Literatur chinesischer AutorInnen in deutscher Sprache

von Heidrun Hörner

Es ist in aller Munde, das einundzwanzigste Jahrhundert soll das chinesische Jahrhundert werden. In Deutschland wird die neue Stellung Chinas durch den rasanten Aufschwung des Im- und Export gekennzeichnet; dieser steigt seit den späten siebziger Jahren stetig an.

Zwar besuchten bereits in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts die ersten Gesandten aus dem Reich der Mitte Deutschland und um die Jahrhundertwende entwickelten sich kleinere Gemeinden in den Städten, vor allem in der Hafenstadt Hamburg, so war die Anzahl der ChinesInnen in Deutschland aber bis weit ins 20. Jahrhundert gering. Erst in den frühen achtziger Jahren ist der Zuzug, zunächst von StudentInnen auf Zeit und später aber auch von anderen Berufsgruppen, etwa im Handel und in der Gastronomie, bemerkbar. Heute verfügen fast alle Städte Deutschlands über eine kleine oder größere chinesische Gemeinde, die meist recht unauffällig mit den anderen Bevölkerungsgruppen zusammenlebt.

China ist uns also mit Ausnahme des China-Restaurants immer noch fern. Meist ist es mehr das Bild aus den Medien, das wir kennen: China als grausame Diktatur, als aufstrebende Wirtschaftsmacht voller Hoffnung mit GewinnerInnen und VerliererInnen, eine jahrtausendealte Kultur, von der wir in Deutschland leider zu wenig wissen.

Entwicklung des literarischen Lebens

So vielfältig wie die Lebenswege der nach Deutschland migrierten ChinesInnen scheinen, so können doch fast alle AutorInnen auf ein Studium in China und zum Teil auch in Deutschland zurückblicken. Die Texte beschreiben zum einen die Biographie der AutorInnen, die ohne Umschweife aus deren Leben erzählen. Andere hingegen prangern in ihrer Auseinandersetzung mit China die Lebensumstände in dem kommunistischen Land der Gegenwart und Vergangenheit an oder verfallen auf altbekannte Bilder vom exotisch-schönen Reich der Mitte, das noch viele Geheimnisse in seiner Kultur verbirgt.

Nur ein kleiner Teil der AutorInnen setzten sich mit dem Zusammenleben von ChinesInnen und Deutschen in Deutschland auseinander. Allerdings kommt es hier eher zu einer Konfrontation, die die Unvereinbarkeit dieser zwei Welten aufzeigt, als zur Vision einer gemeinsamen Zukunft.

Motive und Themen

Die Anfänge

Als Anfangspunkt der Geschichte der deutschen Literatur chinesischer AutorInnen möchte ich Chung-Cheng Chow nennen. Chow kam nach dem Zweiten Weltkrieg über Frankreich nach Deutschland. Sie veröffentlichte in den fünfziger Jahren eine Reihe von Romanen, die sich inhaltlich mit ihrem Abschied aus China und auch ihren Studienjahren in Frankreich auseinandersetzen. Ihre Kinderbücher kreisen um chinesische Legenden und Alltagsgeschichten, die die bildende Künstlerin selbst ausgestaltet. Zu nennen sind vor allem ihre biografischen Romane Kleine Sampan (1957) und Zehn Jahre des Glücks (1960).

Zwei Jahrzehnte später treten wieder AutorInnen chinesischer Herkunft mit deutschen Texten hervor. Die dtv-Sammlungen Als Fremder in Deutschland (1982) und In zwei Sprachen leben (1983) beinhalten einige kürzere Texte; hier sind vor allem die Geschichten von Bei-Min (alias: Daxing Chen) „Nein, Danke“ und „Gnädige Frau“ zu nennen. Beide Texte haben die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und ChinesInnen zum Thema, allerdings werden in den Kurzgeschichten diese nicht überwunden, sondern gegenübergestellt. Ganz anders ist der Text „Und ruhig fließt der Rhein“ von Wubin Yiu, der Deutschland und die deutsche Kultur als zweite, erlösende Heimat würdigt und beschwört.

Neuere Entwicklungen

Seit den neunziger Jahren vergrößert sich die Zahl der AutorInnen und auch der Werke, die jetzt neben Autobiographien vor allem Romane und auch Gedichte beinhalten.

Als Beispiel für Erinnerungstexte nenne ich hier ein kleines Büchlein mit Erzählungen aus dem China des letzten Kaisers. Shaozhen Ces Flaneur im alten Peking (1987) zeichnet in kurzen Kapiteln ironisch und amüsant das Leben der Adeligen, Neureichen und AusländerInnen in der Qing-Dynastie des frühen zwanzigsten Jahrhunderts nach. 

Weniger vergnüglich erinnert sich der Germanist Chun Zhou. Vorsichtshalber verweist er auf seine Texte als „autobiografische [...] Roman[e],“ damit diese nicht 

 

als Anklage gegen die Volksrepublikund ihre Institutionen gelesen werden können. Neben seiner eigenen Biographie arbeitet er auch die seiner Schwester zu einem Roman um. Ach, was für ein Leben erscheint 1992 und Die Tochter der Partei 2002. Beide Bücher zeichnen sich durch die eindringlichen Beschreibungen der politischen Verhältnisse und die Auswirkungen auf das tägliche Leben der Menschen in China aus. Individuelle Wünsche die Lebensgestaltung betreffend müssen hinter die Wünsche der Partei gestellt werden und bedingen das Unglück der Figuren.

Ein weiterer Roman, der die fünfziger und sechziger Jahre in China mit der Hundert-Blumen-Bewegung und der Kulturrevolution zum Gegenstand hat, ist Bittergurke (2006) von Mingxiang Chen. Die jugendlichen Helden erleben voller Erstaunen und Unverständnis die politischen Kampagnen, die zunächst ihre Lehrer erreichen und dann sich auch in ihr Leben einmischen und den weiteren Lebensweg bestimmen. Die Romanfiguren hoffen nach einer Rückschau am Ende des Romans nur auf eine bessere Zukunft.

Sehr gegensätzliche Lebensweg finden sich in zwei weiteren Texten. Y. C. Kuans Mein Leben unter zwei Himmeln von 2003 handelt vom Einmarsch der Japaner in den dreißiger Jahren, dem Bürgerkrieg, den ersten Jahren der Volksrepublik zwischen Aufbruch und politischen Maßnahmen, der abenteuerlichen Flucht Kuans aus dem China der Kulturrevolution und schließlich von seinem Leben in Hamburg, wo er sich nach und nach eine Existenz als Sinologe aufbaut.

 

Han Sens Ein Chinese mit dem Kontrabass erscheint ebenfalls im Jahr 2003. Der 1925 in Berlin geborene Sohn

chinesischer Kommunisten muss nach der Machtergreifung Hitlers das Land verlassen. Nach einem längeren Aufenthalt in der Schweiz reist er auf dem Seeweg nach China und kommt erst im Jahr 1940 mit der Heimat seiner Eltern in Kontakt. Er fühlt sich in China und unter ChinesInnen immer als Fremder, so macht er sich auch nur zögerlich mit der Schriftsprache vertraut. Trotz seiner engen Verbundenheit zur kommunistischen Partei sieht er in China keine Zukunft für sich und wandert in die UdSSR aus. Heute lebt er in der Ukraine. Erst in den achtziger Jahren konnte er endlich wieder seine alte Heimat Deutschland besuchen. 

Die Romane von Hong Li Yuan führen die LeserInnen in die Welt

der Religionen und chinesischen Heil- sowie Kampfkunst ein. Im ersten Buch Die Tempelglocken von Shanghai (2002) wird in bunten Bildern die innere Zerrissenheit Chen Da Lees zwischen Militärdienst und Qigong-Praxis, zwischen Kommunismus und Buddhismus dargestellt. Im zweiten Buch Der Meister aus Shanghai (2008) kommt die Hauptfigur, jetzt bereits ein ausgebildeter Qigong-Meister, nach dem Massaker vom Tian'anmen-Platz 1989 nach Deutschland und baut sich dort eine Existenz als Taiji-Lehrer auf. 

 

Eine der jüngsten und wichtigsten Vertreterinnen der deutschen Literatur chinesischer SchriftstellerInnen stellt Lingyuan Luo dar. In den letzten fünf Jahren hat sie zwei Sammlungen von Kurzgeschichten und zwei Romane veröffentlicht. Während die Sammlung Du fliegst jetzt für meinen fünften Sohn aus dem Fenster! (2005) erschreckend brutal und bedrückend Ereignisse aus dem chinesischen Alltagsleben schildert, beschreibt Nachtschwimmen im Rhein (2008) die Erfahrungen junger Chinesinnen in Deutschland, wobei diese Texte ursprünglich in chinesischer Sprache geschrieben wurden.

Der erste Roman Die chinesische Delegation (2007) spielt in der Gegenwart. Eine junge Chinesin, die als Reiseleiterin arbeitet, führt

eine aus FunktionärInnen und UnternehmerInnen bestehende Gruppe von Festlands-ChinesInnen durch Europa. Hier kollidieren nicht nur die unterschiedlichen Vorstellungen zwischen den Generationen, sondern auch die zwischen westlicher und östlicher Lebensweise.

Auch in ihrem letzten Roman Die Sterne von Shenzhen (2008) geht es um die Veränderung von Wertvorstellungen, allerdings wird hier vor allem der gesellschaftliche Wandel in der Volksrepublik vom sozialistischen Staat der gemeinsamen
 

Garküche zum egoistischen Kapitalismus unserer Tage beschrieben.  

Lingyuan Luo hat im Jahr 2007 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis gewonnen und ist somit in das Zentrum der interkulturellen Literatur in Deutschland vorgestoßen. Die Gedichte chinesischer AutorInnen in Deutschland werden ausschließlich von Frauen verfasst.

Als Beispiel soll hier Pei Xu vorgestellt werden. Sie hat seit den neunziger Jahren mehrere Gedichtbände veröffentlicht: Täglich reitet der Herzog aus (1993), Lotosfüße (2001), und Schneefrau (2003). Die Bände zeugen von der Sprachfertigkeit der Autorin und sind zudem wegen der Illustrationen durch namhafte KünstlerInnen wie etwa Georg Baselitz zu erwähnen. 

Schlußbemerkung

Die Gedichte, Romane und Kurzgeschichten spiegeln in ihrer Unterschiedlichkeit die Vielfalt der chinesischen Erfahrungswelten in China und Deutschland wieder und bieten so interessante und auch lehrreiche Leseerlebnisse.

Bis heute stehen die chinesischen AutorInnen, die in Deutschland auf deutsch schreiben, noch am Rande der Literaturproduktion. Zu vereinzelt erscheinen Bücher und Themen, die sie ansprechen Zwar treten die chinesischen AutorInnen nicht selten ganz bewusst als VermittlerInnen auf und erklären die Geschichte und die Kultur ihres großen Landes. Sie werden dennoch mit punktuellen Ausnahmen kaum wahrgenommen.

 

Literatur

Antiquarisch zu erwerben:

  • Ackermann, Irmgard: Als Fremder in Deutschland. Berichte, Erzählungen und Gedichte von Ausländern in Deutschland, München, dtv, 1982.
  • Ce, Shaozhen; Miosga, Margit (Hg.): Flaneur im alten Peking. Zwischen Kaiserreich und Revolution, Köln, Diederichs, 1987.
  • Chow, Chung-Cheng: Zehn Jahre des Glücks, Frankfurt am Main, Sauerländischer Verlag, 1960.
  • Yuan, Hong Li: Die Tempelglocken von Shanghai, München, Nymphenburger Verlag, 2002.
  • Zhou, Chun: Die Tochter der Partei, Hamburg, Abrera Verlag, 2002.

Im Handel:

  • Chen, Mingxiang: Bittergurke. Roman der chinesischen Jugend unter dem roten Kaiser Mao, Mannheim, Kolb Verlag, 2006.
  • Kuan, Y. C.: Mein Leben unter zwei Himmeln. Eine Lebensgeschichte zwischen Shanghai und Hamburg, Frankfurt am Main, Scherz Verlag, 2001.
  • Luo, Lingyuan: Du fliegst für meinen Sohn aus dem fünften Stock!, München, dtv, 2005.
  • Luo, Lingyuan: Die chinesische Delegation, München, dtv. 2007.

 

  

Heidrun Hörner studierte in Bayreuth, Paris und Schanghai. Zurzeit schreibt sie an der Jacobs University in Bremen eine Doktorarbeit über die französisch- bzw. deutschsprachige Literatur chinesischer AutorInnen.

   

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