Leseprobe von Jehona Kicaj

Leseprobe aus dem Roman "ë" von Jehona Kicaj, erschienen 2025 im Wallstein Verlag.

Buchcover von dem Roman ë von Jehona Kicaj

Auszug aus dem Roman ë 

Von Jehona Kicaj, erschienen am 23.07.2025 im Wallstein Verlag

 

Nach dem Aufwachen habe ich einen Splitter im Mund. Er fühlt sich an wie ein kleiner Kieselstein. Ich spucke ihn ins Waschbecken und sehe: Es ist ein kleines Stück Zahn. Wenn ich mein Gebiss im Spiegel ansehe, gibt es kaum Zähne ohne einen Riss oder abgeriebene Kanten. Jeden Morgen wache ich mit Schmerzen in den Kiefergelenken und im Nacken auf; kann meinen Mund nicht öffnen, ohne dass es laut kracht. Es hört sich an, als würden Knochen brechen.

Als ich meinem Zahnarzt das Knacken vorführe und er seine Finger unter mein Jochbein hält, sieht er mich ernst an. »Sie leiden an Bruxismus«, sagt er. »Wenn Sie knirschen, zieht sich Ihre Muskulatur rhythmisch zusammen, die Zahnreihen pressen aufeinander, und die mahlenden Bewegungen des Unterkiefers führen zur Abrasion, also zur Schädigung und Abnutzung Ihrer Zähne. Noch einmal bitte.« Bei jedem lauten Knacken verzieht die junge Zahnarzthelferin das Gesicht. »Der Grund für das eigentümliche Geräusch ist eine starke Schädigung des Bandapparates der Gelenkkapsel. Die kleine Knorpelscheibe bewegt sich bei Mundbewegungen normalerweise mit dem Kiefergelenksköpfchen. Durch das Knirschen hat sich bei Ihnen aber die physiologische Position der Knorpelscheibe pathologisch verändert. Man spricht hier von einer Dislokation des Diskus.«

Doktor Ludwig macht eine Pause. »Im allerschlimmsten Fall können Sie in zehn Jahren nicht mehr kauen und sprechen, ohne dass Sie dabei Schmerzen haben, weil die Knorpelscheibe im Laufe der Zeit komplett zerstört ist. Dann liegt nichts mehr zwischen Gelenkkopf und Gelenkgrube, und die Knochen reiben aufeinander.« Er führt es auf Stress zurück, fragt mich, ob ich zurzeit viel zu tun hätte. Ich sage: »Kann schon sein«, und verspreche ihm, vor dem Schlafen Entspannungsübungen zu machen. Ich sehe hoch zur kahlen Decke und frage mich, ob ich Angst oder Erleichterung empfinden soll, wenn ich mir vorstelle, nicht mehr sprechen zu können. Er nimmt Abdrücke für eine Aufbissschiene und sagt, ich solle in zwei Wochen wiederkommen.

Zu Hause drücke ich meine Zeigefinger in die Mulden unter den Ohren, bis der Schmerz in die Schläfen zieht. Ich hätte ihm gern erzählt: Neulich habe ich gelesen, man könne den Mund als Gefängnis begreifen. »Die Zähne sind die bewaffneten Hüter des Mundes«, hieß es dort, »in diesem Raum ist es wirklich eng, er ist das Urbild aller Gefängnisse.« Ich hätte sagen wollen, ich habe die Wörter zu lange gefangen gehalten, und jetzt ist es zu spät.

Elias sagte einmal zu mir: »Du denkst immer alles zu Ende, bevor du sprichst.«

Die Wahrheit scheint zu sein: Ich zermahle jedes einzelne Wort, bevor ich spreche.

»Dein Deutsch ist auffällig. Du klingst wie eine professionelle Sprecherin. Deine Tonlage, deine Pausen, deine präzise Artikulation, die Art, wie du manche Wörter betonst, das erinnert mich an die Synchronstimmen weiblicher Anime Figuren«, sagte mir Elias auf einem unserer ersten Spaziergänge. Ich fragte ihn, was er damit meine. »Na ja, die eigene Sprechweise ist doch irgendwie einmalig und unverwechselbar. Sie hat ihre eigene Tonhöhe und Geschwindigkeit, sie hat ihren eigenen Rhythmus. Und bestimmte Worte und Wendungen kehren immer wieder. Bei dir aber«, er dachte nach, sagte dann, »klingt alles so perfektioniert.«

In seiner beiläufigen Aussage erkannte ich eine Wahrheit, die mir nie bewusst gewesen war. Ich erzählte ihm, dass ich Deutsch nicht mit Vokabellisten, sondern vor dem Fernseher gelernt hatte. Als Kind saß ich allein auf dem arabesk gemusterten, roten Teppich, das Gesicht nur wenige Zentimeter vom Bildschirm entfernt. Ich beobachtete konzentriert die Verzerrungen der Münder und versuchte sie mit den Klängen aus den Lautsprechern zu verknüpfen. Als ich einige Monate später in den Kindergarten kam, hörte ich die vage vertrauten Laute aus wirklichen Mündern. Ich staunte, und auf die Frage meiner Schwester, wie es mir hier gefalle, antwortete ich nur: Këta po folin si ata në televizor – »Die sprechen hier dieselbe Sprache wie die im Fernsehen.« Ich hielt weiter ihre Hand und wollte sie nicht loslassen.

Zuerst bin ich der deutschen Sprache in Zeichentrickfilmen und Anime Serien begegnet. In dem Zusammenspiel aus bewegten Bildern und sich abwechselnden Stimmen habe ich meinen Zugang zum neuen Sprachraum gefunden. Durch das genaue Hinsehen und Hinhören.

»Gjuha huj«, sagte ich zu Elias, »kann auf Albanisch bei des heißen: Fremde Sprache, aber auch fremde Zunge, und manchmal ist mir, als würde ich noch immer in fremden Zungen sprechen. Vielleicht kommt es dir deswegen so vor, als wäre ich eine Synchronsprecherin.« »So war das nicht gemeint«, sagte Elias und schüttelte den Kopf. »Ich meine es aber so«, sagte ich. Meine Aussprache ist bereits vor dem Aussprechen abgesteckt. Im Grunde bedeutet Sprechen für mich noch heute Nachahmung; es ist bloß eine neu angeordnete Klangabfolge von dem, was ich vorher gehört oder gelesen habe. Und manchmal frage ich mich, wie viel von mir selbst in meinen Worten liegt, wenn ich sie ursprünglich von gezeichneten Bildern auf dem Bildschirm erlernt habe.

 

Ich lernte früh, dass ich schweigen musste, sobald wir die serbische Grenze erreichten. Deine Muttersprache konnte dich in Gefahr bringen, wenn du sie am falschen Ort sprachst. Sobald das erste Schild auf die Grenze verwies, schalteten wir die Musik aus und versteckten alle albanischen Kassetten unter unseren Autositzen.

Wir sagten nichts. Wir schwiegen, schon lange bevor der Grenzbeamte sein Zeichen gab, das Fenster zu öffnen. Nur mein Vater sprach mit ihm. Er konnte fließend Serbisch, wie viele andere in seinem Alter hatte er es in der Schule und später beim Militär gelernt. Ich verstand kein einziges Wort, aber ich hörte die Unsicherheit in seinem Tonfall. Er zögerte nicht einen Augenblick, auf die Fragen des Polizisten zu antworten, und dennoch wählte er seine Worte vorsichtig. Dann schlug sein Ton plötzlich um, und ich hörte diese bestimmte Rauheit in seiner Stimme. Wann immer er seinen Ton auf diese Art schärfte, wann immer ich den veränderten Klang vernahm, wusste ich, dass etwas passieren würde.

Ich erinnere mich, dass die Hände meiner Mutter zitterten, als Baba sie aufforderte, ihm die Pässe zu geben, dass sie nicht in der Lage war, den Reißverschluss der roten Ledertasche mit all unseren Papieren zu öffnen. Sie gab ihm die ungeöffnete Tasche mit gesenktem Kopf. Ich erinnere mich an die kalten Blicke des Grenzpolizisten, mit denen er uns von oben herab durch die Scheiben der Autofenster anstarrte, daran, wie wir alle aussteigen und das Auto ausräumen mussten. Ich erinnere mich an das laute Geräusch des Stempels, den er erst in unsere Pässe setzte, nachdem wir mehrere Geldscheine hineingelegt hatten. Die Pässe reichte er uns nicht zurück, er schob sie nur von sich, als wären sie nichts wert.

Auf der Grenze zwischen Kosovo und Serbien habe ich zum ersten Mal gesehen, wie meine Eltern gedemütigt wurden. Diese Grenzerfahrung holt mich noch heute bei jeder Passkontrolle ein.

Wenn man mich als Jugendliche fragte, ob ich schon einmal in Berlin gewesen sei, verneinte ich immer. Ich war noch ein Kind, als wir zur serbischen Botschaft nach Berlin fuhren, um unsere Pässe verlängern zu lassen. Das war kurz nach dem Krieg. Wir verbrachten den ganzen Tag in der Botschaft. Ich wurde dafür von der Schule freigestellt. Ich erinnere mich: Vor Müdigkeit legte ich mich auf den Fußboden zwischen die Schuhe der Wartenden. Nach sechs Stunden rief man uns auf. Ich weiß noch, wie hart der serbische Beamte meinen Namen aussprach. Seine Uniform war schwarz. Die Pässe waren dunkelblau, und darauf stand in goldenen Lettern Republic of Serbia, auch noch Jahre später. Serbisch schrieb man dort meine Geburtsstadt. Serbisch steht sie heute in meinem deutschen Pass: Suva Reka statt Suharekë. Ich hatte den ganzen Tag gewartet, um mich am Abend als Serbin ausweisen zu können. Dieser Aufenthalt in Berlin zählte für mich nicht.

Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.