dass andere Leute das Gefühl bekommen, sich damit zu verbinden und zu sagen: ‘Hey, wenn sie das schafft, schaffe ich es auch’.” Für Aukongo stellt sich die Frage, wie wir Themen wie Rassismus und Diskriminierung mit viel Liebe und viel Leidenschaft ausdiskutieren können.

Für sie ist Ostdeutschland kein Ort mehr, in dem Aukongo sich vollends wohl fühlt. Deshalb sei es legitim, sich als Person of Color, Orte zu suchen, in denen es ihnen gut geht. Diese Entscheidung für das eigene Wohlbefinden muss nicht erklärt oder gerechtfertigt sein.

“Rassismus war ja immer da, auch in der DDR, und auch noch heute”

Für die Journalistin Nhi Le werden die Perspektiven von migrantischen Menschen, von People of Color und von Schwarzen Menschen in der Berichterstattung und der Medienlandschaft nach wie vor nicht genug thematisiert. Zu dem Thema Ostdeutschland, sind es mehrheitlich weiße Deutsche, die schreiben, verfassen und interviewt werden. Hier könnte man auch von einer Ausradierung sprechen.

“So, als gäbe es [unsere] Perspektive überhaupt nicht. […] Ich werde hinterfragt, wieso ich Rassismus und rechtsradikale Strukturen thematisiere. Man muss nicht mal davon betroffen sein, um zu merken, dass hier ein gesellschaftliches Zusammenleben, meinetwegen auch eine Demokratie im Allgemeinen, angegriffen wird. Da muss doch eine Sensibilität herrschen. Wenn man den Finger in die Wunde legt, dass wollen die meisten Menschen nicht hören. Da ist noch viel zu tun,” erklärt Le.

Nhi Le

Die Zuhörer, die sich an dem Abend zusammengefunden haben, um sich dieser besonderen Podiumsdiskussion zu widmen, findet Le großartig, jedoch ist dieser Austausch nicht Teil der gesamtgesellschaftlichen Debatte. Menschen, die sich mit dieser Arbeit befassen, hätten schon ein Interesse. Sie kritisiert den Event-Charakter der Medien, dessen Berichterstattung nicht nachhaltig sei. “Unabhängig von jeder Landtagswahl, jedem Jubiläum, ist es doch trotzdem Lebensrealität,” sagt Le. “Bevor wir irgendwie Maßnahmen ergreifen, müssen wir erstmal einsehen, dass wir ein Rassismus Problem haben. Ich habe das Gefühl, wir hier in Deutschland sind noch gar nicht soweit.”

Ähnlich sieht es Schrader. Für sie hat es manchmal den Eindruck, als ob „wir hier oftmals drei Schritte in die richtige Richtung gehen und dann aber wieder vier Schritte zurück.“ Ein langsamer, sehr holpriger Fortschritt für den tagtäglichen Kampf gegen Rassismus in Deutschland. Aukongo vermerkt, dass es eine Diskussion von Rassismus-Betroffenen geben muss, die explizit sagen und benennen, was denn Rassismus sei. Es gäbe ein sehr verschobenes Verständnis im Allgemeinen. “Diese Definitionsmacht muss wieder zurück gegeben werden an die Menschen, die es erleben.”