Schwarz und deutsch? Eine ostdeutsche Jugend vor 1989 - Retrospektive auf ein ,nichtexistentes' Thema in der DDR

Schwarz und deutsch? Eine ostdeutsche Jugend vor 1989 - Retrospektive auf ein ,nichtexistentes' Thema in der DDR

Urheber: Barbara Mugalu. All rights reserved.

 

Von Peggy Piesche

„Die DDR wird im Nachhinein immer verschiedener. Für die einen ging sie sang- und klanglos unter – andere hören fast nichts außer dem Post-DDR-Sound. Das alles vor dem Hintergrund der gnadenlosen Entzauberung des Westens, der vom letzten Fluchtweg oder sinnspendenden Dauerfeind zum schieren Endlosalltag mutierte. In dem Kampf um die Erinnerungshoheit, aus dem die Deutungshoheit über die Geschichte folgen soll, sind ungeschützt dargebotene Fakten, Irritationen, Material wichtig.“

So Lutz Rathenow in seiner Rezension zu Ehrhart Neuberts Geschichte der Opposition in der DDR, in der er Fragen nach der Möglichkeit eines „unbefangenen Blick[s]“ aufwirft, der in einer „unverfälschten Erinnerung an die DDR“ seine Quelle hat.

Nun sind seit dem Zusammenbruch der DDR bereits zahlreiche dieser Versuche unternommen worden – Schwerpunktthemen wie das Mangelwirtschaftssystem und die daraus resultierende defizitäre Leistungskraft der DDR-Gesellschaft, die Umweltbeschädigungen bzw. die Strukturen und Folgen der totalitären Überwachungsstrategien stehen dabei im primären Interesse der kleinen Gilde einer Post-DDR-Geschichtswissenschaft. Und gerade diese Bedenken zu eben jener Möglichkeit legt bei der Betrachtung dieser Untersuchungen die Vermutung nahe, dass die DDR wahrscheinlich nicht von ihrem Ende, sondern nur von ihrem Anfang her zu begreifen ist.

Dabei ist zu konstatieren, dass Studien zu ethnischen Minoritäten und deren Entwicklungs- und Lebensbedingungen in der DDR auffällig selten in jenem ‚Blick‘ des Interesses stehen. Die wohl wichtigsten Untersuchungen, die sich mit der „Ausländerfrage in der DDR“ und deren „komplexe[r] Realität“ beschäftigen (Irene Runge, Ausland DDR), sollen deshalb hier auch hervorgehoben werden: Eine erste Bestandsaufnahme zu einer multi-ethnischen Perspektive in der DDR – und der Benennung eines solchen Problems in der DDR überhaupt – legte Irene Runge mit ihrer bereits 1990 erschienenen Studie „Ausland DDR: Fremdenhass“ vor.

Darauf aufbauend werden in dem Band von Kriechhammer-Yagmur und Proß-Klappoth „West meets East“ die Praktiken der Ausländerpolitik in der DDR sowie deren gesetzliche Grundlagen untersucht. Mit der Publikation „Schwarz-Weiße Zeiten: AusländerInnen in Ostdeutschland vor und nach der Wende. Erfahrungen der Vertragsarbeiter aus Mosambik“ liegt seit 1993 eine umfangreiche Interviewsammlung mit Erfahrungsberichten von Vertragsarbeitern sowie deutschen Mitbürgern vor.

Eine intensive Diskussion der (verfehlten?) Integrationspolitik der DDR und vor allem deren Folgen für das größere Nachwendedeutschland steht noch aus. Sie wird in dem im Jahr 2000 erschienenen Grundrissartikel von Patrice Poutrus, Jan Behrends und Dennis Kuck sehr anschaulich eingefordert: „Historische Untersuchungen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern“ geht vor allem der „Ausländerfrage in der DDR“ und deren Folgen nach.

Darüber hinaus ist  vor allem die Position der Schwarzen Deutschen interessant, die ihre gesellschaftliche und kulturelle Sozialisation in der DDR erlebten – dies betrifft die Geburtsjahrgänge 1961-1970 – hinsichtlich der Zuschreibungen und Rezeption des ‚Fremden‘ und ‚Anderen‘ in der DDR. In einer 1995 durchgeführten Befragung von Schwarzen Deutschen aus der DDR wurde zum ersten Mal der Frage nach dem Sozialisationsprozess dieser Bevölkerungsgruppe nachgegangen. Die Studie von Jeanette Sumalgy diskutiert die Position von Schwarzen deutschen Jugendlichen in der DDR vor allem vor dem Hintergrund des Schulsystems und ihrer binationalen Familiensituation.  Daraus wird ersichtlich, dass diese in der entscheidenden Entwicklungsphase ihrer Identitätsbildung von den maßgeblichsten Sozialisationsinstanzen keine positive Unterstützung erfuhren und dies als einen wesentlichen Mangel bei der Suche nach ihrer eigenen (meist von außen zugeschriebenen kulturellen) Identität empfanden.

In der relativ homogen geschlossenen DDR-Gesellschaft waren Schwarze Menschen ähnlichen Zuschreibungsmustern wie in anderen Ländern unterworfen: Exotisch, fremd, anders. Einer solchen Bezeichnung zugeordnet zu werden, bedeutete gleichzeitig als Angehöriger einer ‚anderen‘ Gemeinschaft - in jedem Falle nicht der ‚eigenen‘- betrachtet zu werden: Ausländer mit zeitlich begrenztem Aufenthalt.

Schwarze Kinder und Jugendliche nahmen in der DDR hier jedoch eine besondere Position ein. Sie sprachen die deutsche Sprache, trugen deutsche Namen und lebten meist in weißen deutschen Familien und deren ganz gewöhnlichem Alltag. Dies verwies auf eine scheinbare Integration. Doch der Blick auf die Situation der Väter - es waren zuerst ausschließlich Männer, die ins Land kommen durften - ich werde noch darauf eingehen - zeigt, dass der ‚Differenzsozialismus‘ mit stereotypen und rassistischen Zuschreibungen Mehrheits- und Minderheitenkulturen prägte und dies auch in den Kindern weitertradiert wurde. Gerade vor dem Hintergrund einer sich zur Völkerverbundenheit und -freundschaft bekennenden Ideologie, die auch die bildungspolitische Auseinandersetzung mit Rassismus und Antisemitismus und ihren eigenen Internationalismus zum Programm erhob, stellt sich die marginale Position, die Schwarze Menschen in der DDR im Alltagsleben und Repräsentationskontext einnahmen, besonders drastisch dar.

Bruderhilfe und Solidaritätsabkommen

Seit Ende der 50er Jahre kamen im Rahmen von Solidaritätsabkommen zwischen der DDR und den so genannten jungen Nationalstaaten zuerst ausschließlich Männer zu einem studentischen bzw. Arbeitsaufenthalt in die DDR. Der Unterschied, ob man als Student oder als Arbeitskraft für die Volkswirtschaft in die DDR kam, hing vom ideologischen Status des Heimatlandes ab. Kam man aus einem der Länder, die sich nach Erlangung der Unabhängigkeit im Zuge des Kalten Krieges mehr am westlichen – marktwirtschaftlichen – System orientierten, so war die Möglichkeit eines Studiums (meist Medizin oder Ing. Wissenschaften) sehr groß, mussten doch jene Länder die Ausbildung ihrer künftigen Intelligenz in so genannter Valuta also $ bezahlen. Länder, die sich selbst dem sozialistischen Block zugehörig fühlten, brauchten – und konnten meist auch nicht – die Ausbildung ihrer Schützlinge bezahlen.

Die DDR übernahm - als Solidaritätshilfe auch ideologisch nutzbar gemacht - alle Kosten für deren Ausbildung. Hinzunehmen, und vertraglich festgelegt, war dann jedoch, dass es sich um Arbeitsverhältnisse in der Produktion handelte und für die so genannten Vertragsarbeiter keine teuren Universitätsstudien vorgesehen waren. Der Import günstiger Arbeitskräfte war also keineswegs eine westdeutsche Besonderheit, wenngleich die Zahlen der so genannten GastarbeiterInnen in der Bundesrepublik wesentlich höher liegen.

In den zugrunde liegenden Regierungsabkommen wurden die VertragsarbeiterInnen als Gruppe festgehalten und unterlagen dementsprechend kollektiven Auflagen. Diese umfassten u.a. folgende Regelungen:

  • Abführung von 12 % des Lohnes in die Heimatländer (natürlich an den Staat)
  • keine Möglichkeit auf Familienzusammenführung (vor allem Vertragsarbeiterinnen…)
  • Abschiebung im Schwangerschaftsfall (in den Abkommen mit Kuba, Vietnam, Mosambik und Sambia verankert), wurde erst Anfang 1989 aufgehoben (vgl. Runge)
  • Abschiebung bei politischer Betätigung außerhalb des vorgeschriebenen Rahmens (keine Vereinsbildung aber auch keine Mitgliedschaft in Parteien der DDR mgl.)
  • jedoch Pflichtmitgliedschaft beim Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) und Bezahlung der Mitgliedsbeiträge (u.a. auch der Solidaritätszuschläge)
  • zentrale Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften.

In den wenigen Fällen, in denen Ausländer Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung herstellen konnten und sich daraus engere Beziehungen entwickelten, bedeutete dies auch, dass diese Paare keinen Rechtsanspruch auf einen gemeinsamen Wohnraum hatten. Eine spätere Heirat wurde vor dem Hintergrund der jeweiligen Regierungsabkommen meist unmöglich.

„Solidaritätskinder“ im weißen deutschen Alltag

Die Mütter, die sich über die staatlichen, gesellschaftlichen und familiären Reglementierungen und Einengungen hinwegsetzten, in eine Beziehung zu einem Ausländer traten und Schwarze Kinder zur Welt brachten, kämpften oft vergeblich um die Möglichkeit der Eheschließung. Diese bedurfte einer offiziellen Genehmigung und wurde fast immer versagt. Wo dies nicht möglich war, versuchten die zuständigen Beamten die DDR-Bürgerinnen von ihrem Vorhaben abzubringen auch mit „dem Hinweis auf die Situation in den Heimatländern der Partner und der Vorzüge des Sozialismus.“

Darüber hinaus sahen sich diese Frauen – meist zwischen 19-23 Jahren, sowohl aus der Arbeiterklasse als auch aus der „Intelligenz“ – des geistigen Bürgertums der DDR – stammend und in gesicherter, da erwerbstätiger Position, massiven Vorurteilen und Ressentiments gegenüber, die auf eine gesteuerte Mythenbildung zurückgeführt werden kann. „Wir waren auch davor gewarnt worden, ein Kind zu bekommen, weil dann die Leistungsfähigkeit sänke…. Jedenfalls sitzen wir in der Mensa, als eine Studentin einen Kinderwagen rein schob. Wir grinsten uns bereits an. Dann streckte ein farbiges Kind seinen Kopf raus und grabschte nach irgendwas und wir mussten alle loslachen. Es hieß: die sind alle so scharf auf Frauen die sind viel gefährlicher und so triebhaft.“ So eine Studentin der Völkerkunde. Diese Mythenbildung wurde vom herrschenden (Studien)Material noch unterstützt.

Die meist negativ besetzten Typisierungen und Klischesierungen von ‚schwarz‘ versperrten schwarzen Kindern einen Zugang zu einer positiven Identifikation mit der Herkunft des ‚anderen‘ Elternteils. Aus Sumalgys Studie geht hervor, dass 80% der Befragten über äußerst spärliche Informationsquellen von afrikanischer bzw. asiatischer Geschichte verfügt haben und dies als einen Mangel bei der Suche nach eigenen Bewältigungsstrategien betrachteten, um einen positiven Selbstwert entwickeln zu können.

Gemeint sind hier vor allem Literatur, Musik, Medien und Reisen. So konnte man zwar in der DDR die Bücher von Nkwame Nkrumahs, Frantz Fanon oder Du Bois und Alex Haley kaufen, doch war das Angebot für Jugendliche im Prozess der Individuation und Identitätsfindung eher dürftig und meist in seiner Aussage sehr ambivalent. In einer Fülle von Kinderbüchern, Filmen und Comics wurden die Kinder und Jugendlichen zwar mit einer als ‚anders‘ erfahrenden Geschichte konfrontiert, doch tradierten sie fast ausnahmslos die überkommenen Stereotypen und Rassismen weiter.

War (der Kobold) Pittiplatsch schwarz? – Comics in der DDR

In dem Bildertextbuch Kinder in Afrika von 1969 wird das Bild eines ganzen Kontinentes und seiner Menschen im Vergleich mit dem kleinen europäischen Land der DDR so marginalisiert dargestellt, dass schließlich nur die Tiere in unserem Zoo von jenem ominösen Afrika zeugen, in dem ein einzelner kleiner Junge zum Abschied winkt. Eine solch völlig unreflektierte Darstellung ist nicht weiter verwunderlich, denkt man an den bereits 1969 zum Hit avancierten Bummi, der schließlich auch in Afrika auf die Suche nach dem „afrikanischen Mädchen Sally“ geht. Dabei soll ein dort geborener Elefant helfen. Und die geographischen Verhältnisse sind vollends verdeutlicht, wenn es denn heißt: „Die Sonne brennt heiß in Afrika. Viel heißer als in Berlin […].“

Das in Jeanette Sumalgys Umfrage entstandene Bild der Unkenntnis und des Fremdheitsgefühls gegenüber dem Nachbarkontinent war natürlich somit nicht nur ein Problem der Schwarzen Kinder und Jugendlichen. Interessanterweise argumentiert Anke Poenicke in ihrer Studie zum Afrikabild in bundesdeutschen Medien und Schulbüchern der Gegenwart ähnlich (Afrika in den deutschen Medien und Schulbüchern). Doch gerade für das Selbstbild und Selbstverständnis Schwarzer Kinder wären Identifikationsfiguren, die jenseits von stereotypen Rassismen, aber auch von Unterdrückten und Hilfsempfängern liegen, wesentlich gewesen.

Als einzige Zeitschrift der DDR, die die Vereinigung überlebte und mittlerweile gesamtdeutsch rezipiert wird, darf sich das Mosaik ohne Zweifel rühmen, die langlebigste deutsche Comic-Zeitschrift zu sein. In verschiedenen Serien (Amerika-, Orient-, Fern-Osten-Serie) führen die Helden in fernen Ländern einen harten Kampf gegen Unrecht, Gewalt und Not, setzen sich kritisch mit den bestehenden Übeln in der Welt auseinander und helfen so manch Weltgeschichtliches zu vollbringen (so z.B. die Befreiung der “Negersklaverei” in den Südstaaten – und hier vor allem einer Überidentifikation mit jenen selbst stilisierten Minderheiten).

In einer einfachen, hierarchischen Opposition der eigenen, moralischen zu einer verkommenen Welt wird das ‘Gute’ und ‘Böse’ zwischen der superioren – hier nun sozialistischen – Kultur des Abendlandes und jener der ‘Anderen’ (exotisch oder ergebend, leidend, untergebend, passiv) verhandelt. Die kontrastreich nebeneinander gesetzten Bildfiguren der Charaktere spiegeln die ambivalente Zuschreibung des alles überwindenden ‘Eigenen’ auf der einen und des eher schicksalsergebenen ‘Anderen’ wieder und konstruieren in ihrer Binarität ein kollektives Bildrepertoire der Unterscheidung nach “Rasse” und Nation.

Die Praktiken der Ethnisierung und Abwertung gehen dabei einher mit der Entwicklung von Strategien der Verbundenheit, so dass die ‘Anderen’ als weitere konsumistische Differenz für die Entfaltung der "inneren" Lebensstilhybridität der Helden auftauchen dürfen. So wird in diesem äußerst populären Jugendmedium ein Konzept entworfen, in dem die weltumspannenden Abenteuer der Comic-Helden die Begriffe der sozialistischen Verbundenheit – internationale Völkerfreundschaft und Solidarität – in ‘multikulturelle’ Szenarien verpackt sind, deren Images sich jedoch in rassistischen Zuschreibungen und anderen Stereotypen verlieren.

Mit dem Fehlen positiver Vorbilder, die Schwarzen Kindern und Jugendlichen in der DDR das Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln und mit denen sie sich hätten identifizieren können in einer Gesellschaft, die Weißsein für ‘normal’ hält, stellte sich die DDR als ein Ort dar, in dem eine spezifische Form der Benachteiligung ethnischer Minoritäten konstruiert und (re)produziert wurde.

Literaturhinweis

Piesche, Peggy (2002): Black and German? East German Adolescents before 1989: A Retrospective View of a "Non-Existent Issue" in the GDR in Gray, Harry and Helen Humanities Programm Series Volume 13, The Cultural After-Life of East Germany: New Transnational Perspectives (Ed.) Adelson, Leslie, A., (AICGS) American Institute for Contemporary German Studies, The John Hopkins University, Washington, D.C.

 

Peggy Piesche

Peggy Piesche, geboren 1968 in Arnstadt/Thüringen, ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Sie hat an verschiedenen Universitäten gelehrt. Z.Z. arbeitet sie als wiss. Mitarbeiterin im Projekt „BEST" an der Uni Mainz. Sie engagiert sich bei ADEFRA.

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