Einblicke in das Korsett – Erfahrungen einer Neu-Deutschen

Einblicke in das Korsett – Erfahrungen einer Neu-Deutschen

 

von Semiran Kaya

„Gehörst du zu denen oder zu uns?“ Eine Frage, die mir vor über 20 Jahren während meines Studiums gestellt wurde und die auch heute noch Stirnrunzeln bei mir auslöst. Damals war es eine türkische Clique an der Universität, die im Grunde abschätzig bemerkte, dass ich mehr Zeit mit „den anderen“ - den Deutschen - als mit „ihnen“ - den TürkInnen – verbrachte und unbedingt wissen wollte, warum ich dies tat. Für jemanden wie mich, die im Durcheinander der Wiesen, Städte, Flüsse und der Menschen des Ruhrgebiets groß geworden ist und die eine schnörkellose Schnauze liebt, hätte meine Antwort lauten müssen: „Wat ist dat dann für’ ne blöde Frage!“ Ich besaß zwar damals die türkische Staatsbürgerschaft,  fühlte mich aber nicht besonders mit der Türkei verbunden.

Ich war einfach das, was ich bin: Schlicht eine Person, deren Eltern aus den unendlichen Weiten jener kupferfarbenen Berge im Südosten der Türkei stammten, aus der Region Dersim, die mit Zinktöpfen, Pferden, Kühen und Schafen bei TürkInnen entweder Bewunderung oder aber Zuckungen auslöst.

Durch die elterliche Emigration lebte diese Person – also ich - nun in Deutschland, konnte aber mit der Forderung, sich „für“ oder „gegen“ ein Land oder seine Menschen zu entscheiden, einfach nichts anfangen. Die Abgrenzung gegenüber dem „anderen“ war mir so fremd wie die Frage selbst. Vielleicht lag es an der deutschen Familie, die uns damals so liebevoll unterstützte und eine Vorliebe für rohe Kartoffeln hatte. Auf jeden Fall waren wir acht Geschwister, mit vier weiteren deutschen „Geschwistern“ im Haus und dazu jeder Menge Kinder in unserer Strasse, mit denen wir gebannt auf die fast wöchentlichen Hochzeiten in der katholischen Kirche gegenüber warteten. Dann nämlich hagelte es Pfennigstücke aus Strümpfen, Dosen und Plastiktüten. Welch ein Kinderglück, denn ein Esspapier – für die KirchengängerInnen eine Oblate – kostete nur einen Pfennig!

Während ich versuche, diesem Text eine Struktur zu geben, verweile ich bei fast jeder Zeile irgendwo in meiner Vergangenheit, vergleiche und bewerte diese mit den Fakten und Verläufen der empirisch und soziologisch erforschten türkischen Migration und lasse dabei die Geschichte meiner Eltern Revue passieren: Mit 30 Jahren aus der puren Natur - heute würde man es einen „Bio-Bauernhof erster Klasse“ nennen - rein in eine asphaltierte Strasse mit einem betonierten Garten, in dem gelegentlich alle Pfannen und Töpfe landeten. Dann nämlich, wenn mein ansonsten humorvoller Vater wütend wurde. Weil ihm aber als Modellschreiner Dellen zuwider waren, klopfte er sie am nächsten Tag in der Werkstatt heraus und stellte die Pfannen und Töpfe wieder sorgfältig in den Schrank. Obwohl mein Vater nur einen Grundschulabschluss hatte und meine Mutter erst mit 40 Jahren ihren wundervollen Namen selbst zu schreiben lernte, schafften es meine Eltern, allen acht Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. Fazit: Ganz gleich, wie schwierig die Rahmenbedingungen einer Einwanderung sein mögen: die Immigration verläuft so individuell, wie der Mensch selbst ist.

Entweder oder!

Meine bis zum Studium problemlose Existenz als selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft, die bis dahin weder von meinen Eltern noch von der Schule in Frage gestellt wurde, sollte an der Universität plötzlich eine zu hinterfragende Rolle spielen. Warum war den türkischen StudentInnen eine klar definierte Identitätszugehörigkeit so wichtig, die sie wie einen Stempel am liebsten auch mir verpassen wollten? Um die türkische Seite besser kennen zu lernen, gründete ich mit anderen FreundInnen einen Deutsch-Türkischen Studentenverein, der 14-tägige Seminare in beiden Ländern organisierte.

Kaum waren wir bekannt, wartete schon eine andere Gruppe mit ihrem ethnischen Stempel auf mich: „Warum organisierst du Projekte für die Türken, du bist doch Kurdin!“ Da hatten wir also den Salat. Alle buhlten um meine Zugehörigkeit, verlangten stets von den anderen, dass man sie versteht, hatten aber selbst keinerlei Verständnis für die andere. Eine bequeme und oft anzutreffende Haltung, die gerne bei Verständnisdeutschen eingesetzt wird, die sich wiederum nicht trauen, auf dieses gut greifende Gut-Böse-Schema hinzuweisen. Doch unabhängig davon interessieren mich diese ewig gestrigen Wahrheiten und verrosteten Denkweisen nicht. Was heißt schon Zugehörigkeitsgefühl? Und wer definiert das? Ist dies doch auch nichts weiter als ein Teil gesellschaftlicher und staatlicher Strategien, die bewusst eingesetzt werden, um sich durch die Abgrenzung zum anderen der eigenen Identität sicher zu sein. Versucht wird dies zum Beispiel ja auch mit dem Begriff der „deutschen Leitkultur“. Ich bin es leid, der einen oder anderen Seite „den Türken“, „den Kurden“ oder „den Deutschen“ zu erklären oder sie gar in Schutz zu nehmen. Schrullige oder merkwürdige Menschen gibt es ja überall, ohne dass diese weiter erklärt werden müssen.

Mein Deutschland?

Weil aber mir und vielen anderen Normalsterblichen, die irgendeinen Migräne- äh, Migrationshintergrund haben, seit den Anschlägen vom 11. September 2001 über Nacht, ja einfach über Nacht, mal eben eine „muslimische“ Identität verpasst wurde, ist es an der Himmelspforte richtig kompliziert geworden. Es zählt also nicht mehr der Mensch, sein persönlicher Fingerabdruck oder sein Fachwissen als ExpertIn, der aus dem Land xy stammt, sondern die religiöse Zugehörigkeit.

Diese bestimmte Identitäten ausgrenzende Kollektiv-Debatten verstellen nicht nur den Blick auf die Probleme und Aufgabenfelder eines Staates, vor allem lenken sie von der dringend verbesserungswürdigen Integrationspolitik des Landes ab und stoßen all jene vor den Kopf, die sich mit Deutschland verbunden fühlen. Schließlich haben gerade sie in ihrem Umfeld für die Integration eine unschätzbare Sisyphusarbeit geleistet. Doch die jahrzehntelange negative Zuschreibung und Berichterstattung über „die Türken“ hat ihre Spuren hinterlassen: Viele Angehörige der dritten Generation von DeutschtürkInnen, die hier geboren sind, wurden und werden daran gehindert, sich in Deutschland heimisch zu fühlen oder zumindest Ersatzwurzeln zu finden. Schließlich ist Heimat eher ein Gefühl als ein Ort. Die zweite Generation hingegen hat ihren Weg, wie auch die Deutsch-Türkische Handelskammer in Berlin kürzlich mitteilte, längst gefunden: Mehr als 80.000 türkische Unternehmen mit über 400.000 MitarbeiterInnen, geschätzten 36 Milliarden Euro Umsatz und im Schnitt 35-40 Prozent deutschen Beschäftigten. Nur ist der Ruf dieser Generation leider schlechter als ihre Realität.

Was mich allerdings immer wieder erstaunte, war die Tatsache, dass türkische Jugendliche, die in Deutschland geboren sind und das Land ihrer Eltern nur aus dem Urlaub kennen, stets die Türkei und die türkische Identität hochhalten anstatt sich zu Deutschland zu bekennen oder auch mal „mein Deutschland“ zu sagen.

Als der türkische Premier Erdogan im Jahre 2004 anlässlich der Eröffnung der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Köln gemeinsam mit Bundeskanzler Schröder seine Rede hielt, war ich sprachlos. Die RTL-Moderatorin Nazan Eckes, geboren in Deutschland ,,begrüßte Erdogan mit den Worten „Willkommen MEIN Präsident“ und bedachte den Kanzler lediglich mit den Worten „und Herr Schröder“. Warum war Erdogan „IHR“ Präsident und nicht Schröder auch ihr Kanzler? Konnte das mühsam erarbeitete Zusammenleben von Kulturen so im Nu so über den Haufen geworfen werden?

Die Schwierigkeit, in Istanbul zu grüßen

Um diese mir völlig fremde Verbundenheit oder besser die Anziehungskraft der türkischen Identität zu verstehen, beschlossen mein Mann und ich, nach der Geburt unserer Tochter einige Jahre nach Istanbul zu gehen. Neben der Faszination für Istanbul als historische Kulturstadt war es die pure Neugierde auf den Orient. Außerdem reizte es mich zu erfahren, wie die Menschen ihren Alltag in dieser pulsierenden, jedoch undurchschaubaren Metropole voller Gegensätze und Widersprüchlichkeiten meistern. Hier erschien jeder Tag als neue Herausforderung, die die 15 Millionen Menschen jedoch mit Leichtigkeit bewältigten. Ich war gespannt.

Äußerlich fiel ich hier zwar nicht auf – aber umso mehr durch jede Bewegung und mit jedem Wort. Denn meine Sozialisation war und ist einfach Mitteleuropäisch-Deutsch.. Jedes Mal, wenn ich im Hausflur auf einen Nachbarn oder eine Nachbarin traf, grüßte ich mit einem „Merhaba“, also „Guten Tag“ oder „Hallo“. Doch statt zurück zu grüßen, gingen die Menschen wortlos an mir vorbei, als ob es mich überhaupt nicht gäbe. Alle TouristInnen schwärmen von den „ach so netten und freundlichen Orientalen“ - warum grüssten mich dann meine eigenen NachbarInnen nicht? Irgendwann habe ich es verstanden: weil der Alltag der Megametropole ziemlich rau ist. Hier herrscht eine Ellenbogen-Gesellschaft, wie man sie kaum für möglich hält. Der Gruß bleibt in Istanbul unerwidert, damit nicht irgendein Nachbar, der nicht zum engen FreundInnen- oder Familienkreis gehört, eventuell eines Tages vor der Türe steht und um finanzielle Hilfe bittet. Das höfliche Miteinander funktioniert hier auf einer anderen Ebene. Alle, die in ihrer Position ihrem jeweiligen Gegenüber höher stehen - auch wenn dies nur gefühlt ist - erteilen im Gespräch und Umgang mit diesen mehr Anweisungen, als höfliche Bitten oder Fragen zu benutzen. Der respektvolle Umgang wird mehr von einem herrischen Auftreten und der Größe des Geldbeutels bestimmt als vom Gebot zwischenmenschlicher Etikette. Ist man einfach nur freundlich und nicht bestimmend streng, wird man entweder selbst für dumm verkauft oder aber ein Mann geht bei einer Frau in dieser Situation davon aus, dass diese auf einen Flirt aus ist.

So stand eines Tages der Wasserverkäufer frisch herausgeputzt samt Krawatte vor unserer Haustür und erkundigte sich bei meinem Mann nach mir. Schließlich hatte ich ja bei der Wasserbestellung so heiter mit ihm telefoniert. Eine Einheimische hätte spätestens jetzt mit einem wilden Geschrei und wüsten Beschimpfungen ihre Ehre verteidigt bzw. verteidigen müssen. Während sich mein Mann darüber ärgerte, dass ich so manch sozialen Kodex des Orients noch immer nicht verstanden hatte, bekam ich eine Ahnung davon, weshalb ein freundliches Verhalten nicht angemessen war, sondern ein emotionales als landesüblich und richtig angesehen wird.

Die türkische Identität

Auch Klassen- und Ideologiekämpfe werden leidenschaftlich bis zum Äußersten geführt. Der komplizierte Kampf innerhalb der Gesellschaft ist nicht nur ein Abbild eines rasanten gesellschaftlichen Veränderungsprozesses, bei dem viele Menschen in kritischen Situationen eine Entscheidung gerne dem lieben Gott oder auch dem Schicksal mit den Worten „Es kommt, wie es kommt“ überlassen. Vielmehr ist es eine politische Fußfessel, ein Grundproblem, das bis heute in der Politik niemand zu beheben oder abzuwerfen wagt: Die „Ideologie des Türkentums“. Die alte traditionelle Staatselite, die säkulare kemalistische Obersicht, hielt schon immer die politische Macht in ihren Händen. Sie bestimmte auch die Definition dessen, was als Kultur und „türkische Identität“ anerkannt war. Ihr Lebensstil ist zwar westlich, politisch aber haben andere Lebensentwürfe keinen Raum. Genau dieser autoritäre Säkularismus, der jegliche Religiösität in der Öffentlichkeit verachtet, hat seit der Machtübernahme der islamisch-konservativen AK-Partei von Ministerpräsidenten Erdogan die alleinige Hoheitsstellung verloren. Durch die etablierte muslimische Gegenelite stehen sich somit zwei unvereinbare Gruppierungen bzw. Kulturen gegenüber.. Weil aber mit der „Ideologie des Türkentums“ auch oft selbst definierte kemalistische Prinzipien verteidigt werden, habe ich politische Gespräche im Alltag entweder gemieden, oder aber ich mimte speziell im Taxi nur eine Touristin, die keine Ahnung hatte.

Dabei wäre es ein Leichtes, die streng nationalistisch ausgelegte „türkische Identität“ durch den „türkischen Staatsbürger“ oder „Bürger der türkischen Republik“ zu ersetzen. Dann nämlich könnte die Türkei tatsächlich „stolz“ auf ihre ethnische Vielfalt sein, statt diese stets in ein künstliches Korsett namens „türkische Identität“ zu sperren. Der Demokratisierung des Landes, in dem noch immer die Militärverfassung des dritten Putsches von 1980 gilt und in dem Atatürk, der Staatsgründer, wie ein unfehlbarer Prophet behandelt wird, würde es nicht schaden. Denn ewige Wahrheiten, ob religiöser oder politischer Natur, trennen mehr als sie erklären oder vereinen. Bis dieser Bewusstseinswandel an der politischen Spitze angekommen ist, geht es in Istanbul wie gewohnt weiter: Während die einen gern ihren Reichtum zeigen, geht es vielen schlicht um das „irgendwie“ Überleben.

Nicht erkennbare AusländerIn!

Freundschaften sind schwer zu schließen. Lernt man jemanden kennen, beeinflusst nicht wie in Deutschland die gegenseitige Sympathie oder Antipathie den weiteren Verlauf dieser Begegnung. In Istanbul entscheidet der Status - Wer bist du, was bist du und was bringst du mir? Gefällt aber den Einheimischen eine Situation oder ein Gesprächsverlauf überhaupt nicht, wird gerne das türkische Totschlagargument „burasi Türkiye“ - „Das hier ist die Türkei“ - eingesetzt. Diese diskriminierend nationalistische Haltung kommt nicht nur im Gespräch mit einheimischen ArmenierInnen, JüdInnen oder GriechInnen zum Einsatz. Die Grenzziehung gilt auch für DeutschtürkInnen, Kurdodeutsche oder sonstige „AusländerInnen“. Als sich mein Mann im Bus nicht von seinem Sitzplatz für einen älteren Mann erheben wollte, weil auf seinem Schoß unsere Tochter saß, endete auch diese anfänglich normale Kommunikation mit dem wütenden Satz einer Frau auf Englisch: „This is Turkey not Germany!“ Ich frage mich, wie all jene DeutschtürkInnen, die in Deutschland die Türkei gerne hochhalten, damit wohl klar kämen? Mein deutsch-iranischer Mann trug seit dieser Begegnung gerne ein T-Shirt mit der Aufschrift „Almanci“ (Deutschländer) und kassierte nicht wenig irritierte Blicke, über die er dann grinste.

Neben solch kleinen, aber anstrengenden Alltäglichkeiten, die unsere befristete Ein- bzw. Auswanderung mit sich brachte, gab es natürlich auch wundervolle Begegnungen. Weil ich aber als nicht erkennbare Ausländerin in der Türkei ständig Gefahr lief, das jede noch so harmlose Unterhaltung plötzlich hochpolitisch werden und für mein Gegenüber existentielle Ausmaße annehmen konnte, bei denen man sich wie ein getriebener Löwe vorkam, musste ich mich mit der indirekten Blumensprache des Orients vertraut machen. Wie leicht mir dies gefallen sein mag, dürfen Sie sich selbst ausmalen.

AuswanderInnen / globale TransmigrantInnen

Etwa 20 Prozent der türkischen Gesamtbevölkerung lebt in Istanbul. Und alle viereinhalb Jahre wächst die Stadt um eine neue Million EinwohnerInnen - BinnenmigrantInnen. Folglich haben sich dort die meisten türkischen Unternehmen niedergelassen. Aber: Auch mehr als die Hälfte der über 4.700 deutschen Unternehmen, die es in der Türkei gibt, haben ihren Sitz in Istanbul. Neben vielen Deutschen trifft man auch viele DeutschtürkInnen, die hier ihr Glück suchen. Ob diese meist akademischen TransmigrantInnen - die man fälschlich „Rückwanderer“ nennt, obwohl kaum eine/r von ihnen jemals zuvor in der Türkei gelebt hat - Deutschland tatsächlich für immer verlassen haben oder nur für eine bestimmte Zeit, hat noch keine Statistik erfasst. Manche der geschätzten 10.000 DeutschtürkInnen in der Türkei, von denen die meisten wiederum in Istanbul leben, sind sehr gerne dort und fassen schnell Fuß, andere sind beruflich zufällig dort gelandet und wiederum andere wollen es „mal ausprobieren“.

Ein anderer Teil allerdings hat Deutschland bewusst den Rücken gekehrt. Die genannten Gründe reichen von den „immer gleichen Diskussionen über 'die Türken’“, der ständig negativen Darstellung in den Medien bis hin zu stark eingeschränkten beruflichen Karrierechancen und diskriminierenden Institutionen. Fest steht: Man braucht mindestens zwei Jahre für die Eingewöhnung. Entscheidend aber ist, dass man ohne einen Abschluss und ohne gute Türkischkenntnisse keinerlei Chancen auf dem türkischen Arbeitsmarkt hat, denn Deutsch können auch viele Menschen in der Türkei.

Soweit also zur Schieflage gesellschaftlicher Realitäten, die Bundespräsident Christian Wulff während seiner Türkeireise im Oktober 2010 in Istanbul so kommentierte:

Wir buhlen ein bisschen um die hochqualifizierten Menschen. Und ich habe die letzten Tage häufig mit Staatspräsident Gül darüber gesprochen, dass ich ein bisschen Verlustängste verspüre. Ich habe hier so tolle junge Leute kennen gelernt, die (..) in Deutschland waren, die Deutsch gelernt und viel von der deutschen Kultur erfahren haben, aber ihre Zukunft in der Türkei sehen. Ich kann das eigentlich nur verschmerzen, wenn diese jungen Menschen mit ihrer deutschen Erfahrung in der nächsten Zeit in der Türkei bleiben, dass sie dann wenigstens sich ewig dem Land Deutschland auch loyal verpflichtet sehen. Und eigentlich müsste ich mal eine Ansprache halten...

Gutdeutsch in Wien

Viereinhalb Jahre Istanbul: War schön anstrengend mit Kind. Aber jetzt bin ich schon wieder so weit weg. Diesmal im „europäischen“ Ausland - im überschaubaren Wien mit 1,6 Millionen EinwohnerInnen. Nach der 15-Millionen-Metropole, die wir nun ohne Alltag wieder sehr lieben, schon fast ein Dorf. Diesmal waren es berufliche Gründe, die uns zur weiteren Migration oder “globalen Transmigration“ ins Nachbarland bewegt haben. Hier in Wien genießen wir das satte Grün und grinsen über die unglaubliche Freundlichkeit, die uns als Deutsche, den sogenannten „First-class-Ausländern“ entgegengebracht wird. Unsere Ursprünge spielen durch unser Hochdeutsch inmitten des Wiener Schmäh keine Rolle. Ein in der Tat ungewohntes Phänomen, das man migrationsgeschichtlich aufgreifen müsste. Oft werden wir gefragt, woher wir denn kämen, weil wir so ein „deutsches Deutsch“ sprechen. Selbst bei telefonischen Terminvereinbarungen sind wir hörbar „deutsch“. Die größte Ausländer- äh, Einwanderergruppe in Österreich stellen übrigens die Deutschen mit 138.000 Personen dar - eine misstrauisch beäugte, aber doch gern gesehene Spezies.

Noch kann ich aufgrund des mir hörfremden österreichischen Dialektes und der zum Teil grammatikalischen Eigenheiten nicht beurteilen, wie gut oder schlecht die hiesigen EinwanderInnen aus der Türkei Deutsch sprechen und wie es um ihre Integration steht.. Auch wenn das österreichische Demokratieverständnis merkwürdige Wege einschlägt, im Gegensatz zu Deutschland muss sich hier niemand rechtfertigen, dass man noch eine andere Kultur in sich trägt. Jeder kann das sein, was er oder sie will. Der in Deutschland oft anzutreffende Rechtfertigungsdruck im Alltag entfällt.

Unabhängig davon, ob der deutsche Staat mich offiziell erst seit meiner Einbürgerung im „Club“ haben will oder nicht. Ich fühle mich - wie viele andere auch - mit Deutschland verbunden und bin schon viel länger eine loyale Deutsche als jeder neue Bürger aus Osteuropa. Deshalb brauchen wir Neudeutschen auch kein von außen geschnürtes Identitäts-Korsett. Eine aktive oder stumme Ignoranz von Wirklichkeiten hilft nur gewohnte Denk- und Verhaltensmuster beizubehalten, nicht aber diese zu überdenken. Was wir wirklich brauchen ist ethische Verantwortung und politischer Mut, der die Migrationsfenster schließt und die der Integration öffnet. Dann nämlich könnten auch die NeubürgerInnen oder neuen Deutschen ein längst überfälliges gesellschaftliches Selbstverständnis erlangen. Vielleicht mit einer gesellschaftlichen Vereinigung ähnlich wie mit Ostdeutschland, bei der es schlicht und einfach nur um den Bürger an sich geht.

November 2011

 

Semiran Kaya ist studierte Politikwissenschaftlerin. Sie lebt in Wien und beschäftigt sich als Journalistin vor allem mit Themen rund um die Türkei und Migration.