Brain Drain - Brain Gain

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Heimatkunde
"Heimatkunde" 2011 © Jannis Psychopedes — Bildnachweise

Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit bemüht sich nicht erst seit Beginn der „Krise“ in Griechenland, vermehrt um Fachkräfte und Hochqualifizierte Menschen aus Griechenland. Oft ist jedoch nicht geklärt zu welchen Bedingungen und unter welchen Umständen die neuen griechischen Einwander_innen in Deutschland arbeiten und leben können. Elektra Paschali hat der Bereichsleiterin des Internationalen Personalservices, Nathalie Rivault, bei der ZAV einige Fragen zum Verfahren der Rekrutierung und Eingliederung der griechischen Eiwanderinnen und Einwanderer gestellt.

Welche konkreten Ziele verfolgt die ZAV zur Anwerbung von Fachkräften in Griechenland?

Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) unterstützt als Teil der Bundesagentur für Arbeit deutsche Arbeitgeber_innen dabei Stellen zu besetzen, für die sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt keine Bewerber_innen finden. Das sind zurzeit vor allem Ärzt_innen und Krankenpflegepersonal sowie Ingenieur_innen und andere technische Berufe. Die ZAV konzentriert sich bei der Bewerbersuche auf europäische Partnerländer, die derzeit unter einer hohen Arbeitslosigkeit leiden. Neben Griechenland sind das aktuell insbesondere Spanien und Portugal. Dabei sprechen wir allerdings nicht von „Anwerbung“. Wir schauen gemeinsam mit unseren europäischen Partnerverwaltungen, welchen Bedarf es in Deutschland gibt und in welchen Ländern eine hohe Zahl der bei uns gesuchten Fachkräfte arbeitslos ist. Diesen können dann zum beiderseitigen Nutzen neue Möglichkeiten angeboten werden.

Mit welchen griechischen Kooperationspartnern (Institutionen oder Organisationen) arbeiten Sie zusammen?

Die ZAV ist innerhalb Europas in das Netzwerk der europäischen Arbeitsverwaltungen EURES (EURopean Employment Services) eingebunden. In Griechenland ist ihr Hauptkooperationspartner die griechische Arbeitsverwaltung OAED und EURES Griechenland. Darüber hinaus arbeitet die ZAV auch mit Hochschulen, Botschaften und Konsulaten, Außenhandelskammern und Goethe-Instituten zusammen.

Welches Profil haben Personen, die für die ZAV besonders interessant sind?

Da die ZAV im Auftrag deutscher Arbeitgeber_innen tätig wird, sind besonders Bewerber_innen mit Qualifikationen interessant, die sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt derzeit nicht so leicht finden lassen, vor allem aus medizinischen und technischen Berufen. Daneben sind Bewerber_innen mit guten deutschen Sprachkenntnissen interessant. Gerade in mittelständischen Unternehmen, von denen es in Deutschland sehr viele gibt, wird oft ausschließlich Deutsch gesprochen. Daher haben es Bewerber_innen mit Deutschkenntnissen leichter, eine Arbeit in Deutschland zu finden.

Wie ist der Prozess, wie kann sich jemand aus Griechenland, der eine Arbeit in Deutschland sucht, informieren und bewerben?

Als erster Ansprechpartner steht das EURES-Netzwerk zur Verfügung. Ausländische Bewerber_innen können sich entweder an EURES-Berater in ihrem Land oder in Deutschland wenden. Daneben stellt die ZAV ausführliche Informationen zum Thema Leben und Arbeiten in Deutschland bereit. Sie ist auch auf vielen Informations- und Jobbörsen der europäischen EURES-Partner anzutreffen, wo sich interessierte Bewerberinnen und Bewerber direkt beraten lassen können. Außerdem können Bewerber sich selbst in der Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit registrieren.

Wie sieht der typische Prozess einer Arbeitsvermittlung bei einer Anwerbung aus Griechenland aus?

Griechische Interessent_innen an einer Arbeit in Deutschland können sich zunächst an EURES Griechenland wenden. Die griechischen EURES-Berater_innen vergleichen dann mit der ZAV, welche Stellenangebote aus Deutschland vorliegen. Wenn das Profil der Bewerber_innen mit den Anforderungen der Arbeitgeber_innen zusammenpasst, kann die Bewerbung an die Arbeitgeber_innen weitergeleitet werden. Bei Auswahlveranstaltungen, die die ZAV auch im Ausland organisiert, können Bewerber_innen und Arbeitgeber_innen direkt zusammen kommen.

Wird bereits in Griechenland ein Vertrag abgeschlossen, bevor die Leute nach Deutschland einreisen?

Die ZAV stellt den Kontakt zwischen Arbeitgeber_innen und Bewerber_innen her, die weitere Vertragsverhandlung und Vertragsausgestaltung ist Sache dieser beiden Parteien. Daher können sich die Vertragsangebote und Verhandlungsergebnisse sehr unterscheiden.

Gibt es irgendeine Form von Unterstützung für die Migration nach Deutschland und die Zeit bis zur Arbeitsaufnahme?

Die ZAV informiert und berät Bewerber_innen über Lebens- und Arbeitsbedingungen in Deutschland. Die Vermittler_innen der ZAV geben ihnen wichtige Tipps zur Gestaltung der Bewerbungsunterlagen, Formulierung des Anschreibens, Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch usw. In konkreten Fällen und unter bestimmten Bedingungen gibt es noch die Möglichkeit für Bewerber unter 30 Jahren finanzielle Förderung zu erhalten, um Sprachkurse im Herkunftsland im Vorfeld der Abreise zu besuchen. Unterstützungen beim Umzug oder bei den Reisekosten nach Deutschland sind ebenso möglich. 

Sind begleitende Maßnahmen wie Integrations/Sprachkurse, Weiterbildungsmöglichkeiten, soziale Leistungen speziell für griechische Arbeitnehmer_innen geplant?

Auch hier obliegt die Entscheidung den Arbeitgeber_innen, was sie it ihren neuen Mitarbeiter_innen bieten wollen. Wir empfehlen den Unternehmen, auf die ausländischen Arbeitnehmer_innen zuzugehen und ihnen beispielsweise bei der Wohnungssuche zu helfen. Einzelne Arbeitgeber_innen sind mittlerweile bereit, auch Sprachkurse in Deutschland zu finanzieren. Bei Fragen zum Beispiel zum Sozialversicherungssystem in Deutschland stehen die EURES-Berater der ZAV mit Rat zur Seite.

Was sind die konkreten Angebote, mit denen Sie die griechischen Interessent_innen von einer Arbeitsaufnahme in Deutschland überzeugen wollen?

Welche Angebote den Bewerberinnen und Bewerbern gemacht werden, obliegt wie gesagt den Arbeitgeber_innen. Die ZAV informiert ausführlich über Lebens- und Arbeitsbedingungen in Deutschland. Wir legen Wert großen Wert darauf, dass die griechischen Bewerber_innen über eine umfassende Informationsgrundlage verfügen, um eine eigene Entscheidung treffen zu können.

Gibt es Strategien die angeworbenen Arbeitskräfte langfristig in Deutschland zu binden? Sehen Sie die Gefahr, dass Deutschland als Transitland für eine spätere Beschäftigung in den USA oder Skandinavien dient?

Wichtig ist die Integration in die Gesellschaft in Deutschland und dass die neuen Mitarbeiter_innen am Leben hier teilnehmen können. Ob sie längerfristig in Deutschland bleiben oder in ihr Herkunftsland zurückkehren wollen, entscheiden die Bewerber_innen aufgrund ihrer persönlichen Lage. Die in Deutschland erworbene Arbeitserfahrung und damit gestiegene Qualifikation kann natürlich als Sprungbrett zum Beispiel für eine Rückkehr in ihr Heimatland fungieren. Dann haben sie eine Zeit lang in Deutschland gearbeitet, wovon auch der deutsche Arbeitsmarkt profitiert.

Inwiefern bestehen auch Möglichkeiten für un- oder gering qualifizierte Arbeitskräfte?

Der Bedarf nach gering qualifizierten Mitarbeiter_innen auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist derzeit gering. Hier ist ein großes Arbeitskräftepotenzial in Deutschland selbst vorhanden. Denn gerade unter gering qualifizierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ist die Arbeitslosenquote in Deutschland weiterhin hoch.

Gibt es spezielle Angebote für gut qualifizierte Arbeitskräfte mit Familie?

Auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Familien werden von der ZAV umfassend beraten. Zudem empfehlen wir Arbeitgebern, auf die familiären Bedürfnisse ihrer neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzugehen, um ihnen den Wechsel in ein anderes Land zu erleichtern. Das kann zum Beispiel die Hilfe bei der Suche nach einem Kindergartenplatz beinhalten.

Welche Auswirkungen sehen Sie mittelfristig durch die Anwerbung griechischer Fachkräften für Deutschland und für Griechenland?

Wichtigster Effekt für Deutschland ist, dass Lücken im Arbeitsmarkt kurzfristig geschlossen werden und Arbeitgeber_innen vakante Schlüsselpositionen besetzen können. Auch Griechenland profitiert von der Beschäftigung griechischer Arbeitskräfte in Deutschland, da diese in Griechenland nicht weiter arbeitslos sind und bei einer Rückkehr nach Griechenland über internationale Arbeitserfahrung verfügen.

 

Das Interview führte Elektra Paschali im Juni 2012.

 

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