«Ich möchte nur ein Mensch sein!»

«Ich möchte nur ein Mensch sein!»

Obwohl in Deutschland geboren, wird Aliya Khabaz mit ihrer Familie nach Syrien abgeschoben. Die Aktivistin kehrt jedoch zurück – mit dem Ziel, ihre Identität selbstbestimmt und frei leben zu können. In unserem Dossier "LGBTIQ* und Flucht" berichtet sie von ihren Anstrengungen und Träumen.

Urheber: Jon Tyson. Public Domain.

Ich wurde im Jahre 1990 als letztes Kind in unsere Familie hinein geboren. Wir sind insgesamt 4 Kinder. Die Stadt, in der ich damals geboren wurde, heißt Ahaus und liegt im Nordwesten von Nordrhein-Westfalen. Meine Eltern reisten als Kriegsflüchtlinge aus Syrien im Jahre 1989 nach Deutschland. Damals hatten Sie noch im Libanon gelebt und dort herrschte ein gewaltiger Bürgerkrieg. Meine Familie hatte leider nicht die Möglichkeit gehabt, wieder nach Syrien zu flüchten.

Da meine Eltern meine Geschwister schützen wollten, sind sie mit den anderen Kriegsflüchtlingen nach Europa gereist.  Im Jahre 1990 hatten meine Eltern Asyl in Deutschland beantragt. Im selben Jahr bin ich auf die Welt gekommen. Ich hatte in den ersten 4 Jahren eine schöne Kindheit gehabt. Dass mit mir etwas nicht stimmen sollte, bemerkte ich bereits im Alter von 5 Jahren. Ich habe mich immer wie ein Mädchen verhalten und mich bereits als Kind nie wie ein Junge gefühlt. Ich hatte überwiegend weibliche Freunde und sämtliche Mädchensachen fand ich ziemlich interessant. Ich erinnere mich deutlich an meine Kindheit.

Im Alter von 4 Jahren hatte ich in meinem Zimmer eine Puppensammlung. Dies war für meine Eltern in Ordnung, da sie es immer mit meinem Alter begründeten. Heimlich, als meine Mutter nicht zuhause war, habe ich immer ihre High-Heels getragen und versuchte, mich zu schminken und vor dem Spiegel zu stehen. Ich wollte schon als Kind immer wie meine Mutter aussehen, weil sie damals eine wunderschöne Frau war. Ich kann mich bis heute noch gut erinnern, wie ich immer ihren Schmuck getragen habe. Dies konnte ich nur während ihrer Abwesenheit machen.

Mit zwei Persönlichkeiten leben

Da ich aus einer religiösen Familie stamme, war es sehr schwierig für mich. Schon in meiner Kindheit hatte ich weibliche Züge und ein paar Nachbarn haben mich immer mit meiner Schwester verwechselt und dachten ich wäre ein biologisches Mädchen. Im Alter von 6 Jahren konnte ich mit einer guten Freundin in ihrem Zimmer spielen und wir haben uns immer gegenseitig geschminkt, was ich bis heute noch sehr lustig finde.

Im Nachhinein hatte meine Mutter bereits die ersten Vermutungen, dass ich immer mehr weiblicher werde und dies zu meinem männlichen Körper und Kultur sowie Religion nicht passen würde. Also beschloss sie als Konsequenz, mir die Puppen wegzunehmen und bat mich mehrmals darum, mich wie ein Junge zu verhalten, was für mich als Mädchen sehr schwierig war. Denn als Kind macht man das nicht extra, wenn man sich wie ein Mädchen verhält. Das sind Instinkte, die automatisch auftauchen.

Also musste ich schauspielern und so tun, als wäre ich ein Junge. Denn ich konnte nicht das sein, was ich innerlich verspüre und musste mit zwei Persönlichkeiten leben. Eine traurige Geschichte hat in diesem Lebensabschnitt begonnen. Ich konnte nicht mehr mit Puppen spielen, keine Schminke und Schmuck mehr auftragen. Ich habe immer vor dem Spiegel gestanden und mich gehasst, da ich ein Jungen-Haarschnitt hatte. Diese Gefühle sind echt unvorstellbar und man trägt eine große Last mit sich. Diese Kindheit wünsche ich keinem, da die Qual einfach zu groß und so etwas ist einfach nicht erträglich. Aber Gott sei Dank gab es immer noch meine Freundinnen, die mich als Mädchen behandelten. Dies hat mich immer gefreut und hat meine Persönlichkeit gestärkt.

In der Grundschule wurde ich manchmal gemobbt, weil ich als Freunde nur Mädchen hatte, weil ich mit den Jungs aus meiner Klasse nicht klarkam. Sie wollten Fußball spielen, was ich bis heute noch sehr uninteressant finde und ich wollte mit meinen Schulkameradinnen rumhängen und Mädchen-Spiele spielen. Im Jahre 1998 sind meine Familie und ich nach Essen in NRW umgezogen. In einer Großstadt zu leben finde ich bis heute noch sehr faszinierend. Man hat viele Möglichkeiten, Chancen und vor allem kann man schnell Freunde finden. Man begegnet am Tag vielen Menschen und sieht jeden Tag neue Gesichter.

In einer Großstadt hat man kein Alltagsleben, denn man erlebt immer was Neues. Mit dem Eintritt in die Pubertät stürzte meine Welt zusammen. Ich ekelte mich vor meiner tiefen Stimme, Bartwuchs, Haare am Körper und die Knochen im Gesicht wurden immer breiter, was mich bis heute noch sehr traurig macht. Die weiblichen Züge verschwanden in der Pubertät und mein wahres Ich wurde von meinem männlichen Körper verdrängt. An diese schwierige Zeit kann ich mich bis heute noch erinnern. Je älter man wird, desto schwieriger wird es für Menschen, die in einem falschen Körper geboren wurden.

In der Grundschule begannen die ersten Mobbingzeiten. Doch als ich in die Gesamtschule kam, war das noch schwieriger. Denn ich konnte nicht ich sein. Dennoch zeigte ich deutlich dasVerhalten eines Mädchens. Die Diskriminierung und Stigmatisierung hat in meinem Leben begonnen. In einer heteronormativen Gesellschaft kann man ja schließlich nicht mehr erwarten, was Akzeptanz und Toleranz betrifft. Mit 12 fand ich dann heraus, dass ich Transsexuell bin und das ich echt ein Riesenproblem hatte. Mir wurde klar, was es bedeutet, als Mädchen in einem Jungenkörper aufwachsen zu müssen.

Zu diesem Zeitpunkt musste ich mit meiner Familie nach Syrien zurückkehren, was für mich sehr schwierig war. Dies geschah am 09. September 2002, als die Beamten um 3 Uhr morgens bei uns klingelten. Ich war noch tief am Schlafen. Als mein Bruder die Tür aufmachte, stürmten bereits die ersten Polizeibeamten herein und nahmen meinen Bruder fest. Meine Mutter hat mich aufgeweckt und gesagt, dass wir Besuch haben. Ich habe mich gewundert und gefragt, warum wir Besuch um 3 Uhr morgens haben. Aber als die Beamtin uns aufgefordert hat, die wichtigsten Sachen einzupacken, war mir klar, dass etwas nicht stimmte.

Aufwachen in einer fremden Heimat

Man hat uns behandelt als wären wir Straftäter. Dabei war ich nur 12 Jahre alt. Meine Mutter brach zusammen und sagte: Bitte schiebt uns nicht nach Syrien. An diesem Tag war mir klar, dass wir abgeschoben werden. Nach 12 Jahren Aufenthalt in Deutschland musste ich mich von allen schönen Dingen, Freunde, Schule und dem Leben verabschieden. Ich hätte nie gedacht, dass ich auf einmal in einem fremden Land aufwache. Deutschland ist das Land, wo ich geboren wurde. Ich fühle mich komplett Deutsch und bin mit 2 Sprachen aufgewachsen. Ich hatte immer gedacht, wir wären deutsche und in Deutschland sind unsere Wurzeln.

Doch scheinbar lag ich mit meinen Gedanken falsch. Die Behörden haben damals unseren Asylantrag abgelehnt und uns 12 Jahre in Deutschland geduldet. Jetzt war mir auch klar, warum wir nie außerhalb Deutschlands reisen durften. Denn im Besitz einer Duldung kann man nirgendwo reisen und diese Duldung wird alle drei Monate verlängert.

Ich stand vor dem Fenster unseres Wohnzimmers und habe geweint und mich gefragt, ob ich Deutschland nie mehr wiedersehen kann. Wenn ich heute noch darüber nachdenke und mich an dieser Zeit erinnern muss, fließen mir nur einfach die Tränen. Ich war einfach ein Mensch, der seine Ziele verfolgen möchte. Oberstes Ziel war es, als Mädchen weiterzuleben und die Akzeptanz meiner Eltern zu erlangen. Ich wusste nicht, dass meine Eltern kein Bleiberecht in Deutschland haben. Aber was kann ich dafür. Wieso müssen die Kinder das alles miterleben. Warum kann man nicht ein würdiges Leben haben?

Nun hatten mich die Begleiter der Beamten zum Transporter gebracht und die restlichen Beamten trugen die Kartons, in denen sich meine Sachen befanden. Wir wurden anschließend zum Flughafen in Düsseldorf gebracht und vorübergehend dort eingesperrt. Das hat sich echt bitter und hart angefühlt, denn als Kind habe ich dort nichts zu suchen.

Ein paar Stunden später kam der Flieger und wir reisten nach Syrien, in die Hauptstadt namens Damaskus. In eine Heimat zurückzukehren, die ich gar nicht als Heimat empfunden habe. Das war für mich alles fremd, die Atmosphäre, die Menschen, die Natur, die Infrastruktur – einfach alles. Als wir eintrafen, übergaben uns die Beamten an den Syrischen Sicherheitsdienst am Flughafen. Dort gerieten meine Eltern in ein Verhör der syrischen Beamten. Dies hat wiederum einige Stunden gedauert, bis sie freigelassen wurden.

Wir sind dann anschließend mit einem Reisebus nach Aleppo gefahren. Eine Stadt im Norden. Denn das war die Heimatstadt meiner Eltern. Ich musste dort eine andere Sprache lernen, mich anpassen, was für Trans-Menschen in einer arabischen Stadt sowieso schwierig ist, und wurde gezwungen, dort zu leben. Ich musste meine Familie durch Arbeit unterstützen. Für mich war das die Hölle, weil ich immer so tun musste und mich verhalten, als wäre ich ein Junge.

Eine Zeit der Stigmatisierungen und Anfeindungen

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ganz andere Sorgen als meine Familie. Mein Bartwuchs wurde stärker, meine Stimme war sehr rau und die Körperbehaarung hat zugenommen. Zu diesem Zeitpunkt konnten alle sehen, dass ich als Junge wahrgenommen werde. Dennoch habe ich mich wie ein Mädchen bewegt, weil ich es anders gar nicht konnte. Ich wurde mehrmals geschlagen, weil ich mich immer wie ein Mädchen vor den Familienangehörigen verhalten habe. Ich hatte es ja damals nicht extra gemacht und mich wie ein Mädchen verhalten.

Auch meine Cousins haben mich nicht richtig als Mann wahrgenommen und haben mich wegen meines Verhaltens immer schikaniert und sich lustig gemacht. Wenn es um Einladungen ging, durfte ich nie mitgehen, weil meine Familie sich schämte, wenn ich mich vor den Familienangehörigen wie ein Mädchen verhalte. Also blieb ich den ganzen Tag zuhause und habe dann die Chance genutzt, das zu sein, was ich nie sein durfte. Einfach als Mädchen gelebt. In der Jungs-Schule fiel ich ebenfalls auf, und wurde ständig gemobbt und stigmatisiert und war in deren Augen eine „kranke Tunte“.

Diese arabische Gesamtschule war nur für Jungen. Die meisten aus meiner Klasse haben sich nicht mit mir angefreundet, weil ich für sie sehr weiblich war. Ich wurde ständig diskriminiert und wurde auch sexuell belästigt. Die ersten Suizidgedanken kamen im Jahr 2005, als ich 15 Jahre alt war. Ich war damals nie glücklich und habe mich gefragt, weshalb ich noch in so einer Welt leben soll?

Sogar in Gesprächen mit den Schulkameraden habe ich nie über Mädchen geredet oder über Fahrräder, Autos und Fußball oder Themen, die für andere Jungs sehr interessant waren. Es gab auch Lehrer, die mich wegen meines weiblichen Verhaltens angesprochen haben. Die hatten mich immer gefragt, ob meine Familie mit meinem Verhalten klarkam. Ich konnte niemandem sagen, was in meinem Kopf war, und was ich wirklich bin.

Insgeheim wusste ich jedoch, dass ich Trans bin und da ich niemanden hatte, mit dem ich darüber reden konnte, wurde ich depressiv. Ich war ständig frustriert und traurig. Sogar die Selbstmordgedanken hatte ich aufgrund meiner Depressionen ständig. Am Sportunterricht habe ich nie teilgenommen, weil das schwierig für mich war, mich als einziges Mädchen in einer Männerkabine umzuziehen. Stattdessen musste ich zusehen, wie die anderen mit Spaß am Unterricht teilgenommen haben. Als Note bekam ich natürlich immer eine 6 (ungenügend).

Daraufhin hatte ich den Wunsch geäußert, mich mit einem Psychologen zu treffen, der sich mit Transmenschen auseinandergesetzt hat. Leider wurde ich nie fündig. Da ich versucht habe, mich an Gott zu nähern (damals war ich religiös) und ihn um Hilfe bat, war leider alles erfolglos. Da ich immer eine Frau sein wollte, habe ich das alles unterdrückt und habe es gleichzeitig auf die Pubertät geschoben. Aber weder Religion noch Psychologen konnten mir in der damaligen schwierigen Situation helfen.

Alles hat mich frustriert, so sehr, dass ich ständig böse auf mich war und mich jedes Mal gefragt habe: Warum ausgerechnet bin ich in der Familie in einem falschen Körper geboren. Diese Qual und das Leid und die innerlichen Schmerzen und Unruhen führten mich zu Depressionen und ich hatte ständige Kopfschmerzen durch das viele Weinen.

Letztendlich habe ich mich dort doch integriert, aber was in meinen vier Wänden geschah, weiß nur ich und der liebe Gott. Ich habe immer die Möglichkeit gehabt, wenn meine komplette Familie abwesend war, mich wie ein Mädchen zu verhalten und zu schminken. Und habe mich oft als Mädchen verkleidet. Im Internet fing ich an, mich zu informieren. Und erst dann war mir klar, dass gar nicht ich das Problem, sondern die Gesellschaft, die einfach unfähig war, andere Menschen oder (Vielfalt) zu akzeptieren oder gar zu respektieren.

Die ersten Gedanken kamen schließlich mit 18 Jahren, dass ich in Syrien kaum eine Chance habe, dort weiter zu leben. Es begann eine glückliche Zeit, weil ich schon 18 Jahre alt geworden war und wieder in meine wirkliche Heimat Deutschland zurückkehren durfte, weil ich entscheiden durfte, wo ich mein Leben fortsetzen möchte. Natürlich hatte ich das Ziel gehabt, wieder in meine wirkliche Heimat zurückzukehren und habe 7 Jahre lang mein Geld gespart, bis ich die Reise nach Deutschland finanzieren konnte. Ich musste nach meiner Schule täglich arbeiten, um dort meine Familie zu unterstützen und selbstverständlich habe ich auch das Geld für mich gespart.

Für meine Familie war das sehr bedauerlich. Sie wussten auch ungefähr, weshalb ich Syrien verlassen wollte. Sie wollten nie darüber sprechen und wollten es auch nicht wahrnehmen, aber ich möchte meinem Glück nicht im Weg stehen und beschloss, zurückzukehren. Ich sah in Syrien keine Perspektiven, keine Zukunft und keine Hoffnung, dort als Frau weiter zu leben. Ich hatte im Prinzip keine Chance, als Frau in Syrien zu leben und als Mann konnte ich es auch nicht. Ich war und bin kein Mann. Punkt. Mein traumhaftes Leben kann in Deutschland endlich beginnen.

Ich bin in Deutschland angekommen und das wird auch so bleiben

Am 21.07.2009 kam ich nach Deutschland zurück und musste wie gewohnt alles selbst auf die Reihe kriegen. Die Flucht begann aus der Türkei mit einem Lastwagen quer durch Europa, bis wir irgendwann mal in Deutschland ankamen. Diese Zeit war auch sehr schwierig, denn ich musste mich mit anderen Männern aus unterschiedlichen Ländern zusammenquetschen, da im Lastwagen echt sehr wenig Platz war.

Wir durften während der Reise wenig essen und trinken, weil wir sonst jedes Mal hätten anhalten müssen, um die Notdurft zu erledigen. Für mich spielte das keine Rolle. Ich habe alles hinter mir gelassen. Ich hatte in Syrien keine Freunde, die mich unterstützt haben. Also habe ich meine Rückkehr nie bereut. In Deutschland kam ich erst einmal nach Legden, ein kleines Dorf in Wesmünsterland. Als ich mich der Ausländerbehörde übergab, sperrten sie mich mit 19 Jahren wie damals erneut ein.

Den Namen der Mitarbeiterin der Ausländerbehörde werde ich nie vergessen. Sie sperrte mich ein und hat mit Hilfe eines Richters, dessen Namen ich ebenfalls nicht vergessen werde, die Anordnung für eine Abschiebehaft organisiert. Zuerst dachte ich, dass es so in Deutschland geregelt ist, wenn Ausländer illegal nach Deutschland einreisen. Aber da lag ich wiederum falsch. Sie wollten mich aus Deutschland wieder abschieben. Ich hatte jahrelang gekämpft, gespart und das Ziel gehabt, wieder in meine Heimat Deutschland zurückzukehren und dann soll wieder mein Ziel wie eine Seifenblase platzen?

Als ich in Abschiebehaft eintraf, wollte ich erneut Asyl beantragen. Für mich war die Haft halb so schlimm, weil ich in Syrien 7 Jahre lang in Haft war. Ich konnte aus Aleppo nie raus, weil die syrischen Behörden uns ein Ausreiseverbot erteilt haben. Daher war die Haft für mich halb so schlimm. Dennoch wurde ich wieder unschuldig eingesperrt.

Manchmal frage ich mich, was ich in meinem Leben falsch gemacht habe, dass ich ständig eingesperrt werde. Dabei will ich doch ein ganz normales Leben führen, wie alle anderen Menschen auch. Als ich die Anhörung in Haft hatte, wurde ich 2 Monate später entlassen, da mein Asylfolgeverfahren durchgeführt werden sollte. Die Ausländerbehörde Kreis Borken hat mich dennoch nicht freigelassen und wollte mich schleunigst abschieben. Ich habe ehrlichgesagt nie mitgewirkt, was die Passbeschaffung angeht.

Ich bin in Deutschland angekommen und das wird auch so bleiben. Lieber würde ich mein Leben lang im Knast verbringen, als nach Syrien abgeschoben zu werden. Nach insgesamt 100 Tagen wurde ich aus der Abschiebehaft endlich freigelassen. Ich habe mich danach wieder zurückgefunden und habe ein neues Leben begonnen. Ich habe angefangen, Frauenkleider zu kaufen. Ich wollte meinen Traum leben und in Erfüllung gehen lassen.

Da ich von der Zeit in Syrien so abgeschreckt war, konnte ich meine wahre Identität nicht in der Öffentlichkeit ausleben. Wenn man auf dem Land lebt, kennt jeder jeden und möchte daher nicht das Hauptthema des Dorfes sein. Also habe ich mich in meiner ersten Wohnung frei gefühlt und das gemacht und getan, was ich nie machen durfte: und zwar eine Frau zu sein. Ich habe im Jahre 2010 mein Aufenthaltsrecht in Deutschland erhalten und durfte doch hier bleiben. Ich habe wieder angefangen, die Schule zu besuchen und habe mich solange hochgearbeitet, bis ich mein Abiturzeugnis in der Hand hatte.

Von der 9. Klasse bis zum Abitur. Zu dieser Zeit lebte ich als Frau in meinen 4 Wänden. Ich habe Kontakt zur Aids-Hilfe Westmünsterland aufgenommen. Dort wurde ich beraten und unterstützt und mir wurde die Empfehlung ausgesprochen, nach Köln umzuziehen, weil Köln eine sehr offene Stadt für LSBTI-Menschen ist. Dies habe ich am 01. August 2014 auch getan und bin nach Köln umgezogen. Dort wurde ich immer selbstbewusster, offener, lockerer und habe das Leben mit anderen Augen wiedergesehen.

Eine Minderheit innerhalb der Minderheit

Während dieser Zeit war ich tagsüber ein verkleideter Mann und abends in der Öffentlichkeit eine Frau. Die Blicke der Menschen haben mich dennoch immer aufgefressen, als wäre ich ein Alien von einem anderen Planeten. Dabei will ich doch nur als Mensch akzeptiert werden. Auch in den Discos und Kneipen in der Schaafenstraße in Köln hatte ich Frauenkleider und Perücke an. In der LGBTIQ-Szene ist es genauso. Da werden LGBTIQ-Flüchtlinge oft diskriminiert und gerade Transmenschen. Somit war ich eine Minderheit in der Minderheit.

Auf der Wohnungssuche in Köln wurde ich aufgrund meines Aussehens und Herkunft ebenfalls diskriminiert und die Wohngesellschaft hat deutsche Staatsangehörige als Mieter bevorzugt. Diese Momente sind echt nur ein Teil meines Lebens. Diskriminierung und Mobbing sind für mich Alltag geworden. Zu dieser Zeit habe ich mir ständig Video-Tutorials auf YouTube angeguckt, wie ich mich am besten schminken kann und meinen Bart durch Make-Up verdecken kann.

Leider immer wieder erfolglos, weil meine Barthaare im Gesicht so dicht und sehr stark wachsen. Nun beginnt ein weiteres Leiden in meinem Leben. Denn es ist eine Qual, als Frau mit einem männlichen Bart zu leben. Ich habe zu mehreren Institutionen für LSBTI-Menschen Kontakt aufgenommen und mir wurde geraten, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, mich zu outen und mit der Angleichung sprich Transition anzufangen. Nach mehreren Gesprächen mit Fachpersonen und Therapeuten wurde festgestellt, dass es sich bei mir um Transexualität handelt. Am 11. Mai 2017 kam ich zum Entschluss, mich vor allen zu outen.

Die Kraft und die Energie sowie den Mut  hatte ich schon lange, mir war aber nicht klar, wann der richtige Zeitpunkt für mich ist. Daher entschloss ich mich, an meinem 27-jährigen Geburtstag vor meinem Freundeskreis, Familie und Uni zu outen. Ich muss ehrlich sein, leicht war das nicht, aber es gab mir das Gefühl, dass ein Stein aus meinem Herzen gefallen ist. Somit war ich komplett frei von Ängsten, habe mich selber gestärkt und bin jetzt authentischer. Ich brauche mich gar nicht mehr verstecken. Eigentlich sollte ein Coming-out eine Selbstverständlichkeit sein, aber leider ist es schwierig in unserer Gesellschaft.

Manchmal frage ich mich, warum sich Hetero-Menschen sich nicht outen, wieso müssen das immer die LSBTI-Menschen tun? Ich habe das Glück, dass alle aus meiner Familie mich akzeptiert haben und gesagt, dass ich alleine entscheiden kann, wie ich mein Leben ohne Sorgen gestalten will. All meine Freunde haben mich ebenfalls akzeptiert und mich unterstützt. Seitdem lebe ich Zuhause als auch in der Öffentlichkeit als Frau. Vorher habe ich Perücken getragen.

Heute sind meine Haare gewachsen und ich brauche die Perücke nicht mehr. Leider fehlen mir noch viele Haare am Kopf, weil ich seit 7 Jahren einen starken Haarausfall hatte. Grund dafür sind die männlichen Hormone, die mein Körper produziert. Ich habe die alten männlichen Sachen und Klamotten entsorgt und durch Frauenkleider ersetzt. Jetzt begann eine neue Stufe in meinem Leben. Ich komme meinem Traum immer näher: das Leben einer Frau in Deutschland. Seit Mai 2017 entschied ich endgültig, als Frau auch tagsüber weiterleben zu wollen und habe mir meinen Psychologen ausgesucht.

Ich habe den Termin im September bekommen und befand mich schließlich in einer psychotherapeutischen Behandlung. Die Indikation zur Hormon-Behandlung habe ich im November 2017 erhalten. Seit November nehme ich die Östrogene und die Testosteronblocker-Hormone Androcur. Ich kleide mich jetzt jeden Tag wie eine Frau, Ohrlöcher habe ich auch gemacht und viel Schminke gekauft. Ich trage mittlerweile auch Schmuck und alles, was eine Frau so gerne tragen würde. Denn schließlich bin ich ja eine Frau, aber befinde mich in einem Optimierungsprozess des männlichen Körpers.

Am Anfang war es schwierig für mich, mich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Aber mittlerweile bin ich es gewohnt, denn so viel Erwartungen von den mitlebenden Menschen und in der Gesellschaft habe ich nicht. Denn ich erwarte auch nicht von anderen Menschen wie sie aussehen sollen, müssen oder können. Ich will mein Leben als Frau leben und hoffe, dass andere Menschen, die mit mir in Kontakt sind, mich verstehen können. Ich bin bis auf meinem Bart und Kopfhaare froh über mein Aussehen und deswegen auch selbstbewusster. Seit Januar 2018 gehe ich auch in Cis-Clubs (von heterosexuellen Menschen besuchte Clubs).

Damals habe ich mich nicht getraut, weil ich mit meinem Aussehen gar nicht zufrieden war. Aber jetzt ganz normal als Frau. Ich finde es auch fabelhaft, dass die Männer und Frauen mich auch als Frau wahrnehmen. Leider gucken und verstehen viele Leute am Tag immer noch, dass ich als Mann in Frauenkleidern rumlaufe. Grund dafür ist mein Bart, der mein wahres ich sehr zerstört.  Dies macht mich sehr traurig und depressiv. Ich will unbedingt die Haare in meinem Gesicht entfernen lassen (Epilation oder Laser). Obwohl ich mich über mein Aussehen sehr freue, machen mich die Haare im Gesicht sehr fertig. Jeden Tag das Gesicht rasieren und am Abend sind die wieder nachgewachsen. Das ist seelisch nicht auszuhalten, eine Frau mit Bart.

Nach der Personenstandsänderung werde ich die geschlechtsangleichende OP durchführen lassen. Darauf freue ich mich am meisten. Denn die Genderdysphorie liegt bei mir seit Kindheit vor. Ich habe mein männliches Geschlechtsorgan nie gemocht, auch nicht im Geschlechtsverkehr genutzt. Nach der Kostenübernahme seitens der Krankenkasse, möchte ich eine Beratung mit einem Doktor in Essen vereinbaren, damit er mich aufklärt, wie so eine OP stattfindet. Schon seit meiner Kindheit war es immer ein Traum für mich, meinen Körper und meine Seele zu vereinen, damit ich als stolze Frau weiterleben kann. Um dieses Ziel zu erreichen werde ich mein Bestes geben. Denn ich komme meinem Ziel immer näher, dank eurer Hilfe. Ich will ein normales und würdiges Leben führen mit einem Partner und vielleicht auch später Kinder adoptieren.

Ich will einfach nur ein Mensch sein.

Gelsenkirchen, den 06.06.2018

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