Für viele Beschäftigte gehört Sexismus zum Arbeitsalltag

Bericht

Die neue Studie des Bündnisses "Gemeinsam gegen Sexismus", das von der EAF Berlin koordiniert wird, zeigt, dass Sexismus am Arbeitsplatz in Deutschland weit verbreitet ist. Besonders betroffen sind Frauen und genderqueere Personen. Auch Menschen mit Migrationshintergrund sind überdurchschnittlich oft betroffen.

Zwei Personen sitzen an einem Tisch: Eine Frau, die von hinten zu sehen ist, und ein Mann, der vor ihr sitzt und sie anschaut

Sexismus ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig und ist deshalb auch am Arbeitsplatz ein Problem. Das zeigt die neue Studie „Sexismus am Arbeitsplatz“, die das Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“ durchgeführt hat. Die Studie beleuchtet erstmals repräsentativ und branchenübergreifend das Ausmaß, die Erscheinungsformen und Folgen von Sexismus am Arbeitsplatz in Deutschland. Sie weist auch darauf hin, dass sich Sexismus mit weiteren Diskriminierungsformen verschränkt, denn die Zahlen zur Betroffenheit von Sexismus sind etwa bei queeren Menschen, Menschen mit Behinderung und Menschen mit Migrationshintergrund signifikant höher als beim Durchschnitt aller Befragten.

Was ist Sexismus?

Sexismus bezeichnet Diskriminierungen und Ungleichbehandlungen aufgrund des Geschlechts, die häufig auf Vorurteilen und stereotypen Zuschreibungen beruhen. Eine umfassende Begriffsbestimmung liefert der Europarat: Demnach umfasst Sexismus jede Handlung, Äußerung oder Praxis, die auf der Annahme beruht, dass eine Person oder Gruppe wegen ihres Geschlechts minderwertig sei, und die darauf abzielt oder dazu führt, Würde zu verletzen, Rechte einzuschränken oder Macht- und Ungleichheitsverhältnisse aufrechtzuerhalten. Sexismus geht also weit über strafrechtlich relevante Fälle wie sexuelle Belästigung oder Übergriffe hinaus. 

Geprägt wurde der Begriff Sexismus in den 1960er Jahren von der US-amerikanischen Autorin Caroline Bird in Anlehnung an den Begriff „Rassismus“, um Diskriminierung aufgrund des Geschlechts zu beschreiben. Beide Begriffe verweisen darauf, dass es sich um strukturelle Ungleichbehandlung handelt.

Sexismus zeigt sich in vielen Lebensbereichen, etwa am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Alltagssprache, im Internet oder in den Medien. Viele Formen von Sexismus erscheinen so alltäglich, dass sie oft unerkannt bleiben oder als „normal“ hingenommen werden. Doch auch wenn einzelne Vorfälle für sich genommen harmlos wirken, schaffen sie für Betroffene ein Gefühl von Unsicherheit und tragen dazu bei, dass Ungleichbehandlung und Grenzüberschreitungen eher akzeptiert werden. 

Der Arbeitsplatz spielt eine besondere Rolle, da Menschen dort einen großen Teil ihrer Zeit verbringen. Sexismus zeigt sich am Arbeitsplatz nicht nur im direkten Umgang miteinander, sondern kann sich auch in Strukturen wie Hierarchien, Abläufen oder der Unternehmenskultur äußern. Die Arbeitswelt ist deshalb ein wichtiger Ort, an dem Sexismus sichtbar wird und gleichzeitig ein Schlüsselbereich, um wirksam dagegen vorzugehen. Die Studie „Sexismus am Arbeitsplatz“ nimmt daher genau diesen Bereich in den Fokus.

Mehrheit der Berufstätigen ist betroffen von Sexismus am Arbeitsplatz

Eine einheitliche Auffassung von Sexismus gibt es im Alltagsverständnis meist nicht. In der Studie „Sexismus am Arbeitsplatz“ wurde deshalb nicht das Erleben von Sexismus abstrakt abgefragt. Die Teilnehmer*innen wurden stattdessen gefragt, ob sie in Bezug auf ihr Geschlecht abwertende Kommentare oder Witze, Annahmen oder Vorurteile, Ungleichbehandlung oder Ausgrenzung sowie verbale oder nonverbale sexuelle Belästigung oder Übergriffe am Arbeitsplatz erlebt haben. 63 % aller Befragten gaben an, dass sie jemals eine dieser Formen von Sexismus erlebt haben. Frauen sind mit insgesamt 70 % häufiger betroffen als Männer (52 %). Besonders von Sexismus am Arbeitsplatz betroffen sind außerdem trans, inter und nicht-binäre Personen (81 %).

63 % aller Befragten gaben an, dass sie jemals eine dieser Formen von Sexismus erlebt haben. Frauen sind mit insgesamt 70 % häufiger betroffen als Männer (52 %). Besonders von Sexismus am Arbeitsplatz betroffen sind außerdem trans, inter und nicht-binäre Personen (81 %).

Geschlechterübergreifend gaben von allen Befragten, die in den letzten zwölf Monaten Sexismus am Arbeitsplatz erlebt hatten, 82 % an, dass dieser von Männern ausgegangen sei. 53 % gaben an, ihn durch eine Frau erlebt zu haben. Frauen gegenüber gehen sexuelle Belästigungen oder Übergriffe zu 92 % von Männern aus. Auch Männern gegenüber sind mit 67 % signifikant häufiger Männer die Täter. 

Sexismus wirkt mit anderen Diskriminierungen verschränkt

Die Studie zeigt außerdem, dass Sexismus oft mit anderen Formen der Benachteiligung zusammenhängt. Beim Blick auf Sexismus ist daher eine Perspektive auf Intersektionalität hilfreich. Der Begriff der Intersektionalität wurde von Kimberlé W. Crenshaw eingeführt. Er beschreibt, dass sich verschiedene Diskriminierungsformen, etwa entlang Geschlecht, Herkunft, Klasse, sexueller Orientierung oder Behinderung, überschneiden und gegenseitig verstärken können. Diese Perspektive ist auch für das Verständnis von Sexismus wichtig: So sind nicht alle Menschen in gleicher Weise von Sexismus betroffen. Zum Beispiel werden Frauen, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind, nicht nur stärker, sondern meistens auch anders diskriminiert als Frauen, die in erster Linie von Sexismus betroffen sind. 

Auch die Ergebnisse der Studie weisen in diese Richtung: So sind Menschen mit Migrationshintergrund (74 %), queere Menschen (74 %), Personen mit Sorgeverantwortung (71 %) und Menschen mit Behinderung (70 %) häufiger von Sexismus betroffen als der Durchschnitt aller Befragten. Betroffene wurden außerdem gefragt, ob neben ihrem Geschlecht auch andere Merkmale eine Rolle für den erlebten Sexismus am Arbeitsplatz spielten. Etwa ein Viertel der Betroffenen gab an, dass ihre Sexismuserfahrungen zusätzlich auch mit anderen persönlichen Merkmalen in Verbindung standen. Am häufigsten waren diese Merkmale das äußere Erscheinungsbild (44 %), was zum Beispiel die Körperform, die Kleidung, aber auch rassistische Zuschreibungen bedeuten kann, gefolgt von der Nationalität, Herkunft, Hautfarbe, Abstammung, Ethnizität oder Sprache (26 %) sowie der Religion, Weltanschauung oder dem Glauben (23 %). Die Ergebnisse zeigen, dass rassistische Zuschreibungen eng mit Sexismuserfahrungen zusammenhängen. Das macht deutlich, dass Sexismus oft nicht vereinzelt auftritt, sondern eng mit Rassismus verschränkt sein kann. Gerade für Frauen mit Migrationsgeschichte entstehen dadurch spezifische Formen der Diskriminierung, die weder allein durch den Begriff Sexismus noch durch Rassismus vollständig erfasst werden können.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Menschen mit Migrationshintergrund besonders häufig von verschiedenen Formen von Sexismus betroffen sind und sich unterschiedliche Diskriminierungen oft überschneiden.

Das wird von den insgesamt höheren Zahlen der Sexismusbetroffenheit von Menschen mit Migrationshintergrund bekräftigt. Diese Tendenz zieht sich durch alle abgefragten Formen von Sexismus am Arbeitsplatz: Menschen mit Migrationshintergrund sind mit 57 % häufiger als die Gesamtheit (46 %) von abwertenden Kommentaren oder Witzen mit Bezug auf das Geschlecht betroffen. Annahmen und Vorurteile, die auf dem Geschlecht beruhen, haben sie zu 54 % (im Vergleich zu insgesamt 45 %) erlebt. Auch Ungleichbehandlung oder Ausgrenzung wegen ihres Geschlechts erleben Menschen mit Migrationshintergrund häufiger (53 % im Vergleich zu insgesamt 40 %). Ein ähnliches Verhältnis zeigt sich in der Betroffenheit von sexueller Belästigung oder Übergriffen am Arbeitsplatz: Während insgesamt 32 % aller Befragten betroffen waren, gaben dies 40 % aller Menschen mit Migrationshintergrund an. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Menschen mit Migrationshintergrund besonders häufig von verschiedenen Formen von Sexismus betroffen sind und sich unterschiedliche Diskriminierungen oft überschneiden.

Großer Handlungsbedarf gegen Sexismus in der Arbeitswelt

Für viele Beschäftigte gehört Sexismus zum Arbeitsalltag. Bestehende rechtliche und betriebliche Maßnahmen reichen bislang nicht aus, um Betroffene wirksam zu schützen oder Sexismus nachhaltig zu verhindern. So kann die Unternehmenskultur etwa durch Sensibilisierungstrainings, regelmäßige Informationen und Leitlinien oder Betriebsvereinbarungen hin zu einer Null-Toleranz-Politik gegenüber Sexismus entwickelt werden. Denn für viele Betroffene sind Kolleg*innen wichtige Ansprechpersonen. Sind diese für das Thema sensibilisiert, können sie das Team und die Betroffenen stärken. Die Studie deutet zudem darauf hin, dass sich Betroffene insbesondere dann, wenn Sexismus von Männern ausgeht, Unterstützung von anderen anwesenden Männern wünschen. Es ist daher ratsam, diese als mögliche Verbündete anzusprechen, zum Beispiel in Trainings. So kann eine Betriebskultur geschaffen werden, in der Sexismus enttabuisiert wird und Betroffene nicht im Stich gelassen werden. Entscheidend sind dafür auch Führungskräfte, denn sie haben direkten Einfluss darauf, wie im Team mit Sexismus umgegangen wird. Auch die Einrichtung und Stärkung von Anlaufstellen für Betroffene wird in der Studie als wesentliches Handlungsfeld identifiziert. 

Um Sexismus am Arbeitsplatz wirksam zu begegnen, braucht es ein Zusammenspiel aus klaren rechtlichen Rahmenbedingungen, verbindlichen betrieblichen Maßnahmen und einer Praxis, die die Vielfalt von Diskriminierungserfahrungen ernst nimmt.

Gleichzeitig verdeutlichen die Ergebnisse, wie eng Sexismus mit anderen Diskriminierungsformen verschränkt ist. Ein wirksamer Umgang mit Sexismus erfordert deshalb eine intersektionale Perspektive, die unterschiedliche Lebensrealitäten mitdenkt. Maßnahmen müssen so gestaltet sein, dass sie auch Mehrfachdiskriminierungen berücksichtigen, etwa durch barrierefreie Angebote, vielfältige Fallbeispiele in Schulungen und sensibilisierte Beratungs- und Beschwerdestrukturen, sodass intersektionale Fälle erkannt und entsprechend behandelt werden können. 

Das Ausmaß von alltäglichem Sexismus am Arbeitsplatz unterstreicht, dass auch politischer Handlungsbedarf besteht. Das betrifft die Verankerung des Themas in Bildung und Ausbildung, aber auch die Weiterentwicklung und Umsetzung bestehender rechtlicher Regeln wie der ILO-Konvention Nr. 190 über die Beseitigung von Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt oder dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), sodass sie auch bei Sexismus am Arbeitsplatz wirksam sind. Denn Sexismus lässt sich nur wirksam bekämpfen, wenn Prävention, Sensibilisierung und Unterstützung auch strukturell verankert werden. Die Studie liefert dafür eine wichtige empirische Grundlage und zeigt: Um Sexismus am Arbeitsplatz wirksam zu begegnen, braucht es ein Zusammenspiel aus klaren rechtlichen Rahmenbedingungen, verbindlichen betrieblichen Maßnahmen und einer Praxis, die die Vielfalt von Diskriminierungserfahrungen ernst nimmt.