Rücküberweisungen: Gefahren für die langfristige Entwicklung der Empfängerländer

Rücküberweisungen: Gefahren für die langfristige Entwicklung der Empfängerländer

 

von Béatrice Knerr

Einleitung
Ausmaß und globale Verteilung der Rücküberweisungen

Unmittelbare wirtschaftliche Auswirkungen
Probleme der Rücküberweisungsökonomien
 Aussagekraft von Indikatoren und Messungen
 Monetäre Folgen
 „Dutch Disease“
 Ausbildung und Humankapital
 Umweltwirkungen
 Wirtschaftliche und politische Abhängigkeit

Fazit
Quellen
 

Einleitung

Schätzungsweise einer von 35 Menschen auf der Welt lebt außerhalb des Landes, in dem er geboren ist (Sander 2003). Das Geld, welches diese MigrantInnen regelmäßig zu Verwandten oder Freunden in ihre Herkunftsländer schicken, erscheint von den Einzelbeträgen her wenig, aber auf globaler Ebene summiert es sich zu gewaltigen Summen, welche für viele Familien das Überleben sichern und die wirtschaftliche Entwicklung zahlreicher ärmerer Länder dominieren. Mittlerweile übersteigt es bei Weitem die Höhe der internationale Entwicklungshilfe und hat die Aufmerksamkeit einflussreicher nationaler und internationaler Akteure auf sich gezogen, die hierin ein mögliches Instrument zur wirtschaftlichen Entwicklung der Empfängerländer sehen.

Rücküberweisungen1 internationaler ArbeitsmigrantInnen steigen weltweit. Insgesamt erreichte ihr offiziell registrierter Anteil 2007 rund 320 Mrd. US$. Einschließlich der inoffiziellen Transfers, d.h. der Beträge, die durch informelle Kanäle in die Heimatländer der MigrantInnen fließen, wird die Summe der Rücküberweisungen auf bis zum doppelten Betrag geschätzt. Für eine immer größere Zahl von Ländern, insbesondere arme Länder, sind sie mittlerweile zu einer der wichtigsten - und in vielen Fällen zur  allerwichtigsten - Devisenquelle geworden: Pakistan, Jemen, Mexiko, Sudan, um nur einige zu nennen. Angesichts dieser Beträge ist die Hoffnung gewachsen, dass sie einen signifikanten Beitrag nicht nur zur unmittelbaren Verbesserung der Lebensbedingungen der direkt begünstigten Familien, sondern auch zum wirtschaftlichen Wachstum der Herkunftsländer leisten. Tatsächlich weisen zahlreiche Untersuchungen darauf hin, dass Rücküberweisungen dabei helfen, Armut zu lindern, und die wirtschaftliche Entwicklung in armen Ländern zu fördern.

Übersehen werden dabei jedoch die langfristig negativen Auswirkungen dieser Rücküberweisungen. Indem sie ausgeblendet werden, kommt es zu politischen Fehlsteuerungen, welche dazu führen können, dass die damit verbundenen Belastungen sich weiter verstärken. Der vorliegende Beitrag weist auf die entsprechenden Problemfelder hin, um so eine Diskussion anzustoßen und zu weitergehenden wissenschaftlichen Untersuchungen anzuregen.

In diesem Beitrag wird zunächst ein Überblick über die Größenordnung, Entwicklung und Bedeutung der Rücküberweisungen, sowie deren Hauptempfänger- und Sendeländer gegeben. Danach werden theoretischen Überlegungen und empirische Erfahrungen bezüglich ihrer Rückwirkungen dargestellt und die Begründungen dafür erläutert, Rücküberweisungen als „Entwicklungsmotor“ zu sehen. Ferner werden die langfristigen Gefahren eines Zustroms an Rücküberweisungen, welche der Gesamtwirtschaft durch Veränderungen der gesamtwirtschaftlichen Strukturen u.a. drohen, erläutert. Schließlich werden Schlussfolgerung gezogen und politische Empfehlungen abgeleitet.

Ausmaß und globale Verteilung der Rücküberweisungen

Obwohl der Anteil internationaler MigrantInnen an der Weltbevölkerung seit den 1990er Jahren kaum zugenommen hat, sind die globalen Rücküberweisungen weltweit rapide und überproportional angestiegen. Betrachtet man jedoch nur die Bruttowanderungszahlen, d.h. nur die Zahl derer, die innerhalb eines Jahres ihr Heimatland verlassen haben, ohne Abzug der Rückkehrer, ändert sich das Bild. Denn immer stärker wächst die Zahl und der Anteil temporärer MigrantInnen, d.h. derjenigen Menschen, die, vor Allem bedingt durch gesetzliche Bestimmungen, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, und moderne Verkehrsverbindungen, nur für begrenzte Zeiten in den Gastländern bleiben, um dann wieder – vielleicht nur vorübergehend – in ihre Heimat zurückzukehren. Es bleibt damit eine enge Verbindung zur ursprünglichen Heimat erhalten, die durch moderne Kommunikationsmittel gestärkt wird. Die Folgen sind transnationale Haushalte, Familien und Gemeinden.

Viele sehen ihre Zukunft in ihren Herkunftsländern, oder haben zumindest noch immer eine so enge Bindung an ihre dortigen Familien und Gemeinden, dass sie regelmäßig und/oder zu besonderen Gelegenheiten, wie Hochzeiten, Krankheitsfälle, anstehende Haussanierung u.a., bedeutende Geldbeträge in die (alte) Heimat schicken. Aus zahllosen persönlich motivierten Überweisungen innerhalb der transnationalen Netzwerke entstehen so jährliche Geldströme in mehrstelliger Millionenhöhe, die gegenläufig zu den Migrationskorridoren fließen. 2007 erreichten allein die offiziellen Rücküberweisungen geschätzte rd. 318 Mrd. US$, eine Verdoppelung innerhalb von nur fünf Jahren (s. Abb. 1). Davon flossen 239.7 Mrd. in sog. Entwicklungsländer.


Quelle: Darstellung nach Angaben von World Bank (2008)

Da der Strom der MigrantInnen sich nicht gleichmäßig über die Welt verteilt, sondern sich vielmehr bestimmte „Trampelpfade“ herausgebildet haben, auf der Grundlage historischer Gegebenheiten, geografischer Nähe, sprachlicher und kultureller Affinitäten, und befördert durch wirtschaftliche Gegebenheiten, insbesondere ein bestehendes Wohlstandgefälle, fließen auch die Ströme dieser Rücküberweisungen hauptsächlich zwischen bestimmten Ländern. Die Top-Ten der Rücküberweisungen empfangenden Länder erhalten rund die Hälfte der Gesamtsumme (Zarate-Hoyos, German A., 2004). Die weltweit wichtigsten Quellen von Rücküberweisungen sind die USA (mit in 2006 42,2 Mrd. US$), Saudi Arabien (15,6 Mrd. US$), die Schweiz (13,8 Mrd. US$) und Deutschland (12.3 Mrd. US$). Die wichtigsten Empfängerländer sind Indien (mit in 2006 27 Mrd. US$), China (25,7 Mrd. US$), Mexiko (25 Mrd. US$), und die Philippinnen (17 Mrd. US$), wobei die Angaben nur diejenigen Beträge einbeziehen, die durch offizielle Kanäle gesandt wurden. (World Bank 2008).

Inoffizielle Wege, wie insbesondere die persönliche Überbringung durch den MigrantInnen, oder das insbesondere in Südasien praktizierte Hundi-System, sind üblich, und ihre Einbeziehung würde zu deutlich höheren Zahlen führen. Schätzungen aus den 1980er und 1990er Jahren zeigten folgende Anteile durch informelle Kanäle gesandter Rücküberweisungen: Ägypten 33%, Pakistan 43%, Tonga 43%, Phillippinnen 50% und Sudan 85% (Puri 2008). In der Regel erhalten die Empfängerländer den größten Teil ihrer Rücküberweisungen aus nur einem oder wenigen Ländern, so z.B. Mexiko aus den USA. Lesotho aus Südafrika, Jemen aus Saudi Arabien (errechnet mit Daten von World Bank 2008).

Der Einfluss, den diese Kapitalströme auf die Wirtschaft insbesondere von ärmeren Ländern haben, wird allein schon deutlich an ihrem Anteil am Bruttosozialprodukt einzelner Länder: so erreicht er z.B. in Tadschikistan, Moldawien und Tonga mehr als 30% am BSP, in Kirgisien, Honduras, Lesotho, Guyana, Libanon, Haiti und Jordanien mehr als 20% (errechnet mit Daten von IMF, International Monetary Statistics).

Rücküberweisungen sind besonders für die ärmsten Länderwichtig, wo sie fast ein Drittel aller Zuflüsse an internationalen finanziellen Ressource ausmachen, im Vergleich zu einem Fünftel in der Gruppe der unteren mittleren Einkommensgruppe und einem Achtel in der oberen mittleren Einkommensgruppe (Einkommensgruppen gemessen am Pro-Kopf-Einkommen nach der Einteilung der Weltbank, Gammeltoft 2002). Für einzelne Länder können diese Anteile noch erheblich höher sein.

Daten darüber, welchen Teil ihres Einkommens MigrantInnen tatsächlich nach Hause überweisen liegen aus vielen empirischen Einzelstudien vor. Diese Anteile variieren in Abhängigkeit von einer Vielzahl von Gründen, wie den persönlichen Charakteristika der MigrantInnen, ihrem Einkommen, den Lebenshaltungskosten im Gastland, dem Wechselkurs zwischen den Währungen im Heimat- und im Gastland, den Unterschieden in der Verzinsung angelegten Kapitals, oder der politischen Stabilität. So zeigt Sidiqqi in einer Studie, dass MigrantInnen aus Bangladesh im Durchschnitt mehr als 40% ihres Einkommens nach Hause überweisen (Sidiqqi 2002). Lateinamerikanische MigrantInnen, die planen, nur temporär in den USA zu arbeiten, überweisen durchschnittlich 50% ihres Verdienstes in die Heimat, während es bei permanenten Einwanderern nur 15% sind (USAID 2002). In einigen Fällen erhält der Migrant das im Ausland erworbene Einkommen erst nach der Rückkehr in sein Heimatland, wie es für z.B. die koreanischen und chinesischen Arbeitskräfte galt, die in bestimmten Infrastrukturprojekten im Ausland eingesetzt waren, wo sie lediglich Unterkunft und Verpflegung erhielten  (Nyberg Sorensen et al. 2002 und Sanders 2003).

Das Rücküberweisungsverhalten der MigrantInnen ändert sich im Laufe ihres Auslandsaufenthaltes in der Regel. Es drängt sich hierbei die Vermutung auf, dass die Höhe der Rücküberweisung typischerweise negativ mit der Dauer der Abwesenheit von der ursprünglichen Heimat korreliert. Dies ist jedoch nicht immer der Fall: vielmehr zeigen sich typische nationale Unterschiede. So stellte z.B. Orozco (2003b) fest, dass mexikanische MigrantInnen in den USA im fünften bis zehnten Aufenthaltsjahr die höchsten Beträge überwiesen. Dies kann dadurch erklärt werden, dass unmittelbar nach der Ankunft mit der Abwanderung verbundene Schulden beglichen werden müssen (insbesondere Bezahlung von Schleusern).

Darüber hinaus entstehen zu Beginn Ansiedlungskosten, während oft noch kein oder nur ein relativ gering bezahlter Arbeitsplatz zur Verfügung steht. Später lockern sich die Bindungen an die Familie in der Heimat, bzw. engere Familienmitglieder werden nachgeholt, während die Integration in die neue Heimat erhöhte Ausgaben nach sich zieht. Im Gegensatz dazu zeigt Koc (2001), dass im Fall türkischer Diaspora die Dauer des Aufenthalts und auch die Familienzusammenführungen nicht zu einem Rückgang der Rücküberweisungen führten, sondern das Gegenteil der Fall war, und auch die türkischen Diasporamitglieder der zweiten Generation Rücküberweisungen in die ursprüngliche Heimat ihrer Eltern sandten.

Unmittelbare wirtschaftliche Auswirkungen

In vielen Ländern mit starker Arbeitsmigration ins Ausland und damit verbundenen Rücküberweisungen sind diese Geldzuflüsse schon seit Jahrzehnten ein zentraler und stabiler Wirtschaftsfaktor. Das Potenzial von Rücküberweisungen, die wirtschaftliche Entwicklung der Empfängerländer voranzutreiben, wird oft betont (s. z.B. de Haas 2005). Tatsächlich lassen sich für viele Länder positive Auswirkungen auf wirtschaftliche Wachstumsindikatoren feststellen.

Wenig umstritten sind die positiven Auswirkungen der Rücküberweisungen auf die Empfängerhaushalte. Optimismus verbreitet bereits die seit den 1970er Jahren einflussreiche Theorie der sog. „New Economics of Labour Migration“ (NELM)2. Sie betont den engen Zusammenhang zwischen den Abwanderungsmotiven, welche geprägt sind von dem Wunsch nach Rücküberweisungen zur Verbesserung des Wohlstandes der Familie einerseits, und der Höhe und Verwendung der Rücküberweisungen andererseits. Dementsprechend erfahren, die Migrantenhaushalte, wenn sich die Planungen erfüllen, eine Verbesserung ihres Lebensstandards Dieses strategische Verhalten ist durch zahlreiche empirische Arbeiten belegt3. Ebenso zeigen zahlreiche Fallstudien, dass Rücküberweisungen signifikant zur Armutsminderung beitragen (s. Acosta 2006, Adams and Page 2005, Schrieder and Knerr 2000).

Das Interesse der Regierungen richtet sich darauf, den Zufluss an Rücküberweisungen zu maximieren, weil es eine relativ bequeme Devisenquelle ist, was vor Allem angesichts tatsächlicher oder drohender Auslandsverschuldung eine besondere Rolle spielt, und weil damit der Lebensunterhalt ärmerer Familien gesichert wird, um die sich ansonsten der Staat kümmern müsste, wenn soziale Spannungen oder sogar politische Unruhen vermieden werden sollen.

Länder wie Bangladesch, Pakistan, Jordanien, Guatemala, Lesotho und viele andere, beziehen seit langer Zeit den größten Teil ihrer Devisen aus dieser Quelle. Zahlreiche Maßnahmen, wie Regierungsabkommen mit Empfängerländern, spezielle Sparprogramme mit Sonderverzinsungen für Rücküberweisungen oder spezielle Ausbildungsprogramme für Migrationswillige sollen dazu beitragen, den Strom der Rücküberweisungen zu erhalten oder noch weiter zu steigern. Anhand vieler Beispiele, wie Pakistan, Türkei oder die Philippinnen zeigt sich, wie sehr einige Regierungen sich darum bemühen, mehr Rücküberweisungen ins Land zu locken. Teil dieser Bemühungen sind Versuche, die Transaktionskosten u.a. durch Beeinflussung der Banken, zu senken (s. z.B. DFID 2003). Einige Regierungen setzen auf die Förderung transnationaler MigrantInnenorganisationen,

Der Verwendung von Rücküberweisungen für Investitionszwecke wird wirtschaftspolitisch große Bedeutung beigemessen. Einige Regierungen, wie z.B. die pakistanische oder die mexikanische (s. Zarate-Hoyos 2004)  bemühen sich, durch unterschiedliche Maßnahmen die produktive Investition aus Rücküberweisungen zu fördern, um damit das  wirtschaftliche Wachstum anzukurbeln, und den Migrantenfamilien eine dauerhafte Lebensgrundlage zu sichern. Im Rahmen transnationaler Migrantenorganisationen werden auch Programme zur Mobilisierung von Rücküberweisungen für öffentliche Projekte, wie Straßen oder Schulen, initiiert. Bekannt geworden ist hier z.B. das Tres-Por-Uno-Programm in Mexiko (s. Hamann 2007).

Allerdings zeigt sich, dass für Migrantenfamilien zunächst der Konsum (einschließlich konsumtiver Investitionen, wie Häuserbau) Vorrang hat.  Weltweit wird der größte Teil der Rücküberweisungen ausgegeben für den täglichen Bedarf, d.h. Konsum und Verbesserung des Lebensstandards, Medizin und ärztliche Versorgung, Ausbildung; für dauerhafte Konsumgüter, wie Fernsehgeräte oder Waschmaschinen, Hausbau oder Verbesserung der Wohnverhältnisse; den Kauf von Land oder Vieh; Investitionen in das sozio-kulturelle Leben, wie z.B. Hochzeiten, sowie die Rückzahlung von Schulden. Schließlich fließt ein geringerer Teil in Ersparnisse und Einkommen schaffende Aktivitäten (Sanders 2003)

Dieser Euphorie hat sich seit Anfang der 2000er Jahre auch die Weltbank angeschlossen. Sie betont seither das Potenzial, welches Rücküberweisungen für die Entwicklung armer Länder haben, eventuell als mögliches Substitut für Entwicklungshilfe (s. Ratha 2003). Seither steigt auch die Zahl der auf Rücküberweisungen bezogenen Berichte und Konferenzen internationaler und nationaler Organisationen, wie z.B. OECD, IMF oder IADB (Interamerican Development Bank). Gleichzeitig nimmt auch die Zahl wissenschaftlicher Untersuchungen, zu welche sich mit Ausmaß und Auswirkungen der Rücküberweisungen, die in ärmere Länder fließen, beschäftigen, und die in der Regel ihre positiven ökonomischen Wirkungen betonen.

Auf Basis dieser Aktivitäten und Ergebnisse haben unter dem Stichwort „Co-Development“ seit Mitte der 2000er Jahre Geberstaaten von Entwicklungshilfe, wie z.B. Spanien, Programme initiiert, in welchen sie transnationale Gemeinden, z.B. in Ecuador und Spanien, miteinander verbinden, und in diesem Rahmen Entwicklungshilfemaßahmen mit der Steuerung von Rücküberweisungen verknüpfen (s. Ponce et al. 2008).  Auch ältere Programme, wie das Agricultural Seasonal Workers Programme, welches zwischen der kanadischen und der mexikanischen Regierung abgeschlossen wurde, werden ausgebaut, um die Investitionen der MigrantInnen in der Heimat zu fördern. Hierbei zeigte die Studie von Basok (2003), dass vor allem MigrantInnen aus ärmeren Gemeinden in Land investieren, und damit langfristig ihre Existenzgrundlage verbessern, und weniger MigrantInnen aus wohlhabenderen Gemeinden, weil dort die Bodenpreise relativ hoch sind.

Bei der Betrachtung der Anpassungsprozesse an Rücküberweisungen ist zu beachten, dass diese Geldzuflüsse auf unterschiedliche wirtschaftliche und auch soziale Strukturen treffen können, und sich demnach auch die Konsequenzen unterschiedlich ausprägen. Die Auswirkungen der Abwanderung von Arbeitskräften und die der Rücküberweisungen sind häufig nicht zu trennen. Dies gilt insbesondere dort, wo die Abwanderung von Arbeitskräften bereits zu Arbeitskräftemangel geführt hat, wie dies z.B. im Jemen, in Lesotho, und einer Reihe weiterer, besonders kleiner Länder, wo 30% und mehr der arbeitsfähigen Bevölkerung im Ausland beschäftigt ist, der Fall ist. Die Rücküberweisungen fließen dann in ein Land mit knappen Arbeitsressourcen, wo die Löhne angesichts zunehmender Nachfrage steigen.

Die Kehrseite der Medaille, nämlich die negativen Effekte der Rücküberweisungen, die in der Regel erst langfristig zutage treten, wird jedoch kaum beachtet. Die Politik blendet sie angesichts der kurzfristigen Geldschwemmen und der damit verbundenen Euphorie, aus, und auch wissenschaftlich ist dieses Gebiet wenig bearbeitet. Einzelne Fallstudien, die in die Tiefe gehen, sind relativ rar.

Probleme der Rücküberweisungsökonomien

Aussagekraft von Indikatoren und Messungen

Werden, wie in der Vielzahl empirischer Studien zu den Auswirkungen der Rücküberweisungen, quantitative Indikatoren für die zu untersuchenden Phänomene herangezogen, stellt sich die Frage, ob das Richtige gemessen wird, d.h. haben die gewählten Indikatoren und/oder deren Maßstab die gewünschte Aussagekraft bezüglich des jeweiligen Sachverhalts. Entsprechende Untersuchungen weisen bisweilen systematische Schwächen auf. Das kann im Einzelfall bedeuten, dass als positiv dargestellte Effekte nicht tatsächlich auch eingetreten sind.

So wird als Maßstab für die Auswirkungen auf das wirtschaftliche Wachstum bisweilen das Brutto- oder Nettonationaleinkommen (NNE) verwendet. Definitionsgemäß enthält dieses Aggregat jedoch auch die Faktoreinkommen aus dem Ausland. Angemessen für den Zweck, durch Rücküberweisungen gegebene wirtschaftliche Impulse für das Inland zu messen erscheint jedoch das Nettoinlandsprodukt (NIP), das nur die inländische Produktion von Gütern und Dienstleistungen erfasst.

Wenn es um Erkenntnisse über das tatsächliche Wohlfahrtsniveau der Bevölkerung oder die Deckung von Grundbedürfnissen geht, sind jedoch auch Angaben über die Zu- oder Abnahme des  NIP nicht ausreichend. Die „Entwicklung“ eines Landes wäre dann anhand sozialer Indikatoren zu messen, wie sie z.B. durch den Human Development Indicator repräsentiert werden. Die kann zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen führen (s. hierzu UNDP 2008).

Häufig werden als Indikatoren für die Auswirkungen auf das Wohlfahrtsniveau Ausgabenkategorien herangezogen, um damit Effekte auf wohlfahrtsbestimmende Aggregate anzeigen. Ausgaben für bestimmte Zwecke und tatsächliche Wirkungen dieser Ausgaben sind jedoch nicht unbedingt identisch. Daher sind derartige Indikatoren nicht ausreichend zuverlässig. Dieses Problem wird z.B. deutlich in der Untersuchung von Ponce, Olivié und Onufa. Sie zeigt – wie bereits andere Studien zuvor -, dass Rücküberweisungen nach Ecuador zwar zu einer Erhöhung der Ausgaben für Ausbildung und Gesundheit geführt haben; allerdings lässt sich kein positiver Effekt auf den Gesundheitsstand und das Ausbildungsniveau als solches nachweisen (Ponce et al. 2008).

Fehler bei Rückschlüssen von Fallstudien auf allgemeine Wirkungsmechanismen und die (positiven oder negativen) Auswirkungen von Rücküberweisungen auf ein ganzes Land liegen auf der Hand. Jede dieser Studien ist kontextbezogen, und kann keine sorgfältige und langfristig orientierte makroökonomische Analyse ersetzen.

Monetäre Folgen

Monetäre Implikationen werden bei der Frage nach den Auswirkungen von Rücküberweisungen weit weniger untersucht als unmittelbar betroffene realwirtschaftliche Phänomene (s. hierzu UNDP 2008), obwohl deren Folgen ebenso weit reichend sind. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die Auswirkungen auf Inflationsrate und Wechselkurs zu nennen, welche auch langfristige Veränderungen  der gesamtwirtschaftlichen Struktur zufolge haben können.

Auch die wissenschaftliche Literatur konzentriert sich weit überwiegend auf realwirtschaftliche Aspekte. In die Analyse einbezogene makroökonomische Theorien verwenden meist handelstheoretische Modelle, welche die monetäre Natur dieser Ströme in den Hintergrund rücken (Ball 2008).  Wird der Fokus auf monetären Variablen gerichtet, wie Inflation oder das nominale Geldangebot, wird deren Einfluss jedoch deutlich, und es wird unmittelbar klar, dass der Geldpolitik in der Rücküberweisungsökonomie eine zentrale Rolle zukommen sollte.

Die kritischen Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen, sind, ob diese Devisenzuflüsse inflationär wirken, wie sie insbesondere über Wechselkurseffekte die Konjunktur beeinflussen, und inwieweit sie absolute und / oder relative Preisänderungen hervorrufen, welche Re-Allokationen der heimischen Ressourcen zufolge haben.
 
Inflation

Rücküberweisungen erhöhen die Kaufkraft im Empfängerland, und damit die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Darauf ist die heimische Wirtschaft in aller Regel nicht vollständig eingestellt, d.h. bei einer bei einem Anstieg der Nachfrage um ein Prozent steigt die heimische Produktion um weniger als ein Prozent. Je nach vorhandenen Produktionskapazitäten ist diese Reaktion im Einzelfall mehr oder weniger ausgeprägt. Die steigende Nachfrage bei begrenzt steigerungsfähigem Angebot führt zu Inflation.

Die Preise bestimmter Güterkategorien steigen dabei typischerweise besonders stark an. Dies trifft vor Allem für Güter zu, die entweder aufgrund ihrer physischen Eigenschaften (leicht verderblich oder nicht transportierbar, wie z.B. Dienstleistungen, Häuser oder Boden) oder aufgrund von effektiven Handelsbeschränkungen (die durch die WTO-Vereinbahrungen jedoch an Bedeutung verloren haben) nicht international handelbar sind. Der inflationäre Druck ist daher umso stärker, je mehr sich die Nachfrage sich einerseits auf solche Güter richtet, und je weniger flexibel andererseits das heimische Angebot, z.B. aufgrund von Arbeitskräftemangel, darauf reagiert. Inflationäre Tendenzen als signifikante Auswirkung von Rücküberweisungen wurden z.B. in einer Untersuchung von Knerr (1998) in allen betrachteten 14 Ländern festgestellt, und auch in mehreren späteren Studien bestätigt.

International handelbare Güter dagegen werden in aller Regel von solchen Preissteigerungen weniger betroffen, weil die heimische Produktion durch Importe ergänzt werden kann. Preissteigernd wirken dann eventuell nur noch die inländischen Transportkosten. Da die handelbare Güter produzierenden Sektoren mit den anderen heimischen Sektoren um die nun auch teurer werdenden Produktionsfaktoren konkurrieren müssen, verlieren sie zusätzlich an Konkurrenzfähigkeit. Hat die Abwanderung von  Arbeitskräften ins Ausland auch spürbaren Arbeitskräftemangel im Inland zufolge, wird dieser Effekt entsprechend verstärkt. Aufgrund dieser Veränderung der heimischen Preisverhältnisse kommt es tendenziell zu einer Re-Allokation der heimischen Produktionsfaktoren zu Gunsten der nicht-handelbaren Güter, während die Sektoren, welche handelbare Güter herstellen, schrumpfen.

Unter den Folgen der Inflation leiden kurzfristig vor allem diejenigen Haushalte, die keine Rücküberweisungen erhalten, vorwiegend handelbare Güter herstellen, und vom Import  nicht profitieren können. Gruppen mit nominal festgelegten Kontrakteinkommen, wie z.B. Empfänger staatlicher Sozialtransfers, können besonders negativ betroffen sein. Längerfristig nimmt die gesamtwirtschaftliche Entwicklung des Empfängerlandes Schaden, weil die Inflation die Planungssicherheit der Wirtschaftsakteure vermindert und eine Ausrichtung der Produktions- und Handelsstrukturen auf international nicht  handelbare Güter gefördert wird.

Wechselkursveränderungen

Durch Rücküberweisungen kommen erhebliche Devisenmengen in die Entsendeländer der MigrantInnen. Sie werden in heimische Währung umgetauscht und dann ausgegeben4. Dadurch steigt die Nachfrage nach heimischer Währung und damit bei Wechselkursflexibilität - die in der Regel gilt -  auch deren Wechselkurs. Dies bedeutet für inländische Produkte eine Verminderung ihrer Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt: Importe werden billiger und verdrängen das heimische Angebot, und Exporte verteuern sich. Eine exportorientierte Produktion wird somit erschwert, bzw. kann sich erst gar nicht entwickeln, während der inländische Absatz sich gegen relativ billige Importe schwerer durchsetzen kann. Die Volkswirtschaft verliert an Potenzial zur eigenständigen Devisenbeschaffung, und gerät gleichzeitig in zunehmende Abhängigkeit von Importgütern.

Die steigende Geldnachfrage infolge des Devisenumtausches zieht überdies steigende Zinsen nach sich, was für die heimischen Produzenten zunehmend belastend ist.

„Dutch Disease“

Besonders nachteilig für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung einer Rücküberweisungsökonomie ist die Ausbildung einer sog. Dutch Disease infolge eines Rücküberweisungsbooms. Sie ist gekennzeichnet durch einen Rückgang (bzw. eine nicht stattfindende Entwicklung) der heimischen Industrie, inflationäre Tendenzen und eine langfristige Verschiebung der gesamtwirtschaftlichen Produktionsstruktur hin zur Herstellung international nichthandelbarer Güter. (Hierzu z.B. Krugman, 1987)

Dutch Disease (der Name kommt daher, dass die Niederlande das erste Land waren, für das diese spezifische Entwicklung wissenschaftlich beschrieben und analysiert wurde) ist ein typisches Phänomen Rohstoffe exportierender Länder. Charakteristisch ist hierbei der Zufluss eines großen Anteils der erwirtschafteten Devisen aus dem Export von Gütern, die keine signifikanten Forward- und Backward-Linkages für die Wirtschaft mit sich bringen. Bei Devisenzuflüssen in Form von Rücküberweisungen ist dies in besonderem Maß gegeben. Auch wenn sie die Folge von „Arbeitsexporten“ handelt es sich defintionsgemäß um reine Transfers, d.h. Devisenzuflüsse ohne die Leistungsbilanz tangierende Gegenleistungen durch die heimische Wirtschaft. Von Knerr (1990) wurde Dutch Disease erstmals für die Arbeit exportierenden Länder Südasiens beschrieben.

Dutch Disease ergibt sich aus der Kombination von Wechselkursverschiebungen, inflationären Tendenzen und begrenzter Angebotsflexibilität. Ursache ist der Zustrom großer Devisenmengen in die heimische Wirtschaft, wo sie eine Aufwertung der heimischen Währung verursachen, was wiederum dazu führt dass einheimische Produkte auf dem Weltmarkt an Wettbewerbsfähigkeit verlieren (s.o.).

Nicht betroffen von Verlust der Wettbewerbsfähigkeit sind international nicht handelbare Güter. Da durch die erhöhte Kaufkraft im Allgemeinen die Nachfrage auch nach diesen Gütern steigt, deren Angebot aber, besonders bei zunehmendem Arbeitskräftemangel. diese zusätzliche Nachfrage nur zu höheren Preisen befriedigen kann, kommt es zu Preissteigerungen der nicht-handelbaren relativ zu den handelbaren Gütern. Es entsteht soz. ein doppelter Wechselkurseffekt: einer im Verhältnis der einheimischen Währung zur Währung anderer Länder, und einer im Inneren durch eine Erhöhung der Preise nicht-handelbarer Güter zu denen der handelbaren. In jedem Fall führt es zu einer Verschiebung der Produktionsstruktur hin zu nicht-handelbaren Gütern.

Dutch Disease schadet besonders Ländern im frühen Stadium der Industrialisierung, denen damit die Grundlagen für eine eigenständige Industrialisierung entzogen werden. Durch den  Rückgang der Exporte und den Anstieg der Importe werden die so häufig gelobten positiven Wirkungen der Rücküberweisungen auf die Zahlungsbilanz zumindest teilweise konterkariert. Darüber hinaus wirken die dadurch bedingten Veränderungen der Produktions- und Außenhandelsstrukturen noch viele Jahre nach – auch dann noch, wenn der  Rücküberweisungsboom längst vorbei ist, weil die MigrantInnen zurückgekehrt sind, oder die alten Bindungen zu ihrem Herkunftsland sich soweit gelockert haben, dass kein oder nur noch wenig Geld geschickt wird.

Insbesondere in größeren Ländern werden von einer Dutch Disease bisweilen nur einzelne Regionen betroffen. Paradoxerweise sind dies vorrangig die wichtigsten Abwanderungsregionen des Landes (sog. Migration Pockets), was sich jedoch aus den o.st. Überlegungen ohne weiteres ableiten lässt (Knerr 2005). Verstärkt wird eine solche Entwicklung vor allem in landwirtschaftlich geprägten Regionen dadurch, dass steigende Bodenpreise in „Migration Pockets“ dazu führen, dass das Land nicht mehr zu den „besten Wirten“ wandert, d.h. in die Hände derjenigen, die den höchsten Ertrag erwirtschaften, sondern vielmehr spekulative, Sicherheits- und Prestigeüberlegungen dominieren.

Ausbildung und Humankapital

Zu einer weiteren langfristigen Belastung für die wirtschaftliche Entwicklung von Entsendeländern kann die häufig beobachtete Ausrichtung der Ausbildungsstruktur auf die Bedürfnisse der (potentiellen) Zielländer werden. Angesichts der enormen Summen, welche die im Ausland tätigen Arbeitskräfte in die Heimat schicken, und der Demonstration ihres verbesserten Lebensstandards entsteht sowohl innerhalb ihrer Familien als auch bei Dritten der Wunsch, selbst ins Ausland zu gehen, bzw. ein (weiteres) Familienmitglied dorthin zu schicken. Es wird daher eine Ausbildung angestrebt, die diese Chancen erhöht (s. z.B. Zaqqa 2006). Oft wird sie wiederum aus Rücküberweisungen finanziert.

Regierungen ziehen hier mit den MigrantInnen und ihren Familien oft „an einem Strang“; auch sie sind interessiert an einem hohen Zufluss an Rücküberweisungen und unterstützen solche Ausbildungswege, oft durch eigenen Bildungseinrichtungen und/oder mit speziellen Kursen für migrationswillige Menschen.

Auf Haushaltsebene ist infolge hoher Rücküberweisungen oft ein Rückzug von Familienmitgliedern aus dem Erwerbsprozess zu beobachten und damit eine verminderten Produktion insbesondere in Sektoren, wo ein relativ hoher Arbeitsinput erforderlich ist, wie die Landwirtschaft (s. z.B. für Pakistan Khan 2008).

Umweltwirkungen

Die aus den Rücküberweisungen getätigten Ausgaben können langfristig zu erheblichen, oft irreversiblen Schäden für die Umwelt und zum Verbrauch nicht regenerierbarer natürlicher Ressourcen führen.

Die infolge der Rücküberweisungen steigende Nachfrage bringt einen erhöhten Ressourcenverbrauch mit sich. Dabei entscheiden die Art der Nachfrage, und der Kontext, in dem sie sich entfaltet, über die längerfristigen Umweltimplikationen. Die meisten Rücküberweisungen fließen in Länder und Regionen, welche von Desertifikation betroffen sind, wie Mexiko, Jordanien, Pakistan oder Jemen (Knerr 2000). Überdies fließt der größte Teil der Rücküberweisungen in ländliche Räume, aus denen die meisten MigrantInnen stammen5. Eine durch die Verwendung der Rücküberweisungen besonders negativ betroffene Ressource ist in diesem Zusammenhang Wasser. Fließen die Rücküberweisungen in den ländlichen Raum, und insbesondere zu landwirtschaftlichen Familien, wird gerne in Bewässerungsanlagen investiert. Wird kein, oder ein nur geringer Preis für das Wasser erhoben, wird auf die verbrauchte Menge kaum geachtet. Es kommt zu Verschwendung, die oft genug auch eine Prestigekomponente hat: man lässt das Wasser viele Stunden laufen, um zu zeigen, dass man sich das leisten kann. In stark von Migration betroffenen Gebieten fällt so der Grundwasserspiegel immer mehr, während die einzelnen Haushalte durch das Bohren immer tieferer Brunnen um das verbliebene Wasser konkurrieren. Einer dieser Fälle ist der Jemen, wo fossiles Grundwasser betroffen ist.

Hier kann auch der Hausbau, die unter MigrantInnen weltweit beliebteste Investitionsform, eine verstärkende Rolle spielen. So ist es in vielen Regionen üblich, dass jedes Haus seinen eigenen Brunnen hat, sofern die/der BesitzerIn sich das leisten kann. Rücküberweisungen geben dazu die Möglichkeit. Die Absenkung des Grundwasserspiegels in Migration Pockets ist häufig die Folge.

Wie sehr hier eine einzelfallbezogene  Betrachtung notwendig ist, zeigt der Fall des indischen Bundesstaates Kerala: auch hier kam es seit dem Beginn der Massenmigration in die ölreichen Staaten des Mittleren Ostens zu einem Bauboom. Verwendet wurden dazu vor Allem Backsteine, welche aus Lehm hergestellt wurde, der aus den Reisfeldern geholt wurde. Dies hat zu einem Abtrag fruchtbaren Bodens geführt, und damit zu einem Rückgang der Nahrungsmittelproduktion.

Abwanderung ist oft die Folge ungünstiger Entwicklungen der Unwelt, insbesondere Dürren, und Desertifikation (EACH-FOR, 2008). Sieht man von der sog, „Umweltflucht“ engeren Sinne, d.h. der kurzfristigen Flucht vor Umweltkatastrophen, ab, auf die im vorliegenden Beitrag nicht näher eingegangen wird, so erfolgt die Reaktion auf sich verschlechternde Umweltbedingungen durch Abwanderung als allmählicher Prozess über einen längeren Zeitraum. Solche Prozesse erfassen vorrangig die landwirtschaftliche Bevölkerung, da sie zur Sicherung ihrer Existenzgrundlagen auf die natürlichen Ressourcen angewiesen ist.

In aller Regel verlassen zuallererst Familienmitglieder mit relativ hoher Arbeitsproduktivität die Region verlassen, da ihre Chancen, im Ausland eine Arbeit zu finden, am höchsten sind. Haben sie eine bezahlte Beschäftigung gefunden senden sie Rücküberweisungen. Deren spezifische Verwendung kann jedoch zu einer weiteren Verschlechterung der Umweltbedingungen führen. So ist z.B. oft zu beobachten, dass gerade auch in von Dürren betroffenen Regionen die Rücküberweisungen dazu genutzt werden, um tiefere Brunnen zu bohren und Pumpen zu kaufen, um dem Wassermangel entgegenzuwirken, oder die Rinderherden zu vergrößern, um besser gegen klimatische Risiken gewappnet zu sein. Dieses Verhalten, vom Standpunkt des einzelnen MigrantInnen und seiner Familie durchaus rational, verschlechtert die Situation für die Natur und die von ihr abhängigen Menschen weiter. Oft leiten die mit der Abwanderung verbundenen Rücküberweisungen so einen sich selbst verstärkenden kumulativen Abwärtsprozess ein (Knerr 2000 und 2004).

Wirtschaftliche und politische Abhängigkeit

Häufig besteht eine wirtschaftliche Abhängigkeit des Entsendelandes vom Zuwanderungsland. Für die Zuwanderungsländer spielt die Überlegung, wie weit MigrantInnen Konjunkturauf- und Abschwünge puffern können spielt in zahlreichen Industrieländern eine Rolle. Verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage, sind die ausländischen Arbeitskräfte oft bei den ersten, die entlassen werden (Puhani 2001). Ob sie dann das Gastland verlassen müssen oder nicht – einen Rückgang der Rücküberweisungen bedeutet es in jedem Fall.

Dass massenweise MigrantInnen von einem Tag auf den anderen aus dem Gastland vertrieben werden, kommt eher selten und wenn, dann vor allem in afrikanischen Ländern vor. Normalerweise verlieren die MigrantInnen zunächst ihre Arbeitsplätze, bzw. finden keine neuen Arbeitsplätze mehr, und kehren dann, je nach gesetzlicher Regelung von Zuwanderung- und Aufenthaltsrechten, eventuell in die Heimat zurück, wie es zahlreiche ecuadorianische oder marokkanische MigrantInnen in Spanien taten. Sie kehren dann in Länder zurück Folgen für die Herkunftsländer, die jedoch nicht mehr dieselbe Struktur aufweisen als vor der Abwanderungswelle. Doch auch wenn die MigrantInnen (zunächst) im Gastland bleiben, führt der Verlust von Arbeitsplätzen zu einem Rückgang der Rücküberweisungen in die Heimat.

Auch politische Instabilitäten im Gastland und politische Spannungen zwischen Gast- und Herkunftsland können dazu führen, dass die MigrantInnen innerhalb kürzester Zeit ein Gastland verlassen müssen, Dass der damit verbundene Ausfall von Rücküberweisungen zu einem wirtschaftlichen Desaster im Herkunftsland führen kann, hat sich z.B. im Verlauf des Golfkrieges 1990 für Jemen gezeigt, wo es infolgedessen zu erheblichen politischen Unruhen kam.

Fazit

Die kurzfristigen Auswirkungen der Rücküberweisungen sowohl auf den Wohlstand der Migrantenfamilien als auch auf die wirtschaftliche Situation in den Empfängerländern dieser Transfers erscheinen überwiegend positiv. Langfristig können jedoch die zunächst sowohl makroökonomisch als auch auf Haushaltsebene günstigen materiellen Auswirkungen  erhebliche wirtschaftliche Probleme mit sich bringen, die insbesondere dann an die Oberfläche treten, wenn der Strom der Rücküberweisungen versiegt oder auch nur deutlich zurückgeht. Die Post-Rücküberweisungsökonomie muss sich dann mit wirtschaftlichen Strukturen arrangieren, die durch den Zufluss der Rücküberweisungen geschaffen wurden, und darauf ausgerichtet sind. Sie könne nur schwer und über einen langen Zeitraum verändert werden. Angesichts solcher Perspektiven müssen, wenn schwere Krisen vermieden werden sollen, die Auswirkungen dieser Transfers in allen relevanten Bereichen rechtzeitig berücksichtigt und Fehlentwicklungen gegengesteuert werden.

Hier ist jedoch noch erhebliche Aufklärungs- und Forschungsarbeit zu leisten, denn Untersuchungen in diesen Bereichen sind relativ rar, im Vergleich zu Studien, welche sich mit den kurzfristigen Auswirkungen auf Haushalts- und gesamtwirtschaftlicher Ebene beschäftigen. Ein tieferes Verständnis für die oben angeführten Probleme sollte Politiker und Zivilgesellschaft über notwendige Maßnahmen im Interesse einer langfristig positiven  wirtschaftlichen Entwicklung und der Schonung von Umwelt und natürlichen Ressourcen informieren. Wichtig wären hier länderspezifische Untersuchungen und Erfahrungsaustausch, denn, wie oben gezeigt, sind  die Auswirkungen der Rücküberweisungen stark davon bestimmt, auf welche ökonomischen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen sie treffen.

Bezüglich der Steuerung der wirtschaftsstrukurellen Entwicklung könnte u.U. an einen Schutz oder eine Förderung einheimischer Industrien gedacht werden. Angesichts der Tatsache, dass fast alle Arbeit exportierenden Länder WTO-Mitglieder sind, kommt ein Außenschutz durch Zölle oder andere Importbeschränkungen allerdings in nur wenigen Fällen in Frage.

Geldpolitik sollte in allen Rücküberweisungsökonomien eine zentrale Rolle spielen. Sie stellt allerdings hohe Anforderungen an die wirtschaftspolitischen Steuerungskapazitäten. Oft sind die notwendigen Fachkräfte nicht vorhanden, u.U. weil sie ins Ausland abgewandert sind. Hier sollten Anreize zur Rückkehr geschaffen und/oder Experten aus anderen Ländern (z.B. im Rahmen entwicklungspolitischer Zusammenarbeit) oder von internationalen Organisationen ins Land geholt werden. Jedoch kann in Ländern, in die große Devisensummen auf informellen Wegen und ohne Aufzeichnung fließen, auch die beste Geldplitik ins Leere laufen, weil Basisinformationen fehlen. Hier wäre als erster Schritt der Versuch notwendig, diese Informationen zu beschaffen.

Eine Politik, welche zur Ressourcenschonung beitragen möchte, sollte insbesondere auf die Folgen der Rücküberweisungen für den Wasserverbrauch achten. Wo Geld für komplementäre Investitionen zur Übernutzung natürlicher Open-Access Ressourcen zur Verfügung steht, sollte durch eine lenkende Preispolitik, durch Quotierungen oder Verbote eingegriffen werden, aber auch durch Technologieberatung, z.B. im Hinblick auf effizienten Wasserverbrauch. Um solche Maßnahmen effektiv durchzusetzen bedarf es stabiler Regierungen, effizienter Verwaltungen und eines möglichst korruptionsfreien Kontrollapparats. Davon kann allerdings nicht immer ausgegangen werden.

Allgemein gilt sicherlich dass die Regierungen Arbeit exportierender Länder den Aspekt der Rücküberweisungen in alle Politikbereiche einbeziehen sollten. Auch Drittstaaten, internationale Organisationen und Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit müssten daran Interesse haben, denn die Folgen sozialer Unruhen in diesen Ländern haben letztendlich alle zu tragen.

Oft ist jedoch die Regierungspolitik selbst Teil des Problems. Rücküberweisungen sind eine bequeme Devisenquelle, die dabei helfen kann, auch eine wenig effiziente Politik finanzierbar zu machen. Überdies können sie als von Außen kommendes Mittel zur Linderung der Armut dazu beitragen, dass notwendige Reformen verzögert und Maßnahmen zum Schuldenabbau nicht in Angriff genommen werden. Mit zusätzlichem Aufwand verbundene vorbeugende Maßnahmen, die eventuell auch bei Teilen der Bevölkerung auf Ablehnung stoßen, werden unter solchen Umständen eher vermieden.

Die Folgen der seit 2008 drohenden globalen Rezession, die aller Voraussicht nach über die nächsten Jahre andauern wird, werden jedoch drastisch klar machen, dass die oben aufgezeigten Gefahren sehr schnell Realität werden können. Die Medien melden bereits aus vielen Teilen der Welt die massenhafte Rückkehr von ArbeitsmigrantInnen. Für zahlreiche Länder bedeutet dies einen Ausfall ihrer wichtigsten Deviseneinnahmen, und für unzählige Familien den Verlust ihrer materiellen Lebensgrundlage. So könnten in vielen Fällen nützliche wirtschaftspolitische Empfehlungen eventuell zu spät kommen.

 

Quellen  (3 Seiten, 25 KB)

Endnoten

1) Nach der Definition der International Organization for Migration (IOM) sind Rücküberweisungen (englisch; remittances) defininiert als „the monetary transfers that a migrant makes to the country of origin” (IOM). Als weitere Fomen der Rücküberweisungen werden in der Migrationsforschung sachliche Rücküberweisungen, Humankapital, soziale und politische Rücküberweisungen aufgeführt. Der vorliegende Beitrag beschränkt sich auf die monetären Rücküberweisungen.

2) Ihre Anfänge sind vor Allem verbunden mit dem Namen Odet Stark (s. z. B. Stark 1991).

3) Diese positiven Effekte sind u.a. belegt durch Studien, welche sich mit den Auswirkungen der Rücküberweisungen saisonaler ausländischer Arbeitskräfte auf deren Heimatgemeinden beschäftigen (s. Basok 2003).

4) Dies gilt, sofern sich die Wirtschaft nicht bereits auf die Währung des Gastlandes als Zweit- oder sogar Hauptwährung umgestellt hat, was in einigen kleineren Ländern eingetreten ist.

5) So erhielten z.B. 10% der ländlichen, aber weniger als 4% der städtischen Bevölkerung Mexikos 1996 Rücküberweisungen (Zarate-Hoyos 2004: 559).

 

Béatrice Knerr ist Leiterin des Fachgebietes Development Economics, Migration and Agricultural Policy (DEMAP) an der Universität Kassel.

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