Mein Vater nannte mich “Ford”

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von Dogan Akhanli

In Dogan Akhanlis Erzählung scheinen wenig bekannte Facetten der deutsch-türkischen Geschichte auf. Akhanli thematisiert hier das ambivalente Verhältnis linker türkischer Oppositioneller, die aufgrund politischer Verfolgung nach Deutschland migriert sind, zu den ArbeistmigrantInnen. Die Geschichte zeichnet eine Spurensuche nach, die um den Knotenpunkt „Ford-Streiks“ die Verflechtungen zwischen den Erlebnissen, der für ihre Rechte kämpfenden GastarbeiterInnen, und seinen eigenen Erfahrungen als politischem Flüchtling zeigt.
 

In meinem Geburtsdorf auf der türkischen Seite der georgischen Grenze, hatte Mitte der 1960er Jahre jeder Mensch einen Spitznamen. Ich hatte mehrere: Meine Geschwister nannten mich „Pot“, die Dorfkinder „Schmetterling“ („Pepela“ georgisch) oder „Eichhörnchen“ („Tatarzena“ polnisch) und für meinen Vater war ich nur „Ford.“ Sehr gerne hätte ich ihn gefragt, warum er mich „Ford“ nannte.

Vermutlich besuchte ich gerade die Dorfgrundschule, als die Auswanderung in die Fremde, gurbet, begann. Mein Vater war der erste und lange Zeit der einzige Lehrer im Dorf. Außer ihm lebte noch ein Erzieher in unserem Dorf, der während seines Militärdienstes Lesen, Schreiben und etwas Mathe gelernt hatte. Dieser war für die erste Klasse zuständig. Mein Vater unterrichtete vier Klassen in einem einzigen Klassenraum, eine Art Montessoripädagogik gemäß dem Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“. Allerdings gab es unter den damaligen Bedingungen sowieso weder Platz noch Mittel für eine andere Pädagogik: Wir hatten lediglich ein Heft zum Schreiben, ein anderes für Mathe, einen Bleistift und einen Radiergummi dazu.
 
Gemäß der Staatsdoktrin sollte der Lehrer uns die fortgeschrittene, zivilisierte westliche Welt nahebringen. Und da Frankreich als Land der Hochkultur galt, sollte Französisch die schönste Sprache, Paris die schönste Stadt und Viktor Hugo der beste Schriftsteller sein. Rückblickend würde ich behaupten, dass es dem Lehrer immerhin gelang, uns den „Glöckner von Notre-Dame“, der Esmeralda zu Kirchenasyl verhalf, so berauschend wiederzugeben, dass ich als kleiner Junge bei Nacht den Eiffelturm vor Augen hatte und bei Tag Notre- Dame und die Seine, wie sie zwischen Häusern, Bäumen und Feldern dahinströmte.

Deutschland tauchte in den Erzählungen immer dann auf, wenn es um „Ehrlichkeit“, Fleiß“, „Zuverlässigkeit“ und „technischen Fortschritt“ ging.

„Einer von unseren Leuten“, sagte mein Vater einmal, als er uns beibringen wollte, was Ehrlichkeit bedeutete, „ging nach Deutschland, um Geld zu verdienen. Er fand sofort Arbeit, weil die Deutschen dringend Arbeiter brauchten, und sollte, so instruierte ihn sein deutscher Vorarbeiter, in einem Raum, ganz ähnlich unserem Klassenraum, nur auf und ab gehen. Acht Stunden lang. Er durfte jede zweite Stunde fünfzehn Minuten Teepause machen und hatte außerdem mittags eine Stunde zum Essen. Er fand die Arbeit nicht schwer, ging im Zimmer auf und ab. Einen Tag später bemerkte er, dass er überhaupt nicht kontrolliert wurde. Am dritten Arbeitstag legte er sich einfach auf den Boden und schlief. Was er nicht wusste: unter dem Boden des Raumes war ein Sensor installiert, eine Arbeitsuhr, die genau dokumentierte, wann er ging und wann er Pause machte. Drei Tage später wurde ihm gekündigt. Kein Betrug also in der Schule und in der Zukunft!“ sagte mein Vater.

Meiner Erinnerung nach gingen vier Leute aus unserem Dorf nach Deutschland, eine Frau und drei Männer. Die Frau war meine Cousine, eine Grundschullehrerin, die immer noch als Lehrerin in Nordrhein-Westfalen tätig ist; ihr Mann ist Bauingenieur - eine Erfolgsgeschichte also. Ein anderer dieser „Almancılar”, wie man die Deutschländer bis heute auf Türkisch nennt, kehrte mit einem deutschen Ford zurück, einem dunkelroten Minibus. Bis dahin war das einzige Transportmittel des Dorfes ein hellblauer Lastwagen gewesen, ein Austin, den die Dorfbewohner „Jenseitspost“ nannten, weil er keine funktionierenden Bremsen hatte und drei Mal die Schlucht hinabstürzte. Der Ford hatte eine Bremse und wir brauchten nicht mehr zu zittern, aus Angst davor, den Abgrund hinunter zu stürzen.

Tränen im Gefängnis

Der türkische Staat hat mich ziemlich früh als gefährlich eingestuft, weil ich Mitte der 1970er Jahre im Alter von 18 Jahren an einem Kiosk eine linke Zeitung gekauft hatte. Der damaligen Anklageschrift zufolge sollte ich als Kopf einer linksextremen Gruppe den "Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung" angestrebt haben. Ich landete in Istanbul im Knast von Toptasi, einem Stadtteil von Istanbul. Dieses Gefängnis war vor hundert Jahre ein Kervansaray, eine Art Gaststätte, später eine „Klapsmühle“, noch später ein Tabaklager gewesen. Während des ersten Militärputsches gegen die konservative Regierung im Jahr 1960 hatte man den Ort dann in ein Gefängnis umgewandelt - eine Art Lager mit drei großen Räumen zu je 200 Gefangenen. Der Aufenthalt dort war eine Familientradition: Mein Großonkel mütterlicherseits, bis zum Putsch ein Abgeordneter der gestürzten Regierungspartei, verbrachte vier Jahre seines Lebens dort.

Während meiner Haftzeit lernte ich mehrere politische Gefangene kennen; 15 von ihnen, Studenten und Arbeiter, kamen aus Deutschland, und der Staatsanwaltschaft zufolge planten sie, einen Arbeiteraufstand in der Türkei zu organisieren und darüber hinaus die „verfassungsmäßige Ordnung“ umzustürzen. Schicksalsgenossen also. Gemessen an den damaligen Verhältnissen würde ich sie als sehr gebildete Menschen bezeichnen - sie sprachen fließend Deutsch, manche sogar Englisch oder Französisch. Und neben Marx, Engels und Lenin lasen sie auch Hegel und Kant. Teile dieser Gruppe kamen aus Köln und damals, im August 1973, erfuhr ich von einem Mitgefangenen, der einer der Anführer des Massenstreiks gewesen sein sollte, die Geschichte des so genannten „wilden Streiks“ der Türkischen Arbeiter bei Ford-Köln. Ich kann mich nicht mehr genau an seinen Namen erinnern, aber mein Gedächtnis hat seinen Namen entweder als Reha oder Baha gespeichert. Obwohl ich mich an seine Schilderung nicht mehr genau erinnern kann, muss sie spannend gewesen sein, weil der Erzähler, Reha oder Baha, selbst am Ende des Berichts seine Tränen nicht mehr unterdrücken konnte. Wenn die türkische Arbeiterklasse in Deutschland so einen Aufstand schaffte, dachte ich als 18jähriger, warum dann nicht hier in der Türkei?

Die Zeit ohne Ford

Ende 1991 verließ ich die Türkei und ging nach Köln. Ich gehörte zu der halben Million Menschen, die während der Militärzeit festgenommen, misshandelt und gefoltert worden waren. Ich war Zeuge der fünfzig gerichtlichen sowie der vielen außergerichtlichen Hinrichtungen und anderen Untaten der Putschisten gewesen. Nun war zwar die Epoche des Militärs angeblich vorbei, jedoch hatten viele von uns Überlebenden, abgesehen von seelischen Verletzungen, auch körperliche Spuren der Gewalt davongetragen. Doch dies wurde offiziell beharrlich geleugnet, da das türkische Gesetz Folter verbietet. Diese Gleichgültigkeit gegenüber einer Vergangenheit, die immer noch höchst gegenwärtig war, führte uns in eine quälende Einsamkeit. Auch ich schwieg.

In dieser Zeit meines Schweigens begann ich, ohne Ideologie zu lernen und zu leben. Ich suchte nach Antworten und Erklärungen für die jüngsten Ereignisse und stieß dabei auf einige historische Wahrheiten über die Türkei - allen voran den Völkermord an den Armeniern. Hier half mir die Kenntnis der deutschen Geschichte und ihrer Aufarbeitung, die historische Gewalt und den Massenmord, der von meinem Herkunftsland begangen wurde, besser zu verstehen und damit umzugehen. Ich versuchte die Gewaltgeschichte beider Länder nicht nur als nationale Geschichte, sondern vielmehr als gemeinsame Beziehungsgeschichte zu erforschen und zu vermitteln. Ich fand beispielsweise heraus, dass einige deutsche Protagonisten des Genozids auch im Faschismus als Täter in Erscheinung traten.

Mein Interesse an der Arbeiterklasse als historisches Subjekt ging dabei immer weiter zurück. Der Klassenkampf der Arbeiter erschien mir fragwürdig, und gleichzeitig erfuhr ich, dass „Türk-Is“, die größte Gewerkschaft der Türkei, während der Militärzeit mit den Putschisten kollaboriert hatte. Überdies zeigten mir die Massenflucht und die Aufstän-de in den Ostblockländern, in denen angeblich die Arbeiterklasse an der Macht war, dass „drüben“ die Dinge definitiv falsch gelaufen waren. So gab es auch keinen Grund mehr, mich mit Ford zu beschäftigen. Einen Führerschein hatte ich nicht besessen und wollte auch keinen haben. Bis ich Peter Bach kennenlernte, hatte ich sogar vergessen, dass mein Spitzname „Ford“ war.

Die Ford Streiks

Peter Bach ist zehn Jahre älter als ich. Er wurde an demselben Tag in demselben Jahr wie mein verstorbener großer Bruder, Erdal abi, geboren. Als Peter und ich uns kennen lernten, war er gerade in den Ruhestand eingetreten. Wäh-rend seiner langjährigen Berufstätigkeit hatte er auch als Schichtarbeiter bei Ford gearbeitet. Von Peter, der seit 30 Jahren in Köln-Mülheim wohnt, lernte ich die Geschichte dieses Stadtteils kennen, und entdeckte auch die Schönheit und Lebendigkeit der Keupstraße, deren Bewohner überwiegend türkische und kurdische Einwanderer sind, und die wahrscheinlich deshalb einen so schlechten Ruf hat.

Peter engagierte sich schon länger als Mitinitiator in der Geschichtswerkstatt Mülheim. Im Laufe der Zeit führten wir zusammen mehrere historisch-interkulturelle, auf die Versöhnung zwischen Einwanderern und Mehrheitsgesellschaft ausgerichtete Projekte durch. „Das Gedächtnis unserer Zukunft“ etwa  bezog sich auf die gemeinsame deutsch-kurdisch-türkische Geschichte, und im Herbst 2007 nahm Peter mich mit zum Theaterstück „Fordlandia - eine Fliessbandproduktion“, initiiert von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner und aufgeführt in der Halle Kalk. Das Theaterstück des Kölner Schauspielhauses handelte von den „wilden Streiks“ bei Ford. Peter hatte mit dem Ensemble des Schauspielhauses eine Besichtigung bei Ford gemacht, und der Intendant und die ganze Truppe hatten diese Ereignisse künstlerisch verarbeitet.

Da mir der Titel des Theaterstücks nichts sagte, recherchierte ich vor der Aufführung und erfuhr, dass “Fordlandia“ heute eine Geisterstadt südlich von Santarém in Amazonien ist. In den 1920er Jahren hatte die Ford Motor Company dort ein riesiges Gelände im Urwald erworben, um eine Kautschukplantage zu errichten. Die Landschaft sei hügelig und unfruchtbar gewesen und keiner der Ford-Manager hätte die nötigen Kenntnisse in tropischer Landwirtschaft gehabt. Am Ende ging alles schief, es gab sogar einen Aufstand, der vom brasilianischen Militär niedergeschlagen wurde. Nach 1945 wurde die Stadt an Brasilien verkauft.

Das Theaterstück war unterhaltsam und informativ. Henry Ford wurde von einer Puppe, halb so groß wie ein Mensch, dargestellt. Diese Puppe wirkte so menschlich, dass ich nur mit Mühe dahinter die Puppenspielerin Suse Wächter wahrnahm. Außerdem war ich begeistert, dass mit Baki Davrak, der gerade durch die Hauptrolle als Germanistikprofessor in Fatih Akıns international preisgekröntem Film „Auf der anderen Seite“ bekannt wurde, ein mir bekannter Deutschtürke zum Ensemble gehörte. Und nach dem Theaterabend wollte ich unbedingt mehr über den „wilden Streik“ erfahren, mit dem die türkischen Arbeiter 1973 gegen die unzumutbaren Arbeitsbedingungen protestiert hatten.“Es war am Freitag“, erzählte Peter, „mit Beginn der Spätschicht wurde gestreikt. Die Spätschicht, die im Werk geblieben war, hatte die Nachtschicht informiert und ging abends nach Hause. Die Nachtschicht verließ dann schon nach zwei Stunden das Werk. Am Montag, dem 27. August wurde mit Beginn der Frühschicht wieder ge-streikt. Die Streiktage begannen jeweils mit einem riesigen Demonstrationszug Tausender von Menschen durch das gesamte Werksgelände. Bis zum Donnerstag war das Werk besetzt. Und am Donnerstagmittag wurde der Streik zerschlagen. Auch das war äußerst wild. Es war also wirklich ein ‚wilder’ Streik - obwohl es natürlich, und das muss man auch sehen, in einem wilden Streik immer auch konstruktive, weniger wilde und viele sehr emotionale Momente gibt. Das zu den Bedingungen, unter denen der Streik stattfand.”

Obwohl ich das Wort „konstruktiv“ damals nicht verstand, fragte ich Peter nicht, was er tatsächlich meinte. Stattdessen wollte ich erfahren, woher er alles wusste. Er erklärte mir, dass es mit der weit ausstrahlenden politischen Atmosphäre im Ford-Werk zusammenhing. Ford habe zu der Zeit im Zentrum der Aufmerksamkeit aller politischen Gruppierungen der linken Szene gestanden. Auch er, Peter, sei im Mai 1973 durch die KPD/ML ins Werk gelangt. Vier Monate bevor der Streik ausbrach.

Diese KPD/ML war unsere Schwesterpartei (auf Türkisch: „Bruderpartei“) gewesen. Bevor die Generäle am 12. September 1980 putschten, hatte auch ich mich als „Bewusstseinsträger“ der Arbeiterklasse gesehen. Vor und nach dem Putsch war es gefährlich, jung und Student zu sein. Deshalb war ich auf der Flucht, Überleben war ein Zufall und eine Kunst. Ich dachte, es müsse einen Ort geben, an dem man mich nie suchen würde und an dem ich gleichzeitig meine politische Verpflichtung erfüllen könnte. Ich entschied, mich als „Bewusstseinsträger“ bei einem Ener-giekonzern einzuschleichen, fälschte alle für die Bewerbung benötigten Unterlagen und wurde tatsächlich eingestellt. Die Arbeiterklasse zu verteidigen war allerdings einfacher als selbst Arbeiter zu sein. Diese einfachen und auf ihren unmittelbaren Lebensunterhalt fixierten Kollegen, die ideologisch gesehen doch meine „Genossen“ waren, hatten überhaupt keine Ähnlichkeit mit meinen damaligen politisierten und gebildeten Haftgenossen aus den Kölner Ford-Werken. Ich schaffte es nicht lange, meinen Idealismus mit den realen Arbeitsbedingungen in Einklang zu bringen.

Doch während ich mich in der Türkei wenigstens bemüht hatte, das „Proletariat“ kennen zu lernen, beschränkte sich in Deutschland meine Kenntnis der Gastarbeiter auf die Gerüchte in unserem Dorf. Wir Linken und Intellektuellen hatten und haben an unseren schuftenden Landsleuten wenig Interesse, blieben aufgrund unserer Traumatisierungen und ideologischen Prägungen stark auf das Herkunftsland ausgerichtet oder aber pflegten Umgang mit der deutschen alternativen und linken Szene. Peter hingegen, der alte Gewerkschaftler, kannte sich besser mit der Geschichte und Gegenwart der Gastarbeiter aus.

Kurz vor dem Streik, erzählte Peter weiter, war der Anwerbestopp ausgerufen worden. Bis dahin wollten die Einwanderer so schnell wie möglich Geld verdienen, um sich in der Türkei eine Existenz aufzubauen. Die Deutschländer aus meinem Dorf kehrten tatsächlich kurze Zeit später zurück: einer ohne alles, der Zweite mit einem Traktor, der Dritte, wie oben erwähnt, mit dem Ford-Minibus. Dies nannte Peter die „Taxifahrer-Perspektive“ und meinte, dass die Einwanderer in der Regel Geld für einen Ford-Granada zusammensparten, um damit in Istanbul oder Ankara als Taxifahrer zu arbeiten. Ich selbst weiß, dass viele Deutschländer in ein eigenes Haus oder auch in Betriebe in der Türkei investierten und dass sehr viele dieser Betriebe kaputt gegangen sind.

1973 nach dem Anwerbestopp, änderte sich diese „Taxifahrer-Perspektive“ oft dahingehend, dass man nicht nur eine Zeit in Deutschland arbeiten, sondern ganz bleiben wollte. So kamen die Familienangehörigen hierher, sagte Peter. In dieser Zeit seien viele seiner türkischen Kollegen aus den Übergangswohnungen in neue, bessere Wohnungen gezo-gen, und dieser Perspektivwechsel sei damals ein großes Thema unter ihnen gewesen. Dennoch blieb die Verbindung zur Heimat natürlich ein wichtiger Bezugspunkt für die allmählich sesshaft werdenden Einwanderer.

Anlass für die Streiks waren die zahlreichen, fristlosen Entlassungen türkischer Arbeiter und Arbeiterinnen gewesen, die mit Verspätung aus ihrem Heimaturlaub zurückkehrten. Die Urlaubszeit der Deutschländer führte nicht nur in Deutschland zu Neid, Ärgernissen und Missverständnissen, sie erregte auch in der Türkei Spannungen. Es kam auf der „Todesstrecke“ Türkei - Deutschland zu vielen Verkehrsunfällen. Auch in der türkischen Presse gab es Gerüchte, dass die Deutschländer sehr schlechte Autofahrer seien. Ich behaupte, dass die Deutschländer sich mehr oder weniger an die Verkehrsregeln hielten, hingegen die einheimischen Autofahrer ohne jede Regel fuhren.

„Zu dieser Zeit“, fuhr Peter fort, „gab es einen speziellen paternalistischen Rassismus bei Ford. Wenn in relativ kurzer Zeit 12.000 Kollegen aus einem für damalige Verhältnisse fernen Land in eine Fabrik kommen, nehmen sie in der Hierarchie der Arbeitsplätze die niederen Ränge ein. In der Folge gibt es eine komplette Teilung der Belegschaft in die fast ausschließlich unqualifiziert arbeitende türkische Belegschaft und in die der deutschen Kollegen, die eine bessere Position hatten. Die Deutschen entwickelten eine Art gutmütiges Verhältnis zu ihren türkischen Kollegen: ‚Er ist gutmütig, er hat keine Ahnung, er ist ein bisschen dumm‘.“

Das nennt Peter paternalistischen Rassismus. Der Begriff vom „Eselstreiber“ sei damals unter den deutschen Arbeitnehmern sehr populär gewesen. „Und wenn man nachher bedauert“, sagte Peter, „wie der Streik gelaufen ist, dass die Deutschen sich nämlich aus den Aktivitäten zurückgezogen haben, muss man einfach sehen, dass diese Trennung bei Ford sehr lebendig war. Diesen sehr eigenen Rassismus spürten die türkischen Kollegen natürlich sehr deutlich.“

Der Streik begann am Freitag, dem 24. August. Hunderte türkische Arbeiter zogen mit Transparenten über das Werksgelände. Über 8.000 Arbeiter aus aller Herren Länder legten ihre Arbeit nieder. Weil sie dem Betriebsrat misstrauten, wählten sie ein Streikkomitee, dessen Sprecher Baha Targün war, der perfekt deutsch sprach und seit 1969 in der Bundesrepublik als Student, später als Dolmetscher, lebte. Er soll erst wenige Tage zuvor bei Ford eingestellt worden sein. Mich interessierte dabei, ob Baha Targün jener Mann gewesen war, den ich im Toptaşı-Gefängnis kennengelernt hatte, und der zu weinen begann, als er über den Ford-Streik erzählte.

Peter kannte sein weiteres Schicksal nicht. „Nach Beendigung des Streiks durch die Polizei“, informierte mich später Wikipedia, „wurde Baha Targün verhaftet und an die türkische Botschaft in Köln ausgeliefert, dort wurde er allerdings schon nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Targün blieb nach seiner Freilassung noch bis 1979 in Deutschland.“ Ich kann nicht sagen, ob die Information wahr ist. Wenn er aber, wie Wikipedia berichtet, nach seiner Rückkehr in die Türkei eine Tätigkeit als Journalist und Autor begonnen hat, um Hörspiele und Drehbücher zu schreiben, muss er in der Lage sein, den Informationen über sich zu widersprechen. Oder er muss fähig sein, zu derselben Zeit in beiden Ländern im Knast zu sein. Peter kannte auch keinen Reha.

Am letzten Tag, nach einer Auseinandersetzung zwischen den „Streikenden“ und den „Arbeitswilligen“, wurden mehrere Arbeiter festgenommen. Darunter auch Baha. Peter sagte: „Die Hauptakteure des Streiks, die Migranten bei Ford, so zum Beispiel auch Hasan, der wie viele andere im Zentrum der Aktionen stand, sind sofort rausgeflogen. Und viele von ihnen haben Köln verlassen, weil ihre Namen innerhalb der Kölner Industrieszene so gehandelt wurden, dass sie woanders kaum einen Arbeitsplatz mehr kriegen konnten.“ Dieser Hasan sei nach dem Streik nach Berlin gezogen. Ich fragte Peter, ob dieser Hasan vielleicht Ömer hieß. Peter sagte, nein. Er hieß Hasan.

Öfter fahre ich mit dem Fahrrad linksrheinisch in Richtung Düsseldorf  am Ufer des Rheins entlang. Mir ist es immer noch ein Rätsel, aber vor kurzem fand ich mich bei einer solchen Fahrradtour in der verbotenen Zone der Ford-Werke wieder: Ein Werksmitarbeiter warnte mich mit entsetzlicher Stimme, mein Aufenthalt hier sei Hausfriedensbruch und meine einzige Chance bestünde darin, durch dasselbe Tor wieder zu verschwinden durch das ich hereingekommen war. Ich aber hatte keine Lust umzukehren und radelte weiter. Bei der nächsten Ausfahrt verlangte ein Torwächter meinen Ausweis, stellte mehrere Fragen und flüsterte schließlich, dass ich sofort und unbemerkt hinaus müsse. 

Als ich das Gelände verließ, hörte ich wie immer die Stimme meines Vaters: „Ford! Das Essen ist fertig!“

 

Literatur zu den Ford Streiks
 

 

November 2011 

 

Dogan Akhanli flüchtete 1991 nach Deutschland. In seinen Werken thematisiert er die politische Entwicklung in der Türkei, vor allem den Umgang mit ihren Minderheiten, wie in seinem Buch „Die Richter des jüngsten Gerichts.

   

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