Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus im Zuschauerverhalten

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Die Studie „Die Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball - Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher Reaktion“ beschäftigt sich seit Anfang 2004 in drei Teilstudien mit den aktuellen Entwicklungen innerhalb der Fanszene und dessen Umfeld. Neben der Analyse der Ultrakultur und der Erforschung der Schnittstellenarbeit zwischen Polizei und Sozialarbeit wird ein fokussierter Blick auf rassistisches, fremdenfeindliches und rechtsextremes Zuschauerverhalten gelegt.

Im folgenden veröffentlichen wir die Ergebnisse der Teilstudie "Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus im Zuschauerverhalten und Entwicklung von Gegenstrategien", die von Sabine Behn und Victoria Schwenzer von der Camino - Werkstatt gGmbH, druchgeführt wurde.

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Ausgangssituation und Zielstellung

Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus im Kontext von Fußballspielen werden seit vielen Jahren beobachtet und thematisiert. Entsprechend wird auf mehreren Ebenen reagiert. Fanprojekte, Vereine und Polizei haben unterschiedliche Strategien entwickelt, gegen rassistische und rechtsextremistische Vorfälle im Stadion vorzugehen bzw. diese möglichst im Vorfeld zu verhindern.

Ziel der Studie ist es, die aktuellen Entwicklungen in Bezug auf Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus im Zuschauerverhalten zu analysieren und Voraussetzungen, Möglichkeiten und Grenzen von Gegenstrategien aufzuzeigen und auf dieser Basis Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Es gilt also, Bedingungen zu formulieren, die für eine erfolgreiche Arbeit notwendig sind, bzw. Aspekte, die die Wirksamkeit von antirassistischer Arbeit einschränken können. Hierbei werden die unterschiedlichen Handlungsfelder und Perspektiven der beteiligten Akteure berücksichtigt.

Ergebnisse: Situationsbeschreibung

In fast allen Vereinen, die untersucht wurden, ist sichtbares und hörbares fremdenfeindliches und rechtsextremes Verhalten auf den Rängen in den Stadien in den letzten Jahren zurück gegangen, aber nicht verschwunden. An den einzelnen Standorten gibt es sowohl einen Rückgang auf unterschiedlichem Niveau als auch unterschiedliche Problemlagen. Während es an den meisten Standorten eher Einzelpersonen oder kleinere Gruppen sind, die sich an entsprechenden Äußerungen beteiligen, hat sich an manchen Standorten abhängig vom Spielgeschehen ein ganzer Block von mehreren hundert bis tausend Fans an fremdenfeindlichen Diskriminierungen beteiligt. Festzustellen ist darüber hinaus, dass problematische Verhaltensweisen nicht auf die Ultraszene oder den Stehplatzbereich beschränkt sind, sondern auch im Sitzplatzbereich zu finden sind.

Es konnte eine räumliche Verlagerung von rassistischem und rechtsextremem Verhalten vom Stadion weg auf die An- und Abfahrtswege festgestellt werden – dies schafft eine Öffentlichkeit über das Stadion hinaus, z.B. im ÖPNV. Auch Bus- und Zugfahrten bei Auswärtsspielen werden als Ort der Inszenierung von rassistischen und rechtsextremen Gesängen genutzt.

Der beschriebene Rückgang von Verhaltensweisen bedeutet nicht unbedingt einen Rückgang von problematischen Einstellungsmustern, denn es kann eine Diskrepanz zwischen Einstellungen und Verhaltensweisen vorliegen. Problematische Einstellungsmuster können auch unsichtbarer geworden sein – darauf weisen Interviews von Fans und Expert/innen hin. Dies gilt in besonderem Maße für den Bereich des Rechtsextremismus. Die rechtsextreme Szene hat ihre Strategie gewandelt und kommuniziert mittels versteckter Codierungen von rechtsextremen Einstellungen und einem entsprechenden Symbolsystem, das oft nur für Insider erkennbar ist. Dies stellt sehr hohe Anforderungen an Fanprojektmitarbeiter/innen, Ordner/innen und Fanbetreuer/innen, weil sie sich dieses Expertenwissen, das in der Regel nicht vorhanden ist, erst aneignen müssen.

Rassismus ist aus den Stadien ebenso wenig verschwunden; er hat nur andere, weniger offensichtliche Formen angenommen als die direkten Beschimpfungen durch Zuschauer/innen. Subtiler Rassismus zeigt sich darin, dass schwarze und auch osteuropäische Spieler von Fans schneller kritisiert werden bzw. etwas mehr leisten müssen als deutsche oder westeuropäische Spieler. Stehen schwarze Spieler in der Kritik, dann werden diese eher entpersonalisiert, werden also vom Spieler als Individuum zum Schwarzen.

Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus werden im Fußballstadion durchaus wahrgenommen und kritisch diskutiert. Schwulenfeindlichkeit und Sexismus dagegen werden weitaus weniger wahrgenommen und auch seltener in Frage gestellt. Es hat sich somit eine Hierarchie von Diskriminierungen entwickelt – obwohl Schwulenfeindlichkeit und Sexismus in den Stadien weitaus verbreiteter sind als Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Besonders homophobe Fangesänge gehören zum Standardrepertoire in vielen Fußballstadien, die nicht weiter in Frage gestellt werden. Gleichzeitig gehört Fußball zu einer der letzten gesellschaftlichen Bastionen, in denen Homosexualität weitgehend ein Tabu ist. Sexistische Merchandising-Artikel sind weit verbreitet und gelten als „normaler“ Bestandteil der Fußballkultur.

Ergebnisse: Gegenstrategien

Gegenstrategien lassen sich nach Akteuren und nach Art der Strategie unterscheiden. Als wichtige Akteure sind Fanprojekte, Polizei, Vereine, Verbände, Faninitiativen und Fans zu nennen. Gegenstrategien sind in den Bereichen pädagogische Arbeit, Kampagnenarbeit, Selbstregulierungsmechanismen, Regelwerke und Sanktionierungen sowie Vernetzungsarbeit vorhanden. Für die Arbeit gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gibt es keine Patentrezepte; vielmehr ist eine kontinuierliche Arbeit mit unterschiedlichen Ansätzen und eine konstruktive, vernetzende Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure notwendig.

Als Gründe für den Rückgang von rassistischem und rechtsextremem Zuschauerverhalten werden in den Interviews neben den expliziten Gegenstrategien und den Selbstregulierungsmechanismen aus der Fanszene heraus auch Veränderungen in der Fußballkultur genannt, wie die stärkere Präsenz und Normalität von schwarzen Spielern in den Mannschaften und die „Verbürgerlichung“ des Fußballs im Sinne einer Eventisierung, die verstärkt Mittelschichten in die Stadien zieht, denen die „Beschimpfungskultur“ der Fanszene fremd ist.

Selbstregulierungsmechanismen aus der Fanszene müssen nachhaltig unterstützt werden.

„Politik gehört nicht ins Stadion“ ist die Argumentation vieler Fans, um rassistische und rechtsextreme Äußerungen zu unterbinden. Allerdings wird dieses Argument häufig auch dazu benutzt, um antirassistische Aktivitäten zu verhindern. Fans reflektieren mitunter, dass rassistisches und rechtsextremes Verhalten dem Verein negative Schlagzeilen bringt. Wenn es sich um vereinsidentifizierte Fans bzw. Zuschauer/innen handelt, dann achten sie darauf, dem Image des Vereins nicht zu schaden, und verhalten sich entsprechend, ohne sich aber inhaltlich unbedingt mit einer antirassistischen Haltung zu identifizieren. Deutlich wird aber auch, dass Teile der Fans bei rassistischem und rechtsextremem Verhalten couragiert einschreiten, weil sie solche Diskriminierungen und Äußerungen nicht tolerieren wollen. Dieser Teil der Fans muss von Verein und Fanprojekt unterstützt werden.

Für die Arbeit gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus lassen sich Rahmenbedingungen und Leitlinien formulieren, damit diese Arbeit nachhaltig wirksam wird. So ist es bezogen auf den Verein wichtig, dass dieser sich eindeutig und rechtzeitig gegen Rassismus und Rechtsextremismus positioniert, um Sogwirkungen in der Fanszene zu vermeiden. Ein Verein ist in seinem Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus nur dann glaubwürdig, wenn er auch respektvoll und demokratisch mit den eigenen Fans umgeht und kontinuierlich an dem Thema Rassismus arbeitet, anstatt nur zu reagieren, sobald es ein Problem gibt, das medial nach außen vermittelt wird.

Für die Fanprojekte sind im Rahmen der Studie aufgrund der Interviewanalyse Mosaikbausteine für die Arbeit gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus entwickelt worden, die es im Rahmen der alltäglichen Arbeit umzusetzen gilt. Fanprojekte sind mit einer Vielzahl von Aufgaben konfrontiert, so dass die antirassistische Arbeit oft zugunsten der Gewaltprävention an den Rand gedrängt wird. Erschwerend kommen die Komplexität des Themas und das nötige Expertenwissen in Bezug auf Rechtsextremismus hinzu, das häufig nicht in ausreichendem Maße vorhanden ist.

Von großer Bedeutung ist die funktionierende Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren rund um das Stadion. Praxisbeispiele zeigen, wie Kommunikationsstörungen z.B. zwischen Verein und Fanprojekt die Wirksamkeit der Arbeit schmälern oder gar Aktivitäten verhindern. Die Festlegung von Verantwortlichkeiten und die Vernetzung der Akteure sind in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Für alle Akteure gilt, dass Antirassismus als Querschnittsaufgabe und nicht als Pflichtprogramm verstanden werden muss. Gerade Kampagnenarbeit darf nicht einmalig sein, sondern muss von weiteren Maßnahmen begleitet sein. Kampagnen sind nur dann glaubwürdig, wenn sie Teil eines kontinuierlichen Konzeptes sind. Generell gilt, dass die soziale Verankerung von Maßnahmen ihre Wirksamkeit erhöht. Das heißt, dass Maßnahmen dann besonders wirksam sind, wenn sie mit den Fans zusammen entwickelt oder zumindest von den Fans getragen werden.

Antirassistische Arbeit bedeutet darüber hinaus auch, die eigene Institution zu öffnen – beispielsweise hinsichtlich der Partizipation von MigrantInnen.

Handlungsempfehlungen

Folgende Handlungsempfehlungen wurden für die Arbeit gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus entwickelt: 

  • Entwicklung eines Fortbildungskonzeptes „Arbeit für Respekt und Toleranz“ für die Fanprojekte und regelmäßige Durchführung von Fortbildungen und Workshops für Fanprojektmitarbeiter/innen

  • Trainings mit Multiplikatoren bzw. Schlüsselpersonen aus der Fanszene durch die Fanprojekte

  • Regelmäßige Schulungen von Ordner/innen, Sicherheitsbeauftragten und Fanbetreuer/innen speziell zu neueren Entwicklungen im Rechtsextremismus und Trainings zu Handlungsinterventionen im Stadion

  • Durchführung eines Aktionstages für Respekt und Toleranz gegen Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie in der Bundesliga

  • Entwicklung einer Wanderausstellung zum Thema „Frauen, Fußball und Sexismus“

  • Einrichtung eines Aktionsfonds zur Unterstützung von konkreten Aktivitäten für Respekt und Toleranz aus der Fanszene

  • Einrichtung eines/r Referent/in zum Thema „Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus“ bei der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS)

  • Einrichtung eines ehrenamtlichen Referenten/Ansprechpartners für die Arbeit für Respekt und Toleranz beim Verein

  • Implementierung einer interdisziplinären Arbeitsgruppe für Respekt und Toleranz auf Bundesebene.

Juni 2006

Literatur

Sabine Behn und Victoria Schwenzer

   

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