Selbstbestimmung: Nicht verhandelbar. Zum Umgang mit sexualisierter Gewalt

Street-Art in Beirut. Urheber: Sarah Schwahn. All rights reserved.

Wir dürfen die Debattenführung nicht den Rechten überlassen, sondern müssen unabhängig davon Antworten suchen. Diskussion am 17.05. in der Heinrich Böll Stiftung. Ein Highlight: die Intervention der Neuköllner HEROES.

Seit der Silvesternacht in Köln, in der Übergriffe auf Hunderte von Frauen stattfanden, ist der Topos sexualisierter Gewalt nahezu allgegenwärtig. Im Mittelpunkt steht dabei weniger die Frage nach dem Umgang mit Gewalt gegen Frauen oder gar die Frage nach hegemonialen Männerbildern. Vielmehr haben rechte Populisten das Thema an sich gerissen und für die eigene Agenda instrumentalisiert. Der „arabische/muslimische Mann“ ist zur zentralen Figur eines angstbesetzten Diskurses geworden, der in den Übergriffen auf weiße Frauen eine Chiffre für die Überfremdung und Maskulinisierung des öffentlichen Raumes durch Flüchtlinge sieht.

Die Übergriffe gingen fast ausschließlich von jungen Männern mit Migrationshintergrund aus. Diese Kombination befeuert eine Debatte, die seit Spätsommer 2015 – mit der Ankunft großer Flüchtlingszahlen in Deutschland aus dem Nahen und Mittleren Osten – verdeckt und auch offen geführt wurde. Konflikte um sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung schienen da nur eine Frage der Zeit. Dabei mischen sich einerseits Vorurteile gegen Flüchtlinge, Muslime und Araber und andererseits Fragen um Frauenrechte und Geschlechterverhältnisse in den arabischen/muslimischen Communities. Die feministische Aktivistin Joumana Haddad wies jüngst in der ZEIT darauf hin, dass vor allem „maskuline Standards“ und die elterliche Erziehung Jungs zu übergriffigen Machos mache, weswegen hier anzusetzen sei.

Was bei der polarisierten Debatte immer wieder auf der Strecke bleibt, ist eine offene Auseinandersetzung, die nicht nach schnellen und einfachen Antworten sucht, sondern die die sozialpolitischen Verhältnisse in ihrer Komplexität in den Blick nimmt. Es ist wichtig, Analyse und Debattenführung nicht den Rechten und Populist/innen zu überlassen, sondern unabhängig davon Antworten zu suchen.

Diskussion mit:

  • Joumana Haddad, Libanesische Autorin, Dichterin, Feministin. Autorin von "Wie ich Scheherazade tötete", "Superman is an Arab" und "Liliths Wiederkehr". 2014 wurde sie zu den "100 Most Powerful Arab Women" ausgewählt.
  • Yilmaz Atmaca, Schauspieler, Regisseur, Theaterpädagoge und Projektleiter bei "HEROES - gegen Unterdrückung im Namen der Ehre"
  • Christina Clemm, Fachanwältin und Strafverteidigerin von Opfern sexualisierter und rassistisch motivierter Gewalt; Mitglied der Expertenkommission zur Reform des Sexualstrafrecht

Moderation: Katrin Gottschalk, Stellvertretende Chefredakteurin der taz.

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