Profitiert Deutschland von der Arbeitsmigration in der EU? Daten, Fakten und Analysen

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Die Zuwanderung von ausländischen Staatsbürger_innen nach Deutschland ist in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Belief sich die Nettozuwanderung nach Deutschland in der vergangenen Dekade noch auf rund 100.000 Personen im Jahr, so betrug das Wanderungssaldo ausländischer Staatsbürger_innen 2012 bereits 369.000 Personen. Die Halbjahreszahlen sprechen dafür, dass die Nettozuwanderung im Jahr 2013 auf etwa 400.000 Personen steigen wird. Deutschland ist damit wieder in absoluten Größen das wichtigste Zuwanderungsland in der EU geworden (Statistisches Bundesamt 2013a, 2013b).

Die Umlenkung der Wanderungsströme durch die Eurokrise

Der Anstieg der Zuwanderung hängt wesentlich mit der Eurokrise und der damit verbundenen Wirtschaftskrise vor allem in den südlichen Ländern der EU zusammen. Vor der Finanz- und Wirtschaftskrise waren Spanien und Italien die wichtigsten Zuwanderungsländer in der Gemeinschaft, gefolgt von Großbritannien und Irland. Auch Griechenland hat, relativ zur Bevölkerung, deutlich mehr Zuwanderer_innen als etwa Deutschland aufgenommen. In Spanien ist in weniger als einer Dekade der Anteil der im Ausland geborenen Personen an der Bevölkerung von 2 auf 14 Prozent gestiegen. In Deutschland, mehr als 50 Jahre seit Beginn der Gastarbeiterzuwanderung, beträgt der Anteil 12 Prozent. Die Wanderungsmagneten in Europa vor der Eurokrise sind – mit Ausnahme Großbritanniens – heute keine attraktiven Zielländer mehr für Migrant_innen. Die Arbeitslosigkeit insbesondere unter der ausländischen Bevölkerung ist hoch, Quoten von 20 bis 30 Prozent sind nicht selten. Auch die Löhne sind deutlich gefallen. Umgekehrt hat sich der Arbeitsmarkt in Deutschland im Zuge der Eurokrise als überraschend stabil erwiesen und die Löhne steigen. Deutschland profitiert zudem von der Kapitalflucht aus den Krisenstaaten. Diese asymmetrischen Auswirkungen der Eurokrise haben eine Umlenkung der Migrationsströme in Europa bewirkt. Viele Menschen aus der EU, die vor der Krise nach Spanien, Italien, Großbritannien oder Irland gewandert wären, gehen heute nach Deutschland.

Das sind überwiegend Menschen aus den neuen Mitgliedsstaaten der EU: Im Jahr 2012 belief sich der Anteil der zehn neuen EU-Mitgliedsstaaten aus Mittel- und Osteuropa (mit Bulgarien und Rumänien) an der Zuwanderung nach Deutschland auf 52 Prozent, der Anteil der vier Krisenländer in Südeuropa (Griechenland, Italien, Portugal und Spanien) auf 19 Prozent. Insgesamt kamen drei Viertel der Zuwanderer_innen nach Deutschland aus Mitgliedsstaaten der EU. Zwar hat die Eurokrise auch einen Anstieg der Zuwanderung aus den direkt betroffenen Staaten ausgelöst. Quantitativ viel bedeutender sind jedoch die Umlenkungseffekte von den alten Wanderungsmagneten nach Deutschland.

So zeigt eine jüngere Studie, dass rund 70 Prozent des Anstiegs der Zuwanderung nach Deutschland im Jahr 2012 gegenüber dem Vorkrisenjahr 2007 auf die Verschlechterung der wirtschaftlichen Bedingungen in alternativen Zielländern und zu rund 10 Prozent auf die Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit zurückzuführen sind (Bertoli et al., 2013). Die Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen in Deutschland hat also nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Daraus leiten sich wichtige Schlussfolgerungen für die Zukunft ab: Erholen sich die Krisenstaaten in der EU von der Eurokrise, wird auch die Zuwanderung nach Deutschland wieder stark zurückgehen. Der gegenwärtige Wanderungsboom könnte wie ein Soufflee zusammenfallen.

Kurzfristig ist aber mit einem weiteren Anstieg der Zuwanderung zu rechnen: In den Jahren 2012 und 2013 betrug die Nettozuwanderung aus Bulgarien und Rumänien jeweils gut 70.000 Personen. Nach Einführung der Freizügigkeit könnte dieser Anteil auf 100.000 bis 180.000 Personen steigen. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Spanien und Italien, wo gegenwärtig mehr als zwei Millionen Bulgar_innen und Rumän_innen leben, heute wirtschaftlich keine attraktiven Zielländer mehr sind.

Steigende Qualifikation der Zuwanderer_innen

Das Bild, dass es sich bei Migrant_innen überwiegend um geringer qualifizierte Personen handelt, die schlecht in Arbeitsmarkt und Bildungssystem integriert werden können, ist heute nicht mehr korrekt. Nach den Angaben der Labour Force Survey belief sich der Anteil der Hochschulabsolvent_innen im Jahr 2010 unter den Neuzuwanderer_innen auf 43 Prozent im Vergleich zu 28 Prozent in der deutschen Bevölkerung. Das ist ein Anstieg um knapp 20 Prozentpunkte im Vergleich zum Jahr 2000. Der Anteil der Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung belief sich auf 22 Prozent, er hat sich damit gegenüber dem Jahr 2000 halbiert. Allerdings ist er immer noch rund doppelt so hoch wie bei den deutschen Staatsbürger_innen (11 Prozent) (vgl. Brücker, 2013; Eurostat, 2013).

Die hohe Qualifikation der Neuzuwanderer_innen ist im Wesentlichen auf zwei Trends zurückzuführen: Erstens beobachten wir in den Herkunftsländern der Migration eine deutliche Zunahme des Bildungsniveaus. Sowohl in den Ländern Mittel- und Osteuropas ist seit Beginn der Transformation das Bildungsniveau deutlich gestiegen als auch in den südeuropäischen Mitgliedsstaaten der EU. Das gilt vor allem für die Zahl der Hochschulabsolvent_innen. Zweitens ist die Mobilität unter den qualifizierten Personen deutlich gestiegen. Global ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person mit Hochschulabschluss migriert, rund viermal so hoch wie die, dass eine Person ohne abgeschlossene Berufsausbildung auswandert. Das gilt auch für die jungen Deutschen, die heute in großer Zahl im Ausland studieren und arbeiten. Dazu haben die fallenden Kommunikations- und Transportkosten, die Angleichung der Bildungsabschlüsse durch den Bologna-Prozess, die Erasmus-Programme und die steigende Sprachkompetenz jüngerer Menschen beigetragen. Dieser Prozess wird sich weiter fortsetzen (Boeri et al., 2012).

Natürlich wandern nicht nur die Hochqualifizierten, sondern auch viele Menschen mit mittleren Bildungsabschlüssen oder ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Das gilt insbesondere für Länder, in denen berufliche Bildung nicht wie bei uns durch ein duales Ausbildungssystem, sondern durch schulische Bildung und Anlernung in den Betrieben vermittelt wird. Das unterscheidet sich auch nach Herkunftsländern. In Deutschland hatten die Zuwanderer_innen aus Bulgarien und Rumänien zunächst ein sehr hohes Bildungsniveau, mit einem Anteil der Hochschulabsolventen von mehr als 60 Prozent. Dieser Anteil ist für die Neuzuwanderer_innen aus Bulgarien und Rumänien im Jahr 2010 auf 25 Prozent gesunken, zugleich ist der Anteil der Personen ohne beruflichen Bildungsabschluss auf 35 Prozent gestiegen. Hinter diesem Prozess verbirgt sich nicht nur das, was in der Öffentlichkeit unter dem Begriff der „Armutszuwanderung“ diskutiert wird. Da durch die Übergangsfristen für die Arbeitnehmerfreizügigkeit weite Teile des Arbeitsmarktes für Bulgar_innen und Rumän_innen bis zum 1.1.2014 noch geschlossen waren, haben sich viele Staatsbürger_innen aus diesen Ländern in Deutschland in Nischen niedergelassen. Die wichtigste dieser Nischen ist die Saisonarbeit, die schon vor der Arbeitnehmerfreizügigkeit freigegeben wurde. Die Zahl der Saisonarbeitskräfte kann auf rund 200.000 Personen pro Jahr geschätzt werden, die sich allerdings nur einige Monate in Deutschland aufhalten. Diese Gruppe ist nicht besonders gut qualifiziert, für Mittel- und Hochqualifizierte sind andere Tätigkeiten und eine längere Aufenthaltsdauer interessanter. Die Einführung der vollständigen Arbeitnehmerfreizügigkeit wird deshalb voraussichtlich das Qualifikationsniveau der Zuwanderer_innen aus Bulgarien und Rumänien wieder erhöhen (Brücker et al., 2013a). In welchem Umfang das geschieht, bleibt abzuwarten. 

Viele Zuwanderer_innen werden unterhalb ihrer Qualifikationen beschäftigt. Das gilt zu einem gewissen Grad auch für einheimische Beschäftigte – bei ihnen werden nach einer Schätzung des DIW 27 Prozent unterhalb ihres Qualifikationsniveaus beschäftigt. Personen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren sind, erreichen ein recht ähnliches Niveau (rund 33 Prozent). Bei Zuwanderer_innen, die aus dem Ausland zugewandert sind und die ihre Abschlüsse im Ausland erworben haben, liegt dieser Anteil allerdings um zehn bis 20 Prozentpunkte höher (Brenke und Neubecker, 2013).

Insofern kann nicht ohne Weiteres aus der formalen Qualifikation der Zuwanderer_innen auf ihren Beitrag auf dem Arbeitsmarkt geschlossen werden. Allerdings werden auch nicht alle Zuwanderer_innen unterhalb ihres Qualifikationsniveaus beschäftigt. Der Anteil, der qualifikationsadäquat beschäftigt wird, steigt mit der Aufenthaltsdauer. Ein gutes Drittel der Zuwanderer_innen mit ausländischen Bildungsabschlüssen hat seine Ausbildungsabschlüsse anerkennen lassen, in vielen Fällen ist eine Anerkennung formal aber auch nicht notwendig. Dennoch ist die Anerkennung von Abschlüssen und die qualifikationsadäquate Beschäftigung eine der großen Herausforderungen der Integrationspolitik in Deutschland.

Gewinne durch die Ausweitung des Arbeitsangebots

Die Ausweitung des Arbeitsangebots durch Zuwanderung ist die wesentliche Quelle von Wohlfahrtsgewinnen durch Zuwanderung. Zugleich verbindet sich mit der Zuwanderung von Arbeitskräften die Angst, dass die Löhne fallen und die Arbeitslosigkeit steigen könnte. Diese Angst ist wohl die wesentliche Ursache dafür, dass Deutschland über Jahrzehnte versucht hat den Arbeitsmarkt gegen Zuwanderung zu schützen und sich nicht als Einwanderungsland verstanden hat.

Aus theoretischer Perspektive sind diese Ängste fragwürdig, empirisch sind sie nicht belegt. Zwar ist es richtig, dass aus theoretischer Perspektive die Ausweitung des Arbeitsangebots durch Zuwanderung in einem einfachen Modell, das die Anpassung anderer Märkte nicht berücksichtigt, zu fallenden Löhnen und steigenden Kapitaleinkommen führen würde. Insgesamt ergäbe sich zwar ein Nettogewinn für die einheimische Bevölkerung, weil der Anstieg der Kapitaleinkommen höher als die Verluste der Arbeitseinkommen ausfiele. Aber der Faktor Arbeit, und damit die Mehrheit der Bevölkerung, würde verlieren. Das gilt jedoch nicht mehr, wenn wir die Anpassung der anderen Märkte berücksichtigen. Die Ausweitung des Faktors Arbeit führt zu einem Anstieg der Kapitaleinkommen. Das wiederum führt zu mehr Investitionen, sei es aus dem Inland, sei es durch Kapitalzuflüsse aus dem Ausland. Am Ende wächst die Volkswirtschaft nicht nur durch die Ausweitung des Arbeitsangebots, sondern auch durch zusätzliche Investitionen. Das Verhältnis von Kapital zu Arbeit und damit das gesamtwirtschaftliche Lohnniveau und der Zins auf Kapital bleiben unverändert. Das Einkommen der einheimischen Bevölkerung steigt mit den Kapitalvermögen. Allerdings gewinnen nicht alle: Diejenigen Gruppen auf dem Arbeitsmarkt, die mit den Zuwanderern im direkten Wettbewerb stehen – technisch spricht man hier von einer Substitutionsbeziehung – verlieren. Dafür steigt die Arbeitsnachfrage nach anderen Gruppen, die in einer Komplementaritätsbeziehung stehen. Sie gewinnt durch höhere Löhne und niedrigere Arbeitslosigkeit.

Wer durch Zuwanderung gewinnt oder verliert, ist also eine empirische Frage. Sie hängt natürlich auch davon ab, wie die Zuwanderer_innen qualifiziert sind und wie sie in den Arbeitsmarkt integriert sind. Bei den Neuzuwanderer_innen aus Europa haben wir es mit einem großen Anteil von Hochqualifizierten zu tun, auch wenn nicht alle qualifikationsadäquat beschäftigt sind. Empirische Untersuchungen zeigen, dass Zuwanderer_innen auch dann, wenn sie über das gleiche Ausbildungsniveau und die gleiche Berufserfahrung verfügen, nicht perfekt mit einheimischen Arbeitskräften im Wettbewerb stehen. Das gilt für Deutschland noch stärker als für andere Länder. Das hat wichtige Folgen für die Verteilung der Gewinne und Verluste der Zuwanderung. Während die einheimischen Arbeitskräfte in eigentlich allen Qualifikationsniveaus durch Zuwanderung gewinnen, verlieren die bereits im Lande lebenden Ausländer_innen zum Teil kräftig.

 

Tabelle 1: Arbeitsmarktwirkungen der Zuwanderung von 1 Prozent der Erwerbspersonen
Löhne: Veränderung in Prozent, Arbeitslosenquoten: Veränderung in Prozentpunkten

Anmerkungen: Es wurde die Qualifikationsstruktur der Zuwanderung des Jahres 2010 zu Grunde gelegt. Das Simulationsmodell wurde Brücker et al. (2013) entnommen.

Tabelle 1 stellt die Effekte der Zuwanderung bei der gegebenen Qualifikations- und Beschäftigungsstruktur der Neuzuwanderer_innen nach Deutschland auf Grundlage des empirisch geschätzten Modells von Brücker et al. (2013) dar. Bei der Zuwanderung von einem Prozent der Erwerbspersonen – das entspricht 450.000 Personen – würden das gesamtwirtschaftliche Lohnniveau konstant bleiben, die Arbeitslosenquote ganz leicht zurückgehen. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Neuzuwanderer_innen aus Europa das Arbeitsangebot vor allem in Arbeitsmarktsegmenten ausgeweitet haben, die sich durch hohe Lohnflexibilität und geringe Arbeitslosigkeit auszeichnen. Das sind vor allem die Hochqualifizierten. Eine Zunahme des Arbeitsangebots in diesen Segmenten erhöht die Arbeitsnachfrage in anderen Segmenten mit geringerer Lohnflexibilität und höherer Arbeitslosigkeit. Per saldo sinkt deshalb die gesamtwirtschaftliche Arbeitslosenquote leicht. Bei der Zuwanderung von geringer qualifizierten Arbeitskräften wäre das umgekehrt. Die Arbeitskräfte ohne Migrationshintergrund gewinnen – ihre Löhne steigen um 0,11 Prozent und ihre Arbeitslosenquote sinkt um 0,13 Prozentpunkte. Allerdings verlieren die Hochqualifizierten, weil sich hier die Neuzuwanderung konzentriert. Die großen Verlierer_innen sind die Personen mit Migrationshintergrund: Ihre Löhne fallen um 0,58 Prozent und ihre Arbeitslosenquote steigt um 0,38 Prozentpunkte. Das liegt daran, dass sich hier die negativen Effekte aufgrund des unvollkommenen Wettbewerbs von Einheimischen und Migrant_innen konzentrieren. Es gibt also Gewinner_innen und Verlierer_innen auf dem Arbeitsmarkt, aber gesamtwirtschaftlich gewinnt die Volkswirtschaft durch die Zuwanderung aus Europa, weil die Kapitaleinkommen steigen. Die Gesamtgewinne für die Volkswirtschaft bei einer Zuwanderung von einem Prozent der Erwerbspersonen können auf 0,1 bis 0,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes geschätzt werden.

Gewinne für den Sozialstaat

Nun wirkt sich Migration nicht nur auf den Arbeitsmarkt aus. Eines der zentralen Argumente für die Migration in der Öffentlichkeit ist der demografische Wandel. Tatsächlich würde das Arbeitsangebot in Deutschland bis zum Jahr 2050 in einem hypothetischen Szenario ohne Wanderungen bei den gegenwärtigen Geburtenraten und der gegenwärtigen Erwerbsbeteiligung um etwa 40 Prozent sinken. Das ist nur als Gedankenexperiment zu verstehen, natürlich wird es immer Wanderungen geben. Bei einer Nettozuwanderung von 200.000 Personen im Jahr – das entspricht dem langfristigen historischen Durchschnitt in Deutschland – und einer steigenden Erwerbsbeteiligung wird sich der Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials auf knapp 20 Prozent begrenzen lassen. Durch Zuwanderung kann der demografische Wandel zwar nicht aufgehalten, aber doch erheblich gemildert werden.

Eine fortlaufende Zuwanderung hat einen erheblichen Einfluss auf die Altersstruktur der Bevölkerung und damit die Belastungen für die Sozialversicherungssysteme. Mit der Alterung der Bevölkerung werden immer weniger Erwerbspersonen einen immer größeren Anteil an der Bevölkerung, der nicht mehr im Erwerbsleben steht, finanzieren müssen. Natürlich werden auch Migrant_innen älter. Aber das Durchschnittsalter der Neuzuwanderer_innen in Deutschland beträgt 28 Jahre. Ein fortlaufender Wanderungsstrom trägt deshalb dazu bei, dass das Durchschnittsalter der Bevölkerung sinkt und der Anteil der Erwerbstätigen steigt. Dadurch entstehen Gewinne für die umlagefinanzierten Sozialversicherungssysteme, vor allem die Rentenversicherungen. Auch die Krankenkassen, deren Ausgaben besonders in der letzten Lebensphase steigen, profitieren. Schließlich verteilt sich die Belastung aus der öffentlich aufgelaufenen Verschuldung, die von Generation zu Generation weiter gegeben wird, auf eine größere Zahl von Steuerzahler_innen. Das senkt die Pro-Kopf-Belastung für die bereits in Deutschland lebende Bevölkerung. Diesen Gewinnen stehen Ausgaben gegenüber, weil Migrant_innen höhere Arbeitslosigkeitsrisiken als einheimische Erwerbspersonen haben, mehr Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (besser bekannt als Hartz-IV) beziehen und geringere Steuern und Abgaben bezahlen. Nach einer Studie von Holger Bonin (2006) ergeben sich dennoch per saldo erhebliche Nettogewinne: 2.000 Euro pro Ausländer_in und Jahr und 14.000 Euro über den Lebensverlauf. Dies gilt für den Durchschnitt der in Deutschland lebenden ausländischen Bevölkerung, die vergleichsweise schlecht qualifiziert ist und erheblichen Problemen der Arbeitsmarktintegration ausgesetzt ist. Der Nettobeitrag der sehr viel besser ausgebildeten Nettozuwanderer_innen aus Europa dürfte darum noch deutlich höher ausfallen.

Literatur

Bertoli, Simone, Herbert Brücker und Jesús Fernández-Huertas Moraga (2013): “The European crisis and migration to Germany: expectations and the diversion of migration flows.” IZA Discussion Paper Nr. 7170.

Brenke, Karl und Nina Neubecker (2013): „Struktur der Zuwanderungen verändert sich deutlich“. DIW Wochenbericht 49, S. 3-21.

Boeri, Tito, Herbert Brücker, Frédéric Docquier und Hillel Rapoport (Hrsg.) (2012): “Brain drain and brain gain: the global competition to attract high-skilled migrants”, Oxford: Oxford University Press.

Bonin, Holger (2006): „Der Finanzierungsbeitrag der Ausländer zu den deutschen Staatsfinanzen: eine Bilanz für 2004“. IZA Discussion Paper Nr. 2444.

Brücker, Herbert (2013): „Auswirkungen der Einwanderung auf Arbeitsmarkt und Sozialstaat: Neue Erkenntnisse und Schlussfolgerungen für die Einwanderungspolitik“. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.

Brücker, Herbert, Andreas Hauptmann und Ehssan Vallizadeh (2013a): „Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien: Arbeitsmigration oder Armutsmigration?“,  IAB-Kurzbericht, 16/2013.

Brücker, Herbert, Andreas Haupmann, Elke J. Jahn, Elke und Richard Upward (2013b): “Migration and imperfect labor markets: theory and cross-country evidence from Denmark, Germany and the UK.” European Economic Review, im Erscheinen.

Eurostat (2013): Labour Force 2010, Luxembourg: Eurostat.

Statistisches Bundesamt (2013a): „Bevölkerung und Erwerbstätigkeit: Vorläufige Wanderungsergebnisse 2012“, Wiesbaden: Mai 2013.

Statistisches Bundesamt (2013b): „Bevölkerung und Erwerbstätigkeit: Vorläufige Wanderungsergebnisse im ersten Halbjahr 2013“, Wiesbaden: November 2013.

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