„Der Kabaraya” Leseprobe von Bashana Abeywardane

 

Erzählung von Bashana Abeywardane

 

Wir hörten zuerst das Geschrei, die Mittagsluft schimmerte in der Hitze. Als einer aus dem inneren Zimmer hinausschaute, war der Kabaraya schon ins Büro gekrochen.

„Ein Kabaraya“, rief unser Kollege von der Tür und schnellte zurück wie ein Fisch an der Angel. Wir verstummten, drängelten uns um die Tür und spähten hinaus. Der Kabaraya ruhte sich auf dem staubigen Fußboden einen Moment aus und sah sich um, ebenso fassungslos wie wir. Das Sonnenlicht fiel schräg auf seinen dunkel-graubraunen Rücken, der müde und ängstlich aussah, und sich ächzend hob und senkte, wenn der Kabaraya zischte.

„Er zischt“, rief ein Kind draußen im Garten. Der Kabaraya zischte weiter und seufzte, so als wüsste er, dass er hier außer Reichweite seiner Peiniger war. Von draußen warf jemand einen Kieselstein auf ihn, der Stein verfehlte sein Ziel, prallte von einem Tischbein ab und landete vor dem Kabaraya. Der kniff die Augen zusammen und betrachtete den Stein nachdenklich, dann kroch er weiter. Sein Bauch schleifte über den Boden, das Geräusch ließ uns die Haare zu Berge stehen.

„Hey! Hört auf, Steine zu werfen, er kommt rein!“, rief einer von uns. Keiner antwortete – was wir auch nicht erwartet hätten, denn unsere ganze Aufmerksamkeit galt dem Kabaraya.

Der Kabaraya schob sich vorsichtig weiter, unsere Nervosität stieg. In diesem Moment sahen wir die Beulen auf seinem Rücken. Es waren kleine rote Wundmale, zwei auf dem Rücken und eines an der linken Hüfte, Richtung Schwanz waren kleinere. Plötzlich hielt er inne, als hätte ihn angesichts seines Publikums das Lampenfieber gepackt. Seufzend sah er um sich.

„Was machen wir jetzt?“, fragte einer.

„Was machen wir jetzt?“, fragten wir alle.

Er war kaum einen Meter von der Tür zu unserem inneren Zimmer entfernt. Nur einige Schritte noch, mit diesem zermürbenden Geräusch, und er wäre uns viel zu nah, seine starken Kiefer waren zusammengepresst, seine gespreizten Krallen klammerten sich an den Zementboden und aus schlammfarbenen Augen sah er uns unheilvoll an.

Sein Schwanz war scharf wie ein Schwert, er sah aus, als könne er mit einem einzigen Hieb den Fuß eines Mannes abtrennen. Genau das hatten wir gelegentlich gehört, und es machte uns noch nervöser.

„Ein Schlag mit dem Schwanz könnte hier durchschneiden wie nichts“; sagte einer und deutete auf seinen Knöchel.

„Ich habe mal einen gesehen, mit eigenen Augen, dem ein Kabaraya die Beine abgeschnitten hatte“, sagte ein anderer und ging von der Tür weg, um sich an den Namen des Opfers zu erinnern.

„Ich auch ...“

„Sogar in meinem Dorf ...“

Alle sprachen durcheinanander, jeder wollte von seinen Erfahrungen mit Kabarayas berichten. In diesem Moment schien nur unser jeweiliges Verhältnis zu Kabarayas von Bedeutung zu sein. Der Kabaraya kroch noch weiter auf die Tür zu. Unsere Nerven vibrierten.

„Verdammter Mist, er ist fast da“, sagte jemand bei der Tür und alle verstummten. In einem derartigen Notfall muss man unbedingt die Fassung behalten - jedoch hatte niemand eine Idee, wie man die Masse unserer vergangenen Erfahrungen mit Kabarayas hier praktisch hätte umsetzen können.

Die Temperatur stieg schnell in dem kleinen Raum, der Tischventilator drehte sich völlig lust- und nutzlos in der Hitze. Die Augustluft war heiß, schal und schwül.

„Wegen dieser Idioten da draußen ist er nun hier“, sagte jemand aufgebracht. Es gibt kaum etwas, das in solchen Situationen nützlicher ist als fluchen.

Wir schimpften also über die Dummheit und Arroganz unserer Nachbarn. Wenn man in einer unerwarteten Notlage niemanden beschuldigen kann, steigt die eigene Hilflosigkeit, daher erleichterte es uns umgehend, unsere Nachbarn anzuklagen. Sie waren schuld an der Situation, in der der Kabaraya und wir waren.

„Wenn diese Vollidioten nicht angefangen hätten, ihn zu jagen, wäre er seiner Wege gezogen! Warum hätte er denn sonst hier reinkommen sollen!“

„Die verdammten dämlichen Schweinehunde ...“

„Geprügelt gehören die, aber wie!“

Erneut stieg die Spannung im inneren Raum. Wäre der Kabaraya nicht gewesen, quer über die Schwelle gebreitet, hätten die Nachbarn nun nichts mehr zu lachen gehabt, soviel war klar.

Aber der Kabaraya war da, schaute uns unverwandt an und zeigte nicht die geringste Absicht, sich zu bewegen.

Seine Augen fielen der Mittagshitze langsam zu. Das Sonnenlicht glitt schräg über seinen Rücken hinunter zu seinem Furcht einflößenden Schwanz. Der Kabaraya war gut einen Meter achtzig lang und dieser schreckliche Schwanz mindestens siebzig Zentimeter.

„Von all den Kabarayas, die es hier gibt, ist keiner je in das Büro gekommen, wieso also sucht dieser die Nähe von Menschen?“ Plötzlich wandte sich der allgemeine Zorn dem Kabaraya zu, es war absolut richtig, der Kabaraya konnte nicht geschäftlich in unser Büro gekommen sein. Es gäbe Anlass zu ernsten Bedenken, wenn sich die Dinge so weiterentwickeln sollten und dies war schon ein schlimmer Präzedenzfall.

„Schaut mal, ein Kabaraya betrachtet Büros und Menschen nicht so, wie Menschen Kabarayas und Büros betrachten.“ Ein Gegenargument, nicht ohne Logik: Dieser Kabaraya wanderte entweder ziellos umher, oder aber er hatte sich verirrt, definitiv konnte es nicht a priori seine Absicht gewesen sein, in unserem Büro aufzutauchen. Das Gegenargument war fundiert. Dessen ungeachtet hatte der Kabaraya offensichtlich nicht die Absicht, sich von da, wo er lag, wieder wegzubewegen.

Wenn es nur möglich gewesen wäre, ihn um 180 Grad, Richtung Tür, herumzudrehen. Dann wäre es ein Kinderspiel, ihn zur Tür hinaus in den Garten zu schicken, von dort hätte er unseretwegen nach Timbuktu weiterziehen können. Aber er blieb, wo er war.

Wir sahen ihn verwirrt und hilflos an. Ein Kabaraya hatte sich der Länge nach über all unsere Pläne für den Rest des Tages gelegt. Der Hunger nagt scharf in der Mittagshitze, auf der Stirne steht der Schweiß. Völlig unberührt von unseren Gedanken, Gefühlen und Empfindungen bewegt sich der Kabaraya kein bisschen.

Täglich durchqueren zahllose Ziegen, Hühner, Hunde und Katzen unser Büro. Diese Tiere gehören unseren wohlanständigen Nachbarn. Der kürzeste Weg von jenem gemeinsam genutzten Gartenstreifen, der zwei Häuserzeilen trennt und auch unser Büro von einem anderen, zur Bahnlinie hinter uns, führt durch unser Büro. Rücksichtsvoll und höflich wie sie sind, nutzten weder unsere Nachbarn noch der Vermieter diesen Weg. Vieh, Geflügel und andere Haustiere jedoch, die von solchen Artigkeiten nichts haben, zögerten nicht, den kürzesten Weg von ihren Wohnstätten zu den Abfallhaufen entlang der Bahnlinie zu nehmen. Damit zu leben war eine Sache, aber nun hockte ein Kabaraya in unserem Büro!

Kein Zweifel: ein übles Omen!

Zufälle geschehen ohne Vorwarnung. „Zeit“ ist das Zusammentreffen von zwei oder mehreren zufälligen Faktoren. Und in diesem Sinn war unsere Zeit gekommen – unser scheinbar unvermeidliches Schicksal, das darin bestand, den Rest unseres Lebens als Geiseln eines Kabaraya zu verbringen, änderte sich in einem einzigen Moment des Zufalls.

Die Fensterscheiben vibrierten, die Teetassen in der Küche, die die Ankunft eines Zuges ankündigten, klapperten immer stärker, schließlich gellte das Warnsignal – für den Kabaraya schienen das Vorboten eines Erdbebens zu sein, er schreckte aus seinen Tagträumen und bewegte sich schneller. Wie durch ein Wunder war er schon an der Tür vorbei, hinter der wir uns die ganze Zeit verborgen hatten, und stand nun gegenüber der Küchentür, hinter der es zur Bahn ging.

In solch einer Situation sind Entschlusskraft und Mut von äußerster Wichtigkeit. Wir stürzten aus dem Raum und auf die Schreibtische im Vorzimmer, das der Kabaraya leer hinterlassen hatte. Als er sich fragend umsah, standen wir schon auf den Tischen. Wir wussten, der Schwanz des Kabaraya ist schlimmer als das Gelächter der Nachbarn. Und sowieso wäre es ein grundsätzlicher Fehler, den primären Widerspruch mit dem sekundären zu verwechseln. Wir ignorierten die Lachsalven unserer Nachbarn und begannen, den Kabaraya zur Tür hinaus zu scheuchen. „Schu, schu, dup dup, hoy hoy “, es klang wie ein Stammeskarneval.

Der Kabaraya schaute uns und die offene Tür an. Genau in diesem Moment stürzten die Mitglieder unserer tapferen Nachbarstämme herein, um uns zu retten. Sie hatten Stöcke und Stangen. Unser freundlicher Lebensmittelhändler eilte herbei und fuchtelte mit einem kräftigen Stock wie Tarzan vor einem wütenden Löwen. Es war ein Wunder, dass der Kabaraya nicht bewusstlos zusammenbrach unter all den Schlägen, die er erhielt. Er wandte sich wild hin und her, als ob er um Gnade bitten wollte und wenn er gekonnt hätte, wäre er aus der Küche geflohen. Blut füllte seine Wunden, als die Schläge auf ihn niederprasselten, man sah das weiße Fleisch unter der Haut.

Was für ein Schmerz ...

Wir waren frei, die nächsten Minuten verbrachten wir damit, zu jubeln und uns gegenseitig zu gratulieren. Der Lebensmittelhändler, der erbärmliche, immer schlimm fluchende Ex-Bahnarbeiter, seine schlampige Frau und ihre Kinder waren wie durch ein Wunder unsere besten Freunde! Eine internationale Allianz gegen den Kabaraya.

Aber bemerkte jemand den Kabaraya, den die Schmerzen im Garten niedergestreckt hatten? In den unergründlichen Augen sammelten sich Tränen der Scham, des Schmerzes und des Bedauerns. Vielleicht drehte er sich um, verwundert über unseren Jubel, vielleicht war er über unser Vergnügen verwundert.

Er wurde gesehen, als er mit großer Mühe die Bahnlinie erklomm. Und danach war er wie aus der Erinnerung gelöscht. Konnte ein Kabaraya Selbstmord begehen?

Das Mittagessen war ein Siegesfest, dann neigte sich der Tag allmählich. Ein wundervoller Tag, verschwendet wegen eines Kabaraya. Ohne Zweifel wird der Kabaraya im Geröll der Erinnerung untergehen, aber die pfuhldunklen, gequälten Augen ...!

Die stille Nacht folgt dem Abend, alle Abende sind gleich, für die, die nicht träumen, sind die Nächte kurz. Viele Nächte sind wie die Oberfläche dunkler und stiller Gewässer. Pfuhldunkle gequälte Augen jagen manche Träume und kräuseln die ruhigen Wasser der Nacht. Wir sprechen nicht davon. Das schicksalhafte Geschöpf beherrscht all unsere Erinnerungen und unsere Träume.

Was für ein Schmerz ...

 

Fenster des Exils

Wer würde sich schon fragen
wie das Zimmer aussieht, in dem
einer in seinem Exil schläft?
Es ist ein Reich
ewigen Zwielichts
aus dem die Gemeinschaft und das Gelächter der Freundschaft,
lange verbannt,
nicht zu Zeugen werden
wie auch die Hoffnung und die Träume sterben
so lang sie in der Stille der Einsamkeit
auch teuer waren ...
Aber sogar in so einer Zelle
kann es ein Fenster geben
ein Fenster, das sich öffnet
hinaus in die Welt ...
An einem Herbstabend könnte
ein verirrter Vogel mit dem Schnabel
daran schlagen,
und sich wieder umdrehen,
verzweifelt.
In Winternächten könnten
eine Schneeflocke oder zwei
auf ihrem Abstieg über die dunklen
Hänge des Himmels dagegenklopfen
um spürbar zu machen, dass es sie gibt.
An einem Nachmittag im Sonnenlicht
könnte ein blauer wolkenloser Himmel
tief in das Herz des Exilierten schauen,
ein azurfarbener Spiegel, hinausgehalten in die Welt
Und vielleicht, das die letzten vergeblichen Hoffnungen
zu dir zu kommen
auf dem unversöhnlichen Glas zerschmettern
und blutend auf dem Boden sterben.
 


Bashana Abeywardane

 

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