Wege in ein interkulturelles Bildungssystem

von Judith Utz

Im Rahmen des Projektes "Einwanderungsland Deutschland" organisierte 2003 die Heinrich-Böll-Stiftung zusammen mit ihren Landesstiftungen und der Beratungsgesellschaft START GmbH sowie weiteren PartnerInnen bundesweit insgesamt sieben Zukunftswerkstätten. Ziel des u.a. auf Vorschlag des ehemaligen Ausländerbeauftragten des Landes Sachsen-Anhalt, Günter Piening, entstandenen Projektes war es, mittel- und langfristige Perspektiven für die Einwanderungsgesellschaft zusammen mit allen gesellschaftlichen Akteuren zu entwickeln. Neben den auf lokale und regionale Schwerpunkte und Problemlagen ausgerichteten Zukunftswerkstätten wurden auch die Schwerpunkte "Integration und Bildung" sowie "Medien in der Vielfaltsgesellschaft" angeboten.

An der Werkstatt Im Juni 2003 nahmen Schüler- und LehrerInnen von drei Oberschulen aus dem Bezirk Berlin-Neukölln (Ernst-Abbe-Oberschule, Otto-Hahn-Oberschule und Rütli-Oberschule) teil sowie Hochschuldozentinnen und MitarbeiterInnen verschiedener interkultureller Projekte jeweils als „ExpertInnen ihrer Arbeits- und Lebenssituation“.

Auf dieser Begenung ging es vor allem um das, was im (Schul-)Alltag ärgert, Probleme macht, bedrückt oder bedroht, aber auch um Raum für Phantasie für kreative Lösungen und Projekte zu deren Bewältigung. So wurden Probleme wie Drogenkonsum, Gewalt und sexuelle Belästigung im Schulalltag, interkulturelle Unterrichtsmethoden bearbeitet und Wege gesucht zu mehr gegenseitigem Respekt und zur Überwidung der Sprachlosigkeit zwischen Erwachsenen und Jugendlichen. 

Die ausführliche Dokumentation der Zukunftswerkstatt zum Download (pdf)

 

Ergebnisse der Zukunftswerkstatt
Die derzeit in den Medien dominierende Perspektive der verzweifelten Ratlosigkeit gegenüber lehrerverachtenden SchülerInnen als so genannten 'Intensivtätern' greift zu kurz, da sie auf einseitigen Schuldzuweisungen mit simplen Täter-Opfer-Rollen basiert. Wichtig für das Verständnis der Krise des Bildungssystems, welche zuletzt in einem offenen Brief der LehrerInnen der Rütli-Oberschule in Berlin-Neukölln kulminierte, ist dagegen eine  Situationsanalyse, die verschiedene Perspektiven der beteiligten Akteure beachtet. Wie schildern die LehrerInnen und SchülerInnen ihre Arbeits- und Lebenswelt? Welche Probleme nehmen sie wahr? Und wo sehen sie Lösungswege?

SchülerInnen und LehrerInnen der drei Neuköllner Oberschulen (Ernst-Abbe-Oberschule, der Otto-Hahn-Oberschule und Rütli-Oberschule) diskutierten schon im Jahr 2003 als 'ExpertInnen ihrer Arbeits- und Lebenssituation' auf der ZW der Heinrich-Böll-Stiftung Probleme und Lösungsansätze des Bildungswesen in der Einwanderungsgesellschaft.
Zentrale Aussagen und Positionen sollen im Folgenden skizziert werden.

Die Ergebnisse der ZW Bildung in Berlin verdeutlichen, dass eine Reduktion der Krise der Schulen als 'Ausländerproblem' oder als 'Problem gewaltbereiter Migrantenkinder' nicht ausreicht, da dies nicht nur an der Reziprozität des Integrationsgedankens vorbeizielt, sondern auch die Vielschichtigkeit des 'Systems Schule' ignoriert. Die LehrerInnen und SchülerInnen zeigten in der Kritikphase ein komplexes Geflecht von Ungunstfaktoren auf. Der 'Respekt- und Disziplinlosigkeit' der SchülerInnen steht dabei ein oftmals resignierter Lehrkörper entgegen, der unvorbereitet die Anforderungen eines interkulturellen Schulalltags bewältigen muß und teilweise nicht mehr auf die individuellen Stärken und Schwächen der Schüler eingeht. Das Schulsystem selbst benachteiligt dabei gerade jene Migrantenkinder, deren Verhaltensauffälligkeit den geregelten Ablauf im Klassenzimmer verhindert. Mit der Trennung der Schüler in Haupt- und Sonderschulen sowie den eingesetzten Förderklassen sind Mechanismen 'sozialer Selektion’ vorprogrammiert. Sie führen zur Konzentration Benachteiligter in bestimmten diesen Schulformen oder Klassen.

Auf diese Besonderheiten, also bspw. der Konzentration von SchülerInnen nicht-deutscher Herkunft oder aus sozial benachteiligten Familien wird allerdings seitens der Bildungspolitik und des Schulwesens nicht reagiert. So werden die existierenden sprachlichen und kulturellen Kompetenzen der Migrantenkinder ignoriert und liegen brach. Statt dessen werden sie mit 'eurozentristischen' Unterrichtsinhalten konfrontiert, die oftmals im Gegensatz zur ihrer Lebenswelt stehen. Ein entsprechendes integrationsadäquates Bildungsangebot, welches gerade diesen Gegensatz zu überbrücken sucht, existiert jedoch nicht. Orientiert man sich im Bildungswesen an Werten einer so genannten 'Deutschen Leitkultur', scheint jedoch gerade eine angepasste Strategie für Migrantenkinder die einzig folgerichtige Maßnahme zu sein.

Auf der anderen Seite steht die geringe kulturelle Öffnung seitens der MigrantInnen und ihrer Kinder. Engagement für den Bildungserfolg ihrer Kinder und zum Erwerb der deutschen Sprache bleiben jedoch zu oft aus. Gerade diese fehlende Bereitschaft ist eine wesentliche Hürde für die Integration der Migrantenkinder in den Schulbetrieb.
Des weiteren fühlten sich die 'LehrerInnen von der Politik alleine gelassen'. Zwar sind die Schulen vor die Herausforderung gestellt, 'das zu leisten, was die Gesellschaft nicht schafft'. Dies wird jedoch weder mittels finanzieller Ressourcen, noch politischer Konzepte und Instrumente wie bspw. einer verstärkten interkulturellen Ausrichtung der Lehrerausbildung realisiert.

Die SchülerInnen der drei Oberschulen nahmen auch die allgemein ungünstigen Rahmenbedingungen an ihren Schulen wahr. Sie kritisierten zu große Klassen mit “zu viele[n] Ausländer[n]“ und einem monotonen Schulalltag. Auch Rassismus auf der Schülerseite schätzten sie als Problem ein.

Lösungsansätze suchen SchülerInnen wie LehrerInnen im Dialog. Die Schülergruppen thematisierten eine Reihe konkreter Ideen, die zur Verbesserung des Schulalltags beitragen sollen: Wichtig war ihnen einerseits eine Veränderung der Schüler-Lehrer-Beziehung, die stärker durch Gleichberechtigung und Toleranz gekennzeichnet sein solle. Für die Lehrer spielte hingegen die Kommunikationskultur zwischen Ausbildungseinrichtung und Quartier die zentrale Rolle. Schulen, so die Zielvorstellung, sollten stärker als ‚offener’ Ort für SchülerInnen, Lehrerinnen und Eltern konzipiert werden.

Neben der grundsätzlichen Vision einer 'Schule im Quartier' gab die Notwendigkeit von Bildungsmaßnahmen in unterschiedlichem Formaten den Anstoß für verschiedene Ideen und Projekte in der Phantasie- und Umsetzungsphase. Dabei sind zwei Zielgruppen der Bildungsbausteine oder –maßnahmen zu unterscheiden: Zum einen LehrerInnen und Institutionen, zum anderen SchülerInnen. So entstand bspw. das Konzept der ‚Institution für Interkulturelle Kompetenzbildung an Berliner Schulen’, welches die notwendigen Rahmenbedingungen für einen institutionellen Wandel durch Beratung und Evaluation betont. Dieselbe Absicht verfolgt auch der vorgeschlagene Reader Globales Lernen in Berlin, der die Situation an Berliner Schulen bilanzieren und Möglichkeiten und Best-Practice-Fälle aufzeigen soll. Auch die Chancen für eine interkulturelle Neuausrichtung in der Schule wurden anhand der einzelnen Schulfächer aufgezeigt. So zum Beispiel auch die Konzeption eines Unterrichtsfachs ‚Begegnungssprache’, das SchülerInnen Mehrsprachigkeit nahe bringen soll. Auch die SchülerInnen zeigten den Willen zur Veränderung und konzipierten einen neuartigen Unterrichtsbaustein. Mit selbst gestalteten und ‚gerapten’ Kurzvorträgen wollten sie durch die Klassen gehen und so über die Drogenproblematik an Schulen informieren.

Die ZW Schule im Jahr 2003 zeigt, daß die Probleme und Krisen der Schule weiter reichen als die gegenwärtige Diskussion um die 'Intensivtäter'. Sie dokumentiert aber auch, daß ein solches Problembewußtsein bei LehrerInnen und SchülerInnen vorhanden ist und aktiv über Lösungswege nachgedacht wird. Dieses 'lokale Wissen' bleibt jedoch bisher weitgehend ungenutzt, wie die LehrerInnen kritisierten. In diesem Sinn stellt das Gesuch nach Schulschließung der LehrerInnen der Rütli-Oberschule eine dringende Aufforderung dar, politisch auf die Probleme an Schulen zu reagieren. Lösungen sind dabei an der Wurzel der Probleme anzusetzen. Denn das bloße Eindämmen der Symptome, wie bspw. durch verstärkte polizeiliche Überwachung gegen jugendliche Gewalt, bleibt auch weiterhin ohne nachhaltige Wirkungen für die Schulen.

 

Bild entfernt.

Zukunftswerkstatt in Berlin