Religiöse Vielfalt in China

Religiöse Vielfalt in China

von Shi Ming


Über Religion, Religiosität und Glauben in China ist viel gesagt und geschrieben worden: Hybrid-Glauben aus diversen religiösen Quellen wie etwa abgewandelte christliche Varianten oder auf Qigong basierenden Quasi-Religionen wie Falun Gong; starken Zulauf erfahren beinahe alle Glaubensgemeinschaften; Tempel, Kloster und Kirchen ziehen auch immer mehr Angehörige urbaner Eliten an, um nur wenige Beispiele zu nennen.

Hinter diesen überaus zutreffenden Beschreibungen birgt sich jedoch die Frage, warum eine kapitalistische Ökonomisierung und eine postmoderne Spaßgesellschaft ausgerechnet in einer traditionell als hyper-pragmatisch geltenden Gesellschaft wie der chinesisch-urbanen solch eine Blüte an Glauben und Religionen zu treiben vermögen. Woanders in der Welt beherrschen entweder eine Säkularisierung vorhandener Glaubensbewegungen oder aber eine Fundamentalisierung im Mantel der Rückbesinnung auf eigene Tradition scheinbar das Bild.

Die Frage lässt sich so leicht nicht beantworten, denn die These, nach dem Scheitern einer quasi-monotheistischen Ideologie (Maoismus als abgewandelte Form von Leninismus plus Stalinismus) will eine herrschende Sinnstiftung gesucht und gefunden werden, wird schon dadurch obsolet, dass eben keine vorherrschende, sondern diffuse Glaubensbewegungen entstehen und stärker wachsen.

Auch die These, dass Konsum und Profitgier alleine zu wenig Sinn für urban Berauschte in China stiften, erweist sich als wenig stichfest: Hyper-pragmatisch, wie die Chinesen von Sinologen und Anthropologen dargestellt werden, könnten gerade Sinnsuchende Chinas in allen Varianten säkularer Formen der Berauschung viel leichter heimisch werden. Diese Formen sind viel leichter variable, daher leichter „konsumierbar“ und produzierbar– Computergames als spirituelle Rauschmitteln, die die Welt vereinfacht darstellen als beherrschbaren Gegenüber für den eigenen Selbst, zugleich technizistisch grenzenlose Wandlungsfähigkeit suggerieren, um ein Beispiel zu nennen.

Ein Beispiel, das auch der dritten Erklärungsthese kaum zuträglich sein dürfte: Denn große, durchaus funktionsstarke Offline-Netzwerke der Online-Diskutanten bzw. Gamer-Netzwerke bilden beachtliche Gemeinden, die einer immerfort ausufernden Vereinsamung der Städter entgegenwirken. Indes speist sich sogar der aggressive Nationalismus aus Gamer-Gemeinden wie „China-Wolf-Union“, die eine faschistoide Satzung online hat veröffentlichen dürfen.

Noch etwas Anderes erregt Aufsehens: Zwar gibt es parallel verschiedene Glaubensgemeinschaften, die sich einander nicht zu verdrängen vermögen, was gern der Toleranz der chinesischen Hybrid-Kultur zugeschrieben wird. Aber innerhalb einzelner Glaubensrichtung nimmt die Tendenz zu, welche die einen als „Prinzipfestigkeit“ gegen die Beliebigkeitsgesellschaft predigen, derweil die anderen darin eine Fundamentalisierung auch in China erblicken: Verfolgte Falun Gong Kultivierende zeigen sich gern in Märtyrerposen genauso wie verfolgte Angehörige der Familienkirchen; reihenweise überlaufen gerade liberalistische Intellektuellen just zu den Evangelikanern a là Bush und Co., wenn es darum geht, ihre Ideale als einzig wahre Erlösungskonzepte für die Nation zu verteidigen.

Längst verstummt fast gänzlich die Diskussion darüber, ob religiös propagierte Tugendhaftigkeit „privater“, staatlich favorisierte „öffentlicher“ Moral zugerechnet werden sollte. Heute wollen sowohl die Diaspora-Opposition wie auch die Führung in Beijing firme Glaubenswerte in die jeweiligen politischen Programme einbeziehen: Offiziell verlautet aus der KP-Zentrale, man müsse Glauben und Religionen in den Aufbau einer harmonischen Gesellschaft einbinden – meint man da nur, wie vielfach geschildert wird, karikative Funktion des Glaubens, plus liturgische Breitenwirkung der Symbolsprache, etwa bei der staatlich organisierten Ahnenanbetung? Warum dann bieten fast alle renommierten Universitäten des Landes ganze Studiengänge zur Theologie aller Colours an?

Viele Fragen bleiben offen, derweil eines immer mehr ins Auge sticht: China sucht seine Mitte, neu und immer wieder aufs Neue. Kaum ein gesellschaftlicher Akteur, nicht die Politik, nicht die Kultur, nicht einmal Unternehmen, schaffen es noch, gänzlich „glaubensfrei“ zu operieren, sei es auch, um mit den Glauben großes Geld zu verdienen, wie etwa der Abt des weltbekannten Shaolin-Tempels, Shi Yongxin, bei einem eigens ihm zu Ehren gegebenen Festmahl angemerkt hat: „Weltweit haben nur 15 Prozent der Menschen keinen Glauben. In China haben nur 15 Prozent einen festen Glauben. Was für einen riesigen Markt!“

 

Shi Ming lebt als Journalist in Deutschland und beobachtet seit Jahren die Entwicklung der Meinungs- und Informations- freiheit in China. Das Bild zeigt ihn bei der Veranstaltung "Religion und Politik in China" im Juni 2008 in der Heinrich-Böll-Stiftung.