Wer migriert, der entwickelt? Bedingungen und Formen des entwicklungspolitischen Engagements von Diaspora

Wer migriert, der entwickelt? Bedingungen und Formen des entwicklungspolitischen Engagements von Diaspora

 

von Tatjana Baraulina und Kevin Borchers

 

Grenzüberschreitende Migration wirkt sich auf die Entwicklung der Herkunftsländer aus. In der Migrationsforschung gilt dies als nachgewiesen. Unklar bleibt aber, wie genau Migration und Entwicklung zusammenhängen. In den 1960er Jahren stand etwa die Debatte um negative Auswirkungen der Abwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften aus den Entwicklungsländern im Mittelpunkt. Während der 1980er Jahre beschäftigte man sich mit dem Entwicklungsbeitrag der Rückkehrer. ‚Diaspora und Entwicklung’ lautet gegenwärtig das neue Topthema. So werden nicht nur Studien zum entwicklungspolitischen Potenzial von Diaspora angefertigt. Auch internationale Foren, wie die Metropolis Conference oder das Globale Migrationsforum, die eine Kommunikation zwischen Wissenschaft und Politik anstreben, widmen sich der Beobachtung von Diasporaaktivitäten in den Herkunftsländern. Wichtige institutionelle Akteure, beispielsweise die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), installieren Programme, um die entwicklungspolitischen Aktivitäten der Diaspora zu unterstützen.

Dieser Beitrag geht der Frage nach, worin genau das entwicklungspolitische Potenzial der Diaspora besteht. Er fragt auch, über welche MigrantInnen man diskutiert, wenn man von Diaspora oder von MigrantInnengemeinden spricht. Um sich den Antworten auf diese, aus der Sicht der Autoren, zentralen Fragen der heutigen ‚Migration und Entwicklung’ Diskussion anzunähern, werden Ergebnisse der jüngsten Forschung grenzüberschreitender Migrationsprozesse ausgewertet.

Was ist Diaspora?

Der Begriff ‚Diaspora’ beschrieb traditionell eine Gemeinschaft der Vertriebenen und ExilantInnen, welche eine Hinwendung zur „verlorenen Heimat“ verbindet. Gerade wegen diesem ausgeprägten Herkunftsbezug des Diasporabegriffs hielt die klassische Migrationsforschung ihn für unbrauchbar. Denn ihr analytischer Fokus lag auf individuellen Integrationsverläufen. Bindungen zum Heimatland wurden als hinderlich für die Integration betrachtet. Außerdem ging man davon aus, dass in der individualisierten und durchrationalisierten Moderne Heimatliebe und Nostalgie keine hinreichende Voraussetzung für die soziale Vernetzung und Selbstorganisation von MigrantInnen sein können. Erst in den 1980er Jahren hatte man diese Grundannahmen der klassischen Migrationsforschung hinterfragt.

Im Jahre 1986 wurde auf Initiative von Gabriel Sheffer eine Aufsatzsammlung veröffentlicht, in welcher Diaspora als ein Akteur der internationalen Politik analysiert wurde. Darin ging es um klassische Diaspora wie etwa jüdische Gemeinden in den USA und ihr Engagement für Israel, aber auch um „neue“ Diaspora, - MigrantInnenbündnisse, die sich für soziale und politische Belange in ihren Herkunftsländern engagierten (Sheffer, 1986). Mit dieser und einigen anderen Studien kam die Frage auf, inwiefern die Bindung von MigrantInnen zu ihren Herkunftsorten doch ein wichtiger Mobilisierungsfaktor ist und ein langfristiges Phänomen darstellt.

Der Diasporabegriff wird in den letzten Jahren inflationär benutzt. Er wird dann angewandt, wenn man die Beziehungen der MigrantInnen in ihre Herkunftsländer unterstreichen möchte. Dabei subsumiert er verschiedene Vorstellungen von sozialer Organisation dieser Beziehungen: von individuellen und familiären Beziehungen bis zu organisierten Strategien des ökonomischen, politischen oder sozialen Engagements. Man spricht also über Diaspora, wenn man über Ausmaß und Formen der individuellen Geldüberweisungen von MigrantInnen spricht. Gleichzeitig spricht man über Diaspora, wenn man Wohltätigkeitsprojekte der MigrantInnenvereine analysiert. Und man spricht über Diaspora, wenn man weltweite politische Mobilisierung der MigrantInnen für ihre Herkunftsregionen beschreibt.

Hinter dem Begriff ‚Diaspora’ verbergen sich nicht nur verschiedene Formen der MigrantInnenbeziehungen in die Herkunftsländer, sondern auch verschiedene Vorstellungen davon, wie die Beziehungen der MigrantInnen zueinander beschaffen sind. Die einen sprechen von Diaspora und meinen dabei formalisierte MigrantInnenorganisationen, wie etwa AFFORD oder Africa Recruit. Andere benutzen den Begriff Diaspora, um informelle Netzwerke der MigrantInnen zu beschreiben, die sich über die nationalen Grenzen hinweg erstrecken. Andere möchten mit dem Diasporabegriff lediglich eine lose Solidarität der MigrantInnen miteinander und ihrer Heimat gegenüber ausdrücken.

Die Unschärfe des Diasporabegriffs wird in der jüngsten Zeit stark kritisiert. Die KritikerInnen unterstreichen insbesondere, dass Diaspora oder MigrantInnengemeinden keinesfalls homogen sind. MigrantInnen aus einem Herkunftsland gehören oft verschiedenen sozialen Statusgruppen an, haben verschiedene ethnische Wurzel oder religiöse Überzeugungen. Oft spiegelt die sozial-strukturelle Zusammensetzung jeweiliger MigrantInnenpopulation die sozialen und politischen Konflikte ihrer Herkunftsgesellschaft wieder. Außerdem können sich MigrantInneninteressen nicht nur entlang der unterschiedlichen Erfahrungen im Herkunftsland spalten, sondern auch entlang der Perspektiven in Zielland differenzieren. Zwischen denen, die im Zielland eine soziale Mobilität erfahren haben, und denen, die einen relativen Statusverlust erleiden mussten, kann unter Umständen ein tiefer Graben verlaufen.

Wer engagiert sich?

Die Beobachtung von Heterogenität der MigrantInnenpopulationen wurde zu einer analytischen Herausforderung für die Diskussion über den entwicklungspolitischen Beitrag der MigrantInnen. Es rückte die Frage in den Vordergrund, welche MigrantInnen sich für die Belange der Herkunftsländer einsetzen.

RückkehrerInnen

Bis in die 1990er Jahre hinein herrschte in der entwicklungsorientierten Migrationsforschung die Überzeugung, dass lediglich die MigrantInnen zu Akteuren der Entwicklung werden, die in ihre Heimat zurückkehren. Die rückkehrorientierten MigrantInnen würden nicht beabsichtigen, sich zu integrieren, sondern versuchen, ihre im Aufenthaltskontext erworbenen Ressourcen in das Herkunftsland zu transferieren. Die Rückkehrer schicken ihr gespartes Geld, übertragen aber auch neue soziale Normen, professionelle Erfahrungen und Know-How in die Entwicklungsländer und treiben hiermit den sozialen und ökonomischen Wandel an.

In der Realität stellte man allerdings fest, dass die Rückkehr in großer Zahl, die man vor allem bei den verschiedenen Formen von Arbeitsmigration nach Europa und Nordamerika erwartet hat, ausgeblieben ist. Obwohl die Einwanderer in der ersten Generation Beziehungen zu ihren Verwandten und Bekannten in den Herkunftsorten aufrechterhielten, ließen sie sich in den Zielländern nieder. Ihr Engagement beschränkte sich oft auf die Geldüberweisungen an die zurückgebliebenen Familienmitglieder, die überwiegend für Konsumzwecke verwendet wurden. Diese privaten Geldflüsse waren aus ökonomischer Sicht für die Herkunftsländer sehr bedeutsam. Sie ließen sich aber entwicklungspolitisch kaum steuern. Ein anderes Problem war, dass die Rückkehrprozesse selektiv verliefen. Tendenziell kehrten diejenigen zurück, die im Zielland nicht Fuß fassen konnten, in den Zielländern keine höheren Qualifizierungen erworben haben und während der Deindustrialisierung der 1970er und 1980er Jahre ihre Arbeit verloren. Bei solchen Rückkehren konnte man weniger auf den Know-Howtransfer oder auf Transfer von besonderen entwicklungsrelevanten Fähigkeiten und Kenntnissen hoffen. Viel mehr musste man sich um ihre Reintegration in den Rückkehrkontexten Sorgen machen.

PendlerInnen

Ende der 1990er Jahre entdeckte man die Zirkularität als eine zentrale Voraussetzung des entwicklungspolitischen Engagements von MigrantInnen. Das Phänomen der Zirkularität hat man an Beispielen der temporären Wanderungen, wie etwa der mexikanischen Einwanderung in die USA, beobachtet. MigrantInnen aus Mexiko organisierten sich während ihres Aufenthaltes in den USA, um sich für die Belange der Herkunftsorte zu engagieren. Dabei ging es nicht nur um die Geldüberweisungen, sondern auch um komplexere Engagementformen: Investitionen in die lokale Infrastruktur, wie etwa die Einrichtung einer Schule oder der Bau einer Wasserversorgungsanlage, und um die lokale politische Teilhabe. Die Motivation für dieses Engagement sah man vor allem darin, dass ein Teil von zurückgelassenen Familien – meist Frauen und Kindern - ein besserer Lebensstandard und Zukunftsperspektiven ermöglicht werden sollten. MigrantInnen selbst partizipierten an diesen Verbesserungen, da sie ihre Herkunftsorte oft besuchten, aktiv am Gemeindeleben teilnahmen und mittelfristig eine Rückkehr beabsichtigten.

Das Aufrechterhalten der Beziehungen und das Pendeln zwischen dem Herkunfts- und Aufenthaltsort erklärte die Migrationsforschung zu einer eigenen Migrationsform. Sie wurde zirkuläre Migration genannt. Das Fazit dieser Forschungsdiskussion war: Das Engagement der zirkulären MigrantInnen resultiert aus ihrer persönlichen und familiären Eingebundenheit in die sozialen Zusammenhänge der Herkunftskontexte. Es ist auf langfristige Verbesserung der Infrastruktur und Sicherung der lokalen politischen Entscheidungsautonomie gerichtet und deshalb entwicklungspolitisch hoch wirksam.

Außenseiter oder Etablierte?

In der jüngsten Forschungsdebatte wird die Frage gestellt, ob das Engagement in den Herkunftsregionen nur bei denjenigen zu beobachten ist, die sich im Aufnahmekontext nicht integrieren. Denn Rückkehrabsichten und Zirkularität waren traditionell mit einem mangelnden Interesse an Integration assoziiert. Dem entgegen hat die Forschungsgruppe von Alejandro Portes in einer Untersuchung von herkunftsorientierten MigrantInnenselbstorganisationen in den USA herausgefunden, dass an der Spitze von MigrantInnenorganisationen oft diejenigen stehen, die besser ausgebildet sind, die sich in den USA professionell verwirklichen bzw. ökonomisch etablieren konnten, aber auch länger mit ihren Familien in den USA lebten und einen sicheren Aufenthaltsstatus hatten (Portes u.a. 2007).

Mit dieser und einigen anderen Arbeiten wurde das so genannte ‚Resource-dependency model’ – das Modell des ressourcenabhängigen Engagements – aufgestellt (Itzigsohn, 2005). Das Model geht davon aus, dass MigrantInnen, die im Zielland einen höheren sozialen Status erlangt haben, mehr Zeit und Muße haben, MigrantInnenorganisationen zu gründen. Ihre informellen Qualifikationen und vielfältigen Kontakte versetzen sie in die Lage, lose MigrantInnennetzwerke zum Engagement im Herkunftsland zu mobilisieren und die dafür notwendigen Ressourcen zu beschaffen. Hiermit wurden erfolgreich integrierte und dauerhaft ansässige MigrantInnen als eine Triebkraft für das Engagement in den Herkunftsländern identifiziert.

Das Model des ressourcenabhängigen Engagements scheint insbesondere dann gültig zu sein, wenn man über die ökonomischen Aktivitäten der MigrantInnen in ihren Herkunftsländern spricht. Je besser sich MigrantInnen im Aufenthaltskontext integrieren, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie nicht nur Geld an Verwandte überweisen, sondern größere Investitionen im Herkunftsland tätigen. Dabei ist nicht gemeint, dass das Kapital zu umfassenden Anschaffungen oder zur reinen Vermögensanlage in das Herkunftsland transferiert wird. Viel mehr geht es um die Förderung der Direktinvestitionen.

Drei verschiedenen Rollen können ökonomisch aktive MigrantInnen einnehmen. Vermögende MigrantInnen investieren ihr Kapital und das erworbene Know-How direkt in eigene Unternehmen im Herkunftsland. Weniger vermögende, aber gut ausgebildete MigrantInnen können das Unternehmen, indem sie arbeiten, zu Investitionen in ihrem Herkunftsland motivieren, und dabei als Geschäftsführer der dortigen Niederlassungen fungieren. Eine weitere Variante ist die Beteiligung von MigrantInnen an der Entstehung von Kooperationen oder Joint Ventures zwischen Herkunfts- und Aufenthaltsland als Unternehmensberater.

Die Untersuchungen beobachteten, dass die ökonomischen Aktivitäten in den Herkunftsländern mit einer zirkulären Migration einhergehen oder gar eine Rückkehr nach sich ziehen. Insbesondere dann, wenn MigrantInnen keinen rechtlichen Mobilitätsschranken unterlagen, wurden sie in ihren Herkunftsländern ökonomisch aktiv. Wurden eigene Direktinvestitionen sehr zeit- und arbeitsintensiv, verlagerten MigrantInnen ihren Lebensmittelpunkt in das Herkunftsland. Allerdings hing auch in diesen Fällen der Erfolg der Unternehmungen sehr oft davon ab, ob und wie die professionellen und ökonomischen Beziehungen zum Zielland genutzt wurden. In diesem Zusammenhang begann die Diskussion über einen neuen entwicklungspolitischen Aspekt von Zirkularität und Rückkehr. Dabei wurde unterstrichen, dass Zirkularität und Rückkehr insbesondere dann entwicklungspolitisch relevant seien, wenn sie ein Resultat der gelungenen Integration im Aufenthaltskontext sind.

Die zweite Generation

Aktuell wird in der Forschung die Frage nach der Dauerhaftigkeit des Engagements der Diaspora in den Herkunftsländern diskutiert. Dabei rückt das entwicklungspolitische Potenzial der zweiten MigrantInnengeneration in den Vordergrund. Denn würde sich das Engagement lediglich auf die Aktivitäten der ersten Generation reduzieren, wäre seine Wirkungskraft erheblich eingeschränkt.

Über Formen und Bedingungen des Engagements von der zweiten Generation ist wenig bekannt. Generell existieren drei Annahmen, welche allerdings kaum durch Forschungsarbeiten belegt sind. Zunächst wird davon ausgegangen, dass das Modell des ressourcenabhängigen Engagements im Falle der zweiten Generation nicht zutrifft. Gelungene Integration der Eltern gehe bei der zweiten Generation in Assimilation – eine vollständige Identifikation mit dem Lebensumfeld des Ziellandes - über. Das Interesse an der Herkunft der Eltern schwindet und damit auch die Motivation, sich für das Herkunftsland der Eltern zu engagieren.

Im Gegensatz dazu besteht eine weitere Annahme darin, dass bei einer hohen Institutionalisierung von MigrantInnengemeinden, das Interesse der zweiten Generation für die Herkunftsländer der Eltern aufrechterhalten werden kann. MigrantInnengemeinden, welche eigene Medien unterhalten, eine ausdifferenzierte Organisationenstruktur aufweisen und eine aktive Sprach- und Kulturpolitik betreiben, können die Bindung der zweiten Generation an die Herkunftssprache und –kultur stärken. Oft wird diese Bindung dann aktiviert, wenn es aus ökonomischen oder professionellen Gründen opportun erscheint. Dies bedeutet, dass die Kinder von MigrantInnen ähnlich wie die ökonomisch aktiven MigrantInnen der ersten Generation Investitionen in die Herkunftsländer vermitteln können.

Die dritte Annahme ist, dass lediglich die MigrantInnenkinder im Herkunftsland aktiv werden, die im Zielland keine Anerkennung erfahren und für sich keine Partizipationschancen sehen. Als Reaktion auf den Ausschluss aus der Gesellschaft, in der sie aufwuchsen, aber zu der sie nicht dazugehören, entwickeln sie eine starke Identifikation mit der Herkunft ihrer Eltern. Dabei wird oft auf problematische Aspekte einer solchen Identifikation hingewiesen. Das Phänomen des „home grown terrorism“ – des hausgemachten Terrorismus - gehört beispielsweise dieser Argumentationslogik an. Demnach schließen sich einzelne Vertreter der zweiten und sogar der dritten Generation aus Protest dem extremistischen Aktivismus an, um ihre im Zielland nicht akzeptierte Identität zu verteidigen. Eine solche Argumentation stützt sich allerdings selten auf empirische Befunde.

Wie bereits angemerkt, sind über die Vielfalt und Bedingungen des sozialen und politischen Engagements der zweiten Generation insgesamt zu wenig Ergebnisse vorhanden. Möchte man entwicklungspolitisches Potenzial der zweiten Generation bewerten, sind daher weitere Untersuchungen dringend notwendig.

Welches Engagement ist entwicklungsrelevant?

Bei der Betrachtung von MigrantInnenengagement für die Herkunftsländer stellt sich die Frage, ob alle Engagementformen eine entwicklungspolitische Bedeutung haben. Eine Zeitlang wurde in der Diskussion Diaspora als ein Akteur angesehen, der sich grundsätzlich für die Entwicklung der Herkunftsregionen einsetzt. Differenzierte Betrachtungen werden erst seit kurzem vorgenommen. Im Folgenden wird der entwicklungspolitische Diasporabeitrag in Bezug auf drei wesentliche Entwicklungsziele – Wirtschaftswachstum, Armutsbekämpfung und Förderung des guten Regierens – skizziert.

Wirtschaftswachstum

Wirtschaftswachstum gilt als eine zentrale Makrovoraussetzung für die Entwicklung. Eine wachsende Wirtschaft schafft Arbeitsplätze, verlangt nach einem gebildeten Personal und kurbelt hiermit die Bildungsexpansion an, bringt Investitionen und Technologien ins Land. Wirtschaftswachstum trägt somit zur Abschaffung der Armut bei. Wirtschaft braucht aber Investitionen und Absatzmärkte. MigrantInnen und ihre Familien können also als Investoren und als Konsumenten das Wirtschaftswachstum steigern.

Ein entscheidender Grund, warum die entwicklungspolitische Relevanz von MigrantInnen in den vergangenen Jahren in Wissenschaft und Politik erhöhte Aufmerksamkeit erlangte, ist der rasante Anstieg weltweiter Rücküberweisungen. Die Weltbank stellt fest, dass zwischen 1990 und 2007 die Summe der offiziell registrierten Rücküberweisungen in Entwicklungsländer von 31 auf 251 Mrd. US$ anstieg (World Bank, 2008). Ihr Volumen ist damit doppelt so groß wie die gesamte offizielle Entwicklungshilfe. Die makroökonomische Bedeutung dieser Geldflüsse ist allein wegen diesem beträchtlichen Geldvolumen nicht zu unterschätzen. Rücküberweisungen können die Zahlungsbilanz stabilisieren und die Zahlungsfähigkeit der ärmeren Schichten verbessern. In verschiedenen Arbeiten wird jedoch angemahnt, dass die individuellen Rücküberweisungen auch negative Effekte haben können. Wenn Rücküberweisungen hauptsächlich für importierte Konsumgüter ausgegeben werden, besteht die Gefahr, dass traditionelle lokale Anbieter weniger Waren verkaufen können. Dies geht zumeist mit dem Verlust von Arbeitsplätzen einher. Massive Rücküberweisungen können auch das allgemeine Preisniveau für verschiedene Güter – von Grundnahrungsmittel bis hin zu Immobilien – erhöhen und damit neue Ungleichheiten produzieren. Familien, die keine Rücküberweisungen empfangen, können unter Umständen nicht die gleiche Kaufkraft entfalten.

Im Unterschied zu Geldüberweisungen werden Direktinvestitionen als ausschließlich vorteilhaft für die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer bewertet. Direktinvestitionen machen nachhaltige Strukturveränderungen und Wirtschaftswachstum möglich. Es bestehen empirische Anhaltspunkte zur Hypothese, dass MigrantInnen in die Wirtschaftssektoren investieren, welche die ausländischen Investoren tendenziell nicht wählen. Es sind beispielsweise solche Sektoren wie Bildung oder Gesundheitsversorgung. Um dort zu investieren, sind oft umfassende institutionelle Kenntnisse und ausgebaute Kontakte zur Politik vonnöten, welche die ausländischen Investoren tendenziell nicht besitzen. Es werden nicht Güter, sondern Leistungen produziert, die schwer zu exportieren und deshalb für die ausländischen Investoren weniger attraktiv sind. Ein langfristiges Engagement ist erforderlich, da private Bildungsinstitute oder Gesundheitszentren erst dann einen nennenswerten Profit erzielen, wenn sie an Prestige gewonnen haben.

Die Bedeutung von MigrantInnen als Direktinvestoren oder Investitionsvermittler sollte man dennoch nicht überschätzen. Auch MigrantInnen verhalten sich rational und investieren nicht in die Wirtschaften, die aufgrund der politischen Situation oder fehlender Infrastruktur instabil sind. Deshalb bleiben gerade in den ärmsten der armen Länder die MigrantInneninvestitionen aus.

Bekämpfung von Armut

Wirtschaftswachstum trägt wesentlich zur Bekämpfung von Armut bei. Fehlen jedoch in den wachsenden Wirtschaften Umverteilungsmechanismen und Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs, kann sich das Wohlstandsgefälle vergrößern. Einige Bevölkerungsgruppen bleiben dann von der Entwicklung ausgeschlossen. Deshalb ist die gezielte Bekämpfung von Ungleichheit eines der wichtigsten Ziele der Entwicklungszusammenarbeit. So erklärt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, dass sich Deutschland dafür einsetze, dass die Arbeitsbedingungen weltweit sozial und fair gestaltet werden. Es geht des Weiteren um die Erleichterung des Zugangs zur Bildung, Beschäftigung, zum Eigentum, Wasser und Boden (vgl. die Ziele des BMZ).

Die Rolle des Diasporaengagements bei der Bekämpfung von Armut ist uneindeutig. Es ist beispielsweise nicht untersucht worden, ob MigrantInnen in die Unternehmen investieren, die faire Arbeitsbedingungen akzeptieren oder gar als ein wirtschaftspolitisches Modell propagieren. In anderen Bereichen des sozialen Diasporaengagements findet die Forschung sowohl positive als auch weniger positive Beispiele. Während einige Wohltätigkeitsprojekte der Diaspora besonders benachteiligte Schichten als Zielgruppe wählen, zielen andere Projekte darauf, die herausragende soziale Position der MigrantInnen, etwa durch den Bau einer Mosche oder einer besonders prestigeträchtigen Privatschule, zu manifestieren. Ein solches Engagement kann für die sozio-ökonomische Aufwertung der Region wichtig sein, fördert jedoch weniger die Partizipation ärmerer Bevölkerungsschichten. Insgesamt beobachtet man, dass MigrantInnengemeinden in ihrem sozialen Engagement oft partikulare Interessen verfolgen und in der Ausrichtung der Projekte ihre Ethnien oder Glaubensgemeinschaften bevorzugen. Dies könnte tendenziell zur Entstehung neuer sozialer Konfliktlagen führen.

Weniger umstritten ist der entwicklungspolitische Beitrag der Professionsverbände, die sich in den MigrantInnengemeinden herausbilden. Im Zielland organisieren sich oftmals Ärzte, Ingenieure, Lehrer mit Migrationshintergrund, um ihre Interessen zu vertreten. Sie können aber auch Projekte in den Herkunftsländern ins Leben rufen, welche die Übertragung professioneller Normen oder Technologien, Etablierung neuer Berufsbilder oder Bildungsstrukturen zum Ziel haben. Die Motivation dieses Engagements ist auf die Expansion der professionellen Arbeitsfelder im Herkunftsland und viel weniger auf die Unterstützung der partikularen Herkunftsgruppen gerichtet. Solche Projekte sind tendenziell offen gegenüber dem Konzept des Bildungsaufstiegs. Durch gezielte Förderung des sozialen Aufstiegs via Bildung und Beruf können sie die traditionellen sozialen Schranken zwischen den Schichten in Frage stellen.

Gutes Regieren

Förderung des guten Regierungshandelns (Good Governance) ist ein relativ neues Ziel der internationalen Zusammenarbeit. Staaten mit schlecht ausgebildeten demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen, einer hohen Korruption und mangelnder Legitimität wirken entwicklungshemmend. In solchen fragilen Staaten sind Investitionen in die Wirtschaft oder Infrastruktur nicht nachhaltig. Deshalb ist ein Ziel der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in den Entwicklungsregionen zu fördern.

Der Beitrag von MigrantInnen zur Stabilisierung der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in ihren Herkunftsländern ist vom Grad und von der Ausrichtung der politischen Diasporamobilisierung abhängig. Ethnische oder nationale Identität ist in den MigrantInnengemeinden oft der zentrale Mobilisierungsfaktor. Im Falle einer ethnischen Mobilisierung spricht die Forschung vom Nationalismus aus der Entfernung („long distance nationalism“). Diese Form des Engagements wird meist negativ bewertet. Es unterstützt konservativ-nationalistische Fraktionen im Herkunftsland, die etwa für die Perpetuierung von ethnischen Konflikten oder die Verfestigung gesellschaftlicher Disparitäten verantwortlich sind.

Politischer Aktivismus von MigrantInnen hat aber auch eine andere Ausprägung. MigrantInnen können für die autokratischen Regime in ihren Herkunftsländern eine wirksame politische Opposition darstellen. MigrantInnen, welche in den Zielländern positive Erfahrungen mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gemacht haben, unterstützen Demokratisierungsprozesse auch in ihren Herkunftsländern .

Wer migriert, der entwickelt? Ein Ausblick

Grenzüberschreitende Migration birgt gewiss ein hohes entwicklungspolitisches Potenzial in sich. Dennoch darf die Diskussion über den Entwicklungsbeitrag der Diaspora nicht in eine glorifizierende Euphorie verfallen. Nicht jeder Migrant oder jede Migrantin engagiert sich für sein Herkunftsland und nicht jedes Engagement ist zwangsläufig entwicklungsrelevant. Als Grundform des Engagements gelten individuelle Rücküberweisungen, die sehr weit verbreitet sind. Kollektive Engagementformen sind um einiges voraussetzungsvoller. Diese werden überwiegend von den etablierten MigrantInnen ins Leben gerufen. Als entwicklungsrelevante Felder, in denen ein Diasporaengagement als sinnvoll erachtet wird, wurden Rücküberweisungen, Direktinvestitionen, Projekte der Armutsbekämpfung sowie die Förderung demokratischer Strukturen identifiziert. Festzuhalten bleibt aber, dass es in keinem dieser Bereiche einen entwicklungspolitischen Königsweg gibt und einzelne Maßnahmen unter Umständen negative Auswirkungen nach sich ziehen.

 

Literatur

  • Itzigsohn, Jose; Giorguli-Suacedo, Silvia (2005): Incorporation, Transnationalism, and Gender: Immigrant Incorporation and Transnational Participation as Gendered Processes. International Migration Review. Vol. 39 No 4:895 - 920.
  • Portes, Alejandro; Escobar, Christina; Walton Radford, Alexandria (2007): Immigrant Transnational Organizations and Development: A Comparative Study. International Migration Review Vol. 41 No. 1 (Spring 2007): 242-281
  • Sheffer, Gabriel (1986): Modern Diasporas in International Politics. New York.
  • World Bank (2008): Migration and remittance Factbook. Washington.

 

 

Tatjana Baraulina, Soziologin, forscht über 'Bedingungen und Effekte der Rückkehr' in einer Forschungsgruppe des BAMF. Kevin Borchers, Diplom-Geograph, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im BAMF.

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