„Ich schreibe nicht, weil ich eine Tscherkessin bin; Muepu Muamba schreibt nicht, weil er Kongolese ist; wir sind Dichter und Schriftsteller, das ist der Grund, weswegen wir schreiben.”

Safiye Can - Foto: Fouzia Ajouaou. All rights reserved.

Interview

Sie sind in Offenbach aufgewachsene Dichterin mit tscherkessischen Wurzeln, wie Sie in Ihrer Biografie schreiben. Was bedeutet das für Ihre Kunst?

Beides, die Offenbacher Erfahrungen wie auch die tscherkessischen Wurzeln werden naturgemäß in meine Kunst einfließen. Das Interessante hierbei ist, dass die deutsche Literatur den großen Vorteil genießt, dass Menschen aus Allerwelt in diesem Land einen bedeutenden literarischen Beitrag leisten - und dies eben in der deutschen Sprache. Dieses Phänomens scheint man sich noch gar nicht richtig bewusst zu sein. Bilder sind überall Bilder, Musik und Skulpturen sind überall das, was sie sind, selbst wenn sie unterschiedlich interpretiert werden. Es ist aber ein Unterschied, ob literarische Texte übersetzt werden müssen oder ob sie exakt in der vom Autor gewählten Wortfolge, seinem Gefühl für Klang und Rhythmus vorliegen. Verschiedene Themen, Orte, Traditionen, literarische Strömungen, alles fließt unmittelbar aus unzähligen Kulturen in die deutsche Literatur; das ist phantastisch.

Es gibt Menschen, die sich vornehmen, eine Sprache zu erlernen, allein um ihrem Lieblingsautor näher zu kommen. Wenn Sie mich fragen, eine bemerkenswerte Anstrengung.

Sie haben Philosophie, Psychoanalyse und Jura studiert. Hat auch das einen Einfluss auf Ihr Schreiben?

Ganz bestimmt. Der Inhalt der gewählten Themen sowie deren Bearbeitung ist stark geprägt von dem, womit sich der Autor intensiv beschäftigt hat.

 In einem ihrer Gedichte schreiben Sie über Heimat, es sei vielleicht „ein rüsseliges Ding mit Zimt obendrauf“. Ist das Thema „Heimat“ eines, das sie per se interessiert oder auch eher etwas, von dem erwartet wird, dass Sie sich damit auseinander setzen?

Die Frage nach der Heimat wurde mir oft gestellt. Irgendwann drängt es sich geradezu auf, eine Antwort zu geben. Die Bearbeitung der Thematik geschah allerdings nicht aufgrund einer Erwartungshaltung Dritter, sondern wurde mir selbst irgendwann zum Anliegen. Manche Themen trage ich eine ganze Weile mit mir herum, bis ich in sie hineingewachsen bin. Erst dann folgt der Schreibprozess.

Das von Ihnen angesprochene Gedicht ist eine meiner Antworten auf die Heimatfrage, es gibt noch andere Texte, die auf dieser Frage aufbauen. Die Erwartung der Außenwelt, dass ich aufgrund meiner Herkunft bestimmte Themen abzuarbeiten habe, interessiert mich aber weniger. Ich schreibe nicht, weil ich eine Tscherkessin bin; Muepu Muamba schreibt nicht, weil er Kongolese ist; wir sind Dichter und Schriftsteller, das ist der Grund, weswegen wir schreiben.

Zum ersten Mal habe ich Ihre Geschichte „Das Halbhalbe und das Ganzganze“ auf einer Lesung in Berlin gehört und sehr gelacht. Dabei ist das, was Sie schildern, dass „Friedrich“ sich „halb“ fühlt und nicht „ganz“ eigentlich ziemlich tragisch. Was hat Sie zu dieser Geschichte inspiriert?

Die Geschichte ist aus einer Verärgerung heraus entstanden. Die Verärgerung gilt dem Wort „Integration“, das meines Erachtens eine missratene Wortschöpfung ist und im Zusammenhang mit der „Migrantenproblematik“ allzu gerne missbraucht wird. Man kann ein Wort erfinden und das Erfundene kann auch in Wörterbüchern einen Platz einnehmen. Dies reicht aber nicht, um die Existenz eines Wortinhalts zu beweisen. Ich selbst habe mich nie irgendwo hinein-integriert, auch kenne ich niemanden, der dies tat. Dazu sei gesagt, dass das Wort seiner Erklärung nach nicht negativ besetzt ist; es bedeutet die Eingebundenheit in eine Gemeinschaft. In Wirklichkeit wird das Wort aber als „Blendwort“ für Assimilation benutzt und hat immer mindestens einen negativen Beigeschmack. Kein Mensch sollte ohne weiteres seine Herkunft leugnen, nur weil einige Politiker beschließen, dies auf ihre Agenda zu setzen und im Wahlkampf zu nutzen. Tatsache ist, die Meinung der sogenannten „Migranten“ wird weder aufrichtig erfragt, noch wird ihr Anliegen berücksichtigt.

Aber zurück zur Geschichte; es gibt in diesem Land nach wie vor unfassbar viele Menschen, die meinen, dass alles, was nicht seinem Ursprung nach „ganz“ deutsch ist, eine Bringschuld hat. Man betrachte die Tatsache, dass jemand wie Sarrazin Bestsellerautor in diesem Land geworden ist. Es ist tragisch genug, dass seine Behauptungen so viel Zustimmung finden, aber erschreckender ist es, dass sein Buch durch die überwiegend positive Resonanz die sonst unterdrückten Vorurteile der Mehrheit in Deutschland jedem vor Augen führt. Dass solche Thesen trotz der Naziverbrechen und des Holocausts, trotz eines 50/60-jährigen gemeinsamen und friedlichen Zusammenlebens mit Migranten als Tatsachen gefeiert werden, sagt sehr viel über die untilgbare rechte Ideologie in der Mehrheit deutscher Haushalte aus.

Ein weiteres Thema, das in der Geschichte angesprochen wird, ist die Sprache. Das „Halbhalbe“ des Protagonisten meint letztendlich, dass er sich erst in der Mischung beider Kulturen Zuhause fühlt. Seine Wortwahl „Halbhalb“ ist im Vergleich zum Wort „Ganzganz“ der Ich-Erzählerin, die sich nicht in der Vermischung, sondern in zwei Kulturkreisen vollends heimisch fühlt, schwach. Und daraus resultiert nicht nur ein Kampf darüber, wie man sich am besten Zuhause zu fühlen habe, sondern auch um die Begrifflichkeit der Dinge. Worte und Wortspiele sind mir sehr wichtig. Das Berliner Publikum war im Übrigen hervorragend, und auch die Organisation der Freitext-Gruppe im Ballhaus Naunynstraße war sehr gut.

Die Ironie oder das Sprachspiel ist für mich eine der Möglichkeiten mit ernsten Themen umzugehen. Ich bin überzeugt, dass die Kunst, sei es Theater, Malerei oder Literatur stärker und nachhaltiger auf die Menschen einwirkt, als jede diskursive Aufklärungskampagne oder Podiumsdiskussion. Das ist eine der magischen Kräfte, die der Kunst innewohnen.

 Sie schreiben nicht nur selbst, sondern übersetzen auch Literatur aus dem Türkischen ins Deutsche und anders herum. Als Übersetzerin ist man ja oftmals auch gezwungen, die Worte neu zu interpretieren, um sie im Kontext der anderen Sprache verorten zu können. Würden Sie sagen, dass eine Übersetzung auch immer eine/Ihre Interpretation des Werkes ist?

Ich denke, dass alles Gelesene eine persönliche Interpretation ist. Dennoch muss man im Bereich der Übersetzung die eigene Interpretation mit Vorsicht genießen, da man dem Originaltext und seinem Autor gegenüber eine große Verantwortung hat. Unsicherheiten führen stets zu guter Recherche. Nichtsdestoweniger sind meine Übersetzungen – wie könnte es anders sein – stark von meinem Selbst geprägt, von meinem Wahrnehmungsgefühl, dem Gefühl für Melodie und Klang. Ich muss den vorliegenden Text samt Komma und Punkt verinnerlichen, um ihn zu übersetzen. Dies gilt insbesondere für Lyrik. Meine Übersetzungen sind daher immer auch meine „Kinder“, da ich den vorliegenden und zu übersetzenden Text zum eigenen Text mache und erst infolge dessen die Übersetzung ganz selbstständig auf eigenen Beinen stehen kann. Erst wenn sich die Übersetzung vom Original abnabelt, ist sie adäquat. Die Abnabelung erfolgt durch den Übersetzer oder wenn Sie so wollen, durch den Geist des Übersetzers. Wir würden kaum hundert Übersetzer von ein und demselben Gedicht finden, unter denen zwei auf genau dieselbe Weise übersetzten. Im Übrigen ist die Übersetzerarbeit äußerst hart und wie mir auch Thomas Rosenlöcher letzte Woche sagte, nicht selten undankbar. Ich habe große Achtung vor Übersetzern. Mein Gegenleser, Gerhardt Csejka, ist übrigens ein grandioser Übersetzer, wirklich ein Meister seines Faches. Ich kenne niemanden, der mit so großer Präzision arbeitet, wie er. Er sagt mir immer wieder: Sofika, auf die feine Nuance kommt es an, da musst du hinhören!

Sie waren auch mal als Lehrerin tätig und leiten Schreibwerkstätten für junge Menschen an. Was möchten Sie den Jugendlichen beibringen?

Üblicherweise dauert eine Schreibwerkstatt bis zu fünf Tagen. In diesem Jahr werde ich einen Kurs für ein ganzes Schuljahr leiten. Da kann man sehr viel aus den Schülern rausholen. Zunächst müssen meine Schüler den Deutschunterricht im Hinblick auf Gedichte weitestgehend vergessen, und von der Vorstellung ablassen, dass es eine einzige, richtige Interpretation gibt – und zwar diejenige, die ihnen vorgesagt wird oder die sie in Interpretationsbüchern nachlesen können. Sie sollen ein Gespür für Klänge bekommen, den Facettenreichtum der Lyrik mitnehmen und auf ihre eigene Interpretation vertrauen. Denn auch die Welt da draußen außerhalb der Schule hat keine Betriebsanleitung. Nachholbedarf gibt es vor allem im Bereich Lyrik. Meine Schüler gehen aus der Schreibwerkstatt und haben keine Scheu vor Lyrik, sie verstehen, dass Lyrik für den Leser keine Arbeit, sondern Freude ist. Dass die Lyrik, wie auch das Verfassen von Geschichten und Romanen mit sehr viel mehr Arbeit verbunden ist, als sie es sich vorstellen, werden sie auch lernen.

Der Vorteil einer Schreibwerkstatt ist nicht nur der direkte Kontakt zwischen Schriftsteller und Schüler bzw. angehendem Nachwuchsautor, sondern es geschehen auch Dinge, die nicht unmittelbar mit Literatur in Zusammenhang stehen und die Haltung des Schülers außerhalb der Schreibwerkstatt in positive Bahnen lenken können. Darauf kommt es mir an. Beispielsweise blühen introvertierte Schüler ganz zur Verwunderung ihrer Klassenlehrer auf, schreiben Zuhause weitere Texte, bringen sie in den Unterricht, und sind bereit diese vorzutragen.

Die primäre Frage, die man sich stellen sollte, ist, wie gestalte ich meinen Unterricht, damit die Schüler ganz bei der Sache sind, Spaß haben und das Bestmögliche aus den uns bleibenden Schulstunden herausholen, am besten gar mit Nachhause nehmen. Die Erfahrungen als Deutschlehrerin, sowie auch als Leiterin von Schreibwerkstätten möchte ich keineswegs missen.

Haben Sie (literarische) Vorbilder, die Ihr Schreiben beeinflussen oder Sie inspirieren?

Ich lasse mich gerne inspirieren, aber ob und zu wie viel Prozent das Schreiben von welchen Werken oder Versen inwiefern beeinflusst wurde, ist für den Schreibenden geradezu unmöglich zu sagen, da wir kaum Ahnung darüber haben, was sich während des Schreibprozesses im Unbewussten abspielt. Es ist eher so, als würde das Schreiben aus einer Eigendynamik heraus erfolgen, um mich im Anschluss nur noch für die harte Korrekturarbeit auszubeuten. Übrigens habe ich mit türkischen Dichtern zur deutschen Literatur gefunden. Daher ist es mir eine Herzensangelegenheit, die Texte, die mich selbst bewegten, meinem Publikum vorzustellen; dem Türkischen, sowie dem Deutschen. So etwas wie Lieblingsgedichte oder -geschichten habe ich, und ich blicke mit Hochachtung zu diesen Schriftstellern, aber Vorbild wäre der falsche Ausdruck. Selbst wenn ich zurückblicke, hatte ich nie literarische Vorbilder. Ich habe eine eigene Stimme; vielleicht sollten wir uns selbst ein Vorbild sein.

 Bisher sind viele kurze Geschichten und Gedichte von Ihnen veröffentlicht worden. Wann können wir mit dem ersten Roman rechnen?

Ja, ich habe schon viel in renommierten Literaturzeitschriften und in Anthologien veröffentlicht und stehe seit zehn Jahren vor Publikum, aber bevor es zum Roman kommt, sollte ich über meinen Schatten springen, und meine Gedichte einem Verlag meines Vertrauens schicken. Das Loslassen fällt mir sehr schwer. Nach der letzten Lesung musste ich dem Publikum versprechen, dass ich mich nun trennen - und Verlage beschicken werde. Mir ist bewusst, dass es längst überfällig ist und dass zu viel Selbstkritik Schaden anrichtet.

Zwei Romanideen trage ich seit Jahren mit mir herum. Ich bin auch von der Stärke der Ideen überzeugt, allerdings ist das Verfassen von Kurzgeschichten im Gegensatz zum Roman eine ganz andere Arbeitsweise. Auch verlangen meine Ideen eine Recherchearbeit, die es zeitlich wie finanziell zu bewältigen gilt. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann einen Roman schreiben werde. Was ich mit Bestimmtheit sagen kann, ist: mein Herz schlägt auf der Seite der Lyrik und sie wird immer das Fundament meiner Prosa bleiben.

Vielen Dank für das Interview!

 

Das Interview führte Julia Brilling im August 2012.

Nachtrag: 2014 erschien Safiye Cans Lyrikdebüt "Rose und Nachtigall" und wurde in acht Wochen zum Bestseller. Im selben Jahr erschien auch ihr Prosadebüt "Das Halbhalbe und das Ganzganze".

 

Über Safiye Can
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Das Halbhalbe und das Ganzganze
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