"Glühende Landschaften"

Urheber: Nils Bröer. All rights reserved.

Der Künstler Arne Vogelgesang beschäftigt sich seit Jahren mit radikalen Diskursen von links, rechts und islamistischer Seite. Unter dem Titel „Die Gleichen und die Anderen – die Vermessung der Kampfzone am heimischen Computer“ untersuchte er für Heimatkunde das Thema „Evil Campaigning im Netz“ in einem literarischen Essay. Dabei zeichnet er auch den Arbeitsprozess seiner Perfomance ANDERS nach, in der er sich mit dem norwegischen Attentäter Anders Breivik auseinandersetzt. Im September ist Vogelgesang mit seinem Label internil mit einer neuen Perfomance im Berliner Theaterdiscounter zu sehen.

Herr Vogelgesang, was fasziniert Sie an politischen Extremen?

Ich habe eine Vorliebe für das Randständige, Nicht-Normale – das extreme Beispiel, das Normalität überhaupt bestimmbar macht. Der Prozess begann eigentlich gleichzeitig von verschiedenen Seiten: Recherchen zu Anders Breivik haben mich in die Szene der selbsternannten „Counterjihadisten“ geführt und von dort zu den deutschen Jihadisten; Recherchen zum NSU zu Neonazis, Neurechten und natürlich dem Verfassungsschutz; Recherchen zu Romantik im Digitalen zu Leuten die glauben, dass nur Liebe uns vor der Herrschaft außerirdischer Vampir-Echsenwesen retten kann, und von dort zur bunten Szene der Truther, Infokrieger, neurechten Esoteriker, Reichsbürger und so weiter – jenem Personal, das jenseits des Internets etwa große Teile der „Montagsmahnwachen für den Frieden“ bevölkert.

Für radikale linke Diskussionen interessiere ich mich schon länger, auch aus persönlichen Gründen, die bis zur „Wende“ zurückgehen. Ich war immer fasziniert von all den sich gegenseitig kritisierenden Kleingruppen und Lagern, die ja durchaus auch eine Stärke sind. Aus diesen Recherchen sind bislang zwei Performance-Abende entstanden. Zunächst UNTERGRUND, die Rekonstruktion eines abgebrochenen Dokumentationstheaterstücks über die mediale Rezeption des NSU-Komplexes . Dann ANDERS, ein extremistisches Coachingprogramm, eine Art Terror-Tae-Bo zwischen Anders Breivik und Eric Breininger.

Wer soll sich denn dort zum Extremisten coachen lassen, und warum?

Der Extremismusbegriff baut ja auf der Fiktion einer friedlich-demokratischen „Mitte“ auf, die von ihren Rändern geschützt werden muss – eine Konstruktion, die ich für verfehlt halte, die aber aufgrund ihrer Einfachheit sehr wirkmächtig ist. Ich dachte, es wäre nützlich, den Spieß mal umzudrehen und statt eines Aussteiger- ein Einsteigerprogramm zu entwickeln, das gemünzt ist auf jenes weiße kulturbürgerliche Publikum, das unsere Veranstaltungen üblicherweise besucht. Breivik rief den Bürgerkrieg in Europa aus, der die Rückeroberung des Stammlands durch die autochthone Bevölkerung bis 2083 erledigen sollte. Die modernen Jihadisten rufen zum Krieg gegen die verkommenen westlichen Gesellschaften. Warum diese Visionen nicht ernst nehmen?

Tatsächlich ist diese „Reconquista“ das Programm der meisten radikalen Rechten in Europa, und deren Erfolg ist seit einigen Jahren evident. Unser Vorschlag war es, Integration als individuelle Kampftechnik zu verstehen. Wir haben also Material der beiden politischen Lager mit Fitnessvideos kombiniert, die den kämpferischen Impuls als Teil jener Selbstoptimierungsstrategien im kapitalistischen Überlebenskampf verstehbar machen, die wir alle sowieso schon leben müssen: Arbeiten und Lächeln, bloß nicht aufgeben!

Wenn nun der Bürgerkrieg kommt, wenn der Satz, dass jeder von uns ein potentieller Terrorist ist, sich vom Überwachungsdispositiv zur Prophezeihung zukünftiger Subjektivität verwandelt, was tun wir dann? Mit „wir“ meine ich in diesem Fall Leute wie dich und mich, die nicht ständig kämpfen wollen, die lieber ihren Alltag irgendwie bewältigen und abends mal ins Kino gehen wollen und dann ist gut. Wir fangen besser schon mal an, die richtigen Gesten und Argumente zu lernen. Oder wir stellen plötzlich fest, dass uns dieser angebliche „Extremismus“ gar nicht so fremd ist, dass er genau der gesellschaftlichen Situation entspringt, die auch wir täglich leben.

Sie sind ursprünglich als Theaterregisseur ausgebildet worden, arbeiten heute aber vor allem mit digitalen Medien. Was macht den besonderen Stellenwert des Internets in Ihrem Werk aus?   

Ich mache seit zehn Jahren unter dem Label internil mit wechselnden Kolleg*innen zusammen Kunstarbeiten, die zwischen Theater, Performance, Videokunst und Installationen pendeln. Es hat mich schon früh interessiert, Material zu verwenden, das in anderen Verwertungszusammenhängen entstanden ist: Graffiti, Architektur, Fernsehen, funktionale Videos und Texte. Seit einigen Jahren arbeite ich fast ausschließlich mit gefundenem Material aus dem Internet. Das hat primär den Grund, dass ich selbst mehr und mehr Zeit am Computer verbringe und den Eindruck habe, dass gesellschaftliche Aushandlungsprozesse zunehmend über die sogenannten „Neuen Medien“ stattfinden. Gleichermaßen wird mittlerweile hauptsächlich in digitalen Technologien bestimmt, wie wir uns als Menschen verstehen und repräsentieren, und diese Frage ist für meinen Beruf elementar. Das soziale Netz ist im Grunde ein gigantisches Theater, das ständig spielt – welche Funktion finde ich also für das „klassische“ Theater mit seinen Zugangsbeschränkungen überhaupt noch jenseits gediegener Abendunterhaltung?

Am 16. September sind Sie mit Ihrer Perfomance GLÜHENDE LANDSCHAFTEN im Berliner Theaterdiscounter aber auch wieder auf der Bühne zu sehen. Worum geht es?

Wir versuchen hier den Rundumschlag durch alle möglichen Szenen, um so eine Art Deutschlandbild im Vexiermodus zu erstellen – den Extremismus der Mitte von den Rändern her bestimmen sozusagen. Wenn man dieses ganze Material sammelt, fühlt man sich ja mit der Zeit eh wie eine Art Verfassungsschützer, und vielleicht können wir diese Perspektive nutzen, um einerseits die Ohnmacht und andererseits die Verstricktheit der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“ in den Blick zu bekommen, zu der wir als Gruppe weißer Kunstschaffender selbst gehören. Soweit ich es bis jetzt sagen kann, wird es eine begehbare Rundum-Performance werden, in der wir peu á peu einen Bruchteil der deutschen postpolitischen Landschaft aufstellen, wie sie sich im Internet zeigt. Irgendetwas zwischen politischer Bildungsveranstaltung, Galgenhumor und Horrormusical, sicher sehr deutsch. Ich glaube, ich bin zur Zeit besessen von der Idee, so viel wie möglich vom gegenwärtigen Wahnsinn in einem Raum zusammenzupressen.

Der Wahnsinn entlädt sich in Deutschland gegenwärtig auch in massiver Gewalt gegen Flüchtlinge. Überrascht Sie was an Orten wie Heidenau gerade passiert -- oder haben Sie den Hass schon jahrelang im Internet kommen sehen?

Im Internet hat dieser Hass schon lange seinen Platz und seine Probebühne gehabt, und auch im „realen“ Deutschland ist er beileibe kein neues Phänomen. Was sich verändert hat, sind die Allianzen und diskursiven Strategien, die sich jetzt in altbekannte Taten umsetzen. Als wir UNTERGRUND abgeschlossen und ANDERS begonnen hatten, war von Pegida und HoGeSa noch keine Rede, das kam dann alles erst. Mittlerweile brennt es überall und ich habe das Gefühl, von der Realität komplett überrollt zu werden. Irgendwann ist die Zeit für die Komplexität und Ambivalenz künstlerischer Arbeit vorbei, und diese Zeit ist möglicherweise schon da. Aus der Recherche der letzten Jahre weiß ich, dass vieles von dem, was jetzt passiert, Ergebnis jahrelanger zäher Propagandaarbeit rechtsradikaler Netzwerke ist. Jede Moderatorin des Kommentarbereichs der Onlinepräsenz einer größeren deutschen Tageszeitung kann ein Lied davon singen.

Was gerade passiert, ist aber auch das Ergebnis deutscher Innen- und Außenpolitik seit der Wende, insbesondere nach der „Ära Kohl“. So wie sich die Grundprinzipien individualisierter Projektarbeit und erfolgsorientierten Selbstmanagements bei Anders Breivik nachlesen lassen, spiegelt sich der „Aufstand der Anständigen“ in Pegida. Und um ein aktuelles Beispiel zu nehmen: Es ist der Zynismus der gesellschaftlichen Realität, dass die Belagerung der geplanten Geflüchtetenunterkunft in Heidenau – schon der Umstand, dass du in Deutschland vielleicht „Unterkunft“ sagst, in der Regel aber „Heim“ meinst und dabei „Lager“ denkst! –, dass diese Belagerung und der Heidenau-Image-Song, der nun zu seiner avisierten Popularität gefunden hat, strukturell zusammengehören.

 Die DSDS-mäßig jungen Mädchen und einer Quoten-Oma aufgelastete Verpopwurstung längst nicht mehr selbstverständlicher Solidarität und Gastfreundschaft für die blütenweiße Standortpolitik eines aus der mittleren DDR in allseitigen Wettbewerb gestellten Städtchens und die aggressive Projektion der Verlust- und Abstiegsängste der lokalen „besorgten“ Bürgerschaft auf die zuvor ausführlich medial angedroht flutenden „Flüchtlinge“ (man meint: „Ausländer“) sind für mich zwei Erscheinungsweisen des im Grunde gleichen Vorgangs, und der wurde und wird von der breiten Bevölkerung und „der Politik“ selbstverständlich mitgetragen. Was diese Politik nur kann – denn etwas anderes versteht sie nicht – ist die Verwaltung der eskalierenden Krise. Aber Angst und Hass sind keine Sachzwänge und an den Grenzen des Wachstums lässt sich nicht ohne weiteres Stacheldraht entrollen, um die schlechten Nachrichten draußen zu halten. Die Tage der Wohlstandsdemokratie sind gezählt und die wenigsten Menschen in Deutschland oder Europa werden Grund finden, sich darüber zu freuen.

 

"Glühende Landschaften"

16. bis 20. September 2015 im Theaterdiscounter, Klosterstraße 44, 10179 Berlin.

Kartenpreise: € 13,- / ermäßigt € 8,-

Telefonisch: 030 28 09 30 62, per E-Mail: tickets@theaterdiscounter.de

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