“Wo kommst du her?”

von Grada Kilomba

“Ich war mir immer bewusst, dass ich Schwarz war. Die Leute fragten mich immer, wo ich herkomme [...] sie fragen mich wieder und wieder und wieder [...] seitdem ich ein Kind bin: “Wo kommst du her?”, Einfach so! [...] Sie schauen dich an, und das Erste, was ihnen einfällt, ist zu überprüfen: “Wo kommt sie her?” Egal, wo du bist: im Bus, auf einer Party, auf der Straße, beim Abendessen oder im Supermarkt. [...] Irgendwie finde ich diese Frage sehr rassistisch und sehr offensiv... weil sie wissen, dass es Schwarze gibt, die Deutsche sind.”

Das sind die Worte von Alicia, einer Afro-deutschen Frau (36). Sehr früh wird sich Alicia bewusst, dass sie Schwarz ist, da Weiße um sie herum sie mit Fragen über ihren Körper und ihre nationale Herkunft konfrontieren. Alicia wird angeschaut – die “Rasse im Feld der Vision”– und befragt, weil von ihr als Schwarzer erwartet wird, dass sie ihre Anwesenheit im weißen Territorium rechtfertigt. 

Im folgenden möchte ich mich ausschließlich mit dieser Dialektik des Blicks und der Frage: “Wo kommst du her?” beschäftigen. Diese permanente Befragung nach der Herkunft ist nicht nur Neugierde, sondern eine fortgesetzte Übung, um weiße Fantasien bezüglich ‘Rasse’ und Territorialität zu bestätigen. Alicia wird nur deswegen befragt, weil sie primär als eine ‘Rasse’ kategorisiert wird, die “nicht dazu gehört” (Essed 1991).

Die Frage nach der Herkunft beinhaltet die koloniale Phantasie, dass Deutsch gleich weiß bedeutet und Schwarz gleich Fremd (Ausländer). Es ist eine Konstruktion, in der ‘Rasse’ innerhalb spezifischer nationaler Grenzen imaginiert wird, und Nationalität als ‘Rasse’. Schwarz und Deutsch werden also als zwei Kategorien reproduziert, die sich gegenseitig ausschließen: man ist Schwarz oder Deutsch, nicht Schwarz und Deutsch. Das ’und‘ wird durch das ’oder‘ ersetzt.

Der Grund, warum Alicia immer wieder befragt wird, ist das Begehren nach dieser Konstruktion, in der Schwarze zu ‘Anderen’ gemacht werden, die außerhalb der Nation eingeordnet sein sollten: “Wo kommst du her?” und "Wann gehst du wieder zurück". In dem Moment als Alicia gefragt wird, wird sie an ihren kolonialen Platz verwiesen und dort erneut situiert. Dieser Akt der Verweisung ist ein Mechanismus von Rassismus, der Schwarzen Subjekten zeigt, wo "ihr Platz ist", und  ihnen nicht erlaubt "ihren Platz einnehmen". Wenn Alicia sich als Afro-Deutsche positioniert, beansprucht sie "ihren Platz" in dieser Gesellschaft und sprengt somit die Begrifflichkeiten von ‘Rasse’ und Nation. Alicia kehrt also eine koloniale Ordnung um, in der Deutschland als eine weiße Nation imaginiert wird. Ihre Anwesenheit zeigt, dass Deutschland u.a. auch eine Afro-deutsche Geschichte hat. Um den Verlust dieser kolonialen Ordnung zu vermeiden, insistiert die weiße Öffentlichkeit ‘immer wieder’ auf Alicias Ausländerinnenstatus seitdem sie ein Kind ist.

Die Fragenden üben Macht aus: sie definieren Alicias Präsenz als Fremde und das Territorium als das Eigene. “Wo kommst du her?” ist auch eine Erinnerung, wo sie sein sollte. Dabei ziehen sie eine klare Grenze zwischen ‘Ihr’, der 'Anderen', die befragt wird und sich erklären muss,  und ‘Uns’, den Weißen, die fragen und kontrollieren. Das ist eine übliche Machtasymmetrie zwischen Weißen und Schwarzen, die mich an ein altes und schmerzhaftes Herr-Sklave-Verhältnis erinnert: Alicia wird befragt und fragt nicht selbst, da sie die ‘Sklavin’ ist, die sich zu rechtfertigen hat, während der ‘Herr’ kontrolliert. Der eine fragt, die andere 'sollte' antworten. Die Erwartung, dass Alicia ihre persönliche Geschichte öffentlich macht und über ihre Biographie “im Bus, auf einer Party, auf der Straße, beim Abendessen oder im Supermarkt” berichtet, beschreibt diese koloniale Konstellation: der Weiße, der sich als absolute Autorität aufführt, während die 'Andere' das Objekt ist, das man anschauen, ansprechen, fragen oder besitzen kann.

Weißsein bleibt also unmarkiert. Während das weisse Subjekt sich mit die Frage beschäftigt: “Was sehe ich?”, ist die Schwarze Person gezwungen, sich mit der Frage zu beschäftigen: “Was sehen die?”. Diese Dialektik des Blicks, der die Schwarze Person als Fetischobjekt erforscht, wird von Frantz Fanon als “Depersonalisierung” bezeichnet, weil das Schwarze Subjekt eine Beziehung zu sich selbst entwickeln muss, die durch den Kolonisator vorgeschrieben wird. So entsteht in ihm oder ihr der innerlich gespaltene Zustand der Depersonalisierung. Es handelt sich keineswegs um eine einfache Frage, die darauf abzielt Differenzen festzustellen, sondern um einen Prozess, in dem man sich als ‘Andere’ in der Gesellschaft begreift – isoliert in einer weißen Nation.

Und dann auch die Tatsache, dass ich nicht als Deutsche gesehen werde, sondern als Exotin. Ich weiß, dass sie eine sehr exotische Geschichte hören wollen [...] sie wollen hören, dass ich irgendwo aus Afrika oder Brasilien komme oder [...] was auch immer...”

Hier fügt Alicia noch eine andere Komponente hinzu: ‘Rasse’ und Voyeurismus. Sie wird befragt, wo sie herkommt, weil die Fragenden durch die Ausstellung von Andersheit Lust empfinden. Sie sind nicht daran interessiert zu hören, dass Alicia genau wie sie Deutsche ist, sondern sie wollen eine exotische Geschichte hören, in der ihre Phantasien über das entfernte 'Andere' bestätigt werden. Sie wird gefragt, um das Exotische zu erblicken. Alicia ist gefangen in einem modernen Primitivismus, der die Schwarze Person als authentische ‘Andere’ einkerkert, die der Natur nahe steht.

Diese Suche nach einem primitiven Paradies ist tief in der Phantasie verstrickt, dass Schwarze etwas besitzen, was Weißen selbst zu fehlen scheint – Aggression und Sexualität. Diese Aspekte, welche die weiße Gesellschaft verdrängt hat, werden auf den ‘Anderen’ projiziert. Das bedeutet, dass im weißen Imaginären das Schwarze Subjekt mit dem überblendet wird, was die weiße Gesellschaft als gefährlich und riskant identifiziert. Daher wird Alicia eine (nationale) Gefahr, die gleichzeitig auch ein Objekt des Begehrens und der Erregung ist.

Manchmal wird diese Haltung positiver Rassismus genannt.  Dies ist jedoch ein paradoxer Begriff. Er widerspricht sich selbst, da die Inferiorisierung, der Ausschluss, die Demütigung und die Entblößung niemals positiv sein können.


Literatur

Essed, Philomena (1991). Understanding Everyday Racism. An Interdisciplinary Theory. London: Routledge.Fanon, Frantz (1968). Black Skin, White Masks. London: Grove Press.
"No Mask" In: Maisha M. Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche und Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinforschung in Deutschland. Münster: Unrast, 2005
 

Veröffentlichungen der Autorin 

“Die Farbe unseres Geschlechtes.” In: Polymorph (Hrsg.): (K)ein Geschlecht oder viele? Transgender in Politischer Perspektive. Berlin: Querverlag, 2002;

“Die Kolonisierung des Selbst” In Hito Steyerl & Encarnación Gutiérrez Rodríguez (Hrsg.) Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik. Münster: Unsrast, 2003;

“Don’t You Call Me Neger!” Das N-Wort, Trauma und Rassismus? In: ADB & cyberNomads (Hrsg.) TheBlackBook. Deutschlands Häutungen. Frankfurt/M. & London: IKO Verlag, 2004

Rewriting the Black Body" In: Gudrun Perko & Leah Carola Czollek (Hrsg.) Lust am Denken. Wien: PapyRossa Verlag, 2004

 

Grada Kilomba

Dr. Grada Kilomba ist Schrifstellerin, Dozentin und Psychologin. Sie lehrte an Unversitäten in Deutschland und Ghana. Ihr literarisches Werk verbindet Postkolonialen Diskurs und lyrische Prosa auf den Spuren von Sklaverei und alltäglichen Rassimus.

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