WM-Teams & Multikulturalität

Gruppenfoto einer FußballmanschaftUrheber: buntkicktgut.

Die WM der imaginären Gemeinschaften

von Andreas Merx

Die Fußball-WM 2006, mit den 32 teilnehmenden Teams, wird wieder einmal zu einer enormen Stimulation der Inszenierung von nationaler Symbolik führen. Ganze Fanblocks werden von den oft als besten Fans der Welt bezeichneten argentinischen Anhängern in weiß-blau gehüllt sein, bei den holländischen Schlachtenbummlern wird die Farbe des Königshauses Oranje überwiegen und unvermeidlich werden die Brasilianer als ewig-gutgelaunte, ständig sambatanzende Fußballkünstlernation bestaunt werden.

Die Medienberichterstattung unterstützt dabei diese Reproduktion kultureller Klischees und nationaler Stereotypen. Da spielen dann „disziplinierte“, „niemals aufgebende“ Deutsche gegen „spielfreudige“ oder „verspielte“ „Afrikaner“, die schon mal das Toreschießen vergessen, die Engländer kämpfen wie ehedem hart aber fair um jeden Ball, bei „den Japanern“ will bloß keiner durch Einzelaktionen aus dem Kollektiv heraus auffallen und wenn ein italienischer Spieler die Blutgrätsche auspackt, ist mal wieder sein „südländisches Temperament“ mit ihm durchgegangen. Das Turnier ist auch eine Art „Länderwettstreit mit Ausschaltungsmodus“ und bietet so eine Großbühne für die Identifikation und teilweise auch Überidentifikation mit der „Nation“, deren Team die jeweiligen Landsleute anfeuern. Diese Identifikation drückt sich meist harmlos im Tragen von Nationaltrikots, Nationalfarben oder von Nationalsymbolen aus.

Im Vorfeld der Tournierspiele werden - stark vermittelt  insbesondere über die Boulevardpresse - historische Rivalitäten, politische Spannungen oder Bedrohungsszenarien zum Ausdruck gebracht, die manch kritischen Beobachter bei internationalen Turnieren schon von einer „Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“ oder „Ersatzkriegen“ sprechen lässt. In der Tat erinnert die aufgeladene und oft martialische Stimmung in den Medien und an den Spielorten vor, während und nach manch brisanter Begegnung oft an Mobilmachung, nationalistische Ausschreitungen sind nicht selten die Folge. Man denke nur an den Klassiker Argentinien und Brasilien, wo es stets auch um die Vorherrschaft auf dem südamerikanischen Kontinent zu gehen scheint. Bei Spielen zwischen England und Frankreich wird selten vergessen, auf die jahrhundertelangen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ländern hinzuweisen.

Im Vorfeld deutsch-englischer Begegnungen zeigen Fotomontagen in der englischen Boulevardpresse die deutsche Nationalmannschaft schon mal in Wehrmachtsuniformen und mit Stahlhelmen:„Defeat the German Panzers!“ lautet die wenig an Fairplay erinnernde Aufforderung und sogar das deutsche Boulevardblatt mit den großen Buchstaben, das gerne nach großen „nationalen“ Siegen die ganze erste Seite mit schwarz-rot-goldenen Farben umrandet, kann da kaum mithalten.

Unvergessen auch die fast schon von Hass geprägte Fußball-Rivalität der Nachbarländer Deutschland und Holland, die etwa bei der letzten Europameisterschaft dazu führte, dass Berliner Müllmänner der Stadtwerke sich weigerten, am Tag des Spiels gegen Holland in deren Landesfarben orange zu arbeiten. Manch zynischer Spötter meint, „in Holland können viele den Deutschen die WM-Endspielniederlage von 1974 weniger verzeihen, als den zweimaligen deutschen Einmarsch in den Weltkriegen“. Groß war auch der Jubel im Senegal, nachdem man im Eröffnungsspiel der WM 2002 sensationell die ehemalige Kolonialmacht Frankreich mit 1:0 besiegte. Fast schon zu einer Demonstration für mehr Demokratisierung und Liberalität gerieten die Feierlichkeiten in Teheran nach dem Sieg des Iran gegen die USA bei der WM 1998. Von den staatlichen Medien als „Sieg über den Großen Satan“ ausgeschlachtet, feierten Millionen begeisterte Iraner auf den Strassen in einer Freizügigkeit, die sonst im Mullah-Regime selten möglich ist. Übermütige weibliche Fußballfans lüfteten ihre Kopftücher und schwenkten sie im nationalen Überschwang wie Fahnen über ihren Köpfen. Die sonst allgegenwärtigen Sittenwächter konnten diese Manifestationen von nationaler Gesinnung kaum unterbinden.


Bild: © Abbas/Magnum Photos,  IRAN. Teheran. 1998

Fußballländerspiele können sowohl vereinen wie spalten. So sehr die internationalen Fußballturniere zu solchen positiven oder negativen Inszenierungen von unterschiedlichsten Nationalismen auch anregen - sie bleiben doch stets Konstruktionen von nationaler Einheit und Zusammenhalt. In seinem modernen Klassiker von der „Erfindung der Nation“ hat Benedict Anderson auf den generellen Konstruktionscharakter und die inhärente Janusköpfigkeit des Phänomens Nationalismus hingewiesen. Er spricht konsequent von „imaginären Gemeinschaften“.

Multikulturelle WM-Teams

Bei aller symbolischen Produktion dieser imaginierten nationalen Homogenität setzen sich die National-Teams aus Mitgliedern von meist multiethnisch und multikulturell vielfältig verfassten Gesellschaften zusammen. Die Teams repräsentieren somit zum einen oft die Konstruktionsgeschichten der jeweiligen Nationswerdungsprozesse und sind zum anderen auch Spiegel der Einwanderungsgeschichten, Integrationspolitiken und Selbstverständnisse der Nationalstaaten. Einige holzschnittartige Beispiele mögen dies beleuchten.

Während in der deutschen Nationalmannschaft durch die verspätete Reform des Staatsangehörigkeitsrechts die Einwanderungsrealität erst langsam repräsentiert ist, finden sich in den Reihen ehemaliger Kolonialmächte wie Frankreich und England, die schon lange das Bodenrechtprinzip im Staatsangehörigkeitsrecht praktizieren, viele Spieler mit postkolonialer Herkunft. Schwarze Abwehrspieler wie Sol Campbell, Ashley Cole oder Rio Ferdinand verkörpern dabei die vermeintlich „ur-britischen“ Tugenden wie körperbetontes aber faires Spiel par excellence.

Frankreich feierte den WM-Triumph von 1998 durch eine äußert bunt gemischte Mannschaft auch als Erfolg seines Integrationskonzepts. Jüngst trat eine französische Nationalmannschaft an, bei der bis auf Willy Sagnol und Fabien Barthez sämtliche Spieler einen afrikanischen oder karibischen Hintergrund hatten. Die Aufstände in den Vororten von Paris vom November haben allerdings gezeigt, dass eine vorbildliche Repräsentation in der Nationalmannschaft noch lange nicht die sozioökonomischen Probleme der postkolonialen Minderheiten löst und die massiven strukturellen und alltäglichen Diskriminierungen verhindert, denen sie ausgesetzt sind. Schon 1998 hatten französische Soziologen darauf hingewiesen, dass ein beträchtlicher Teil der Jugendlichen in den Banlieues vor dem WM-Endspiel das Trikot der gegnerischen Brasilianer trugen.

In den Niederlanden, die ebenfalls aufgrund ihrer Kolonialvergangenheit lange Zeit eine recht liberale Einwanderungs- und Integrationspolitik praktizierten, finden sich regelmäßig insbesondere Spieler mit surinamesischen Wurzeln wie etwa die Superstars der 90er Patrick Kluivert und Edgar Davids oder jetzt mit Giovanni van Bronckhorst mit italienischem Migrationshintergrund. Henrik Larsson, Sohn einer schwedischen Mutter und eines fußballbegeisterten Vaters von den kapverdischen Inseln und Zlatan Ibrahimowic, Sohn von Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien, sind die beiden Superstars Schwedens, die in die  traditionell eher defensive Spielkultur der Schweden einen solchen Offensivdrang hineingebracht haben, dass Schweden eine der treffsichersten Mannschaften der gesamten WM-Qualifikation war. Im Kader der ehemaligen Kolonialmacht Portugal stehen ebenfalls einige Spieler mit postkolonialen Wurzeln, der Brasilianer Deco wurde schon vor der EM 2004 eingebürgert. Überraschend stark präsentierte sich in der Qualifikation die Schweiz, der durchaus zugetraut wird, bis ins Viertelfinale vorzustoßen. Im Kader drückt sich die große Interkulturalität der schweizerischen Gesellschaft deutlich aus: die Spieler haben nicht weniger als 10 verschiedene ethnische Hintergründe. Eine optimale Mischung, so der Schweizer Nationaltrainer Köbi Kuhn.

Ganz andere Beispiele sind Italien und Spanien. Beide ehemals eher Auswanderungsländer haben in den letzten Jahren durch Fluchtbewegungen aus Afrika sowie angezogen durch wirtschaftlichen Aufschwung einen kräftigen Einwanderungsschub verzeichnet. Beide Länder praktizieren indes eine eher restriktive Staatsangehörigkeitspolitik und tätigen erst zögerlich intensivere Integrationspolitiken. Dementsprechend gering ist auch die Repräsentation der Einwanderung in den Nationalmannschaften. Spanien hat dazu von jeher stärker mit den Regionalismen der Katalanen, Madrilenen und Basken zu kämpfen und trotz oft hervorragender Einzelspieler in der Nationalmannschaft bei großen Turnieren meist enttäuscht. In beiden Ländern ist die Anhängerschaft zu einem regionalen Verein meist viel bedeutender als die Unterstützung der Nationalmannschaft, sogar beim Klassiker gegen Deutschland kamen in Italien nur 12.000 Zuschauer zum Spiel.

Eine weitere Gruppe der multiethnischen, multikulturellen Teams sind Nationen wie die USA und Australien, bei denen die Einwanderung den Nationsbildungsprozess überhaupt erst hervorgebracht hat. In ihren Teams finden sich so Spieler mit englischen, irischen, italienischen oder deutschen Namen sowie afroamerikanischer  Spieler. Schwarze Spieler dominieren auch die Mannschaft von Trinidad und Tobago, in der mit Christopher Birchall zum ersten Mal auch ein Spieler weißer Hautfarbe steht. Auch in den Nationalteams der südamerikanischen WM-Teilnehmer spiegelt sich die Nationswerdung durch Kolonialisierung wider. Die Spieler mit portugiesischen (Brasilien) und spanischen Wurzeln, Nachkommen indigener Völker und ehemaliger Sklaven sowie die vielfältigsten Mischformen bilden den Großteil der Mannschaften.


Bild: Streetfootballworld

Im Kader des Topfavoriten Argentinien überwiegt die Gruppe der italienischstämmigen Spieler. Seit langer Zeit wird die äußerst multikulturelle Zusammensetzung der brasilianischen Seleção als großes Erfolgsmodell gefeiert. Dem war allerdings nicht immer so. Bis in die 20er Jahre hinein war es Schwarzen Spielern verboten, in den von weißen dominierten Erstligavereinen und in der  Nationalmannschaft zu spielen.

Torjubel zwischen Nationalismus und kollektiver Feier

Dieser grobe und sicherlich nicht vollständige Überblick über die Zusammensetzung vieler WM-Teams zeigt, dass die Inszenierung von Auseinandersetzungen zwischen „einheitlichen“ Nationen im Rahmen einer Fußball-WM eher eine Weltmeisterschaft der imaginären Gemeinschaften ist. Der internationale Fußball gehorcht ohnehin längst den Gesetzen eines globalisierten Marktes, bei dem auf der Vereinsebene Regionalismen oder nationale Herkunft der Spieler keine große Rolle spielen und es viel mehr um die individuelle Leistungsfähigkeit und den Marktwert des einzelnen Spielers geht.

Bedenkt man außerdem noch die vielfältigen Mischformen, die Wanderungsprozesse von jeher mit sich gebracht haben, so repräsentieren die meisten Nationalmannschaften oft hybride Gesellschaften. Der kurze Moment des gemeinsamen Feierns der eigenen erfolgreichen „Nation“ überdeckt dabei die tatsächlich vorhandene gesellschaftliche Unterschiedlichkeit und ethnisch-kulturelle Vielfalt dieser imaginären Gemeinschaften, ein Moment, der sowohl harmlose, vereinigende, positive wie negative, spaltende und aggressive Formen des Nationalismus ans Tageslicht befördern kann. Doch wenn an einem Tisch dann Menschen aus 10 verschiedenen Nationen sitzen und über die Spiele des vergangenen WM-Spieltags diskutieren, stellen sie oft fest, dass sie über „Kulturen“ und „Nationen“ hinweg meist sehr ähnliche und meist eben sehr individuelle Vorlieben und Abneigungen zu Spielweisen im Fußball haben.

Juni 2006

 

WM-Jungs

Bild: © John Vink//Magnum Photos Mexico DF. 29/06/86

   

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