"Eine Geschichte der Gastarbeit in Osthessen oder Der Lase als Türke" - Leseprobe von Jamal Tuschick

"Eine Geschichte der Gastarbeit in Osthessen oder Der Lase als Türke" - Leseprobe von Jamal Tuschick

Der auf einem osthessischen Knick in einer Enge zwischen Thüringen und Franken ansässige Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile – allgemein bekannt als „der Kasten“. Er nennt alle Flüchtlinge, „denn“, so Amiran, „kein Mensch verlässt freiwillig seine Heimat“. Amirans Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die religiösen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern, die sich in denselben Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus einer Provinz. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Amiran ist landauf landab der Türke, der es geschafft hat.

Ja, ich bin der Türke, der es geschafft hat. Aber meine Ex-Frau spielt auf dem Klavier meiner Verpflichtungen das Lied vom Tod der Fabrik. Ich habe Marion das Blaue vom Himmel versprochen, sie aus ihren Verhältnissen gelockt, zur Erfüllung meiner Sehnsüchte herangezogen, drei Kinder mit ihr in die Welt gesetzt und sie schließlich doch ersetzbar gefunden.  Nach der Scheidung wurden mir die Instrumente gezeigt. Ein Notar brachte die Eisen zum Glühen. Der Experte verkündete, dass fortan von jedem Euro aus dem Kasten fünfzig Cent Marion gehörten.

Ich bleibe beim Korkausschuss stehen. Auf dem Gaumen der Erinnerung riecht der Abfall nach ofenfrischen Brötchen und Kindheit – und im Gedächtnis riecht er nach Kampf und Auferstehung. Ich greife ausladend wie mit einer Schaufel in die Reste und führe mir eine Handvoll unter die Nase und vor Augen, in einem rituellen Vorgang. Der Ausschuss entsteht als Verbindung von Kork und knusprigem Kunststoff, man erkennt die ausgeschnittenen Einlageformen. Die Angüsse ragen auf. Ich versäume die Probe an keinem Tag, der Griff in den Kork ist eine Geste der sich verneigenden Demut vor den Geistern der Vergangenheit, die im Maschinenraum eingeschlossen sind – gekettet an die Produktion von Schuhbodenteilen und vollwaschbaren Einlagen. Das sind Nachkommen der Holzabsätze und Spannhülsen, emporgestiegen aus den ästhetischen Niederungen der Gebrauchsgegenstände hin zum optisch einladenden Design.

Ich beobachte einen Akt der Völkerverständigung. Der Nigerianer Jens begrüßt den Russen Michael mit Gesten in einer komplexen Abfolge, die er sich ausgedacht haben könnte, um besonders exotisch rüberzukommen. Ich bin mit allen im Betrieb per du, nur Jens verweigert die Zwanglosigkeit. Er erwartet von mir Regelungen seiner privaten Angelegenheiten. Er trägt Forderungen als Wünsche vor, die kein Nein vertragen. Ich habe Jens schon schwer enttäuscht.

Michael war in der Sowjetunion mit titanischen Bauvorhaben befasst. Als Ingenieur und Spezialist für Katastrophenmanagement gab er sechzig Leuten Anweisungen. Jetzt erschöpft sich seine Führungsaufgabe im Verhältnis zu einer Maschine, die er beherrscht wie kein zweiter. Ich beschäftige Michael seit fünfzehn Jahren mit gleichbleibender Hochachtung. Kündigt sich bei ihm eine Erkältung an, legt er sie aufs Wochenende.  

Ich beschäftige sieben neue Flüchtlinge, die Syrerin Alima und den Syrer Fady, den Iraker Massud, die Nigerianer Jens und Kio. Die Ukrainer Yaroslav und Oleksander verstehen sich gut mit den siebzig Russlanddeutschen und anderen Zuwanderern aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion im Betrieb.  Zu den Alt-Flüchtlingen zählt der Südvietnamese Gan. Er gelangte als Schiffsbrüchiger vor Malaysia erst an Bord des Hospitalschiffs Helgoland und dann in das Grenzdurchgangslager Friedland.

Gerade lief mir Alima über den Weg. Sie hat in Syrien in einer Agentur für Animationsfilme gearbeitet. Sie findet es lächerlich, dass ich so wenig über das Herkunftsland meiner Eltern weiß. Ich kenne die Türkei nur aus der Handtuchperspektive. Meine Ansichten bleiben touristisch, auch wenn es verwandtschaftlichen Austausch gibt, und wir in Deutschland zu Türken geworden sind, während unsere Vorfahren auf ihre georgische Andersartigkeit Wert gelegt haben, soweit man als armer Mensch überhaupt auf irgendetwas Wert legen kann. Alima ging auf eine Klosterschule, obwohl sie Muslima ist. Während die konfessionell anders gebundenen Kinder Jesusbilder anfertigten, malte sie vor sich hin. Sie lebte in einem Haus mit Garten und Pool – und in der Obhut einer Großmutter, die den Koran in jeder freien Minute konsultierte. Auch Alima wurde des Betens nicht müde, wollte sie doch mit Fürbitten ihre christliche Schulleiterin vor der Hölle bewahren. Alima erzählt manchmal von dem Glück der Normalität vor ihrer Entwurzelung. Bis auf Großeltern, die noch in Damaskus leben, ist die Familie in der Welt verstreut.

Die Flüchtlinge erzwingen einen Verwaltungsaufwand, der das Niveau eines normalen Mitarbeiterdurchlaufs weit übersteigt. Die Leute kosten Zeit und Nerven. Sie setzen einen dem Risiko aus, viel mehr falsch zu machen als normalerweise. Sie unterliegen einer staatlichen Kontrolle, die unternehmerische Mittelstandbelange so ignoriert wie eine Diktatur die Bürgerrechte. Wenn sie an einem Dienstag im Regierungspräsidium erscheinen müssen, interessiert dort keinen meine Produktion. Niemand kommt einem dämlicher als ein Sachbearbeiter, der nur damit beschäftigt ist, die Wirtschaft lahmzulegen. Siebenundneunzig Flüchtlinge leben in Finkenherd, dezentral untergebracht zur Vermeidung eines Ghettos. Ehrenamtliche Paten machen die Flüchtlinge mit den örtlichen Gepflogenheiten vertraut. Da zeigt es sich wieder, das Vorausschauende in der Nächstenliebe, die Angst vor der Parallelgesellschaft.

Ich sehe Lana rauchend vor einem Bau, der dem Schuppen gewichen ist, in dem die ersten Gastarbeiter und so auch mein Großvater, der alte Lase, in einem mit Sperrholzwänden und Paravents parzellierten Lager bis zum Nachzug ihrer Frauen und Kinder hausten. Die Jahrzehnte überbelegte Notunterkunft war ursprünglich ein Vorraum der Halle gewesen, in der Anton Schlosser 1952 mit den Tagelöhnern und Taugenichtsen der Gegend angefangen hatte, Holzabsätze zu produzieren.

An den örtlichen Gepflogenheiten vorbei, gab Schlosser den Ärmsten und Ärgsten eine Perspektive. Ich erinnere mich an lemurenhafte Erscheinungen, an Männer mit verbrannten Gesichtern. Das waren die mit den Wolfrachen und Hasenscharten. Zoomorphismen grassierten zum Zweck der Herabsetzung in einem Glaubenskrieg. Die Gezeichneten waren evangelisch in der katholischsten Ecke Hessens. Sie hatten eine abenteuerliche Migrationsgeschichte, mit Höhepunkten auf dem Balkan zu Zeiten der Habsburger Herrschaft, also auch da als eine religiös verfemte Minderheit, die während des I. Weltkriegs ins Wilhelminische Reich zurückgeschlagen worden war. Die Nachkommen dieser Balkanschwaben verschwanden aus meinem Leben im Zuge eines allgemeinen Aufschwungs. Manchmal frage ich mich, wo sie damals gelandet sind. Sie werden kaum alle rechtzeitig gestorben sein.  Heute liegt der Kasten im Gewerbegebiet von Finkenherd, aber als Großvater aus einem Dorf am Schwarzen Meer ins Grenzland kam, stand die Fabrik wie ein Aussiedlerhof auf einer struppigen Wiese, die an landwirtschaftlich genutzten Flächen grenzte.

Auf Türkisch heißt das Schwarze Meer Karadeniz. Schlosser arbeitete den Pirmasenser Magnaten Neuffer, Rheinberger, Semler und Kaiser zu. Holz war ein preiswerter Rohstoff. Aus den Wäldern geschlagene Eichen wurden geflößt. Flößer gingen weit und breit der gefährlichsten Beschäftigung nach. Opfer von Berufsunfällen fielen im Heer der Kriegsversehrten nicht auf.

Geboren in Fulda und aufgewachsen in Finkenherd, war ich der erste Türke im 1. TCF wie Tennis Club Finkenherd. Ich habe nicht Fußball gespielt und nicht geboxt oder gerungen oder was Asiatisches gemacht so wie die anderen Türken, sondern ich bin in der Konsequenz einer strategischen Entscheidung und nach Absprache mit meinem Bruder Levan standesgemäß TCF-Mitglied geworden. Außer unserem Vater begriff die Clubmitgliedschaft kein Mensch als Hobby. Tennis setzt wirtschaftliches Handeln mit anderen Mitteln fort. Die richtigen Leute treffen sich im Club und verbesserten ihre Skills auf dem Platz. Tennis gehört in Finkenherd zu einer mittelständigen Existenz, genauso wie privater Musikunterricht für den Nachwuchs der Einwanderer aus den GUS-Staaten, die gern mit Russlanddeutschen verwechselt werden.

Ich muss über meinen Vater reden, er erscheint mir ständig im Traum, obwohl er noch lebt und wohlauf ist. In einem engen zeitlichen Rahmen spielte er als Heranwachsender da mit, wo die Söhne der Gastarbeiter im ländlichen Raum vorkamen, im Eiscafé, am Billardtisch, auf dem Fußballplatz und auf der Ringermatte. Auch ein Parkplatz war wichtig als sonntäglicher Treffpunkt. Nachts goss mein Vater Aluminiumformen. So versicherte er sich gegen eine instabile Stromversorgung, die tagsüber drohte. Die Trafostation am Ende des Asphaltstreifens, der als Anliegerstraße zur Fabrik und sonst lange nirgendwo hinführte, war ein zentraler Schwachpunkt. Stets bot sie sich dazu an, der nächsten Katastrophe den Weg zu ebnen. Stromausfall war die Höchststrafe. Die Station stand in einer Fertiggarage und war modellhaft für das, was in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Neubaugebieten bildbestimmend wurde.

Ich sah in dem bescheidenen Hochofen eine Bußstelle sich selbst Geißelnder. Das war ein Ort, um im Schweiß des Angesichts mit seinem Schöpfer zu hadern. Ich erlebte in der Gießerei Andachten des Hasses und der Selbstverleugnung.

Das fast wahnsinnige Sprechen des Vaters, wenn wir unter einem solchen Termindruck standen, dass mir zumute war, als platzten gleich meine Lungen.  

Im Todesjahr seines Vaters zog mein Vater den ersten Kontrakt mit einer polnischen Devisenbeschaffungsgesellschaft an Land, die sich in Düsseldorf eine feudal eingerichtete Filiale auf zwei Stockwerken leistete und alle sechs Monate das für den Kasten jahrelang wichtigste Abkommen neu verhandelte. Vater reiste allein nach Düsseldorf und erwehrte sich der Wodkaattacken mit Trinkfestigkeit. Der sonst komplett Abstinente trank die Polen unter den Tisch. Er hat mir sein Geheimnis nie verraten. Morgens um vier zeigte er sich noch unterschriftsfähig. Das ist verbürgt.

Deshalb durften wir lange vor meiner Zeit einen Betrieb in der Oberschlesischen Industrieregion mit thermoplastischem Kautschuk beliefern, der dem Kriegswaffenkontrollgesetz unterworfen war. Die Sache war so heikel, dass der Ausschuss versiegelt zurück in den Westen geschafft werden musste. Unser Partnerbetrieb hatte die Ausmaße einer Stadt. Seine Versorgungszentren wurden während der Arbeitszeiten genutzt, bis 1992 sechsunddreißigtausend Mitarbeiter auf einen Schlag entlassen wurden. Wir lieferten noch Material in ein Katastrophengebiet, als es da schon keinen Mann mehr zum Einlagern gab. Der Kautschuk wurde abgekippt und verrottete auf einem stillgelegten Werksgelände.

In einer Phase des allgemeinen Verendens starteten Metro und Aldi einen Unterbietungswettbewerb und schlugen den Fachhandel nach den Regeln der Discounter. Sie schufen neue Gleichungen. Für das Geld passt der Schuh. Für das Geld hat der Schuh lange genug gehalten. Diese Neujustierungen der Konsumentenskalen griffen die Lebenszeit des Schuhs an. Sie machten ihn zur verderblichen Ware und zum Modeartikel. Vater erlebte einen Markt in Agonie. Seine Ostblockpartner gingen reihenweise in die Insolvenz. Die planwirtschaftliche Vollbeschäftigung funktionierte von jetzt auf gleich nicht mehr.   

Im Nachgang bewältigten zweiundeinhalbtausend Leute im Pfälzer Wald das Pensum der sechsunddreißigtausend polnischen Kollektivisten. Keiner ging in seiner Arbeitszeit zum Friseur oder ließ sich auf Betriebskosten die Nägel machen oder umging die Engpässe einer Mangelwirtschaft im betriebseigenen Supermarkt.

Der Fleiß nutzte nichts. Die Pfälzer verloren ihre Arbeitsplätze an Inder und Chinesen. Vor allem in Indien definierte man billig neu nach Grundsätzen von Sklavenhaltergesellschaften mit Kinder- und Heimarbeit ohne Arbeitsschutz und Sozialkosten. Ein Branchenriese bot mir die Verlegung von Mainschuh nach Tamil Nadu an. Jede Menge europäische Markenhersteller lassen in dem indischen Bundesstaat produzieren.

 Unveröffentlichtes Manuskript von Jamal Tuschick.

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