Von der Straße lernen - Die StreetuniverCity in Berlin

von Jonathan Aikins

Im September 2007 wurde ich Praktikant in der StreetUniverCity, wo ich als Student meinen Abschluss als Street Master machte. Seit einem Jahr engagiere ich mich dort als Alumni und berichte im folgenden über meine Erfahrung in diesem einmaligen Projekt.

„Ich will lernen und etwas verändern.“  Das war mein erster Satz beim Vorstellungsgespräch in der StreetUniverCity. Meine LehrerInnen wären bestimmt sehr verwundert  gewesen, wenn sie gesehen hätten, mit welchem Einsatz ich mich bei dieser Universität bewarb – es war eben die StreetUniverCity. Ich bewarb mich um einen Praktikumsplatz, angezogen von der Projektidee, dass unsere Gesellschaft das Potential der Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten braucht und die Jugendlichen gefördert und gefordert werden müssen. Bei meiner Vorstellung sprach ich mit Philip Marcel, der für die kulturellen Konzepte, Medienproduktion und Grafik zuständig ist und war mir nach seiner Projektvorstellung sicher, daß ich mitmachen wollte.

Der im Projekt vorhandene Wille, Jugendliche aktiv in die Entwicklung der Lerninhalte und Projekte einzubeziehen, gab mir einen weiteren Impuls mitzumachen. Hinzu kamen noch ein breites Angebot  an Seminaren und Workshops auf die ich mich freute und auf die ich sehr gespannt war. Auf dem Plan waren Kursthemen wie: Streetculture/Streetphilosophie, Antikonflikttraining, Motivation, Profiling, Bildende Kunst/Graffiti, Theater, Musik/Musikproduktion, Film/Filmproduktion; Capoeira.

In einem 3 monatigen Semester kann man so auf vielfältige Weise seinen Kopf, seinen Körper, die sozialen wie kreativen Kompetenzen „aufpolieren“, die eigenen Schwächen und Stärken sowie neue Leute, Bekannte und erfolgreiche UnternehmerInnen und MusikerInnen kennen lernen. Die Teilnahme an diesen vielseitigen Aktivitäten ist kostenlos. Die Bewertung findet nicht wie in staatlichen Schulen oder einem herkömmlichen Bildungssystem statt, da auf andere Fähigkeiten Wert gelegt wird. Nach diesem Semester erhalten die StudentInnen ein Zertifikat, den Street Master!

Hierzu hat Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), in einem Beitrag zur StreetUniverCity Berlin geschrieben:

„Der Street Master ist mehr Wert als mancher Bildungsabschluss. Hier bekommen Arbeitgeber selbstbewusste junge Menschen, die an sich selbst gearbeitet haben, die rein wollen in die Gesellschaft und das Arbeitsleben und nicht abseits stehen. Es wird die Zeit kommen, da wird so mancher Berliner Unternehmer versuchen, den Street Master nachzuholen, um seine Biografie auf Vordermann zu bringen.“

Streetculture war mir ein Begriff. Als in Berlin Geborener und Aufgewachsener habe ich seit der Kindheit Freundschaften, Feindschaften und Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Gruppen kennen gelernt. Nun sollte es einen Raum geben, wo ich reden und mich über diese Erfahrungen austauschen konnte.

Nichts wie hin dachte ich mir.Wie viele andere Jugendliche mit Migrantionshintergrund habe ich Diskriminierung und Rassismus selbst von den LehrerInnen erfahren. Das hat zu meinen vielen Schulwechseln und einer nicht gradlinigen Schullaufbahn beigetragen.

Ich wusste, dass Menschen mit Migrantenhintergrund gleiche oder ähnliche Erfahrungen machen. An diesem Punkt hat die StreetUniverCity eine Plattform geschaffen. Sich hier akzeptiert zu fühlen, fällt leicht, in Gesprächen trifft man in vielen Punkten auf Verständnis. Erfahrungen können ausgetauscht werden. „Wow beeindruckend“ dachte ich mir jedesmal wenn ich Gió di Sera, den 1. Vorsitzender der StreetUniverCity erzählen und diskutieren hörte.

„Niemand darf verloren gehen.“ Gió di Sera hat im Blick wie man aus dem Mist der Diskriminierung Dung für neues Selbstbewusstsein machen kann. Unter existenziell schwierigen Umständen in Neapel aufgewachsen,verbindet er die Erfahrung von Straßenkultur und Migration, von Diskriminierung und Selbstverwirklichung. Er engagiert sich seit den 90ziger Jahren in der Jugendarbeit, ist Radiomacher und Künstler. Seine Erfahrungen und Ziele inspirieren mich immer wieder neu.

Die StreetUniverCity öffnet Türen und gibt jungen Menschen eine Stimme, Selbstbewusstsein und Möglichkeiten ihre Kreativität auszuschöpfen.

Dezember 2008

Homepage der StreetUniverCity in Berlin

Jonathan Kwesi Aikins ist Schüler an der Fachoberschule für Sozialwesen in Berlin. Er engagiert sich als Alumni bei der StreetUniverCity Berlin und darüber hinaus in Theaterprojekten für Schwarze Menschen in Europa.

   

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