Herkunft und Zugehörigkeit in der Literatur

Bibliothek Dietenheim/Bruneck

von Franco Biondi

Von der Schwierigkeit, der interkulturellen Literatur einen Rahmen zu geben

Die Zeit der Etikettierung von literarischen Werken, deren Autor_innen in die deutsche Sprache eingewandert sind, dauert an. Es zeigt sich jedoch, dass jede Etikettierung mit einem (unsichtbaren) Verfallsdatum versehen ist, siehe beispielweise die Gastarbeiterliteratur, Literatur der Betroffenheit, Gastliteratur und Nicht nur deutsche Literatur. Ein Verzicht auf eine Definition lässt wiederum offen, welche kulturelle und sprachliche Eigentümlichkeiten in eine Sprache und Kultur Zugang finden.

Bereits solche Aspekte wie Vielfalt, Varationsbreite und die Eingrenzungsproblematik stellen die Fachleute vor unüberwältigbare Erfassungsprobleme. Schließlich lässt sich auch die Weltliteratur kaum klassifizieren, wenn man von den notdürftigen Versuchen, sie in Nationalliteraturen zu unterteilen, absieht. Hilfreicher wäre es hierzu, grundsätzlich von Sprachraumliteraturen zu sprechen, unabhängig von der jeweiligen nationalen und kulturellen Stellung der Autor_innen.

Definitionen sind stets vom Blickwinkel des/r Betrachter_in gefärbt und offenbaren seine/ihre innere Bewertungsneigung. Dies kann auch an der Bemühung jener Forscher_innen erkannt werden, die die literarischen Werke von in die deutsche Sprache eingewanderten Autor_innen als eine Art Literatur zwischen den Kulturen etikettieren und sie dadurch – ungewollt oder nicht – in einen Niemandsraum bzw. in den Bereich der Psychopathologie stecken. Denn ein/e intersprachliche/r und interkulturelle/r Autor_in lebt und schreibt stets mit (und nicht zwischen) den Sprachen und Kulturen.

Auch die heutigen Tendenzen mit Überschriften wie interkulturelle Literatur, Migrationsliteratur, Chamisso-Literatur, Hybride Literatur und Multikulturalität sind nicht von solchen Schwierigkeiten frei. Während der Etikettierungsversuch Chamisso-Literatur eine Bemühung ist, das, was von Stiftungen u.ä. gefördert wird, zweckmässig und definitorisch zu erfassen, entspringen die Ansätze um die Multikulturalität und hybride Identität aus den philosophischen Theoremen und Debatten eines postmodernen Diskurses, der zwar Pluralität postuliert, jedoch zumeist Versatzstücke beliebig in der Weltbühne hin und her setzt. Diese – bezogen auf Autor_innen mit mehreren kulturellen und sprachlichen Identitäten – sind jedoch fast eine Neuauflage der Schmelztigeltheorie aus den USA, die – wie die Realtität es offenlegt – längst gescheitert ist.

Denn trotz Barak Obama als allererstem schwarzen „Mister Präsident“ der Vereinigten Staaten (der aber durch seine weißhäutige Mutter auch eine weiße Herkunft hat, was unerklärlicherweise selten erwähnt wird), Tiger Woods als siebenmaligem Champion des Golfs und Toni Morrison als Nobelpreisträgerin für Literatur zeigt die reale US-Gesellschaft, dass sie sich als Gemeinschaft unverändert über Herkunft und Zugehörigkeit definiert und dies Faktoren sind, die gleichzeitig verbindende und trennende Wirkung haben.

Die Verbindung vollzieht sich über die amerikanische Staatsbürgerschaft, die Trennung dagegen über die Rassenzugehörigkeit und/oder den kulturellen Hintergrund. Auch hier bleiben alle Definitionsversuche wie afroamerikanische Literatur schwammig, wenn sie nicht konkrete tragende Elemente dieser Literatur einbeziehen. Insofern erweisen sich die Bezeichnungen Hybride Identitäten und Multikulturalität im kulturellen Diskurs – ähnlich wie die inzwischen nicht mehr gebräuchliche Bezeichnung der Multiplen Persönlichkeit in der Psychopathologie – als globale Begrifflichkeiten, die nichtssagend bleiben und auch nicht hilfreich sind, da durch sie die konkreten Topoi (in der Psychopathologie die strukturellen Aspekte der Dissoziation) nicht ausgemacht werden.

Von der Grenze des Sprachhybridisierungskonzeptes

Interessanter als das Problem einer geeigneten Definition ist die Frage, ob es geeignete Kriterien gibt, die helfen könnten, das künstlerische Wort und die interkulturellen Inhalte auszumachen und zu dekodieren. Ausarbeitungen, wie sie Michail Bachtin in seinen grundlegenden theoretischen Beiträgen in »Die Ästhetik des Wortes« leistet, sind hierzu unscharf und in bestimmter Hinsicht irreführend. Wenn Hybridisierung »die Vermischung zweier sozialer Sprachen innerhalb einer einzigen Äußerung« ist, und diese wiederum in eine »organische Hybride« und eine »beabsichtigte Sinnhybride« unterteilbar ist, dann muß auch geklärt werden, ob und wie diese Unterteilung hilfreich für die Analyse interkultureller Texte ist.

Michail Bachtin schreibt der »organischen Hybride« auch keine künstlerischen Qualitäten zu, da sie ein »unbewusster« und ein »zentraler Modus des historischen Lebens und Werdens von Sprachen« sei, wohl aber der »beabsichtigten Hybridisierung«. Das Letztere ist in der Lage und willens, dialogisch zu sein und durch Verschmelzung »zweier Äußerungen zu einer einzigen Äußerung« künstlerisch zu konstruieren. Demzufolge wären solche Wortbildungen wie »Migrationshintergrund« organischer Natur und dementsprechend monologisch, obwohl sie im dynamischen Prozess des multikulturellen Werdens einer Nation wie Deutschland entstehen.

Doch kann sich auch die Dialogizität der »beabsichtigten Hybridisierung« dezidiert monologisch zeigen, nämlich, sofern sie nur einen Teil der künstlerischen Prozesse meint. Und dies ist ja der Fall: Zum einen beherbergt dieses Konzept das Element der »beabsichtigten« Sprachhandlung; im Wort »beabsichtigten« steckt also Zweck- und Zielgebundenheit, Planung und als Grundlage von all dem ein hoher Grad an Bewusstheit. Dadurch zeichnet Bachtin eine dichotomische Organisation der Hybride vor: bewusst das Eine, unbewusst das Andere. Da er das Andere in der Ecke des Unbewussten, sprich: Unbestimmbaren, ansiedelt, das zudem nur monologisch sein kann, klammert er all die Momente spontaner und intuitiver Natur im schöpferischen Schaffen aus.

Dass vordergründig der »beabsichtigten Hybridisierung« die kreative Komponente zugeschrieben wird, deckt daher, nach Auffassung des Verfassers dieses Essays, nur einen Teil des Phänomens ab und berücksichtigt die anderen gar nicht. Insofern ist diese Unterscheidung Bachtins zu schematisch und kann im Alltag den in die deutsche Sprache eingewanderten Poet_innen und Schriftsteller_innen nicht standhalten. Es ist schließlich unstrittig, dass in der Werbeindustrie, in den Kultur- und Literaturfabriken der Welt keine neuen Wortschöpfungen und »beabsichtigten Sinnhybride« gescheut werden, mit der Intention, in den multikulturellen Weltmarkt mit nivellierten Produkten kapillarisch durchzudringen und deren Absatz sowie die Profibitalität zu steigern, was – je nach Sparte – mit mehr oder weniger Erfolg geschieht.

Die Ethno-Folk-Industrie floriert im Zeichen der »Hybridisierung«, in der kommerziellen Belletristik wimmelt es an »hybridisierten« Stilisierungen, um die Aufmerksamkeit des/r reizüberfluteten Konsument_in zu erreichen. Und wenn man es genauer nimmt: Sowohl »organische Hybride« als auch »beabsichtigte Hybride« gehen weitgehend von mode- und machtevozierten Vermischungen aus, sie fabrizieren sie in einer Vielfalt an Variationen und reproduzieren eine Beliebigkeit funktionalistisch – dies im Zeitalter und im inneren Widerspruch zu den Postulaten der Postmoderne.

Die andere Seite des Phänomens ist die, dass der kreative Schöpfungsprozess, sowohl beim künstlerischen Wort als auch bei der Malerei und beim Komponieren, gleichzeitig die »organischen« und die »beabsichtigten« Hybridisierungen braucht. Die Frage, die sich hier aufwirft, ist die, ob es sich beim Modell der Hybridität, auf das sich viele Forscher_innen aktuell beziehen, um ein reduktionistisches Modell handelt – trotz Einbeziehung interaktioneller Postulate und dem Bekenntnis zur »Verschiedensprachigkeit der kulturellen Welt« und zu allen »mit ihr verknüpften Folgen«. Unberücksichtigte Aspekte sind hierbei die Begrenztheit der Sprache hinsichtlich menschlicher Erfahrungen sowie die Kommunizierbarkeit von Emotionen, die eigentlich Quelle künstlerischer und literarischer Kreativität sind.

Von der Widersprüchlichkeit der Realität und der Sprache

Aspekte, die beispielsweise die Palo Alto Schule um Paul Watzlawick und Gregor Bateson zum Teil mit ihrem radikalen Konstruktivismus im Rahmen der systemischen Konzepte aufgreift. Sie zeigt, dass die Kybernetik der menschlichen Kommunikation und die Zirkularität der Interaktionspartner_innen mehr von der analogen (sprich: emotionalen, beziehungsgeleiteten), als von der digitalen (inhaltlich oriertierten) Seite gesteuert wird. Ein zentrales Anliegen dieser Schule ist, paradoxe Handlungsaufforderungen und paradoxe Voraussagen (wie: »sei spontan«, »werde unabhängig« etc.) zu dekodieren und für psychotherapeutische Interventionen aufzubereiten.

Unter anderem anknüpfend an die Theorie der Sprachstufen (genauer an die Überlegungen zur Verbindung zwischen Sprache und Objekt, Objektsprache, Meta- und Metametasprache; siehe Carnap und Tarski), weist das kybernetische Modell der Palo Alto Schule auch auf die Grenzen der Sprache hin, setzt sich mit klassischen semantischen Antinomien aus der Antike auseinander und sucht Parallelen in der Sprache der Gegenwart. Gerne führt sie das Beispiel des Kreters Epimenides' auf, der behauptete: »Alle Kreter sind Lügner«. Er stellte also eine Behauptung auf, die in ihrem Wesen sich widerspricht: der Mann lügt nur dann, wenn er die Wahrheit sagt und ist wahrheitsgetreu, wenn er lügt.

Darin sehen die Verfechter dieser Schule, »dass in diesen Fällen Widersprüchlichkeiten der Sprache und nicht der Logik die Wurzel des Übels sind.« Hier ist anzumerken, ob diese Kommunikationsforscher_innen der Sprache etwas zuschreiben, was dem Menschen selbst innewohnend ist: das Vorhandensein innerer Wiedersprüchlichkeiten, wie sich widersprechender Gefühle und Gedanken, Körperempfindungen und Handlungsimpulse, oder auch, im bestimmten kontexuellen Umfeld, Widersprüche zwischen den unterschiedlichen Handlungssystemen (z.B. strebt das Handlungssystem der Verteidigung in eine Richtung, das der Energieregulierung in eine andere).

Hingegen weist der französische Philisoph Jan Baudrillard, 2007, darauf hin: »Indem der Mensch sich Dinge vorstellt, sie benennt und in Begriffe fasst, sorgt er dafür, dass sie existieren, jagt sie jedoch ihrem Verlust entgegen, löst sie auf subtile Art und Weise von ihrer rohen Realität.« In diesem Sinne liegt das Paradoxe im Spannungsverhältnis zwischen Realität und Begriffsbildung. So oder so: Wir stoßen auf etwas Elementares. Dass alle lebenden und sozialen Systeme, und damit die Sprache, mehrdimensional zu begreifen sind und von der Wahrnehmung her oft gegensätzlich organisiert oder in sich widersprüchlich erscheinen.

Wenn man von der Prämisse des systemischen Denkens ausgeht, dass eine Botschaft ein Unterschied ist, der einen Unterschied macht (Gregor Bateson), kann man sich von diesem Modell eine gewisse Hilfe für die Dekodierung intra- und interkultureller Texte versprechen.

Diese Modelle sind bis zu einem gewissen Grad hilfreich für die Dekodierung intra- und interkultureller Texte. Dabei geht es auch um Folgendes: Die »kanonisierte« Sprache der Mehrheitsgesellschaften ist inzwischen per se Vielfaltsprache mit innewohnenden Partikularismen geworden, die verwischte Grenzen untereinander haben. So können Akademiker_innen oder Banker_innen Jugendlichensprachhülsen in ihrem Umfeld verwenden, ohne dass jemand daran Anstoss nimmt, und Subgruppen Star- oder auch Politikerkodierungen und -allüren unreflektiert übernehmen. Bemerkenswert ist hierzu, dass die Sprache des/r wirklich Fremden, also des/r tatsächlich Ausgegrenzten, des/r Andersherkünftigen, darin nicht vorgesehen ist.

Dementsprechend geht es nicht nur darum, dass der/die Andersherkünftige unterschiedliche Operationen starten muss, um die Anwesenheit seiner/ihrer Sprache in der partikularisierten Vielfalt einer Mehrheitsgesellschaft zu behaupten. Es geht vielmehr darum, dass bestimmte Erfahrungen, Erlebnisse, Gefühle und Handlungsimpulse, sowohl in der vielfältigen, aber dennoch »kanoniserten« Sprache, als auch in der Sprache des/r Fremden und der Sprache der Vielfalt noch keine Entsprechung gefunden haben. Und hierzu die Sprachen eine Grenze markieren. Suchend muss sich der/die Andersherkünftige seine/ihre sprachliche Anwesenheit erschaffen und einen Unterschied im Unterschied machen.

Zwei Beispiele lassen sich aus zwei Werken des Verfassers dieses Essays entnehmen. Aus dem Roman. »In deutschen Küchen«:

»Zuweilen versuchte ich, jenes namenlose Gefühl, mit dem Wort Fremdung zu umschreiben, und merkte, wie daneben so ein Wort liegen könnte, so dass ich mir eingestehen musste, dass ich dafür weiterhin kein Wort kannte. Nur Umschreibungen halfen mir. Es ging um die Sehnsucht, dazuzugehören, und auch die Gewissheit und die Freude, es nicht zu können, nicht zu dürfen, nicht zu mögen.«

Und aus dem Gedichtband »Ode an die Fremde, Entstummung 3«:

»Die Farben des Herbstes / die Geometrie des Tages / die Stimmen im Viertel // entstummen meine Ich / drängen sie nach vorne // in die Sprache zu uns hin«

Hilfreicher erscheinen dem Verfasser dieses Essays zurzeit auch die Bemühungen um das Etikett interkulturelle Literatur. Rein formal bezieht sich diese Bewegung weitgehend auf das Kriterium »Beziehungen zwischen den Kulturen« und berücksichtigt die individuellen inhaltlichen und ästhetischen Vorschläge der Autor_innen sowie deren außerkulturelle Hintergründe nur vereinzelt und in eingegrenztem Maß, wenn man von den Forschungsarbeiten um die Gruppe Carmine Chiellinos absieht. Diese Gruppe arbeitet akribisch an der Untersuchung kultureller und sprachlicher Differenz bei interkulturellen Texten. Dabei wären hierzu auch eine griffige Topologie und ein sprachästhetischer Bezugsrahmen vonnöten, die das Gemeinsame und das Trennende ausarbeiten würden.

Von Dimensionen, die potentiell eine interkulturelle Literatur ausmachen

Wenn man als neugierige/r Leser_in die Literatur der Welt mit interkultureller Brille bereist, macht man erstaunliche Entdeckungen. Man könnte meinen, dass eine Reihe Autor_innen aus unterschiedlichen Epochen und Landstrichen aus ihren interkulturellen Hintergründen heraus Weltliteratur geschrieben hätten, ja, als gäbe es schon seit Jahrtausenden eine interkulturelle Tradition. Und diese Tradition kann anhand markanter Achsen ausgemacht werden, um die sich literarische Sujets drehen. Bei diesen Achsen sind mehrere Dimensionen zu erkennen, die sich im Zusammenspiel verschränken, in einem Spannungsbogen stehen oder auch in einen Widerspruch zueinander geraten bzw. sich rigide gegenüber stehen können.

Solche Dimensionen, die sich um eine Achse drehen, könnten strukturell folgende Teilaspekte beinhalten:

1. real (soziokulturell, gesellschaftlich, rechtlich)
2. inter- und intrapsychisch (gefühltes Verhältnis zum Anderen und zu sich selbst)
3. Verpflichtung/ Bruch zur Tradition, z.B. in Kunst, Literatur und Philosophie
4. transzendental (z.B. Schickal, universelle Werte, Religion).

Dabei sind die Achsen die tragenden Säulen jedes Sujets. Aus der Perspektive des/r Erzähler_in und Lyriker_in, wie der des Verfassers, lassen sich wenigstens drei Polaritäten ausmachen, innerhalb derer sich diese Werke entfalten. Diese Pole stehen in einem eigentümlichen Verhältnis zueinander, je nach den individuellen Besonderheiten des/r Autor_in und dessen/deren Bezugsrahmen. Konkret sind gemeint:

1. Offenheit-Geschlossenheit
2. Vertrauen-Misstrauen
3. Herkunft-Zugehörigkeit

Eine zentrale Säule sollte berücksichtigen, dass die meisten Menschen mindestens mit zwei oder mehreren strukturellen Persönlichkeitsanteilen ausgestattet sind, die mehr oder weniger voneinander getrennt oder auch verbunden sind (auch Goethe liess uns mitteilen: »… zwei Seelen wohnen in meiner Brust …«). Diese strukturellen Persönlichkeitsanteile haben die Gabe, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in eigentümlicher und individueller Weise miteinander zu verbinden und sie damit zur Sprache zu bringen, was ja im Prozess der schöpferischen Arbeit geschieht. Diese tragende Achse bezieht sich auch auf die Pole Offenheit-Geschlossenheit gegenüber der Welt und demensprechend gegenüber sich selbst. Sie beinhaltet im Prinzip den Grad und die Qualität der Begegnung, ob und wie sich Menschen mit der Welt verbinden oder ausschliessen bzw. nicht verbunden oder ausgeschlossen werden.

Eine beispiellose Ausgestaltung dieser Ebene kommt bei dem in Lissabon geborenen, in Südafrika aufgewachsenen und wiederum in Lissabon lebenden Fernando Pessoa mit seinen vielen Heteronymen zum Ausdruck. Ferner spielen in der Beziehung zwischen Offenheit-Geschlossenheit auch solche Dimensionen eine Rolle, welche das Individum in seiner Beziehung zur gegenständlichen Welt kontextualisieren: Wo z.B. in einem Werk dargestellt wird, wie die äußere Welt, Gegenstände, Räume und Technik ihr eigenes Leben bekommen, in eine Handlung treten und Einfluss und Dominanz über das Individuum erlangen (beispielsweise im Werk Kafkas). Zu diesem Thema wird der Verfasser in einem anderen Essay ausführlich Stellung nehmen wollen.

Eine weitere zentrale Säule stellt die Achse Vertrauen-Misstrauen gegenüber der jeweiligen Sprache dar, gegenüber der »Muttersprache« und der Sprache des Einwanderungslandes. Allein durch den Entschluss, Texte in der neu hinzu gewonnenen Sprache zu verfassen, spricht sich jede/r Autor_in anderer Sprachherkunft implizit für diese Sprache aus. Doch ist für den/die Autor_in notwendig, den Grad des Selbst- und Fremdvertrauens selbstkritisch und konstruktiv zu betrachten und zur Sprache und deren Grenzen in Beziehung zu setzen. Denn dieses Bekenntnis zur Sprache wird zumeist durch die alltäglichen Spracherlebnisse in Frage gesellt, da sie Widersprüche und Ungereimtheiten in sich tragen.

Von diesem Aspekt ausgehend, lassen sowohl die bedenkenlose Verwendung der Standardsprache als auch die unkritische Verpflanzung sprachlicher »Wurzeln« die Vermutung aufkommen, dass der/die Autor_in ein mangelndes Vertrauen in den eigenen literarischen Ausdruck hat. So dient die Verwendung einer in höchstem Masse standardisierten Sprache dazu, in eine »Herde« unterzuschlüpfen, in der man sich geschützer fühlt als außerhalb, und sich vom Anderen jenseits vom Standard abzusetzen. Je mehr eine Sprache sich standardisiert, desto restringierter und oberflächlicher wird sie auch und desto stärker schränkt sie die Individualität der Sprechenden ein.

Das ist summa summarum eine Autor_innensprache, die nach Assimilation strebt. Sofern er/sie aber den eigenen Erfahrungen vertraut – unabhängig von welchem substantiellen Gehalt und welchen Grunderfahrungen ausgegangen wird – und sofern er/sie ein konstruktives Vertrauensverhältnis zur Sprache hat, wird er jene Momente in die Standardsprache einschleusen, die ihn als gesamtes Individuum ausmachen. Er wird Zugänge zu Wahrnehmungen, Ideen, Gefühle in dieser Sprache finden, die bisher nicht vorgesehen waren und Ausdruck der individuellen Erfahrungen sind. Dadurch wird er die Gegenwart und den eigenen Ort in dieser Gegenwart auskundschaften.

Schließlich die dritte Achse: Herkunft-Zugehörigkeit. Sie ist häufig als Spannungsbogen des menschlichen Seins in der Weltliteratur vorzufinden. Auch im konkreten Alltag, auf individueller Ebene, wie beispielweise in der persönlichen Erfahrung eines adoptierten Kindes, kann man Komplexität und Reichtum der Faccetten dieser Achse erkennen. Ein Adoptivkind hat sowohl leibliche als auch Ersatzeltern, denen gegenüber es sich stets loyal fühlt. Oft kommt es in seiner Identität zu Verwirrungen und Verirrungen. Oft fühlt er sich hin und her gerissen. Dies gilt umso mehr, wenn es nicht von Anfang an aufgeklärt, psychosozial begleitet wird und letztendlich nicht klare Vorstellungen über die persönlichen Dimensionen von Herkunft und Zugehörigkeit bekommt.

Es scheint, dass der Mensch, seit Menschengedenken, sich in Stämmen, Sippen, Völkern und Horden organisiert hat, dass Clans, Cliquen und diverse Gruppenbildungen unterkonjugierte Ausprägungen dieser Phänomene sind. All diese Organisationsformen haben die Achse Herkunft-Zugehörigkeit gemeinsam. Sie ist anthropologisch, philogenetisch und philosophisch eine tragende Säule. Herkunft und Zugehörigkeit können als Einheit erlebt werden, z.B. beim monolulturellen Erleben. Weit verbreitet ist allerdings eine abgestufte Differenz, die bis zur antagonistischen Polung reichen kann.

Bedeutet Herkunft ausdrückliche und mehr oder weniger bewusste Bekenntnis zu einer ethnischen, kulturellen, sozialen und familiären Abstammung, so  bezieht sich eine Zugehörigkeit auf eine erlebte Erfahrung, des Dazuzugehörens, sei es zu einer Gemeinschaft oder zu einem einzelnen Menschen. Während die Herkunft sich aus Fakten (z.B. eine dokumentierte familiäre Abstammung aus bisherigen Generationen) und aus subjektiven Setzungen (z.B. die Ernennung von bestimmten standesniedrigeren Personen zum Adligen durch Könige) definieren lassen kann, braucht die Zugehörigkeit hingegen eine erfahrbare und sich stetig erneuende Bestätigung.

Beide Dimensionen bestimmen die Identität, sowohl die der Gruppen als auch die des Einzelnen. Beide Dimensionen bestimmen die Abgrenzung zum Anderen, zum definierten Fremden. Herkunft bzw. Abstammung ist phänomenologisch betrachtet eine Wesenheit des Menschen, der keiner entrinnt. Jede Identität, verknüpft mit der Frage »Wer bin ich?«, formt sich daraus und nimmt im Lauf des Lebens immer darauf Bezug. Das geschieht auch in der Negierung der eigenen Abstammung. In dialektischer Verbindung zur Herkunftsdefinition steht das Suchen einer abgesichterten bzw. beschädigten bzw. noch nicht erlangten Zugehörigkeit, gegebenfalls mit der Findung einer solchen.

Da Zugehörigkeit nicht bedeutet, in Besitz von jemandem bzw. von etwas zu sein, sondern vielmehr, dass sie sich inter- und intraaktionell abspielt, ist sie letztendlich ein nie endender Prozess, der gespürt, erlebt und intersubjektiv überprüft wird. Während rein phänomenlogisch Herkunft bzw. Abstammung keine Negation, höchstens eine innere psychodynamische Negierung und/oder Verleugnung zulässt, sind bei der Dimension Zugehörigkeit die äußeren wie inneren Abgrenzungsmechanismen aktiv, die sowohl Negation, Negierung, aber auch Verleugnung als inter- und intraaktionelle Regulierungsmechanismen wirksam werden lassen.

Auf diesen Spannungsbogen möchte nun der Verfasser dieses Essays näher eingehen, im Versuch aufzuzeigen, wie individuelle Lösungen in unterschiedlichen Epochen und Gegenden die Kontinuität des Sujets bestätigen.

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Literatur

  • Bachtin, M.: DieÄsthetik des Wortes, Frankfurt, 1991

  • Biondi, F: Ode an die Fremde, Sankt Augustin, 1995

  • Biondi, F.: In deutschen Küchen, Frankfurt, 1997

  • Dal Masetto, A.: Noch eine Nacht, Frankfurt, 2008

  • Herzen, A.: Mein Leben, Memoiren und Reflexionen, Band 1.-3., Berlin, 1962

  • Ovidius Naso, P.: Briefe aus der Verbannung, Zürich, 1963

  • Sophokles, Tragödien, 1990, München

  • Tarkowskij, A.: Nostalghia (dvd), 1983, Italy/ USSR

  • Tarkowskij, A.: Die versiegelte Zeit, Frankfurt, 1985

  • von Chamisso, A.:, Schlemihls wundersame Geschichte, Frankfurt, 1973

  • Watzlawick, P. /Beavin, J.H./Jackson, D.D.: Menschliche Kommunikation, Bern, Stuttgart, Wien, 1974

  • Watzlawick, P. (Hrsg.): Die erfundene Wirklichkeit, München, 1984

Franco Biondi ist Romancier, Essayist und Lyriker. Er beschäftigt sich seit Mitte der 70er Jahre mit interkultureller Literatur und veröffentlichte, u.a. mit Rafik Schami im multikulturellen Kontext, zahlreiche Beiträge in verschiedenen Zeitschriften.

   

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