Wort-Graffiti. Texturen migrantischer Jugendlicher im deutschsprachigen Raum.

Wort-Graffiti. Texturen migrantischer Jugendlicher im deutschsprachigen Raum.

Ein Klingelbrett über dem die Worte "Alois ich will meine Bücher zurück" geschrieben stehen

von Thomas Northoff

Städte sind über vielfältige Zugänge lesbar. Einer davon können die Wort-Graffiti sein: unerfragte Botschaften zumeist privater Provenienz. Zahllose Personen schreiben sie als Ausdruck ihrer Meinungen, Wertungen, Empfindungen, Emotionen, Gelüste und politischen Positionierungen an die Wände und das Stadtmobiliar des öffentlichen und halböffentlichen Raums.

Jugendliche und junge Erwachsene auf der ganzen Welt bedienen sich seit jeher am intensivsten dieser Veröffentlichungs-Form. In Städten, in denen viele Jugendliche unterschiedlicher sozialer und geographischer Herkunft leben, offenbart die Sprache an den Wänden Einblicke in eine aufgefächerte migrantische Präsenz. In der Analyse gibt diese Sprache Indikatoren für Einstellungen sozialer und/oder ethnischer Gruppen frei.

 

Tatsache ist, dass die Kommunikationsform Graffiti weltweit in virulentem Gebrauch steht. Als Teil von gesellschaftlichen Prozessen fungieren sie in ihren konstruktiven und destruktiven Ausformungen gewissermaßen als Bauplätze einer Demokratie in Arbeit. Es lässt sich behaupten, dass viele Graffiti sowohl den Schreibenden als auch deren Gleichgesinnten helfen, sich ihrer Identität zu versichern. Diese bestärkten Identitäten können jedoch Verhalten steuern. Insbesondere dort, wo Graffiti Gefühle von Gruppen ausdrücken, vermag das Auftauchen von  Fremd- und Feindbildgraffiti Mitfaktor bei der Beeinflussung und Erzeugung von Realitäten sein.

Die sprachliche Kurzform der Graffiti eignet sich besonders zum Transport von Stereotypen. Das Stilelement der Verdichtung, häufige Themenwiederkehr, ein textimmanentes Ich beziehungsweise Wir und nicht zuletzt gereimte Zeilen zeigen sogar die Zugehörigkeit der Textsorte zu einem umfassenderen Literaturbegriff (siehe Atzl 1988, 48f.).

Ungeachtet bildungsferner oder bildungsnaher Urheberschaft stellt Graffiti-Schreiben eine soziale Handlung mit „intentionalem Charakter“ dar. Ziel ist die positive oder negative Verständigung zwischen den KommunikationspartnerInnen mittels Symbolen, die „im Bewußtsein ähnliche Bedeutungen aktualisieren“ (Winkler 1988, 35ff). Vor allem im alltäglichen Lebensvollzug Jugendlicher der mittleren und der unteren Sozialschichten sind sie von Bedeutung und ergeben, in eine Ordnung gebracht, trotz ihrer ursprünglich unübersehbaren Zerstreutheit, gewebeartig eine anschauliche Textur unterschiedlicher Gruppen, in der Weltbilder und kollektive Verhaltensmuster im Vordergrund stehen.

Merkmale der Text-Graffiti

Zwei von zahlreichen wichtigen Merkmalen zum Grundverständnis der Text-Graffiti sind anfangs zu unterscheiden: Überzeitlichkeit und Zeitbezogenes.

Die Masse der überzeitlichen Graffiti, deren Inhalte einander bereits seit dem Altertum ähneln, problematisieren vornehmlich Sexuelles, Liebe, Tod, also die „Dinge des Lebens“ von Menschen aus allen historischen Epochen. Die kulturwissenschaftliche Analyse ermöglicht Blicke auf die teils unterschiedlichen Be- und Verarbeitungen solcher Probleme zu verschiedenen Zeiten, oder von unterschiedlichen sozialen und/oder ethnischen Gruppen ein und derselben Epoche.

Zeitgebundene Graffiti hingegen sind Reaktionen auf aktuelle Ereignisse in der Politik sowie auf gesellschaftliche, ökonomische, ökologische und soziale Verschiebungen. Diese Graffiti sind geprägt von Unmutsäußerungen, beispielsweise über regierende Parteien oder gegenüber zumindest vermeintlich dominanten, gefährlichen und für bekämpfenswert gehaltenen Gruppierungen.

Zur Orientierung und Blickschulung seien hier Doku-Beispiele beigegeben, die in Ansichten einführen, mit denen junge Menschen mit migrantischem Hintergrund täglich konfrontiert sind und auch selbst andere konfrontieren.

Original Gangsters – Verflachung einer Bewegung?

Ein Element, in dem sich MigrantInnen-Graffiti von jenen anderer Jugendlicher unterscheiden, sind die Lied-Graffiti. Jugendliche ordnen sich über die Gruppen, denen und deren Liedern sie anhängen, unterschiedlichen Gesinnungsfeldern zu. Es macht einen Unterschied, ob eine größere Anzahl von Menschen die Meinung „Fight for Your Right“, „Everybody Must Get Stoned“, „Heb Deine Hand Für Das Vaterland“ oder „I Love You Forever and Ever“ veröffentlicht. Jugendliche Migranten und (eher selten) Migrantinnen aber orientieren sich in ihren Graffiti stark nach der HipHop- insbesondere Rap-Kultur.

Die afro-amerikanischen Rapper beeinflussen seit drei Jahrzehnten zunehmend und seit den 90er Jahren in globalem Mainstream die Jugendkultur. Die von Gewalt begleitete Spaltung der US-Szene in West- und East-Coast-Rapper findet bis heute ihre inschriftliche Entsprechung auch an den Wänden des deutschsprachigen Raums. Und hier vor allem in den stark von MigrantInnen in ökonomisch schwieriger Lage bewohnten Vierteln, deren Substanz und Infrastruktur veraltet ist. West Coast meint die sogenannten „Gangster Rapper“. East steht hier eher für antirassistische Haltung. Nach Nennungen führen die West-Side-Gangstas uneinholbar.



Bald wurden auch in deutschen Städten lebende Migrant(inn)en als Gangsta-Rapper kreativ. Mit ihren übertrieben männlichen Kraftposen, ihrer Street Credibility durch kriminelles Vorleben identifizieren sich insbesondere männliche türkischstämmige Jugendliche, in deren Umfeld auch die meisten Gangsta-Graffiti auflesbar sind. Von Ghetto war und ist in den Texten oft die Rede, ein Begriff, den man in mannigfaltigen gestalterischen Ausformungen an den Wänden aller Städte entdecken kann.

In seiner Nachbarschaft prangen die Namen der Heros. Überwiegend schreiben die Gangsta-Fans Namen, allen voran die des längst ermordeten Tupac Shakur, von  Ice-T und 50 Cent. Ice-T ernannte sich selbst zum o.g. (= Original Gangster). Einige Graffiti-Schreiber fügten die beiden Buchstaben ihrem Rapperpseudonym hinzu, als wären sie ein akademischer Grad der Straße.

In den letzten Jahren allerdings drängen im inschriftlichen Wettkampf die Sympathie-Graffiti für die migrantisch geprägten Deutschrapper Bushido, B-Tight oder Massiv die US-Rapper zurück. Auch begibt es sich zum ersten Mal in der Geschichte der Lied-Graffiti, dass der Name einer Musik- und Tonträgerfirma, nämlich „Aggro Berlin“, zum weitverbreiteten Graffito wurde. „Specter“, der Chef dieses von Großfirmen weitgehend unabhängigen Rap-Label Deutschlands, hat die Obgenannten unter Vertrag. Er sagte in einem Interview: „HipHop reflektiert alle für uns relevanten Probleme der Straße: Drogen, Gewalt, Ärger mit Frauen oder Sehnsucht nach Anerkennung. Der Straßen-HipHop, wie Aggro Berlin ihn verbreitet, ist das einzige Sprachrohr einer sozialen Realität, die große Teile der Gesellschaft nicht wahrhaben wollen.“1

Jugendliche finden in einem Lied-Graffito ein konsensualisierendes Symbol, hinter dessen Aussage oder Bedeutung sie sich geistig treffen und zugleich der vertretenen Ansicht Raum gewinnen. Der Titel Cop-Killer des schon genannten Ice-T wird nicht nur im ganzen deutschsprachigen Raum in großen und kleinen Lettern an die Wände geschrieben. Polizeifeindlichkeit scheint in allen Ländern der Welt eine Gemeinsamkeit eines Teils der Jugendlichen zu sein. Und so eint GraffitistInnen aus verfeindetsten Ländern und Völkern dieselbe aussagekräftige Parole, ein Phänomen, welches für die interkulturelle Erziehung von Bedeutung sein kann. Es könnte geholfen werden mittels der Sprache der Jugend Interesse und  Kompetenz für objektive Auseinandersetzung mit Problemen zu wecken.

Ethnische Abgrenzung

Die Formen rassistischer und fremdenfeindlicher Graffiti aus Händen von Menschen der unterschiedlichsten Bevölkerungsteile bilden eine Hauptkategorie der Text-Graffiti. Ich ordne sie insgesamt den politischen Graffiti zu, die oftmals Meinungen ausdrücken, wie sie von Angesicht zu Angesicht kaum ausgesprochen werden. So transportieren sie nicht selten antidemokratische und gewaltbereite Haltungen, im Extremfall Tötungsaufforderungen.

Nichts davon findet sich in ironisch-scherzhaftem Gebrauch, wie beispielsweise diesem: „Der Fuchs is schlau/ und stellt sich dumm./ Beim Wessi is es andersrum!“. Als Anregung zur Gewaltanwendung kann bereits folgende Botschaft angesehen werden: „Wessis aufs Maul!“. Das Spektrum endet letztlich bei Graffiti, mit denen ausländerfeindlich, rassistisch, nazistisch und nationalistisch Hass ins Stadtbild getragen wird, in der interpretierbaren Absicht, dass er sich manifestiere. Hier ist Österreich seit Jahren führend im deutschsprachigen Raum. In diesem Umfeld (mit den vielen Hakenkreuzen) ist ein Teil der Graffiti migrantischer Jugendlicher zu sehen, welche selbstredend replizieren. Die Zahl der „Ausländer“-feindlichen Graffiti ist (ortsambivalent) größer als jene der „Ausländer“ gegen die ÖsterreicherInnen. In den letzten Jahren herrscht gezielte inschriftliche Anfeindung und Bedrohung von TürkInnen und Schwarzen vor. Daneben, und von graffitistischen Anwürfen seitens der Altbevölkerung völlig unabhängig, existiert – besonders ausgeprägt in Österreich – eine breite Graffiti-Szene von gleichartiger Menschenverachtung und in an Stellvertreterkrieg mahnender Heftigkeit. Hier sind Abgrenzung und Hass von einzelnen Gruppen mit migrantischem Hintergrund gegen andere Gruppen mit migrantischem Hintergrund gerichtet. Denken die Leute an rassistische oder fremdenfeindliche Graffiti, stellen sie wie automatisch die sogenannte Mehrheitsbevölkerung ins rassistische Eck. In der „Sprache an den Wänden“ spielen Fremd-, Feind- und Eigenbilder aber seit jeher bei allen Bevölkerungsteilen eine herausragende Rolle als Transportmittel ethnischer und religiöser Abgrenzung.

Von MigrantInnen verantwortete Abgrenzungs-Graffiti können meist aufgrund ihres Inhalts, des Text–Umfelds, der Antworten und der sie fast ausnahmslos begleitenden nationalen, ethnischen oder religiösen Gruppen-Symbole bestimmt werden. In Österreich, mit einem „Ausländer“-Anteil von rund 15 Prozent und einem beträchtlichen Teil eingebürgerter MigrantInnen, konstituieren sie, lokal schwankend, etwa 30 Prozent des Gesamtkonvoluts verbaler Graffiti.

Bei Durchsicht meines digitalen Doku-Materials seit 2004 aus mehreren Vierteln der Städte Hamburg, Göttingen, Frankfurt, Dresden und Leipzig (ca. 4800 Bilder) überrascht die Tatsache, wie verhältnismäßig gering der Anteil an Graffiti in Deutschland ist, welche Migration, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Religiöses oder Ethnisches thematisieren bzw. präsentieren. Mit Sicherheit MigrantInnen zugeschrieben werden können hier 130 Graffiti; serbische, türkische und kurdische in abnehmender Menge. Wie in Österreich bestehen die kurdischen Graffiti hauptsächlich aus Nennungen der PKK. Man erinnere die Zeit der Verhaftung von „Apo“ (Abdullah Öcalan), als oft kurdische Graffiti mit mehreren Metern Länge und dem Namen des Kurdenführers auftauchten.



Die vor allem in Österreich extreme Präsenz der serbischen Symbolik an den Wänden wurde während des kriegerischen Zerfalls Ex-Jugoslawiens auch von den „anderen“ betroffenen Ethnien erreicht. Zuletzt waren es die Zeichen der ehemaligen kosovarischen Untergrundarmee (UCK), mit denen ganze Stadtviertel beschrieben wurden. Bis heute wird von MigrantInnen aus den ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens über Graffiti ein Kampf ausgetragen, der in Europa nur an brutalen Wandschriften der Loyalisten und Katholiken in Nord-Irland gemessen werden kann.

Das MigrantInnen-Magazin biber berichtete kürzlich über gegenseitige Feindbildprojektionen von Kroaten, Serben, Montenegrinern, Türken, Kurden und Bosniern. Nur in der Ablehnung gegen Türken finde die Balkan-Community schnell zusammen. Und nur wenn es gegen Juden und Schwarze gehe, „können die Jugos mit den Türken plötzlich erstaunlich gut. Da machen dann selbst die sanften Asiaten mit.“(Brkić/ Shaked/Vrglevski, 16) Ihre Vorurteile hätten die Einwanderer zumeist aus der alten Heimat mitgebracht. „Die Kinder greifen die Blödheiten ihrer Eltern auf und verbreiten sie in Park und Schule.“ Obwohl schon ÖsterreicherInnen oder Deutsche serbischer, bosnischer oder kroatischer Herkunft, werfen die Kids einander Gräueltaten der Elterngeneration vor. Die Problematik des Hasses zwischen Serben und Kroaten bereits bei Kindern jedoch hat Tradition, wie LehrerInnen des deutschsprachigen Raums seit den 1970ern beobachten konnten.

Biber führt den unbarmherzigen Umgang zwischen Türken und Kurden an, berichtet aber auch von deren Schulterschluss, wenn sie kleinen „Schwabo-Bürschlein“ [Schwabos: „Deutsche“ vs. Tschuschen: „Ausländer“; Anm. d. Red.] die Handys wegnehmen oder über „Juden, Schwarze und Schwabos“ schimpfen. Von den ÖsterreicherInnen halten die Migranten wenig: Sie „kriegen beim Kicken nix zusammen, im Park immer eins auf die Schnauze und die Frau hat längst die Hosen an.“ Herauszulesen war dies schon ab den mittleren 1980er Jahren aus den Graffiti.

Die vielen beigefügten ethnischen und nationalen Zeichen fungieren als Indikatoren für Identifikation und Identität. Aus den inschriftlichen Antworten ist zu ersehen, dass die jeweils angesprochenen Ethnien die von anderen Ethnien ausgesandten Botschaften aufmerksam wahrnehmen. So gesehen erfüllen die massenhaft angebrachten ethnischen und nationalen Symbole mehr als nur Repräsentations-Funktion. Sie belegen die Existenz sozialer, kultureller und religiöser Konflikträume. Es werden fast nie Gemeinsamkeiten, sondern stets die Unterschiede beziehungsweise Abgrenzungsmarken in den Vordergrund gestellt, und sei es nur durch dichte Besetzung öffentlicher Flächen mit diesen.



Selbst an der Universität gehören Dialog-Ketten in Graffiti keineswegs mehr zum Standardrepertoir in den Toiletten, was allerdings der strikten Reinigungspolitik dieser Institution des freien Wortes geschuldet ist. Diskurse wie sie früher aufschienen, beispielsweise über Drogen, Hautfarbe, das Geschlechterverhältnis, Kassieren von Kindergeld oder Abführen von Umsatzsteuern können sich unter diesen Umständen nicht ausreichend entwickeln. Jugendliche aus bildungsfernen Schichten bedienen sich reichlich wieder der Stereotypen, warum sollte das bei MigrantInnen-Jugendlichen anders sein?

Just Sex & Love?

Für so gut wie alle Jugendlichen bilden Sex und Liebe Hauptpunkte ihrer altersgemäßen Auseinandersetzungen. Die Graffiti spiegeln dies besonders stark in Parks und Höfen wider. Vermehrt vorzufindende Beispiele für sprachliche Annäherung der Geschlechter, speziell was freie Äußerungen zur Sexualität anbelangt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier der unhinterfragte Anspruch der Dominanzkultur immer noch bei den Burschen liegt.

Männliche Jugendliche mit migrantischem Hintergrund äußern sich in Graffiti den Mädchen und deren Müttern gegenüber in einer verbalen Pose geradezu Verfügungsberechtigter. Die Verfügbaren haben als Begattungsobjekte bereit zu stehen. Insbesondere in stark von ex-jugoslawischen, türkischen und albanischen MigrantInnen bewohnten Vierteln stehen Ausdrücke wie „Hure“, „Bitch“, „Ich ficke deine Mutter“ und dergleichen mehr unverhältnismäßig oft angeschrieben.

Die Aggression der Burschen richtet sich aber auch gegen andere Burschen. Die größte Beleidigung wird im Vorwurf der Homosexualität empfunden. Ethnische Identität spielt bereits hier eine Rolle. Türkischstämmige Jugendliche beschreiben sich am öftesten als beste Sex-Macher mit den größten Gliedern. Manche Bosnier sehen sich als „Sexgott“. Serben rufen besonders gerne aus, „alle Schwabo-Huren“ zu „ficken“.



Männliche Migrantenjugendliche zeichnen öfter große Autos, was bei Nichtmigranten seit den frühen 80er Jahren kaum mehr im Schwange ist. Möglicherweise manifestiert sich auf diese Weise eine Sehnsucht nach Status-Symbolen, die bei der Jugend mit einstämmigen Eltern schon früher befriedigt werden konnte.

Hinsichtlich sogenannter Liebeszeichen sind die serbischen Burschen die einfallsreichsten Entwerfer blutender Herzen mit Messer. Markant ist der Machismo seitens der Burschen, die den Mädchen keine sexuellen Erfahrungen zubilligen, außer mit dem jeweiligen Schreiber selbst. Bei allen Reibereien untereinander sind die männlichen Jugendlichen der migrantischen Gruppen Ex-Jugoslawiens, Albaniens und der Türkei in der inschriftlichen Verachtung von Frauen geeint. Burschen meinen fast stets Sexualität, wenn sie von Liebe schreiben. Selbst ihre freundlichen Botschaften versehen sie gern mit verbaler Kraftmeierei, wie man sie in nichtmigrantischen Gruppen in weit geringerem Ausmaß findet.

Indes produzieren muslimische Mädchen florale Muster, Tränen, Tiere, Herzen. Oft an einen Ort gebunden, tun sie dies zahlreicher als nicht-muslimische weibliche Jugendliche. Mädchen trennen in der Regel den emotionellen Bereich weit mehr von der Sexualität. Auch sie können feindselige Gefühle zum eigenen Geschlecht entwickeln, sobald in frühen Backfischjahren die Kräfte der Liebe zu wirken beginnen: „Melisa du bist zu dick. Von Lirim Hahaha. Und melisa du liebst nicht Arli[n] sondern den dicken Araber. Ismail hat ihn gehaut Hahaha“. Ein Typicum der Graffiti, die Anonymität, wäre in solchen Graffiti kontraproduktiv für die Wirkung des Kommunizierten. Lirim oder Ismail sind im deutschsprachigen Raum bei Personen ohne migrantischen Hintergrund keine landläufigen Namen. Gleichwie die vielen inschriftlichen Freundschaftsbezeugungen zweier oder mehrerer Mädchen, treten derartige Auseinandersetzungen in allen anderen sozialen oder ethnischen Gruppen in sehr gleicher Form auf. Die als solche der muslimischen Mädchen erkennbaren Graffiti treten ab etwa deren 13. Lebensjahr in Parks und öffentlichen Rekreationseinrichtungen nicht mehr auf, während andere Mädchen weiterhin schreiben. Die nonreaktive Methode der Graffitiforschung legt hier etwas offen, worüber ungern gesprochen wird. Jedenfalls scheint ein Zusammenhang zwischen Erziehung in einer bestimmten Kultur und den Weiblichkeitsbildern der Erzogenen zu bestehen. Vom gesellschaftlichen Konsens der Aufnahmegesellschaften des deutschsprachigen Raums her gesehen, bergen die inschriftlichen Botschaften Denkweisen und Vorannahmen, die ein überholtes Bild von Weiblichkeit und Männlichkeit enthalten und reproduzieren. Durch Bilder dieser Art werden auch die Bewegungsfreiräume der Geschlechter vorstrukturiert, wie Nadja Madlener in ihrer Arbeit nachweisen konnte (vgl. Madlener 2004).


Über die Probleme, welche hier aufgewachsene Mädchen aus Migranten-Familien mit den noch patriarchalischeren Geboten ihrer Kultur haben können, oder auch zur Kopftuchdiskussion fand ich bisher keine einzige eindeutig aus MigrantInnen-Hand stammende Wandbotschaft.

Nachbemerkung

Pädagogisch angewandt könnten Text-Graffiti durch Gegenüberstellung von Vorurteil und Realität die interkulturelle Kompetenz erweitern. Das Erkennen stereotyper Vorurteile aus der Feder Gleichaltriger sowie das Erfassen des Zusammenhangs zwischen inneren Wertungen und den Folgen für das Verhalten im Umgang miteinander, wäre ein nachhaltiger Ansatz, einen Denkprozess in Richtung Toleranz zu generieren, der sich im guten Fall auf andere Ebenen des Lebens hin dynamisiert.

 

Von Thomas Northoff gibt es außerdem:

Endnoten

1 Specter: „Anti-HipHop“ (Interview). In: Spiegel 30/2007, S.125.

Literatur

  • Atzl, Claudia: Graffiti an die Wand! Graffiti im Schulbereich aus literaturwissenschaftlicher Sicht. Diplomarbeit a.d. UNI Innsbruck, Germanistik. Innsbruck 1988.
  • Brkić, Ivan / Shaked, Daniel / Vrglevski, Aleksandar: Wenn Ausländer Ausländer hassen. In: biber mit scharf, Stadtmagazin für Wien, Viyana und Beč, Dezember 2008, S.16-22.
  • Madlener, Nadja: we can do. Geschlechtsspezifische Raumaneignung am Beispiel von Graffiti von Mädchen und jungen Frauen in Berlin. Stuttgart 2004, passim.
  • Winkler, Susanne: Die Darstellung des Afrikaners in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur im 19. und 20. Jahrhundert. Ein Beitrag zum Abbau kultureller Vorurteile. (Dissertation an der Grund- und Integrativwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien). Wien 1988.

Thomas Northoff lebt als Schriftsteller und Kulturwissenschaftler/Graffitiforscher in Wien. Er baute seit 1983 das Österreichische GraffitiArchiv für Literatur, Kunst und Forschung auf. Und liebt Gegenden ohne Stromversorgung.