Zuwanderung und Selbstfindung: die jüdischen Gemeinden im wiedervereinten Deutschland

Zuwanderung und Selbstfindung: die jüdischen Gemeinden im wiedervereinten Deutschland

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Antworten von Stella Shcherbatova

In den 1990er Jahren sind aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion sog. jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland immigriert. Deutschland ist somit neben Israel und den USA das wichtigste Einwanderungsland für jüdische Immigranten weltweit. Welche Gründe hat diese Zuwanderung?

Die Gründe liegen in der historischen Situation: Mit dem politischen Ende der sozialistischen Staaten in Osteuropa und dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre wurde ausreisewilligen Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion ermöglicht, nach Deutschland einzureisen und hier ihren Lebensmittelpunkt zu finden. Ziel war es, Menschen jüdischen Glaubens durch die Ausreise vor der zunehmenden Diskriminierung, Willkür und Verfolgung in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu schützen. Damit verbunden war freilich die Hoffnung, die jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder aufzubauen und ihre kulturellen und religiösen Traditionen wiederzubeleben.

Wie sieht die Zuwanderungssituation heute aus?

Anders als in den 1990er Jahren. Nach Angaben des Bundesverwaltungsamtes und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge haben sich rund 220 000 Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion im Zeitraum zwischen 1990 und 2005 in Deutschland niedergelassen. Den Status „Kontingentflüchtling“ haben alle jüdischen MigrantInnen bis Januar 2005 erhalten, wobei es sich bei einem Großteil um nicht-jüdische Familienangehörige aus interkonfessionellen handelt. Dennoch stieg der Anteil der . Seit Inkraftterten des neuen Zuwanderungsgesetzes im Januar 2005 wurden sie Aufnahmekriterien geändert mit dem Etrgebnis, dass immer weniger jüdische MigrantInnen nach Deutschland kommen.

Aus welchen geographischen, sozialen und religiösen Kontexten stammen die jüdischen Kontingentflüchtlinge?

Sie stammen aus den unterschiedlichsten Kontexten. Die meisten MigrantInnen kommen aus Russland und der Ukraine, aber es gibt auch viele aus dem Kaukasusgebiet (Aserbaidschan, Georgien usw.). Ich komme zum Beispiel aus dem Nordkaukasus, aus dem sehr berühmten südrussischen Kurort Pjatigorsk.

Aber die meisten Menschen kommen aus den großen Städten, also aus einem urbanen Kontext. Sie sind oft sehr qualifiziert. Rund 80% von ihnen haben eine akademische Laufbahn; sie sind IngenieurInnen, ÄrztInnen, JuristInnen oder aber KünstlerInnen und MusikerInnen. Wegen der sowjetischen Ideologie bezeichnen sich viele Menschen als AtheistInnen - auch weil es verboten war, die eigene Religion auszuüben und zu praktizieren. Somit befanden sie sich in einer äußerst widersprüchliche Situation: Als Jüdinnen und Juden waren sie diskriminiert und hatten kaum Zugang zu bestimmten Universitäten oder Berufspositionen, gleichzeitig durften sie aber auch kein jüdisches Leben führen. Da war wenig Platz fürs Jüdischsein. Laut einer Studie haben sie zu Zeiten des Kalten Krieges die Werte und Normen der sowjetischen Gesellschaft übernommen, waren aber dennoch nicht akzeptiert.1 Der Judaist Zvi Gitelmann hat diesen Zustand einmal, wie ich finde ganz passend, als „acculturation without assimilation“ bezeichnet.2

Die Frage nach dem religiösen Kontext ist schwieriger zu beantworten: Die jüdischen Gemeinden nehmen nur diejenigen auf, die jüdisch nach der Halacha3 sind. Nach diesem Recht ist man Jüdin bzw. Jude, wenn die Mutter jüdisch ist. Aber in der Sowjetunion sah das anders aus: Laut Eintragung im Pass waren die Personen, die einen jüdischen Vater hatten, auch jüdisch. In der Sowjetunion wurden die Papiere also nicht nach jüdischem Recht vergeben, sondern nach familiärer Zugehörigkeit. Außerdem galt dort Jüdischsein als Volkszugehörigkeit, in etwa wie man Russisch ist oder Estnisch oder Tadschikisch usw.

Für die Annerkennung als jüdischer Kontingentflüchtling in Deutschland war es für die deutschen Behörden ausreichend, die Eintragung der jüdischen Nationalität in den russischen Personendokumenten zu haben. Aber als Konsequenz dieser Einreisebestimmung sind viele Familienmitglieder von den Kontingentflüchtlingen nach dem jüdischen Religionsgesetz nicht jüdisch. Sie können dann auch keine jüdischen Gemeindemitglieder werden.

 Vor einigen Jahren gab es öffentliche Kritik aus den Reihen der jüdischen Gemeinde, dass viele der Zugewanderten) gar nicht jüdisch seien und nur ein „jüdisches Ticket“ benutzten, so der damalige Vorsitzende der Zentralrates Paul Spiegel, um nach Deutschland zu gelangen. Wie sieht es heute mit Spannungen zwischen zugewanderten und einheimischen Gemeindemitgliedern aus?

Ich kenne diese Diskussion sehr gut. Aber man darf nicht pauschal alle ZuwanderInnen so bewerten, denn außer Schaden und Kränkungen bringen solche Urteile gar nichts. Die Erwartungen auf allen Seiten waren schlichtweg sehr unterschiedlich. Seitens der bundesrepublikanischen Politik und Öffentlichkeit wurde und wird in der Regel erwartet, dass ZuwanderInnen sich möglichst schnell in die deutsche Gesellschaft „integrieren“ und sich den hiesigen kulturellen Vorstellungen anpassen.

Auf der anderen Seite betont die Forschung, dass sich die Situation im Falle der russischen Jüdinnen und Juden vor allem in den 1990er Jahren etwas anders darstellte: Die Kontingentflüchtlinge waren nach der Zuwanderung der Erwartung ausgesetzt, sich zu ihrer jüdischen Kultur und Religion aktiv zu bekennen. Denn auch die jüdischen Gemeinden in Deutschland hofften, durch Zuwanderung eine Verstärkung des Gemeindelebens zu erzielen – und das sowohl in quantitativer als auch qualitativer Hinsicht. Diese Hoffnungen und Erwartungen berücksichtigen aber zu wenig die Bedingungen, unter denen die Juden in der ehemaligen Sowjetunion gelebt haben. Jüdisch in der UdSSR zu sein bedeutete vor allem die Nationalität der betroffenen Personen – und weniger die religiöse Tradition. 

Wir haben eine Befragung mit jüdischen Zuwanderern durchgeführt. Auf die Frage „Wer ist für Sie Jude/Jüdin“ wurden die folgenden Antworten gegeben: Die Mehrheit gibt an, dass ein Jude/eine Jüdin aus einer jüdischen Familie entstammen muss (57,3%), während nur 12,7 % für das Modell der Halacha votieren, bei der die jüdische Mutter entscheidend ist. Knapp 10 % der Befragten sehen bestimmte Charaktereigenschaften und Verhaltensweise als typisch jüdisch an. Rund 7,5 % meinen, dass man Jüdin oder Jude sei, wenn die Familie Teil der jüdische Geschichte war. Für 6,9% definieren Muttersprache, Erziehung und Tradition das Judentum und 5,5% gaben an, jüdisch zu sein bedeute, sich zur jüdischen Religion zu bekennen .

Die wenigsten gelangen demnach aus rein religiösen Gründen nach Deutschland, sondern vielmehr aus Angst vor dem wachsenden Antisemitismus, wegen bürgerkriegsähnlicher Verhältnisse, wegen Pogromen, wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation sowie aus Sorge um die Sicherheit der Familie und vor allem aus der Hoffnung heraus, ihren Kindern eine bessere und sichere Zukunft zu ermöglichen.  

  Wie verorten sich die Zugewanderten innerhalb des Judentums? In welcher Tradition stehen sie?

Die Religiosität der Menschen zu bestimmen, ist aufgrund der historischen Situation etwas schwierig. Es war schwierig, die eigene Tradition in der UdSSR zu praktizieren, weil es vom Staat verboten wurde. Aber die gefühlte Zugehörigkeit zur Volksgruppe war immer recht stark: Wir waren immer stolz, wenn ein Jude einen Nobelpreis erhielt, wir haben uns immer Sorgen gemacht, wenn wir von Problemen in Israel oder antisemitische Äußerungen gehört haben.

Die Kontingentflüchtlinge kommen aus ganz unterschiedlichen jüdischen Traditionslinien: In Russland, Weißrussland, in der Ukraine und den baltischen Staaten war überwiegend das aschkenasische Judentum vertreten, das zur hassidisch-orthodoxischen Tradition gehört. In Georgien haben georgische Juden gelebt, die das sogenannte Judengeorgisch sprechen. Im Nordkaukasus, woher ich stamme, haben so genannte Bergjuden (Taten) gelebt. Als Bergjuden bezeichnet man die einheimische jüdische Bevölkerung in Dagestan und Aserbaidschan, deren Vorfahren aus dem alten Persien stammen. Die Bergjuden sprechen immer noch eine iranische Sprache, gewissermaßen ein Dialekt des persischen Farsi. Die jüdische Religion und Bräuche wurden über Jahrhunderte beibehalten und gepflegt.

Ich selber bin Tatin, mein Opa war erster bergjüdischer Rabbiner in unserer Region und zurzeit trägt die Synagoge in meiner russischen Heimatstadt seinen Namen. Farsi sprechen auch bucharische Jüdinnen und Juden, die in Usbekistan gelebt haben. Sie sehen, wie verschiedenartig und reichhaltig die jüdischen Traditionen waren, die in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion vertreten waren. Aber es gab immer eins, was uns vereint hat: Unser Wissen, dass wir jüdisch sind und dass wir unsere jüdische Tradition und das Hebräische als Gebetsprache gemein haben.    

  Wie setzen sich die jüdischen Gemeinden in Deutschland nach diesem Zuzug zusammen?

Für die jüdischen Gemeinden ist dieser Zuzug eine große Herausforderung und Chance zugleich. Es gibt strukturelle Veränderungen und eine Wiederbelebung des jüdischen Lebens in deutschen Städten. Meines Wissens gibt es z.B. Gemeinden in den ostdeutschen Bundesländern, die nur dank der ZuwanderInnen entstanden sind. Die Gemeindemitgliederzahl von vielen anderen schon existierenden Gemeinden wurde verdoppelt, verdreifacht oder sogar noch stärker vervielfacht. In meiner Synagogen-Gemeinde in Köln lag die Anzahl der Mitglieder z.B. im Jahre 1991 bei ca. 1000. Rund fünfzehn Jahre später waren es schon fast 5000 Mitglieder.  

Welche strukturellen Herausforderungen bringt die Zuwanderung für die jüdischen Gemeinden?

Auf Grund der unterschiedlichen Definitionen, wer jüdisch ist, und den damit verbundenen Selbst- und Fremdeinschätzungen, ergeben sich viele Probleme bei der Integrationsarbeit. Die jüdischen ZuwanderInnen müssen eine zweifache Integrationsleistung erbringen: Zum einen stehen sie dem ambivalenten Verhalten der deutschen Gesellschaft zu jüdischen BürgerInnen gegenüber, zum anderen sollen sie sich in jüdische Gemeinden einfügen, deren kulturelle und religiöse Grundlagen ihnen in den meisten Fällen fremd sind. Diese Sachlage hat für die Gemeinden einige strukturelle Herausforderungen mitgebracht.

Es wäre schön gewesen, wenn die Rabbis russisch gekonnt hätten, um gerade in der ersten Phase, als die Menschen noch kein Deutsch konnten, Ihnen bei den religiösen und seelsorgerischen Angelegenheiten zu helfen. Und es wäre schön, wenn die Gemeinde mehr Räumlichkeiten hätten, denn Gemeinden, deren Mitgliederzahl sich verdoppeln, verdreifachen oder sogar noch mehr vergrößern, brauchen mehr Platz. Welche Rolle spielen die Juden aus der ehem. Sowjetunion in den offiziellen jüdischen Strukturen wie z.B. dem Zentralrat der Juden in Deutschland? Wie werden sie in die bestehenden Gemeindestrukturen integriert?

Im Zentralrat der Juden gibt es zwei Gremien: Das Präsidium und das Direktorium. Das Präsidium besteht aus 9 Mitgliedern und nur 1 Mitglied unter ihnen stammt aus der ehem. Sowjetunion. Das Direktorium besteht insgesamt aus 30 Mitgliedern und ca. 10 von ihnen sind aus GUS-Staaten. Obwohl der Anteil der ZuwanderInnen in diesem Gremium bis jetzt noch klein ist, muss ich trotzdem sagen, dass es positive Veränderungen im Vergleich zu früheren Jahren gibt, als wir überhaupt keine ZuwanderervertreterInnen in den zentralen Gremien hatten.

Eine fast identische Situation ist in den bestehenden Gemeindestrukturen auszumachen – ausgenommen selbstverständlich jene Gemeinden, die von ZuwanderInnen neu gegründeten wurden. Als ich z.B. im Vorstand der Synagogen-Gemeinde zu Köln war, gab es unter den 15 Mitgliedern des Gemeindenrats 5 NeuzuwandererInnen.     
 
 Haben sich die Religiosität und die praktizierte Religion der Zugewanderten verändert? Gibt es Veränderungen in den jüdischen Riten und Festen der Einheimischen?

Ich kann die Frage nicht allgemein beantworten. Ich kann da nur für das Beispiel Köln sprechen: Wir haben jeden Morgen ein Minjan, also eine Gruppe aus zehn mündigen Juden und Jüdinnen, der fast nur aus ZuwanderInnen besteht. Jeden Freitag feiern wir Schabbat und jeden Samstagmorgen kommen mindestens 200 Menschen zum Gottesdienst, von denen ca. 60% Zuwanderer sind.

Wenn jüdische Feste gefeiert werden, kommen bis zu 400 Menschen und ca.70% von ihnen sind ZuwanderInnen. Die jüdischen Riten und Festen sind seit tausend Jahren und länger unverändert geblieben. Zwar hat das jüdische Volk in den verschiedensten Ländern die verschiedensten Sprachen gesprochen und verschiedene Mentalitäten übernommen, aber unsere Riten und Feste haben sich nicht verändert. Sie wurden von uns sorgfältig bewahrt. Selbstverständlich gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Gemeinden, aber sie verändern im Allgemeinen keine jüdischen Riten und Feste.

  Wie sieht das religiöse Gemeindeleben aus? Gibt es auch Gottesdienste auf Russisch/Ukrainisch etc?

Meiner Meinung nach gibt es für Gottesdienste nur eine Sprache und das ist Hebräisch. Aber es wäre schön, wenn Kommentare in der Muttersprache der jeweiligen Gemeindemitglieder vorgetragen würden. In vielen Gemeinden wird zurzeit Religionsunterricht für Erwachsene auf Russisch angeboten, wo Fragen zur Durchführung des Gebets, zu jüdischen Festen und zur jüdische Tradition erörtert werden können. In meiner Heimatgemeinde, der Synagogen-Gemeinde Köln, wurde ein Begegnungszentrum in dem Stadtgebiet eröffnet, in dem viele zugewanderte Gemeindemitglieder leben. Dieses Zentrum bietet unter anderen religiöse Veranstaltungen, Unterricht über jüdische Tradition, und eine jüdische Bibliothek auf Russisch an. Daneben kann man einen Hebräischsprachkurs absolvieren.       

Wie stellen Sie sich die Zukunft des jüdischen Gemeindelebens in Deutschland vor?

Ich träume von einer lebendigen jüdischen Gemeinde, in der jeder sich wie zu Hause fühlt. Es ist egal welche Sprache wir sprechen, uns vereinigt unsere Tradition und Geschichte. Ich möchte, dass unsere Kinder in der Gemeinde ihren Weg finden werden, damit die Gemeinde weiter existieren kann.
Und wir Zuwanderer können das jüdische Leben in Deutschland nicht nur beleben, sondern mit unseren eigenen Vorstellungen auch bereichern.  

 Die Fragen stellte Ulf Plessentin.

Anmerkungen

1 Yvonne Schütze. Migration und Identität. In: Schönborn, Susanne (Hrsg.) Zwischen Erinnerung und Neubeginn. Zur Deutsch-Jüdischen Geschichte nach 1945. München 2006, 306-307. 
2 Tamar Horovitz, Integration Without Acculturation: The Absorption of Soviet Immigrants in Israel, in: Soviet Jewish Affairs, vol 12, no 3, 1982, 19 – 33.
3 Die Halacha (auf Deutsch „Norm“) ist der Name des gesetzlichen Teils der Überlieferung des Judentums.
In diesen Auslegungen des schriftlichen Kanons der Tora spiegeln sich die unterschiedlichen Meinungen der Rabbiner und Schriftgelehrten wieder. Sie zielen auf Verhaltensregeln, die das gesamte Leben der Gläubigen betreffen. Historisch ist die Halacha ein Teil des Talmuds. Sie gehört zur sogenannten "mündlichen" Überlieferung, die sowohl in Jerusalem als auch in Babylon seit der Zeit nach der Zerstörung des 1. Tempels und des Exils festgehalten wurde.

 

 

Stella Shcherbatova stammt aus dem nordkaukasischen Ort Pjatigorsk und war Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln. Derzeit arbeitet sie als Koordinatorin der Integrationagentur der Gemeinde.

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