Migration - ein vielschichtiges Stück Erinnerung

von Christiane Schurian-Bremecker


Seit den ersten Anwerbevereinbarungen zwischen Deutschland und Italien, die als Modell für die weitere Rekrutierung von Arbeitskräften standen, sind 50 Jahre vergangen. Inzwischen lebt in Deutschland eine Generation von Migrantinnen und Migranten mit einer eigenen Erinnerung im Hinblick auf die unterschiedlichen Migrationsprozesse. Diesbezüglich ist in letzter Zeit auf der wissenschaftlichen Ebene wie in öffentlichen Debatten ein zunehmendes Interesse für das Thema Arbeitsmigration und Erinnerungskultur zu beobachten. Angesichts dieser Entwicklungen kommt der Erforschung von Migrationserinnerungen besondere Bedeutung zu.

Die Untersuchung der Hervorbringung und Bewahrung solcher transnationaler oder translokaler Erinnerungen schließt insbesondere auch die Frage ein, in welcher Weise Migrantinnen und Migranten ihre Zugehörigkeitsgefühle und Teilhabechancen in Erzählungen, d.h. in den Deutungen der Vergangenheit zu verankern suchen. In diesem Zusammenhang drängen sich Fragen auf, die nach Antworten suchen: Wo gibt es Erinnerungsorte für Migrantinnen und Migranten? Wo können sie sich erinnern? Wo wird sich ihrer erinnert?

Von der mündlichen Tradierung zur Erinnerungsforschung

Bevor wir Antworten auf diese Fragen suchen, wenden wir uns methodischen Sachverhalten zu und werfen einen kurzen Blick zurück. Mündliche Tradierung gibt es schon sehr lange, länger als die schriftliche Fixierung historischer Prozesse. Als wissenschaftliche Methode der systematischen Befragung von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen für geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse entstand zunächst die Oral history im angelsächsischen Raum und lässt sich dort bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen. Die Methode diente dazu, schriftlich nie festgehaltenes Expertenwissen, Berichte, Ereignisse und persönliche Einschätzungen geschichtlich fassbar zu machen. Zwischenzeitlich geriet diese dann in die Kritik, wobei die kritischen Stimmen vor allem von deutschen WissenschaftlerInnen ausgingen, die sich ausschließlich einer Schriftlichkeit verpflichtet fühlten.

In den 1970er Jahren erfuhr die Oral History ein erneutes Interesse. Es entstanden Geschichtswerkstätten, die eine „Geschichte von unten“ propagierten. Zeitgleich kam es zu einem zunehmenden Interesse an der Alltagsgeschichte der Menschen.

Im Zuge der Beschäftigung mit dem Handeln, den Gefühlen, dem Arbeiten und den Gedanken der Menschen in alltäglichen Kontexten, korrespondierte eine theoretisch-methodische Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Vorgehensweise. Menschen, die in untergeordneten Strukturen lebten, wurden vermehrt als handelnde Subjekte gesehen. Das führte zu dem Anspruch, das Nahe und Vertraute zu analysieren und damit Alltagsdenken und –handeln in den Kontext rationaler Regeln, die in gesellschaftliche Umgebungsbedingungen eingebettet sind, zu erkennen, zu interpretieren und einzuordnen. Das heißt, es entstand ein subjektzentrierter, auf die Handlungen und Erfahrungen der Menschen Bezug nehmender Zugang zu kulturellen und gesellschaftlichen Prozessen.

In den 1990er Jahren weitete sich der Ansatz aus. Es ging nun nicht mehr nur um die Geschichte des alltäglichen Lebens, sondern übergreifend um soziale Klassen und Bevölkerungsgruppen. In diesem Kontext steht nun die vermehrte Beschäftigung mit Erinnerung in den Geistes- und Kulturwissenschaften allgemein und in der Migrationssoziologie im Besonderen.

Publikationen zum Thema erschienen jedoch nur vereinzelt. Nach der Jahrtausendwende gibt es einige wegweisende Veröffentlichungen, wie den Sammelband „Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft, herausgegeben von Jan Motte und Rainer Ohliger (2004) und Viola Georgis (2003) „Entliehene Erinnerung. Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland“. Hier geht es dezidiert um Migration zwischen historischer Rekonstruktion und einer Politik der Erinnerung. Rainer Ohliger (2006) hat, gemeinsam mit Mareike König, in der Veröffentlichung „Enlarging European Memory. Migration Movements in Historical Perspective“ den Blick auf europäische Zusammenhänge ausgeweitet. Wegweisend ist nun ein Sammelband „Migration und Erinnerung“ herausgegeben von Christiane Harzig (2006). Der Schwerpunkt der Publikation liegt auf zahlreichen Beiträgen von Selbstzeugnissen von Migrantinnen und Migranten. „Erinnerung und Migration“ dient als Klammer, die die Beiträge des Bandes vereint.

Migration: ein vielschichtiges Stück Erinnerung

In diesem Kontext ist auch das Projekt „Migration und Erinnerung“ und die damit verbundene empirische Arbeit einzuordnen. Was ist die Besonderheit dieser Studie, was unterscheidet sie von anderen Forschungen? Zunächst einmal sollen diejenigen, die sich bisher nicht zu Wort gemeldet haben, die Möglichkeit bekommen, die von ihnen durchlebten Geschehnisse so darzustellen, wie sie sie empfunden haben. Dies klingt banal, ist es aber keinesfalls. Die Erinnerungsforschung ist mittlerweile, wie oben dargestellt, ein wichtiger Teil der Sozial- und Kulturgeschichte.

Mit Hilfe der Erinnerungen sollen die oft ausschließenden und unter dem Blickwinkel der autochthonen Bevölkerung gefärbten Darstellungen historizierender Geschehnisse bereichert, manchmal ergänzt oder in Frage gestellt werden. Dabei geht es um nicht weniger als darum, die Dominanz des Nationalen zu durchbrechen. Migrationsgeschehnisse müssen sich immer wieder mit dem Nationalstaat und der dominanten Kultur auseinandersetzen. Dazu gehört es, den in die BRD eingewanderten Menschen Gehör zu verschaffen. Letztendlich entspricht dies nicht nur dem Abbild der Gesellschaft in ihrer Vielfalt, sondern bereichert auch die Darstellung historischer Gegebenheiten (vgl. Harzig 2006, 8).

Die Diversität der Lebensgeschichten und die Variationsbreite der Befragten und Fragenden wirft viele Probleme auf, die hier nur in Form einiger Aspekte angerissen werden können. Bei dem Prozess des Erinnerns handelt es sich um eine Technik, die mit vielfältigen methodischen Problemen verbunden ist.

Erinnerung ist notwendigerweise selektiv, d.h. im Interview berichten die Befragten nicht die Gesamtheit der erlebten Situationen, sondern stets nur bestimmte Ereignisse, die aus der Sicht der Person zentrale Bedeutung haben. Da jede Erinnerung selektiv ist, basiert Erinnerung, so widersprüchlich dies auch klingt, auf dem Vergessen. Das, was erinnert wird, verweist auf einen spezifischen Lebens- und Erlebniszusammenhang. In den Interviews kann man sich der individuellen Weitsicht und Perspektive der befragten Person immer nur annähern. Hier geschieht es jedoch manchmal, dass die Gesprächpartner sich so weit in die Vergangenheit zurückerinnern, dass sie in ihre damaligen Rollen schlüpfen. Innerhalb unserer Forschungen mussten wir in zwei Fällen die Gespräche unterbrechen, da die Interviewpartner Zeit benötigten, um vergangene Situationen emotional zu verarbeiten.

Sodann beeinflusst die Gegenwart mit ihren vielfältigen Einflüssen die Erzählungen der Vergangenheit, denn Erinnern erfolgt stets retrospektiv.  Der Mensch hat bis zu dem Zeitpunkt der Erinnerung ganz besondere Reifungs- und Veränderungsprozesse durchlaufen. Dies bedeutet zweierlei: Zwischen der Erinnerung und dem Erinnern besteht ein zeitlicher Abstand. Die Person hat sich erstens verändert. Und zweitens ist auch Erinnern wie die Wahrnehmung ein Interpretations- und Konstruktionsprozess. Nach Maurice Halbwachs (1985) sind persönliche Erinnerungen immer auch vom kollektiven Gedächtnis gefärbt. Jeder Mensch erinnert sich zwar individuell, die Gemeinschaft befindet jedoch darüber, was des Erinnerns wert ist und was vergessen werden kann. Dies ist ein unbewusster Prozess, der die Erzählungen eines Menschen in starkem Maße beeinflusst. Der Einzelne identifiziert sich mit den öffentlichen Ereignissen, die für seine soziale Gemeinschaft als wichtig empfunden werden. So entsteht eine historische Dimension kollektiver Identität (vgl. Burke 1991, 290).

In allen Erzählungen, die wir hören, ist diese kollektive Identität vorhanden. Sie färbt die individuellen Erinnerungen im Sinne einer der Gemeinschaft angepassten Rahmung. Erinnerungen finden also in spezifischen Räumen und zu bestimmten Zeiten statt. Die Erfahrungen der Gegenwart strukturieren die Erlebnisse der Vergangenheit. Christiane Harzig (2006, 9) spricht davon, dass die „mentalen Strukturen der Gegenwart ... der Vergangenheit übermittelt“ werden und diese verformen. Die Erzählungen sind demnach Memoiren, die eine persönliche Sichtweise auf Geschehnisse zeigen, die wiederum gruppenspezifisch eingefärbt sind. Keinesfalls entsprechen die Schilderungen realen Gegebenheiten. Ihnen liegen jedoch reale Situationen zugrunde: So oder so ähnlich könnte es gewesen sein.

Letztendlich spielt die Erzählsituation, d.h. der Rahmen, in welchem das Gespräch stattfindet eine bedeutende Rolle innerhalb der Übermittlung individueller Geschichten. Dies gilt sowohl für die in der Feldforschung als Interviewende Tätigen als auch für die Erzählenden. Die Beziehung zwischen dem Forscher oder der Forscherin und seinem „Gegenstand“ ist von grundlegender Bedeutung. Die Frage nach der Subjektivität des Forschenden ist im vorliegenden Fall noch einmal von gesteigerter Tragweite, da einige der Interviewenden in einem besonderen Verhältnis zur erforschten Gruppe standen. Sie betrachteten sich selbst als Teil der von uns untersuchten Gemeinschaft und erlangten auf diese Weise privilegierten Zugang zum Gegenstand.

Projekt

Die im Projekt „Migration und Erinnerung“ generierten lebensgeschichtlichen Erzählungen tragen dazu bei, der Erinnerung an die Migration ebenso wie der Migration in der Erinnerung einen Raum in der Historie und in der Gegenwart zu verschaffen. Sie bilden Mosaikstücke, aus denen ein kollektives, öffentliches Erinnern an Wanderungsbewegungen als Erfahrung in unserer Gesellschaft zusammengesetzt werden kann. Sie verdeutlichen, in welch vielfältigen Formen Mobilität, Migration und Transkulturalität in der privaten Erinnerung vorkommt. In den Memoiren der Menschen fließen viele Gedanken zusammen, die nicht um der historischen Analyse willen, getrennt und auseinander dividiert werden.

Diese Art der Dokumentation stellt nicht nur einen Zugang zur bisher ignorierten Erinnerungskultur der Eingewanderten dar, sondern birgt die Möglichkeit in sich, den öffentlichen Raum als Medium der Integration zu verwenden. Damit geht es letztendlich um den Nutzen und die Bedeutung von Erinnerungskulturen. In gelungener Weise führt dies zu einem Gefühl von Belonging (Harzig 2006, 16) der eingewanderten sowie der autochthonen Bevölkerung. Das Zugehörigkeitsgefühl, welches selbstbestimmt gesucht, gefunden und vertreten wird, verdeutlicht auf anschauliche Weise der der aus dem Projekt hervorgegangenen Veröffentlichung  „Ich bin ich…“. Unsere Gesprächspartnerin, von der dieses Zitat stammt, haben Ausgrenzungen und Zugehörigkeiten in beiden Kulturen erlebt. Sie fühlt sich jedoch nicht nur einer Kultur angehörig, sondern nimmt in ihr Leben das auf, was für sie dazugehört. Nationale Zuschreibungen spielen dabei keine Rolle: Was zählt ist sie als Person.

Perspektiven

Und damit kehren wir zum Anfang zurück. Ja, es gibt Orte der Erinnerung für Migrantinnen und Migranten, die diese selbst geschaffen haben. Sie sind individuell und beziehen sich auf Stationen im persönlichen Lebenslauf. Oftmals sind Erinnerungen mit Alltagsgeschehnissen, Gegenständen, speziellen Handlungsweisen und mit bestimmten Lokalitäten verbunden: Erinnerungsorte, wie Nora (2001) sie versteht. Orte, die aus dem Alltag heraus gefunden und gestaltet sind und nicht an spezifische Schauplätze gebunden sind. Einen kollektiven Erinnerungsraum haben wir jedoch nicht finden können. Vielleicht trägt die öffentliche Beschäftigung mit dem Thema – auch in der Form wie wir dies tun – dazu bei, diesen in naher Zukunft zu errichten.

Projekt „Migration und Erinnerung“

Das Forschungsprojekt "Migration und Erinnerung", das im Wintersemester 2008/09 am Fachbereich Sozialwesen der Universität Kassel startete, zeigt die unterschiedlichen Praktiken der Erinnerungskulturen in Form eigener empirischer Feldforschung auf.
In leitfaden-gestützten Interviews befragten die Studierenden

 
DieProjektgruppe des Forschungsprojekts "Migration und Erinnerung" an der Uni Kassel


ISBN 978-3-89958-722-7

„Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen der ersten Stunde“ nach ihren Erlebnissen, Eindrücken, Unsicherheiten, Hoffnungen bei ihrer Einreise in Deutschland bzw. nach ihrer Ankunft in der Stadt Kassel. Die Ergebnisse des Projekts wurden unter dem Titel „Ich bin ich …“ Migration und Erinnerung veröffentlicht und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Literatur

  • Burke, Peter: Geschichte als soziales Gedächtnis. In: Assmann, Aleida; Hardth, Dietrich (Hg.): Mnemosyne. Frankfurt/Main 1991, S. 289-304. 
  • Georgi, Viola: Entliehene Erinnerung. Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland. Hamburg 2003.
  • Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Frankfurt/Main 1985.
  • Harzig, Christiane: Einleitung: Zur persönlichen und kollektiven Erinnerung in der Migrationsforschung.  In: Christiane Harzig (Hg.) Migration und Erinnerung. Göttingen 2006. S. 7-15.
  • Reflexionen über Wanderungserfahrungen in Europa und Nordamerika. Göttingen 2006. S. 1-12.
  • König, Mareike; Ohliger, Rainer (Hg.): Enlarging European Memory. Migration Movements in Historical Perspective. Ostfildern 2006.
  • Nora, Pierre: Nachwort. In: Etienne, Francoise; Schulze, Hagen (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte. München 2001. S. 681-686.
  • Motte, Jan; Ohliger, Rainer (Hg.): Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft. Migration zwischen historischer Rekonstruktion und Erinnerungspolitik. Essen 2004.
  • Rosenbaum, Heidi: Kindheitsbiograpghien und –autobiographien in der Sozialgeschichte von Familie und Kindheit In: Behnken, Imbke; Zinnecker, Jürgen (Hg.): Kinder Kindheit Lebensgeschichte. Seelze-Velber 2001. S. 744-757.

 

Christiane Schurian-Bremecker ist Privatdozentin am Institut für Sozialpädagogik der Universität Kassel. Sie leitete u.a das Projekt Migration und Erinnerung.

   

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