Sichtbar werden – Schwarze Lebensrealitäten und Initiativen in Ostdeutschland

Kommentar

Schwarz und ostdeutsch: Für Laura Schrader bedeutet das eine Geschichte zu haben, die es offiziell in der DDR nicht geben durfte. Um Geschichten wie ihre sichtbar zu machen, gründete sie 2017 mit anderen BIPoCs die "(un) Sichtbar – BIPoC Initiative". Warum die Forderung nach mehr Sichtbarkeit ein zentrales Element Schwarzen Engagements ist, beschreibt sie in ihrem Beitrag.

Vier Personen sitzen auf einer Bühne bei einer Podiumsdiskussion zum Thema  "Ostdeutsch-Plus: Die DDR-Migrationsgesellschaft seit dem Fall der Mauer", im Vordergrund ist Publikum zu sehen
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Diskussion zum Thema "Ostdeutsch-Plus: Die DDR-Migrationsgesellschaft seit dem Fall der Mauer" anlässlich 30 Jahre Mauerfall, 2019

Die Lebensrealitäten und das Engagement Schwarzer, afrikanischer und afro-diasporischer Menschen in Ostdeutschland sind vielfältig und umfassen zum Beispiel Themen wie Rassismus und Feminismus. Für mich beschränkt sich das Engagement aber nicht nur auf Schwarze Personen, die in die ehemalige DDR oder Ostdeutschland migriert bzw. dort geboren und/oder aufgewachsen sind oder weitere biografische Bezüge dorthin haben. Vielmehr soll es darum gehen aufzuzeigen, wer sich wie engagiert und welche Handlungsräume sich hier eröffnen. Auch um der einseitigen, westdeutsch-weiß gefärbten Erzählung über den Osten eigene Perspektiven entgegenzustellen: Empowerment, Widerstand und Selbstorganisation.

Noch immer gibt es über „den Osten“ Vorurteile sowohl von weißen Menschen als auch von Black, Indigenous und People of Color (kurz: BIPoC). In den Erzählungen über diese Region dominieren vor allem die Themen Rassismus, Rechtsextremismus, mangelndes Demokratieverständnis und Armut. Ein Bild, das sich seit Jahrzehnten sehr hartnäckig hält, oft bestätigt wird und dennoch zu einseitig ist. Rassismuserfahrene Personen meiden ostdeutsche Städte oder auch Viertel Berlins, weil sie dort rassistische oder auch queerfeindliche Übergriffe erlebt haben und weitere fürchten.1 Auch ich teile als Schwarze Frau manchmal diese Sorge und fühle mich in bestimmten Gegenden unsicher. Dennoch ist für mich klar: In weiten Teilen Westdeutschlands ist es ebenfalls nicht sicher für BIPoC unterschiedlicher Positionierungen. Rassismus ist ein gesamtdeutsches Problem. Schwierig ist, wenn BIPoC den Osten grundsätzlich meiden und wir die Chance verpassen, einander kennenzulernen und Verständnis für unsere Leben und Arbeiten zu bekommen. 

Weiße, westdeutsch geprägte Menschen haben oft einen defizitären Blick auf den Osten und verbinden diese Region mit Rechtsextremismus, ohne rechte Strukturen in Westdeutschland (die es schon vor der [Wieder-]Vereinigung gab) zu benennen. Überrascht sind dennoch sehr viele Menschen, wenn sie erfahren, dass es Schwarze Personen im Osten gibt und das schon sehr lange. So lehrte der Schwarze ghanaische Wissenschaftler Anton Wilhelm Amo im 18. Jahrhundert an Universitäten in Halle (Saale), Jena und Wittenberg. Seit mehr als 400 Jahren gibt es Schwarzes Leben im deutschsprachigen Raum.2 Eine Realität, die der homogenen, weißen Vorstellung von Deutschland gegenübersteht.

Migration in die ehemalige DDR

Um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Motivationen und Besonderheiten des Engagements Schwarzer Menschen von heute verstehen und einordnen zu können, möchte ich einen Schritt zurück in die Vergangenheit gehen. Denn ein Teil derjenigen, die sich heute engagieren, haben biografische Bezüge zur ehemaligen DDR. Viele Schwarze Menschen, die ich in den letzten Jahren im ostdeutschen Kontext kennenlernte, haben ein Schwarzes, afrikanisches oder afro-diasporisches Elternteil, das in die DDR migrierte. Die Hintergründe dieser Migrationsbewegungen sind vielfältig: sie kamen als Vertragsarbeitende, als Studierende oder suchten politisches Asyl.

Eine Grundlage für die Migration war das Abkommen „Verträge über die Entsendung von Arbeitskräften zur Ausbildung und Beschäftigung in der DDR“.3 Damit lebten und arbeiteten ab den 1960er Jahren Werktätige aus Polen, Algerien, Kuba, Mosambik, Vietnam, Mongolei, China und Angola in der DDR. Darüber hinaus kamen viele Menschen aus der Volksrepublik Kongo, Namibia, Kenia oder Südafrika. Somit prägte Migration nicht nur den Alltag vieler Betriebe, sie ist ein selbstverständlicher Teil der ostdeutschen gesellschaftlichen Entwicklung. 

Auch ich, Tochter einer weißen deutschen Arbeiterin und eines Schwarzen kubanischen Vertragsarbeiters, habe einen biografischen Bezug zur DDR. Wie für viele Kinder aus Beziehungen, die damals widerwillig oder gar nicht akzeptiert wurden, gibt es Leerstellen in der Familiengeschichte, die es zu füllen gilt und diese Aufgabe ist Startpunkt meines Engagements. Ein Grund, weshalb ich 2017 die (un) Sichtbar – BIPoC Initiative mitgründete.

Schwarz und ostdeutsch geprägt

Schwarz und ostdeutsch geprägt zu sein heißt für mich eine familiäre Migrationsgeschichte zu haben, die es offiziell in der DDR nicht geben durfte, die sichtbar unsichtbar und mit Klassismus verbunden ist. Es bedeutet, vor der „Wende“ geboren zu sein, als Rassismus verharmlost wurde und nach der „Wende“ aufzuwachsen, als Rassismus offen ausgelebt wurde. Die Positionierungen Schwarz und ostdeutsch verbinden für mich zwei Aspekte – neben vielen anderen –, die meine Biografie ausmachen und die von der mehrheitlich weißen, westdeutschen Gesellschaft als Nachteil angesehen werden.

Denn Weißsein gilt in der westlichen, kapitalistischen Welt als Norm und Schwarze Ostdeutsche brechen mit der Norm in doppelter Weise. Einhergehend mit dieser Norm ist das Privileg, die eigene Herkunft nicht benennen zu müssen oder diese als positiv hervorheben zu können. Als Schwarz positionierte Frau bin ich Ziel Anti-Schwarzen-Rassismus und Sexismus sowie weiteren Diskriminierungsformen. Gleichzeitig wird meine ostdeutsche Herkunft abgewertet und mit Rückständigkeit und Arbeitslosigkeit verknüpft.

Bild von einer BLM Demo in Magdeburg, zwei Personen stehen vor einem Banner, auf dem Black Lives Matter steht und eine erhobene Faust zu sehen ist
Black Lives Matter Demo in Magdeburg, Juni 2020

Hinzukommt, dass das Wissen Schwarzer Menschen über das Leben in der DDR und Erfahrungen mit der (Wieder-)Vereinigung weitestgehend unsichtbar gemacht werden. Das Engagement von BIPoC in den neuen Bundesländern bewegt sich deshalb in einem Spannungsfeld zwischen: Umgang mit Vorurteilen über Ostdeutsche und dem Unsichtbarmachen ostdeutscher Lebensrealitäten im gesamten deutschen Kontext. BIPoC in Ostdeutschland müssen darüber hinaus mit den Folgen rassistischer und rechtsextremer Gewalt umgehen sowie für die Sichtbarkeit Schwarzer, afrikanischer und afro-diasporischer Menschen im Osten kämpfen. Mit der Kontinuität des Unsichtbarmachens marginalisierter Personen werden auch Ungerechtigkeiten unsichtbar gemacht: Die Forderungen nach Verantwortungsübernahme für Gewalt und ihre Folgen wird damit nahezu unmöglich gemacht. Deshalb ist die Forderung nach Sichtbarkeit ein zentrales Element Schwarzen Engagements.

Lebensrealitäten von BIPoC kommen in gesamtgesellschaftlichen Debatten zu kurz, aber insbesondere dann, wenn es um das Aufnehmen von Erinnerungen in ein kollektives Gedächtnis geht. Sie werden als unwichtig erachtet, weil sie nicht der Norm entsprechen. Sie werden als störend empfunden, weil sie den Finger in die Wunde legen. Deshalb bleiben bis heute viele Erzählungen aus Schwarzen, migrantischen und jüdischen Perspektiven über einen bedeutenden Teil der jüngeren Geschichte dieses Landes ungehört. Als sich im November 2019 der Mauerfall zum 30. Mal jährte, wurden die Erfahrungen von BIPoC in die Feierlichkeiten nur von wenigen weißen Institutionen miteinbezogen. Dagegen regte sich in migrantischen, jüdischen, Schwarzen und Communities of Color Widerstand. Sie gingen mit ihrem Wissen in die Öffentlichkeit und erzählten ihre Geschichten.

In dieser Zeit sind wichtige Arbeiten und Initiativen entstanden, die nicht nur die eindimensionale Erinnerungskultur kritisierten, sondern auch die Kontinuität von Rassismus in Deutschland aufzeigten. Beispiele hierfür sind das Buch „Erinnern stören: Der Mauerfall aus migrantischer jüdischer Perspektive“ herausgegeben von Massimo Perinelli und Lydia Lierke; die „Initiative 12. August“, die die Morde an Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret aufklärt, das Dossier „Ostdeutsch und (post-) migrantisch“ der Heinrich-Böll-Stiftung oder die Publikation „Im Osten was Neues?“ der Hochschule Mittweida, die die Arbeiten von Migrant*innen, Schwarzen Menschen und Communities of Color im (Wieder-) Vereinigungsprozess betrachtet.

Bedingungen für das Engagement Schwarzer Menschen in Ostdeutschland

Die Jahrzehnte ab den 1990er Jahren sind geprägt von rassistischen Ausschreitungen, Verschärfungen des Asylrechts und der passiven Haltung des Staates bezüglich dieser Gewalt. Das schürte Ängste und Unsicherheiten in Schwarzen, migrantischen und Communities of Color. Darüber hinaus sind mit der Transformation von einem sozialistischen Staat in ein kapitalistisches System massive Veränderungen einhergegangen, mit denen für viele Menschen Sicherheiten, Struktur und Identifikation wegbrachen. Mit der „Wende“ änderte sich das Leben vieler Vertragsarbeitender existenziell. Die Aufenthaltsbestimmungen verschärften sich und sie wurden in ihre Herkunftsländer abgeschoben. Eine Perspektive für ein Leben in Deutschland wurde ihnen nicht geboten, obwohl sie als Arbeitskräfte willkommen waren und auch maßgeblich zur Wirtschaftskraft der DDR beigetragen haben. In dem sich neu gegründeten Staat gab es schlichtweg keine Verwendung mehr für sie und die finanzielle Absicherung weißer Deutscher hatte im Gegensatz zu den Ansprüchen migrantischer Arbeiter*innen Vorrang.

Infolgedessen wurden auch Familien für lange Zeit auseinandergerissen. Diese Entscheidungen verdeutlichen, wie tief verwurzelt und weit verbreitet rassistische Einstellungen in der deutschen Gesellschaft sind. Über 500 Jahre Rassismus haben ihre Spuren hinterlassen und wirken noch bis heute fort. Und über 500 Jahre Widerstand dagegen haben den Weg für das Engagement nachfolgender Generationen geebnet.

Verglichen mit Strukturen in westdeutschen Ländern sind ostdeutsche, migrantische Initiativen relativ jung. In den Jahren nach der Wende begannen marginalisierte Menschen unabhängige, selbstorganisierte Unterstützungsstrukturen aufzubauen. Das ist sehr wichtig, da das Engagement Betroffener von Unterdrückung immer eine Form von Widerstand, Protest und Aufklärungsarbeit ist. Das Wissen, worauf wir uns heute beziehen und woraus wir wichtige Erkenntnisse über die Wirkung von Machtstrukturen und über die Kraft des Zusammenseins ziehen, geht vor allem auf die Arbeiten und Kämpfe selbstorganisierter Gruppen zurück.

Die Arbeiten von migrantischen Gruppen wie The Voice Refugee Forum sind bedeutend, da sie die besonderen Bedarfe marginalisierter Menschen kennen, ernst nehmen und Druck auf die Politik ausüben.  Ehrenamtliche leisten oft die Arbeit, für die staatliche Institutionen weder die Notwendigkeit sehen noch Verantwortung übernehmen wollen. Ein Beispiel ist die Antidiskriminierungsarbeit. Erst 2006 wurde dafür die gesetzliche Grundlage mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz geschaffen. Anerkennung und Abschaffung von Diskriminierungen haben Initiativen bereits Jahrzehnte zuvor eingefordert, entweder mit sehr wenigen oder mit gar keinen finanziellen Mitteln. 

Die Forderungen nach Repräsentation Schwarzer Menschen mit Bezügen zum ostdeutschen Kontext sind nachvollziehbar. Daran schließen sich auch Fragen danach an, wer zu welchen Themen spricht, wer zu Veranstaltungen eingeladen wird und wer gehört wird. Repräsentation unterschiedlicher Lebensrealitäten brechen mit gängigen Normvorstellungen, bergen Identifikationspotenzial und ermöglichen neue Zukunftsvisionen. Dennoch reicht Repräsentation allein nicht aus, um bestehende, ungleiche Machtverhältnisse aufzulösen. Es besteht die Gefahr, dass sich weiße Institutionen allein darauf ausruhen, Schwarze Mitarbeitende zu beschäftigen, dennoch keine machtkritischen Veränderungen eigener Strukturen anstreben.

Perspektiven der (un) Sichtbar – BIPoC Initiative

Der Zusammenschluss zu einer politischen Initiative 2017 war längst überfällig und vor allem eine Entscheidung, aus der nicht selbst gewählten Isolation herauszutreten, verbunden mit der Überzeugung, dass Ausbeutung und Unterdrückung überwunden werden können. Deshalb entschieden wir uns auch für diesen Namen und die Schreibweise: Ausbrechen aus dem ungewollten Unsichtbarmachen. Dahinter steckt der Wunsch, eigene Erzählungen zu veröffentlichen und aufzuzeigen, dass es nicht nur eine Geschichte gibt. Gegründet wurde die Initiative von Schwarzen Frauen mit Bezügen zum ostdeutschen Kontext. Zunächst ging es uns vor allem um gegenseitiges Empowerment und die Möglichkeiten, über Erfahrungen der Vergangenheit in einem geschützten Rahmen zu sprechen, um diese einordnen und aufarbeiten zu können. Empowerment ist ein Prozess der Selbstermächtigung und Selbstbestimmung marginalisierter Menschen und konzentriert sich auf eigene Ressourcen und die Kraft des Verbundenseins. Im Prozess der Auseinandersetzung mit Machtstrukturen und eigenen Diskriminierungserfahrungen wurde deutlich, dass unsere Arbeit öffentlich werden muss, um mehr Schwarze Menschen und People of Color zu erreichen und gemeinsam mit Forderungen und Anklagen wahrgenommen zu werden. 

Mit dem „Black Empower Month“ organisieren wir seit 2018 jedes Jahr im Februar Aktionen und machen so auf die Biografien, Arbeit und Forderungen Schwarzer Menschen aufmerksam. Darüber hinaus organisieren wir regelmäßig Vernetzungstreffen und veranstalten Lesungen, Selfcare Workshops, Filmabende oder halten Reden. In der Pandemie haben wir das online Format „Schwarz & Verbunden“ entwickelt. Es bringt Schwarze, afrikanische und afro-diasporische Menschen aus dem ostdeutschen Kontext zusammen, weil wir einander kennenlernen und uns besser vernetzen möchten. Bei diesen Veranstaltungen besprechen wir jeweils unterschiedliche Themen. Aktuell arbeiten wir zu Colorism in Schwarzen Communities. 

Nach wie vor bekommen Schwarze, ostdeutsche Lebensrealitäten wenig Aufmerksamkeit, obwohl in den letzten Jahren viele Gruppen und Einzelpersonen aktiv geworden sind. Die Arbeiten verbinden verschiedene Aspekte Schwarzen Engagements. Das LIAA Kollektiv (Love Is An Action, in Anlehnung an die Arbeit von bell hooks) aus Leipzig fokussiert sich auf den Zugang zu Literatur marginalisierter Autor*innen und gründete eine selbstorganisierte Bibliothek. Curly Culture Dresden, ebenfalls aus Sachsen, organisiert safe spaces für Schwarze Menschen in und um Dresden. Die Initiative Schwarze Deutsche (ISD) hat in Leipzig und Thüringen Ortsgruppen, die Anlaufstellen für Menschen vor Ort sind. Intersektionale Anti-Diskriminierungsarbeit und Mehrfachdiskriminierungen sind Schwerpunkte der Arbeit von Maria González Leal a.k.a. @bodymary. Mit dem Forschungsprojekt „Dunkeldeutschland“ gewährt Katharina Warda aufschlussreiche Einblicke in das Aufwachsen einer Schwarzen Person in Ostdeutschland.

All diese Arbeiten zeigen ein differenziertes Bild Schwarzen Engagements in Ostdeutschland und stehen der einseitigen Erzählung des weißen Ostens entgegen. Darüber hinaus sind noch mehr Verbindungen notwendig, da politisches Engagement gemeinsam am erfolgreichsten gelingt.


(1) BBQ Black Brown Queere Podcast: Folge #24 Queere BIPOC in Ostdeutschland von Vorurteilen, Realitäten und Urlaubsberichten mit Chip

(2) Dokumentarfilm Afro.Deutschland 

(3) Dean, J. (2022). „Der 9. November war entsetzlich“ – „Die Familienzusammenführung war super“. In: Im Osten was Neues? Perspektiven von Migrant_innen – Schwarzen Menschen – Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-) Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland, Kaya, Asiye, Abed-Ali, Riham, Nguyễn Phương Thũy.