Probleme der Anerkennung des Entwicklungsengagements von Migrantinnen afrikanischer Herkunft in Deutschland

Probleme der Anerkennung des Entwicklungsengagements von Migrantinnen afrikanischer Herkunft in Deutschland

 

von Nadine Sieveking

Seit einigen Jahren lässt sich in Deutschland ein gestiegenes öffentliches Interesse an MigrantInnen afrikanischer Herkunft erkennen. Dies ist einerseits auf die dramatischen Bilder in den Medien von Migranten an Europas Küsten und Außengrenzen zurückzuführen. Andererseits spiegelt es den politischen Willen, Migration aus Afrika im Rahmen der EU zu regulieren und mit entwicklungspolitischen Maßnahmen zu koppeln, die Migrationsursachen ‚an der Wurzel’ bekämpfen sollen. Vor diesem Hintergrund werden MigrantInnen als potentielle Brückenbauer und als engagierte Entwicklungsakteure mit Insiderwissen in ihren Herkunftsländern neu ‚entdeckt’. Ihre Bedeutung für ökonomische Entwicklung und Wachstum in den Herkunftsländern wird vor allem an den hohen Beträgen gemessen, zu denen sich die regelmäßigen Geldzahlungen (Rücküberweisungen) von MigrantInnen an ihre Angehörigen addieren.

In der aktuellen Debatte um Migration und Entwicklung wird davon ausgegangen, dass migrantisches Engagement sich positiv auf Entwicklung in den Herkunftsländern auswirken kann. Dieser Annahme folgen politische Maßnahmen und Programme in verschiedenen europäischen Aufnahmeländern, die das Engagement von MigrantInnen aus Afrika für Entwicklung in ihren Herkunftsländern oder –regionen unterstützen sollen. Auch in Deutschland werden neuerdings verstärkt Initiativen zur Förderung migrantischer Entwicklungsaktivitäten vorangetrieben. Dabei stellt sich jedoch nicht nur die Frage, wie ein solches Engagement sinnvoll unterstützt werden kann? Sondern auch: Welche Art von Aktivitäten und welche Formen von migrantischem Engagement gelten als entwicklungspolitisch sinnvoll? Wessen Aktivitäten gilt es zu unterstützen und worauf, bzw. wohin ist das potentiell entwicklungsfördernde Engagement genau gerichtet? Wessen Entwicklung und welche Art von Entwicklung sind dabei gemeint?

Antworten auf diese Frage zu finden ist besonders schwierig, wenn es um Migrantinnen afrikanischer Herkunft in Deutschland geht. Denn sie stellen hierzulande eine vielfach diskriminierte Minderheit dar, die in der Öffentlichkeit kaum sichtbar und mit den bisherigen Ansätzen zur Förderung migrantischer Entwicklungsprojekte nur schwer zu erreichen ist. Frauen gelten zwar als eine besonders wichtige Zielgruppe für entwicklungspolitische Maßnahmen, doch werden sie dabei meist als eine besonders verletzliche, benachteiligte, unterdrückte und in diesem Sinne ‚schwache’ Gruppe angesehen. Nur selten werden sie als aktive Akteure im Entwicklungsprozess betrachtet, anerkannt und entsprechend einbezogen.

Gleichzeitig gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung afrikanischer Frauen in Deutschland aber auch eine Reihe von Stereotypen, die durch das Bild von ‚Mutter Afrika’ geprägt sind, einer alles erduldenden und dennoch ungebrochen starken Frau, die angesichts von Krisen und Katastrophen das Überleben ihrer Familie sichert und die Last der Verantwortung dafür allein auf ihren Schultern trägt. Diese widersprüchlichen Bilder und stereotypen Wahrnehmungen verstellen nicht nur den Blick auf die konkreten Lebenswelten, die sozialen und kulturellen Hintergründe und die unterschiedlichen Zukunftsvisionen von Migrantinnen afrikanischer Herkunft in Deutschland. Sie erschweren auch eine nüchterne Diskussion darüber, für was sie sich diese verschiedenen Frauen engagieren, auf welche Weise ihr Engagement zum Ausdruck kommt, entwicklungspolitisch wirksam wird und gegebenenfalls unterstützt werden kann.

Der folgende Artikel behandelt das skizzierte Problem der Anerkennung weiblichen Entwicklungsengagements auf der Basis einer empirischen Studie, die 2007 für das Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration (MGFFI) des Landes Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde (Sieveking, Fauser, Faist 2008). Dabei wird argumentiert, dass Frauen afrikanischer Herkunft in Deutschland als aktive Akteure in gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungsprozessen nur dann wirklich als solche gesehen (und entsprechend gefördert) werden können, wenn ihnen auch die Möglichkeit gegeben wird, ihre Position der Marginalität zu verlassen und ihre eigenen Entwicklungsvorstellungen im öffentlichen Raum zu artikulieren.

Der „Afrikanische Engel“ und transnationale Unternehmerinnen: Um welches Engagement und wessen Entwicklung geht es?

„Harriet Bruce Annan kommt aus Ghana, ist gelernte Computerfachfrau und verdient ihren Lebensunterhalt in Düsseldorf als Klofrau. Am Tag arbeitet sie auf der Düsseldorfer Messe, nachts in einer Düsseldorfer Szenekneipe. Mit ihrem Verdienst unterstützt sie in ihrer Heimatstadt Accra bedürftige Kinder, ihr Hilfsprojekt heißt ‚African Angel’…“  – so lautet der Aufriss einer Sendung der SWR-Reihe Leute.

Harriet Bruce Annan, die 1990 nach Deutschland kam, gründete einen Verein, mit die Schul- und Ausbildung von Kindern unterstützt werden soll, die in einem eigens dafür eingerichteten Haus in einem „Problembezirk“ der ghanaischen Hauptstadt Accra untergebracht sind. Der „Afrikanische Engel“ ist in den deutschen Medien sehr populär, es gibt diverse Radio- und Fernseh-Sendungen, Zeitungsberichte und eine Reihe von Internet-Einträgen über seine Gründerin, in denen gerne hervorgehoben wird, dass Harriet Bruce Annan in Deutschland „Klobrillen putzt, um Kinder in ihrer Heimat Ghana zu unterstützen“. Damit verkörpert sie das Klischee der zwar sozial erniedrigten, ökonomisch und politisch machtlosen aber gleichzeitig moralisch starken, hart arbeitenden und trotz körperlicher Belastungen dabei immer fröhlichen „afrikanischen Mama“. In der öffentlichen Darstellung ihres Entwicklungsengagements wird mit Harriet Bruce Annans Opferbereitschaft auch die Gemeinnützigkeit ihres Projekts herausgestellt, das ihr selbst zwar eine persönliche moralische Befriedigung verschaffen aber keinen ökonomischen Gewinn bedeuten soll.

Das Projekt des „Afrikanischen Engels“ kann als Beitrag zur Armutsbekämpfung im Bereich der Sicherung der Existenzgrundlage und der Schulbildung von benachteiligten Kindern und damit als ein Beitrag zur Entwicklung ihres Herkunftslandes entsprechend offizieller nationaler und internationaler Entwicklungsstrategien gesehen werden. Die Bedeutung dieses Projekts in dieser Hinsicht soll an dieser Stelle nicht angezweifelt werden – es wird hier vielmehr nur als Beispiel für eine bestimmte Art der öffentlichen Darstellung und Wahrnehmung von Afrika-bezogenem Entwicklungsengagement zitiert.

Es geht in dem Beispiel nicht um Entwicklungskooperation entsprechend der Prinzipien partnerschaftlicher bi- oder multilateraler Entwicklungspolitik, sondern um ein Hilfsprojekt, um Wohltätigkeit im Sinne von ethisch, bzw. religiös (in diesem Fall christlich) geprägter Nächstenliebe. Damit sind unterschiedliche Logiken und Maßstäbe angesprochen, deren inhärente Widersprüche in der kritischen Diskussion der Mechanismen und Wirkungen von vielfach gescheiterter ‚Entwicklungshilfe’ aufgezeigt wurden (Bierschenk, Elwert 1993). Ein zentraler Kritikpunkt in dieser Diskussion ist die mangelnde Einbeziehung der betroffenen Akteure selbst, bzw. der erklärten Zielgruppen von entwicklungspolitischen Maßnahmen.

Die neuen politischen Ansätze, Migranten als transnationale Entwicklungsakteure zu fördern, versuchen diese Widersprüche insofern zu überbrücken, als eine Kooperation zwischen Gebern (zunehmend auf sub-nationaler, kommunaler Ebene) und Migrantenorganisationen stattfindet, die teilweise auf langjährige Erfahrungen eigenständig finanzierter Hilfsprojekte oder Kooperationen auf lokaler Ebene in ihren Herkunftsregionen zurückblicken. Dabei gelten die Migranten nicht nur gewissermaßen als Entwicklungsexperten für ihre Herkunftsländer, sondern auch als Stellvertreter der als Zielgruppen anvisierten lokalen Bevölkerung.

Damit wird angenommen, dass eine dezentrale Entwicklungsförderung durch Migrantengruppen (entsprechend der Prinzipien von „co-development“, bzw. „development through the diaspora“) nicht nur effizienter und ökonomischer funktioniert als bürokratische Entwicklungsprogramme auf nationaler Regierungsebene, sondern auch ein hohes Maß an lokaler Beteiligung und Selbstbestimmung bedeutet. Die Konflikte, die sich dabei zwischen Migranten und ‚zurückgebliebenen’ Bevölkerungsgruppen in Bezug auf die Vorstellungen von sinnvollen Entwicklungsaktivitäten ergeben können, sind an anderer Stelle beschrieben worden und können auch am Beispiel der Widerstände skeptischer Eltern in Accra gegenüber dem oben genannten Kinder-Hilfsprojekt des „Afrikanischen Engels“ nachvollzogen werden.

An dieser Stelle soll auf ein anderes Spannungsfeld hingewiesen werden, das sich (scheinbar) zwischen den ökonomischen Motiven profit-orientierter Unternehmungen und den moralisch oder religiös fundierten Motiven gemeinnütziger Projekte auftut. In Diskussionen mit afrikanischen Migrantengruppen in NRW, die im Rahmen er oben erwähnten empirischen Studie für das MGFFI statt fanden, wurde immer wieder ein Gegensatz zwischen altruistischen „sozialen“ Motiven und individuellem ökonomischem Interesse postuliert. Außerdem wurde dabei ganz deutlich, dass im öffentlichen Diskurs über Entwicklungsprojekte in Afrika – auch wenn es dabei um sogenannte ‚Hilfe zur Selbsthilfe’ geht – ganz klar die Vorstellung von Hilfeleistungen von außen überwiegt, sei es nun durch Migranten oder andere Entwicklungsakteure. Dies soll im Folgenden am Beispiel von drei ghanaischen Migrantinnen gezeigt werden, die im Rahmen der Studie danach befragt wurden, welche Beziehungen sie zu ihrem Herkunftsland unterhalten und was sie unter Entwicklung verstehen (zum Schutz der Privatsphäre wurden die Namen anonymisiert und Hintergründe leicht verändert).

Rose hat in Ghana eine höhere Schule besucht und als Sekretärin in einem großen Unternehmen gearbeitet, bevor sie ihren Mann kennenlernte und mit ihm nach Deutschland ging. Hier arbeitete sie zunächst als Putzfrau, machte dann eine Ausbildung als Köchin und ist jetzt Leiterin einer mittelgroßen Firmen-Kantine. Gleichzeitig ist sie als Unternehmerin in ihrer Heimatstadt Accra tätig, wo sie mit ihrem Know-how aus Deutschland eine professionelle Putzkolonne aufgebaut hat, die sie im Rahmen ihrer regelmäßigen Reisen nach Ghana immer mit neusten Techniken und Putzmitteln deutschen Fabrikats ausstattet. In den kleinen, formal registrierten Betrieb sind auch ihre Eltern eingebunden, die damit als Angestellte ein regelmäßiges Einkommen haben, mit dem unter anderem die Ausgaben für die Gesundheitsversorgung der kranken Mutter bestritten werden können.

In Deutschland hat Rose sich sehr aktiv in einem ghanaischen Verein engagiert, der mit Spendengeldern unter anderem kleinere Hilfsprojekte für sozial benachteiligte Kinder und Frauen in Ghana unterstützt. Ihre Aktivitäten für den Verein hat Rose inzwischen allerdings etwas eingeschränkt – sie möchte mehr Zeit haben, sich um ihre Tochter zu kümmern, die inzwischen das Grundschulalter überschritten hat. Ähnlich wie viele ihrer VereinsgenossInnen macht sie sich Sorgen um die anhaltenden rassistischen Diskriminierungen, denen ihr Kind an der Schule ausgesetzt ist. Nun möchte sie es zum weiterführenden Schulbesuch nach England schicken, wo ihre Schwester lebt und wo Rose bessere soziale Integrationsmöglichkeiten und ökonomische Aufstiegschancen sieht, als in Deutschland.

Mabel, die nach dem letzten Militärputsch in Ghana Anfang der 1980er Jahre als noch jugendliche Waise in Deutschland politisches Asyl erhielt, lebt inzwischen geschieden und alleinerziehend mit ihren drei Kindern. Nach 20 Jahren, während der sie als ungelernte Fabrikarbeiterin überwiegend in der Verpackungsindustrie tätig war, wurde sie das erste Mal arbeitslos. Sie machte einen Neuanfang als Altenpflegerin und fing nach zwei Jahren praktischer Berufserfahrung eine Ausbildung (entsprechend neuer Pflegebestimmungen) dafür an. Den Ausbildungsplatz verlor sie allerdings, als sie nicht rechtzeitig von einem Aufenthalt in Ghana zurückkam. Früher schickte sie immer Geld dorthin – davon wurde das Schulgeld für ihre jüngeren Geschwister bezahlt und in den Aufbau eines Internetcafés investiert, in dem zwei Cousins von Mabel arbeiten, das in ihrer Abwesenheit jedoch nicht immer so lief, wie sie es sich gewünscht hätte. Inzwischen konnte sie die Verantwortlichkeiten vor Ort jedoch klären und der Laden funktioniert jetzt immer besser.

Die Einkünfte dieses kleinen Unternehmens dienen nun zur weiteren Unterstützung ihrer Geschwister, während sie selbst auf staatliche Unterstützung in Deutschland angewiesen ist und kaum die täglichen Ausgaben für sich und ihre Kinder in Deutschland aufkommen kann. Ihre größte Sorge sind derzeit die Kosten für diverse Nachhilfestunden, mit denen sie versucht die von den Lehrern bemängelten Defizite ihrer Kinder auszugleichen. Nachdem ihre Neuanträge auf einen Ausbildungsplatz in der Altenpflege mit der Begründung ihrer mangelnden Schulbildung abgelehnt wurden, liegen all ihre Hoffnungen, selbst wieder Arbeit zu finden, auf den Möglichkeiten einer anderen Weiterbildungsmaßnahme.

Immerhin hat Mabel es mit ihrem Internetcafé besser getroffen, als ihre Freundin Betty, die auch in den 1980er Jahren als Asylantin in Deutschland Zuflucht suchte. Betty kommt aus derselben Herkunftsregion in Ghana, allerdings nicht aus der Stadt, wie Mabel, sondern vom Land. Sie stammt aus einer großen Bauernfamilie, auf deren stolze Traditionen sie mit den Investitionen aus ihrem in Deutschland über Jahre hinweg ersparten Startkapital aufbauen wollte. Vor wenigen Jahren kaufte sie ein großes Stück Land, auf dem mit Hilfe von Verwandten eine Palmölplantage entstehen sollte. Leider wurde sie, wie Mabel, kurz darauf arbeitslos und konnte wegen fehlender Mittel nur einen Teil des Landes urbar machen.

Die Ernte des bisher bebauten Teils steht noch aus, für die Arbeit ihrer Familienangehörigen kann sie nicht mehr aufkommen, ebenso wenig für den Lebensunterhalt ihrer Eltern und – was für Betty viel schlimmer ist – ihres dort gebliebenen Sohnes, der bis vor Kurzem noch zur Schule ging. Nun gibt es niemanden mehr, der sein Schulgeld bezahlt und Betty ist darüber mit ihrer Familie in Konflikt geraten. Zu ihren finanziellen Schwierigkeiten kommen jetzt also auch familiäre Auseinandersetzungen, so dass sie sich bald gezwungen sieht, das Land zu verkaufen, wobei sie vermutlich großen Verlust machen wird, vor allem da sie nicht genug Geld für ein Ticket hat, um die Angelegenheit vor Ort selbst zu regeln.

Zwischen verschiedenen sozialen und kulturellen Welten: transnationale Räume und Entwicklungsvorstellungen afrikanischer Migrantinnen in Deutschland

Rose, Mabel und Betty bewegen sich zwischen verschiedenen sozialen Welten, in denen sie wechselnden Pflichten und Anforderungen ausgesetzt sind und unterschiedliche Spielräume haben, um eigene Ziele und Zukunftsvorstellungen zu verfolgen. Mit ihren individuellen Strategien und Unternehmungen verbinden sie ökonomische und soziale Motive. Ihre persönlichen Entwicklungsvorstellungen und Visionen von einem guten Leben, bzw. einer besseren Zukunft sind stark auf ihre vielfach sehr schwierige alltägliche Lebenssituation und die Perspektiven ihrer Kinder in Deutschland konzentriert: die sollen es einmal besser haben, als sie selbst und nicht mit denselben Integrations-Problemen (Sprachbarrieren, soziale Marginalisierung und rassistische Diskriminierung, erschwerter Zugang zum Bildungssystem und Arbeitsmarkt) zu kämpfen haben, wie sie selbst.

Gleichzeitig sind ihre individuellen Entwicklungsvisionen aber auch in grenzüberschreitende Beziehungen und Netzwerken eingebettet, die Angehörige und Freunde in Ghana sowie ghanaische MigrantInnen in verschiedenen anderen Aufnahmeländern umfassen. In diesen transnationalen sozialen Räumen verfolgen die ghanaischen Migrantinnen oft mehrgleisige Strategien, die neben ihren Bemühungen um bessere formale Beschäftigungs- und Zukunftsperspektiven in Deutschland auch mehr oder weniger formalisierte Unternehmungen einschließen, die sowohl auf alternative Einkommensmöglichkeiten für sich selbst, als auch auf die soziale Absicherung von Familienangehörigen in Ghana und damit indirekt auf ihre eigene Altersversorgung im Falle einer Rückkehr ins Herkunftsland abzielen.

Die einzelnen Projekte, in die die Frauen in Ghana investiert haben, könnten als konkrete Beispiele für die Umsetzung von Entwicklungskonzepten betrachtet werden, wie sie derzeit von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Ghana in den Bereichen Modernisierung der Landwirtschaft und nachhaltige Wirtschaftsförderung, vor allem durch Förderung von Selbst-Beschäftigung sowie Klein- und Kleinst-Unternehmen, propagiert werden. Sie stimmen auch mit den global gesetzten Entwicklungszielen der Millenium Development Goals überein, denn durch ihre transnationalen Unternehmen tragen die Migrantinnen in Deutschland zur Schaffung neuer Arbeitsplätze in Ghana bei, zur Schul- und Ausbildungsförderung sowie zur Gesundheitsversorgung und sozialen Grundsicherung.

Es wirkt daher besonders irritierend, dass die drei Frauen (ähnlich wie andere interviewte afrikanische Migrantinnen auch) bei der Frage nach ihrem Engagement für Entwicklung in ihrem Herkunftsland keineswegs auf ihre teilweise durchaus erfolgreichen Unternehmen verweisen, sondern die Frage ausschließlich auf gemeinnützige Hilfsprojekte und Wohltätigkeit beziehen (so etwa auf Projekte, die auf Spendenbasis im Rahmen der jeweiligen Kirchen organisiert werden, in denen die Frauen alle verhältnismäßig intensiv engagiert sind). Dementsprechend gibt Rose nicht ihren Putz-Betrieb, sondern nur die wohltätigen Kinder- und Frauenprojekte ihres Vereins als ihre eigenen Entwicklungsaktivitäten an. Sie hat schon viel Zeit in diese Projekte investiert und dabei erkannt, dass die Ideen der Vereinsmitglieder in Deutschland schwierig umzusetzen sind, da die ‚Zielgruppen’ in Ghana unterschiedliche Vorstellungen von der Verwendung der Spendengelder haben. Während diese Hilfsprojekte (wie viele andere) wahrscheinlich kaum nachhaltige Wirksamkeit im Sinne von lokaler Entwicklungsförderung haben, sind die individuellen transnationalen Unternehmensstrategien von Migrantinnen diesbezüglich sehr viel aussichtsreicher – auch wenn dieses Entwicklungspotential von den involvierten Akteuren selbst gar nicht so gesehen, bzw. artikuliert wird.

Die unternehmerischen Aktivitäten der Migrantinnen, so zeigen die Beispiele deutlich, verknüpfen de facto ökonomische und soziale Handlungslogiken aufs Engste (Lachenmann  2001). Dass sie gleichwohl nicht als Entwicklungsengagement wahrgenommen und anerkannt werden, liegt nicht nur an den oben skizzierten Diskursmustern, die Entwicklungsprojekte in Afrika mit wohltätiger Hilfe von außen gleichsetzen. Es hat auch damit zu tun, dass die Initiatorinnen dieser Unternehmen keine formal konstituierten kollektiven Entwicklungsakteure darstellen, wie von den Kriterien entsprechender Förderprogramme vorgesehen, sondern einzelne Personen (bzw. Familiennetzwerke), die im Allgemeinen nicht direkt unterstützt werden. Im Fokus der neuen Politiken zur Förderung von Entwicklung durch die Diaspora stehen als Ansprechpartner daher auch Migrantenvereinigungen.

Allerdings zeigt es sich, dass Frauen in den formalisierten Organisationen und offiziell registrierten Vereinen afrikanischer MigrantInnen in Deutschland (im Verhältnis zu ihrem demographischen Gewicht) deutlich unterrepräsentiert sind, zumindest auf der Ebene der formalen Repräsentations- und Entscheidungsstrukturen. Als speziell zu fördernde Zielgruppe der von Migrantenvereinen und anderen (Regierungs- oder auch Nicht-Regierungs-)Organisationen konzipierten Entwicklungsprojekte in Afrika tauchen Frauen dagegen oft auf – im Gegensatz zu Männern, die in solchen Zusammenhängen nie explizit erwähnt werden. An der Schnittstelle (Long, Villarreal 1996) zwischen offiziellen Entwicklungsinstitutionen und Migrantenorganisationen tauchen Frauen also kaum als aktive Entwicklungsakteure, sondern fast nur als besonders hilfebedürftige oder „verletzliche“ Gruppe auf. Dieses Wahrnehmungsmuster wird zwar teilweise auch von Migrantinnen selbst reproduziert, wie das Beispiel von Rose zeigt, die beim Thema Entwicklungsaktivitäten in Afrika zwar auf Projekte zur Unterstützung marginalisierter junger Frauen, wie etwa Gefängnisinsassinnen oder Prostituierte zu sprechen kommt, jedoch nicht auf ihre eigenen wirtschaftlichen Unternehmungen.

Doch entspricht die Vorstellung, dass Frauen besonders hilfsbedürftig sind, nicht unbedingt dem Selbstverständnis, das afrikanische Migrantinnen artikulieren wenn sie unter sich sind. Dieser Aspekt soll hier mit einem letzten Beispiel verdeutlicht werden, einer informell organisierten Frauengruppe, die sich selbst den (hier etwas verfremdeten) Namen „The Ghanaian First Ladies“ gegeben hat. Die Gruppe ist nicht offiziell als Verein registriert, hat aber eine klar definierte Struktur, in der einzelne Mitglieder bestimmte Funktionen (wie etwa die der Präsidentin, der Sekretärin, der Kassenwärtin) übernehmen, einen festen zeitlichen Rahmen, mit regelmäßigen Treffen einmal im Monat, und einen festgelegten Mitgliedsbeitrag. Die „First Ladies“ zahlen manchmal auch mehr in die Kasse ein, etwa wenn es darum geht eine „Party“, ein größeres Fest zu organisieren anlässlich einer Taufe, Beerdigung oder einem anderen religiösen,  profanen oder nationalen Anlass, wie etwa einer Modenschau oder dem Nationalfeiertag ihres Herkunftslandes. Solche Feste haben große Bedeutung im Leben der MigrantInnen – insbesondere für Frauen, die hierbei unter anderem durch ihr Auftreten, ihre Kleidung und andere Status-Symbole ihr Prestige und Ansehen innerhalb der jeweiligen Migrantengemeinschaften öffentlich zum Ausdruck bringen und dafür auch Bestätigung erhalten: „We make the party powerful“.

Mit dem Organisieren gemeinschaftlicher festlicher Events erfüllen die „First Ladies“ nicht nur eine wichtige soziale, sondern auch eine kulturelle Funktion, die sie sich selbst zugeschrieben haben. Das Kultivieren, bzw. „Aufführen“ oder auch Wieder-Erfinden von Traditionen aus ihren Herkunftsregionen spielt für sie eine wichtige Rolle, auch wenn sie bei ihren regelmäßigen Treffen nur unter sich sind. Denn dann sprechen sie oft über das Thema Familie und Kinder, über die kulturellen Werte und sozialen Normen, die ihnen dabei wichtig sind, über gemeinsame Vorstellungen von einer guten Erziehung, einer guten Ehe, bzw. einer guten Ehefrau, usw. Letzteres stellt beispielsweise ein Kriterium für Mitgliedschaft in der Gruppe dar: sie würden keine Frau in die Gruppe aufnehmen, die ihrem Ehemann (vor allem in der Öffentlichkeit) nicht den Respekt zeigt, den sich ihrer Ansicht nach gehört.

Auch Respekt gegenüber älteren Personen ist ein wichtiges Thema, vor allem in Bezug auf das Verhalten ihrer in Deutschland aufgewachsenen Kinder, das ihnen oft große Probleme und Sorgen bereitet. Für die „First Ladies“ werden Entwicklungsideale vor allem in guten Umgangsformen und dem Einhalten bestimmter Kommunikations- und Verhaltensregeln verkörpert. Letztere spiegeln teilweise geschlechts- oder altersspezifische Hierarchien wider, die im deutschen Umfeld nicht üblich und den hier gängigen Idealen von Geschlechtergerechtigkeit, freier Meinungsäußerung oder Selbstbestimmung widersprechen.

Schlussfolgerung: Entwicklungsförderung mit aktiver Beteiligung von Migrantinnen?

Gruppen wie die „First Ladies“ gibt es unter afrikanischen Migrantinnen in Deutschland häufig. Sie existieren keineswegs im Geheimen, sondern sind selbst aktiv an der Gestaltung von öffentlichen Veranstaltungen beteiligt, bei denen sie sich in Szene setzen können. Aufgrund ihres informellen Charakters kommen sie jedoch kaum mit deutschen sozialen und Entwicklungs-Institutionen in Kontakt und stellen für diese schwer erreichbare Gruppen dar.

In der deutschen Öffentlichkeit bleiben sie mit ihren Aktivitäten daher weitgehend unsichtbar, so wie andere afrikanische Migrantinnen, die sich in Vereinen engagieren, in denen die Vorstände von Männern dominiert sind. Bei den „First Ladies“ treten Frauen dagegen nicht nur in zweiter Reihe, als stumme Zielgruppe von Entwicklungsmaßnahmen auf, sondern als aktive Gestalterinnen des sozialen und kulturellen Lebens ihrer transnationalen Gemeinschaften, die selbst untereinander aushandeln und bestimmen nach welchen Normen und Maßstäben ihr Ideal von „Entwicklung“ realisiert werden soll. Diese stimmen allerdings teilweise nicht mit den Normen überein, die in den Diskursen offizieller Entwicklungspolitik propagiert werden. So lehnen Frauen mit Bezug auf ein anderes kulturelles Wertesystem vielfach das Prinzip der Geschlechtergleichheit ab (Sieveking  2007) oder identifizieren sich mit konsumorientierten Statussymbolen, die kein öffentlicher Geber in Deutschland explizit auf seiner Agenda sehen und fördern möchte.

Allerdings bilden Migrantengruppen keine homogenen, in sich geschlossen Einheiten – Konflikte, Spannungen und Divergenzen gibt es in den Migrantengemeinschaften ebenso wie in den einzelnen Familien. Manche Frauen, die in ihrem eigenen ethnischen oder familiären Kontext unter starkem sozialen Druck stehen oder Gewalt erfahren, müssen dieses Umfeld erst verlassen und den dort gültigen Normen und Wertvorstellungen etwas anderes entgegensetzen, bevor sie eigene Entwicklungsvorstellungen verfolgen können. Dabei kann etwa das Projekt Mwangaza in Köln helfen,  das eine regelmäßiges, ethnisch gemischtes Frauentreff anbietet in dem afrikanische Migrantinnen sich nicht nur untereinander austauschen können, sondern auch von ExpertInnen aus verschiedenen öffentlichen Institutionen über ihre Rechte, legitimen Ansprüche und Möglichkeiten des Zugangs zu sozialen Dienstleistungen, Gesundheitsversorgung, rechtlichen Schutz usw. in Deutschland informiert werden.

Gleichwohl wäre es im Sinne einer stärkeren Partizipation und Selbstbestimmung im Prozess der Entwicklungszusammenarbeit wichtig, die in der deutschen Öffentlichkeit vielfach von rassistischer Diskriminierung betroffenen afrikanischen Migrantinnen nicht nur als „Engel“ oder Opfer wahrzunehmen und ihnen entsprechend marginalisierte und defizitäre Positionen zuzuschreiben. Um der Bedeutung ihres Entwicklungsengagements in seiner ganzen Vielschichtigkeit gerecht zu werden, gilt es afrikanische Migrantinnen als soziale und ökonomische Akteure, als wirtschaftliche und kulturelle Unternehmerinnen ernst zu nehmen.

Dies ist allerdings nur möglich, wenn man ihnen Artikulationsmöglichkeiten im politischen Raum schafft und die Gestaltung alternative Öffentlichkeiten in die Initiativen einer Förderung von Entwicklung durch die Diaspora mit einbezieht. Gerade in den transnationalen sozialen Räumen von MigrantInnen kommen vielfältige Normen und Werte zum Tragen, deren Heterogenität oder auch Widersprüchlichkeit nicht ausgeblendet, sondern offen artikuliert und in einen gemeinschaftlichen Aushandlungsprozess gebracht werden sollte, in dem die betroffenen Akteure selbst die zentralen Fragen diskutieren können: Um wessen Entwicklung und welche Form von Entwicklung geht es hier?

 

Literatur

  • Bierschenk, Thomas, Elwert, Georg (eds.) 1993: Entwicklungshilfe und ihre Folgen, Frankfurt/ New York: Campus
  • Lachenmann, Gudrun 2001: Transformation der Frauenökonomie und Dimensionen der Einbettung in Afrika, in: Gudrun Lachemann, Petra Dannecker (eds.): Die geschlechtsspezifische Einbettung der Ökonomie. Empirische Untersuchungen über Entwicklungs- und Transformationsprozesse, Münster u.a.: LIT, pp. 83-110
  • Long, Norman, Villarreal, Magdalena 1996: Exploring development Interfaces: From the Transfer of Knowledge to the Transformation of Meaning, in: Frans Schuurman (ed.): Beyond the Impasse – New Directions in Development Theory, London and New Jersey: Zed Books, pp. 140-168
  • Sieveking, Nadine 2007: "'We don't want equality, we want to be given our rights': Muslim women negotiating global development concepts in Senegal", in: Afrika Spectrum, Vol. 1, pp. 29-48
  • Sieveking, Nadine 2009: Das entwicklungspolitische Engagement von Migrantinnen in NRW mit Fokus auf Ghana. Working Paper 65, Bielefeld: COMCAD - Center on Migration, Citizenship and Development
  • Sieveking, Nadine, Fauser, Margit, Faist, Thomas 2008: Gutachten zum entwicklungspolitischen Engagement der in NRW lebenden MigrantInnen afrikanischer Herkunft. Working Paper 38, Bielefeld: COMCAD - Center on Migration, Citizenship and Development

 

Nadine Sieveking hat Soziale Anthropologie an der FU Berlin studiert. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Transnationalization and Development Research Centre in der Fakultät für Soziologie an der Universität Bielefeld.

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