Gedenkbilder: Auf den Spuren der vietnamesischen Diaspora in Berlin

Aus der Installation "Wenn die Wände Ohren hätten" (2000)Aus der Installation "Wenn die Wände Ohren hätten" (2000). Urheber: Alisa Anh Kotmair. All rights reserved.

von Alisa Anh Kotmair

 

Mein Interesse an der vietnamesischen Diaspora entstammt meiner persönlichen Geschichte: mein US-amerikanischer Vater und meine vietnamesische Mutter lernten sich in Vietnam während des Krieges mit den USA kennen und sie heirateten. Ihre Beziehung glich in gewisser Weise der politischen Lage zwischen Vietnam und den USA: anfangs voller naiver Hoffnung, schließlich bittere Enttäuschung. Deren Folgen haben auch bei der nachkommenden Generation tiefe Wunden hinterlassen.

Meine eigene Beziehung zum »Vietnamesisch-Sein« wird stark von der Sprachbarriere geprägt – die entfremdende Unkenntniss der Muttersprache sozusagen – die dadurch verstärkte kulturelle Barriere und die Sehnsucht nach Zugang zu jener Kultur und Sprache, die mir dadurch enthalten bleibt. In meiner Kunst manifestiert sich diese Thematik durch die Untersuchung kultureller Marker und deren Fetischisierung, sowie die Beschäftigung mit dem Blick und der Ambiguität zwischen Objektivität und Subjektivität.

In meiner Arbeit »Long Live Tourism!« (1999) wird eine echte vietnamesische Zigarettenmarke namens »Tourism« / »Du Lich« Sujet einer multimedialen Werbekampagne, in der meine Rolle zwischen der einer Touristin und der einer Einheimischen, zwischen Betrachtenden und Betrachteten schwankt. In meinem Kurzfilm »Sunday Menu« (2011) rezitiert die Protagonistin »Mi« ähnlich einer Litanei oder einem Mantra die Namen der von ihrer Großmutter gelernten vietnamesischen Gerichte. Dabei ist das Essen selbst weniger wichtig, als die daraus erwachsenden kulturellen und emotionellen Bindungen.

Für meinen Beitrag habe ich mich zu einer Erkundung von in Berlin lebenden Menschen mit vietnamesischem Hintergrund aufgemacht, ein Thema durchdeklinierend, das mich seit mehreren Jahren begleitet. In einem magazinähnlichen Format stelle ich ihnen Fragen zu ihrem Leben vor dem Hintergrund ihrer Herkunft, und bitte sie Gegenstände in ihrem Besitz zu nennen, die sie an Vietnam erinnern.

Abhängig vom Kontext gehen Menschen verschiedene Wege, um sich selbst zu beschreiben. Für mich ist es eine große Ehre, einen Blick in diesen faszinierenden Prozess der Reflexion, Selektion und Präsentation bekommen und weitergeben zu dürfen. Mit diesem fortlaufenden archivarischen Projekt stelle ich nicht nur jene Menschen als differenzierte Beispiele eines komplexen Teils einer globalen Gesellschaft vor, sondern realisiere gleichermaßen als voreingenommene Beteiligte mein ganz eigenes Abtasten der vietnamesischen Diaspora in Berlin – und darüber hinaus.

 

Eine Version dieses Textes und des dazugehörenden Fotoprojekts erschien ursprünglich in dem Buch: Kien Nghi Ha (Hg.): Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond. Assoziation A: Berlin-Hamburg. 2012.

 

 

Alisa Anh Kotmair, die auch unter dem Künstlernamen Liesl Nguyen arbeitet, stammt aus Baltimore/USA und lebt in Berlin. Sie studierte u.a. an der Brown University und an der HFF Konrad Wolf und arbeitet als Übersetzerin, Publizistin und Filmemacherin.

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