Oxana Chi von Zopf bis Fluss: Transkulturelle Tanzkunst und alternative Geschichtsschreibung

Oxana Chi, Zeitsprung, "Neferet iti ", Foto: Miriam Tamayo

von Layla Zami

 

Moi, je danse sur les tombes des morts
Pour leur dire que je ne les oublie pas.
Moi, j'écris tout au long de la vie
Des mots souvent perdus, dans la nuit, dans le jour.

Widad Amra, Palästina | Madinina

Tanzende Wege, die Oxana Chi auf der Bühne zeichnet. Kreisförmige Erzählungen, die Kreise bieten Öffnungen. Stets in Begleitung von Live-Musik bewegt sich die Tänzerin im Rhythmus transkultureller GeSchichten. Ihre Gesichter entfalten Freiheit, Angst, Wut und Liebe. Oxanas Tänze duften nach Lavendel und Salbei, sie leuchten von innen nach außen. Betörend und befremdend hinterlassen sie im Empfinden des Publikums den süßsäuerlichen Geschmack und den Glanz eines Granatapfels.

Farbklänge. Klangbilder. Bilderwelten...

Die Choreographin und Solo-Tänzerin Oxana Chi, die seit 20 Jahren Festivals, Tanzreihen und Kunstsalons kuratiert, vermischt die Genres. Für ihre Fähigkeit, sich unterschiedliche Strömungen anzueignen und in ihrer Tanzkunst zusammenfließen zu lassen, gilt sie in der Berliner Theaterpresse als verwandt mit der Antropofagia, einer künstlerischen Bewegung aus Brasilien. Doch Oxana Chi lässt sich nicht durch festgelegte Zuschreibungen porträtieren. Als Avantgarde Künstlerin ist sie eher eine Trendsetterin und erfindet in ihrem eigenen Stil eine Strömung für sich. Mich erinnert ihre diasporisch-geprägte Kreativität nicht an eine Kannibalistin, sondern an eine Feinschmeckerin, die die Gewürze der Welt sammelt, eine Heilerin, die verletzten Seelen mit einem wärmenden Tanzbalsam bezaubert. Mit leuchtenden Augen beantwortet sie die üblich wiederkehrenden Fragen nach ihrem Tanzstil:

"FUSION!"

Diese transkulturelle Tanzsprache spiegelt Oxanas ganze Persönlichkeit wider: wie Schmetterlinge Stacheldrähte anmutig durchfliegen, trotzt sie jeglichen Grenzen bzw. lässt sie verschwinden. Sie kann keiner Staatsangehörigkeit zugeordnet werden und schöpft aus den Künsten und Kulturen der 30 Länder, welche Chi in Asien, Amerika, Afrika, Europa und Pazifik bereiste. Sie hebt sich über die Gesetze der Schwerkraft hinaus und performt mit Kopf und Geist auf einem südchinesischen Berg, eine Hand nach Papua greifend, die andere nach Indonesien winkend; ein Fuss hüpft in einem New Yorker Tanzstudio, der andere badet am Ufer des Nil-Flusses. Tiefe Atemzüge wehen und verbinden die Kontinente in ihr.

 

Oxana Chi, Tanzende Statue, "Neferet iti", Foto: Layla Zami

Begegnung

Es entstehen poetisch-politische Performances, die Bewusstsein erwecken, zugleich Kunsterlebnisse, aus denen die BetrachterInnen andächtig und lächelnd erwachen. Auch akustisch wird das Publikum zur Entdeckung aufgefordert. Denn Chi stellt die Instrumente gern unkonventionell zusammen: Klavier mit Hang, Oud mit Conga-Trommel, E-Gitarre mit Gayageum... In diesen neuen Musikwelten vermischen sich polyrhythmische Klänge und Pentatonik aus der afrikanisch-asiatischen Diaspora mit westlichen Akkorden. Es ist spannend, die fleißigen Probestunden zu beobachten, die sich nach dem Horizont sehnen, wo tänzerischer Himmel und musikalisches Meer sich begegnen. Oxana Chi zeigt die Choreographie und verkörpert die Emotionen, die jede Szene kennzeichnen. Davon ausgehend schöpfen die MusikerInnen Kompositionen, die mit den Bewegungen in einen atemberaubenden Dialog münden.

im rhythmus von rassismus sexismus und antisemitismus
wollen sie uns isolieren unsere geschichte ausradieren
oder bis zur unkenntlichkeit mystifizieren
es ist ein blues in schwarzweiss es ist ein blues
doch wir wissen bescheid wir wissen bescheid
2/3 der menschheit feiert in weiss
1/3 der menschheit macht nicht mit

May Ayim, Deutschland | Ghana

Gesellschaftskritische Zeitreisen

Die Performance-Künstlerin Oxana Chi betont, dass sie "die fehlenden Kapitel der Geschichtsbücher ergänzen möchte". So erinnerte sie in ihrem Stück "Durch Gärten" an Tatjana Barbakoff, eine chinesische-lettisch-jüdische Künstlerin, die seit ihrer Ermordung in Auschwitz in Vergessenheit geraten ist. In ihrem Solo "Neferet iti" (Nofretete) erzählt sie die GeSchichte der Pharaonin, die eines Tages in ihrem Berliner „Museumsgefängnis“ erwacht und ihre Reise seit der Entführung aus Ägypten zu rekonstruieren versucht. Mit Engagement denunziert Chi die für Berlin lukrative Ausbeutung dieser Figur, die bis heute auf rassistische Diskurse und Praxis basiert und die ägyptischen Forderungen nach Rückgabe missachtet. Die Solo-Tänzerin nimmt uns mit auf gesellschaftskritische Zeitreisen, in denen die Kontinuitäten zwischen Vergangenheit und Gegenwart mit Seidenfäden vor unseren Augen verwoben werden. Sie verbinden Sklaverei und heutige Ausgrenzung von Schwarzen Menschen / People of Color, Kolonialismus und Rassismus, vergessene KünstlerInnen und gegenwärtige Gender-Konflikte, Shoah und zeitgenössische Diskriminierungen von jüdischen, muslimischen und Rroma Menschen.

Oxana Chi, Kuratorin von "DanceSummer12", Foto: Miriam Tamayo

Diasporische GeSchichten

Vor ihren abendfüllenden Tanzsoli, die viel Raum für eigene Interpretation schenken, hält Oxana Chi immer einen Vortrag, in dem sie das Stück kontextualisiert. Oft beleuchtet sie ihre Motivation und Inspiration anhand persönlicher Anekdoten. So erfahren wir, wie die nigerianisch-deutsche Tänzerin vergebens nach hiesigen Rollenbildern suchte und erst 2008 in Tatjana Barbakoff eine kunstgeschichtliche Wahlberlinerin fand, mit der sie sich identifizieren konnte. Chi teilt uns auch ihr Empören über die unerhörten Werbeplakate "Nofretete, die schönste Migrantin der Stadt" mit. Ausdrucksreich hinterfragt sie dominante GeSchichtsmythen, deren Lügen und Lücken. Ihr Humor und Chuzpe wirken empowernd für die Betroffenen und laden andere ein, von ihrem Privilegien-Stuhl zu fallen. Den staubigen Behauptungen von weissen heterosexuellen männlichen Mainstream - mit oder ohne Wissenschaftsstempel - setzt sie ihre erfrischende Perspektive als Queere feministische Künstlerin of Color entgegen. Dies bedeutet, Machtverhältnisse aufzudecken und immer wieder Widerstandserfahrungen und -möglichkeiten darzustellen.

Diesen beeindruckenden chinesischen Blumen ähnelnd, die mysteriös im Tee aufblühen, erscheint Oxana nach ihrem Vortrag überraschend verwandelt auf der Bühne. Federleicht schlüpft sie in eine neue Rolle, ob verfolgte Ausdruckstänzerin der 20/30er Jahre oder verschleppte Pharaonin-Statue. Dabei bleibt sie stets unverkennbar treu zu sich selbst, und in jeder dieser vielschichtigen Stimmen wird erkennbar: der Farbklang ihrer eigenen GeSchichte.

Eine lichtdurchflutete und meeresrauschende Tanzkreation über kolonialen Kunstraub und diasporische Kulturen

Im August 2012 kuratierte Oxana Chi das Festival "DanceSummer12" in Berlin unter dem Motto "Zeitspuren am Ufer". Die Kulturwissenschaftlerin Aicha Diallo, die mir anbot, diesen Beitrag zu schreiben, wurde von Oxana Chi interviewt und skizzierte das Konzept einer Veröffentlichung über kulturelle Produktionen und Räume "The Living Archive". Oxana Chi führte dann die Premiere ihrer neuen Produktion auf: Neferet iti (der ursprüngliche Name von Nofretete bedeutet „Die Schöne ist angekommen“).

Sanfte Oud-Töne erfüllen die Luft. Souverän betritt die Tänzerin das Zirkuszelt am May-Ayim-Ufer. Entfernt von Touristen-Souvenirs bringt sie uns geschichtliche Erinnerung nahe. Oxana Chi ruft die Pharaonin choreographisch ins Leben, wie nomadische Frauen in mühsamen Stunden Kelim weben. Ihr tanzender Körper ist der Webstuhl, an dem GeSchichten entworfen werden, bis die bunten Muster ein harmonisches, doppelseitiges Bild offenbaren. In dem Stück schauen wir uns die innere Substanz der Bewegungen an. Die Performance macht sichtbar, wie HipHop aus afrikanischen Tänzen entspringt, wie orientalische Schwingungen mit Sinti/Roma Menschen aus Indien entstammen, wie in Modern Dance und Capoeira die Körper entfliegen.

Oxana Chi, Zeitsprung, "Neferet iti ", Foto: Miriam Tamayo

Kulturelles Gedächtnis und spirituelles Gedenken

Mit einem goldtürkis schimmernden Blick umfasst Neferet iti den Raum. Besonnen erwacht die Statue zu den langsamen Trommel-Tönen. Die Arme pendeln in einer zeitlosen Ebene; die Kopfneigungen zeigen: es kommt auf die Perspektive an. Mit ruckartigen Schritten nimmt die Pharaonin die Stellungen einer Sonnenanbeterin an. Nachdem sie mit ihrer Federkrone den kahlen Kopf eines Zuschauers beschmückt hat, wiegt sie sich im melodischen Wind des Tanzes, wo sich eigentlich nicht nur der Bauch, sondern der gesamte Körper aus den Hüften heraus bewegt. Aus den ägyptischen Variationen dieses Tanzstils entwickelt sie eigene Formen.

Nun reitet die Pharaonin und leitet den Widerstand gegen allgegenwärtige Angriffe. Als Bogenschützin besetzt sie jede Ecke; mit agilen Drehungen durchquert sie diagonal die Bühne im Pfeil-Tempo. Beseelt mit der Energie der afrikanischen Ahnen, die von der brasilianischen Perkussionistin Débora Saraiva musikalisch aufgerufen werden, springt Chi durch Jahrhunderte von Lebenskünsten und Ritualen. Im Geist der Candomblé-Orishas aus der westafrikanischen Küste, die diasporische Kulturen in Karibik und Südamerika prägten, verschmelzen kulturelles Gedächtnis und spirituelles Gedenken. Eine neue Form von performativer Oral History, ohne Worte.

Macht Gott mich zum Feuer, so schenke ich Glut
Macht Gott mich zur Schlange, so spritze ich Gift

Maulana Dschellaladin Rumi, Afghanistan | Türkei

Inzwischen hat der koreanische Musiker Sung Jun Ko die Oud für eine E-Gitarre ausgetauscht, die funky Laute spricht. Ich lache, begeistert von der Schlangen-Performerin, die geschmeidige Moves mit Isolationen von Händen/Schultern/Hüften/Beinen verzwickt. Wie eine Puppenfigur versucht sie aus einem Kasten zu fliehen. Plötzlich geht Hip-Hop-Flow in geduckte Capoeira-Stimmung über, die weiche Wirbelsäule muss nun ausweichen. Noch sind die Hände frei, doch schon zieht es nach hinten. Der Körper streckt und reckt sich zur Decke. Verdutzt ist die Pharaonin gefangen, die Hände gebunden. Wie immer in Oxana Chis abstrakten Tanzerzählungen spüre ich sehr konkrete Fragestellungen zu Menschenwürde und Gleichberechtigung. Ich frage mich, wie die ägyptische Bevölkerung wohl die neue Neferet iti empfinden würde, nachdem die Figur so oft durch Europa kolonisiert und ästhetisch beschädigt wurde. Ich frage mich, ob und wann die europäischen Staaten geraubte Kunstwerke befreien und an deren ursprünglichen BesitzerInnen und BenutzerInnen, die sie oft auch für spirituelle Zwecke gebrauchen, zurück geben werden.

You may write me down in history
With your bitter, twisted lies,
(…)
But still, like air, I'll rise. (…)
Out of the huts of history's shame
I rise
Up from a past that's rooted in pain
I rise
I'm a black ocean, leaping and wide,
Welling and swelling I bear in the tide. (...)
Bringing the gifts that my ancestors gave,
I am the dream and the hope of the slave.
I rise, I rise, I rise.

Maya Angelou, USA

Die Perkussionistin spielt ein stürmisches Meer. Zu dieser Live-Geräusch-Kulisse wird die Pharaonin fortgetragen. Jedes Mal, wenn das Wasser akustisch gegen die Riffe prallt, und die Tänzerin leicht erschüttert, muss ich an die Tausenden von Menschen denken, die aktuell an europäischen Grenzen stoßen und im Mittelmeer ertrinken.

Die Tänzerin ist nun von der Bühne verschwunden. Während die MusikerInnen melancholisch weiterspielen, klingen Oxana Chis Einleitungs-Worte in mir nach:

"Dieses Überhäuft-Werden von Angeblichkeiten, die ja nicht unsere sind...

Wie sieht es mit der Chancengleichheit aller in Berlin lebenden KünstlerInnen unabhängig von Ihrem Erscheinungsbild aus? Und wie können wir Alternativen befördern, um unsere eigene Geschichtsschreibung zu gewährleisten, um unsere eigenen Interpretationen und unsere vollständige kunsthistorische Vergangenheit an die Öffentlichkeit zu bringen? Unsere eigenen Veranstaltungen immer wieder zu realisieren und kontinuierlich an einer diasporischen Vielfalt weiter zu arbeiten?"

Die Musik hört auf, als die Tänzerin in Zeitlupe wieder erscheint. Sie ist von Kopf bis Fuss in einem erdfarbenen nigerianischen Stoff gekleidet, aus dem sie einen Sufi-Rock selbst entworfen hat. Erneut staune ich über ihre ganz eigene Art, GeSchichte und Gegenwart neu zu erfinden und transkulturelle Welten tänzerisch auszudrücken. Mit seelenruhigem Antlitz steht sie mittig und beginnt, langsam um ihre eigene Achse zu kreisen. Schwebend nimmt sie an Geschwindigkeit zu, hebt mal eine Hand nach oben und die andere nach unten, so wie Derwische die Verbindung zwischen Himmel und Erde deuten. Die Hände bewegen sich auch vom Herzen zum Publikum aus, ewige Ozeane. Sieben Minuten lang, dreht sie sich in absoluter Stille, ein meditatives Geschenk. Ich sehe Oxana Chi: die Welle, die aus ihrer diasporischen GeSchichte Inspiration schöpft und immer wieder auf der Bühne ihre Innenwelt nach außen kehrt. Die Performance endet so geschmeidig wie sie begann. Als ich das Zirkuszelt verlasse, spüre ich noch das Meeressalz und die Sandkörner, die nach einer tiefen Reise die Haut sanft berühren und an andere Welten erinnern. Während ich am May-Ayim-Ufer entlang gehe, begleitet mich Oxana Chis fließende und fliegende Tanzkunst.

 

 

 

 

 

 

 

Oxana Chi in Sufidrehung, "Neferet iti", Foto: Miriam Tamayo


Anmerkungen

 

  • Die Schreibweise GeSchichte versucht, die Pluralisierung der Sinnesebenen wiederzugeben. Ich danke Prof. Dr. Lann Hornscheidt für diesen Hinweis.
  • Ich zitiere Dr. Kien Nghi Ha: "Als Begriff bezieht sich 'People of Color' auf alle Menschen, die in unterschiedlichen Anteilen über afrikanische, asiatische, lateinamerikanische, arabische, jüdische, indigene oder pazifische Herkünfte oder Hintergründe verfügen. Er verbindet diejenigen, die durch die weiße Dominanzkultur marginalisiert sowie durch die Gewalt kolonialer Tradierungen und Präsenzen kollektiv abgewertet werden. Dabei werden einerseits die (zugeschriebenen) ethnischen, geschlechtlichen, kulturellen und sexuellen Identitäten berücksichtigt. Andererseits geht der People of Color-Ansatz bei der Aushandlung einer gemeinsamen Verortung über diese partikulären Zugehörigkeiten hinaus. (...) Er vermittelt vor allem eine solidaritätsstiftende Perspektive." In:

    "Ethnic Monitoring", MID Dossier. Heinrich-Böll-Stiftung, November 2009.

  • Der Hang ist ein idiophones Instrument (Selbsttöner), welches an dem indisch-karibischen Steelpan aus Trinidad erinnert und im Jahr 2000 in der Schweiz entwickelt wurde. Die Gayageum ist eine koreanische Wölbbrettzither.

Literatur

Videos

 

 


Foto: Miriam Tamayo

Layla Zami ist eine französische Politologin, Autorin und Filmemacherin aus der indisch-karibischen und deutsch-russisch-jüdischen Diaspora. Mit Oxana Chi gründete sie den li:chi Verein für transkulturelle Kunst und politische Bildung. www.laylazami.net

 

Re-telling
(weiter)

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons Lizenz.