Erfolgreiche MigrantInnen und Pioniergeist

Erfolgreiche MigrantInnen und Pioniergeist

von Ulrich Raiser

Die Integrationsdebatte braucht einen Perspektivwechsel

Nach wie vor ist der soziale Aufstieg für MigrantInnen in Deutschland ein steiniger Weg, der zu selten gelingt. Dabei sind EinwanderInnen im Grunde Pioniere, vor allem dann, wenn sie die Entscheidung, ihre Heimat zu verlassen, freiwillig getroffen haben. Sie wagen einen Aufbruch in die Fremde, oftmals ohne Kenntnis der Sprache oder der kulturellen Umgangsformen. Sie bringen den Mut auf, ihrer gewohnten Umgebung den Rücken zu kehren und an einem anderen Ort neu anzufangen. Sie erwarten etwas von ihrem Leben, etwas, das besser sein soll als die Umstände, die sie verlassen, und sie sind bereit, dafür viel zu investieren.

Es ist dieser Pioniergeist und der Wunsch, Klassenschranken zu durchbrechen, die den dynamischen Wesenszug von Wanderungsbewegungen der Moderne ausmachen. Befragt man heute erfolgreiche Deutsch-TürkInnen oder Deutsch-VietnamesInnen der zweiten Einwanderergeneration nach dem Motor ihres Aufstiegs, so verweisen diese meist auf den Traum ihrer Eltern von einem besseren Leben. Dass eine solche Familienkonstellation einiges an Konfliktstoff mit sich bringt, kann man sich vorstellen. Nicht alle Einwandererkinder sind den hohen Erwartungen ihrer Eltern gewachsen. Gleichwohl birgt der unverhohlene Wunsch nach sozialer Mobilität eine enorme Energie, die hilft, sichtbare und unsichtbare Grenzen zwischen den Gesellschaftsschichten zu überwinden.

Gefühle der Ohnmacht und ungenutztes Potenzial

„Politik muss es schaffen, die Aufstiegsmotivation der Bürger offen zu halten, weil eine Gesellschaft, die den Glauben an den Aufstieg verloren hat, kaputtgeht“, sagte der Soziologe Heinz Bude kürzlich der Süddeutschen Zeitung. Und in der Tat, zeigt sich in den großen deutschen Städten eine lähmende Lethargie vor allem bei der Einwandererjugend, der sogenannten dritten Generation. Gefühle der Ohnmacht, der Nutzlosigkeit und des Ausgeschlossenseins machen sich breit. Die Statistik liefert hierzu die harten Fakten: hohe Arbeitslosigkeit, hohe Schulabbrecherquoten und eine geringe Ausbildungsbeteiligung unter MigrantInnen. Ist hier der Glaube an den sozialen Aufstieg bei den Enkeln der ersten EinwanderInnen verloren gegangen?

Indikatoren weisen nach oben

Zweifel an einem vorschnellen Abschreiben der Leistungsmotivation junger MigrantInnen sind angebracht. Das Jahresgutachten 2010 des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), die wohl umfassendste datengestützte Analyse zum Thema der vergangenen Jahre, verleiht dem Integrationsgeschehen in Deutschland die Note „knapp gut“. Das Gutachten verweist aber auch auf die Schwachstellen: die nach wie vor große Lücke zwischen den Schulabschlüssen von Kindern aus Einwanderer- und Nicht-Einwandererfamilien sowie die geringe Ausbildungsbeteiligung junger MigrantInnen.

Auch die Integrationsprozesse in Berlin, einem der Ballungszentren der Migration aus der Türkei und aus dem Nahen Osten, verlaufen besser als gemeinhin angenommen. Seit fünf Jahren weisen in der Hauptstadt, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, vor allem die Bildungsindikatoren für die sogenannte dritte Generation nach oben. Der Anteil der Schulabbrecher unter Schülerinnen und Schülern nicht-deutscher Herkunftssprache ist zwischen 2003 und 2008 von 24% auf 16,5% gesunken (im Jahr 1985 betrug unter ausländischen Kindern der Anteil derjenigen, die die Schule ohne Abschluss verließen, sogar noch 38%). Gleichzeitig stieg im selben Zeitraum der Anteil der Abiturienten in dieser Bevölkerungsgruppe deutlich von 12,2% auf 21,8%. Die Ausbildungsbeteiligung von jungen MigrantInnen steigt leicht an und auch der Anteil der Kinder, die vor der Einschulung über nicht ausreichende Deutschkenntnisse verfügten ist in den vergangenen drei Jahren in der Hauptstadt um 6 Prozentpunkte zurückgegangen (Integrationsbeauftragter des Berliner Senats 2009; Ohliger und Raiser 2005).

Daten gegen den medialen Alarmismus

Auch wenn diese Zahlen noch nicht zufrieden stellen und die Abstände zwischen alten und neuen Deutschen sowie AusländerInnen immer noch zu groß sind, kann eine gründliche Analyse der Daten doch zu Gelassenheit und Nüchternheit in einem oftmals hysterischen und von Momentaufnahmen und vorschnellen Verallgemeinerungen geprägten Diskurs beitragen. Auch darauf weist der SVR in seinem Gutachten 2010 hin: Die heutige Einwandererjugend ist nach Lage aller relevanten Indikatoren (Schulabschlüsse, Arbeitslosigkeit, Sprachkenntnisse, Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft) deutlich besser integriert als die erste Einwanderergeneration. Weil Momentaufnahmen ohne historisches Gedächtnis oft besorgniserregend wirken, sollten wir beginnen, Integrationsfragen im Längsschnitt und im Hinblick auf historische Trends zu betrachten.

Pauschale Stigmatisierungen verkennen Wanderungsmotive

Der heute zu beobachtende Reflex einer pauschalen Stigmatisierung der muslimischen Einwandererbevölkerung als leistungsunwillig, unproduktiv und nicht anpassungsbereit beruht auf falschen Annahmen. Die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Jahr 2009 herausgegebene Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ für die rund 6.000 in Deutschland lebende Muslime befragt wurden, hat das belegt. Analog zum SVR Gutachten weist sie deutliche Bildungserfolge von der ersten zur zweiten muslimischen Einwanderergeneration nach. Die Autorinnen weisen darüber hinaus eine hohe Identifikation einer Mehrheit der Muslime mit der deutschen Gesellschaft nach: Mehr als die Hälfte der Muslime über 16 Jahren ist in einem deutschen Verein aktiv, nur 4% sind ausschließlich Mitglieder eines herkunftsbezogenen Vereins. 80% der muslimischen MigrantInnen in Deutschland können zudem auf Lohn oder Selbstständigkeit als Einkommensquelle zurückgreifen.

Ganz abgesehen von dem chauvinistischen Ton der aktuellen Integrationsdebatte, wird mit dem Argument mangelnder Produktivität einmal mehr die intrinsische Motivation der allermeisten Migrationsentscheidungen in ihr Gegenteil verdreht. Auch wenn sich das Klischee hartnäckig hält: MigrantInnen verlassen in den seltensten Fällen ihre Heimat, um dem neuen Staat auf der Tasche zu liegen. Im Gegenteil, der größte Teil möchte durch harte Arbeit und die Investition in die Köpfe der Kinder die engen Grenzen der eigenen sozialen Herkunft überwinden. Dass hierfür enorme Leistungen notwendig sind, versteht sich für die überwiegende Mehrheit von selbst. Schließlich haben viele EinwanderInnen der ersten Generation ihre Gesundheit für einen Traum von einem besseren Leben aufs Spiel gesetzt. Sie haben ein entbehrungsreiches Leben auf sich genommen, um ihren Kindern einen Aufstieg zu ermöglichen. Ihre Lebenseinstellung gleicht eher dem der calvinistischen Kleinunternehmer aus dem 17. Jahrhundert, die für Max Weber Wegbereiter eines sich ausbreitenden und höchst erfolgreichen Geistes des Kapitalismus waren.

Einige Zahlen zur Illustration: Die Selbständigenquote unter ausländischen Beschäftigten in Berlin betrug im Jahr 2006 22,7% und war damit über 7 Prozentpunkte höher als die Quote unter Beschäftigten deutscher Herkunft (15,2%) (Integrationsbeauftragter des Berliner Senats 2009). Die türkisch-deutsche Unternehmervereinigung Berlin-Brandenburg (TDU) listet 9.000 kleine und mittelständische Unternehmen von türkischstämmigen MigrantInnen, die insgesamt 29.000 MitarbeiterInnen haben und einen Jahresumsatz von 3,5 Milliarden Euro erwirtschaften.

Integration heißt Möglichkeiten eröffnen

Die Energie und Leistungsbereitschaft, die aus der Migrationserfahrung resultiert, ist in den letzten 50 Jahren in Deutschland systematisch verkannt worden. Es fehlte bislang die Phantasie - und vielleicht die Großzügigkeit - Integration nicht als Reparaturwerkstatt, sondern als die Eröffnung von Möglichkeiten auch für das Einwanderungsland Deutschland zu denken. Dabei haben klassische Einwanderungsgesellschaften wie die USA, Kanada und Australien ihre Gründungsmythen auf der Idee der Überwindung von Klassengrenzen durch Migration gebaut. Was in diesen Ländern selbstverständlich scheint, wird hierzulande zu wenig erkannt.

Rückenwind für die Dritte Generation

Inwieweit die sogenannte „dritte Generation“ von diesem Rückenwind der Aufstiegsorientierung in den Familien tatsächlich profitiert, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Die Einwanderungserfahrung der Großeltern und ihre Motivation für einen Neuanfang ist nichts, was Jugendliche vordergründig beschäftigt. Und trotzdem sollte man gerade bei wirtschaftlich oder im Hinblick auf Bildungsabschlüsse erfolgreichen Familien die Sogwirkung der Aufbruchserfahrung und des Pioniergeistes nicht unterschätzen. Der Stolz „es geschafft zu haben“ wird zu einem prägenden Motiv der Familiengeschichte und wirkt durch die Generationen hindurch.

Abgrenzungsbewegungen innerhalb und zwischen Einwanderergruppen

Man sollte sich aber keine Illusionen machen. Einwanderergruppen sind höchst heterogen und ihre interne Dynamik ebenso wie die Dynamik zwischen den Gruppen weist viele bekannte Ausschließungsmuster auf. Gerade bei erfolgreich aufgestiegenen EinwanderInnen setzt durchaus die Abgrenzung gegenüber denjenigen ein, die keinen Erfolg haben. Die Gründe und Ursachen für den Erfolg werden individualisiert und vor allem der eigenen Leistung zugeschrieben.

Unabhängig davon, ob diese Selbstdiagnose zutrifft, kann hierdurch ein Prozess der Entsolidarisierung eintreten. Oftmals sind MigrantInnen, die selbst einen gewissen Wohlstand erlangt haben, die schärfsten Kritiker der vermeintlichen „Verlierer“ aus der eigenen Community und dem vormals gemeinsam bewohnten Kiez. Das Credo „das jeder seines Glückes Schmied ist“, ist auch den „neuen Reichen“ unter den Eingewanderten nicht fremd. Das ist die andere Seite der calvinistischen Arbeitsethik: Erfolg wie Misserfolg werden auf individuelle Merkmale zurückgeführt.

Dieses Denkschema passt gut zum Grundton der aktuellen Integrationsdebatte. Sekundärtugenden wie Fleiß und Disziplin werden zu Primärfaktoren für den Erfolg. Im scharfen Wettbewerb zwischen den Migrantengruppen wird ein Mangel dieser Eigenschaften kollektiv anderen Migrantengruppen oder eben den Erfolglosen der eigenen Gruppe zugeschrieben. Diese Hierarchisierung entspricht in etwa der Rangordnung, die auch die sogenannte Mehrheitsgesellschaft für unterschiedliche Migrantengruppen bereithält. Roma, arabischstämmige und türkischstämmige MigrantInnen befinden sich hierbei am untersten Ende dieser Skala.

Etablierte und Außenseiter

Im Grunde genommen geht es hier um das alte Verhältnis zwischen Etablierten und Außenseitern, von dem der Soziologe Norbert Elias vor 30 Jahren sagte, es sei ein Grundmuster menschlicher Gesellschaften (Elias und Scotson 1993). Weil sie ihre überkommenen Positionen durch die Ansprüche der Neulinge bedroht sehen, behaupten die Etablierten ein angestammtes Recht auf ihre Privilegien zu besitzen. Aus den vermeintlichen kollektiven Eigenschaften der Neulinge werden zur Untermauerung des eigenen Machtanspruchs die schlechtesten ausgewählt und zu einem Gruppenstigma geformt.

Diese Abwertung dient vor allem dazu, die Legitimität der eigenen überlegenen Position zu begründen. Die Neulinge, ökonomisch meist abhängig von der Gunst der Etablierten, neigen dazu, die kollektive Stigmatisierung zu verinnerlichen und sich als Selbstbild zu eigen zu machen. Innerer Rückzug von der Gesellschaft und Selbstabschottung oder das plötzliche und gewaltsame Aufbegehren gegen den erfahrenen Ausschluss sind wahrscheinliche Folgen dieser ungleichen Beziehung (Bude 2008).

Fallen der Ressourcenorientierung

Damit ist aber auch die wesentliche Falle des potential- bzw. ressourcenorientierten Ansatzes in der Integrationspolitik benannt. Wenn der Erfolg in erster Linie an persönlichen Eigenschaften wie Durchsetzungswille und Fleiß oder gruppenbezogenen kulturellen Ressourcen festgemacht wird, dann kann der Misserfolg konsequenterweise auch nur dem Versagen des Individuums bzw. der Gruppe zugeschrieben werden. Die Gefahr, die erheblichen Hürden zu übersehen, die durch sehr subtile Formen der institutionellen Diskriminierung in der Aufnahmegesellschaft aufgebaut werden, ist dabei groß.

Verdeckte Diskriminierung in der Schule

In der Schule wirkt ein solcher verdeckter Mechanismus, den aufzudecken bzw. zu durchbrechen sicher zu den größten Herausforderungen eines modernen und im wirklichen Sinne chancengerechten Bildungssystems zählt.

Anders als die öffentliche Diskussion oft glauben lässt, ist Sprache nämlich nicht alles. Das deutsche Bildungssystem krankt an einem anderen Punkt, der sich sehr subtil auf die Karrieren von Migrantenkindern, aber auch von deutschen Kindern aus nicht-akademischen Milieus auswirkt. Entscheidend ist das durch die Familie weitergegebene kulturelle Kapital – das Wissen darüber, wie man sich in der Schule und gegenüber LehrerInnen richtig verhält (Radtke 2004; Mannitz 2002; Bourdieu 1996). Man muss den richtigen Verhaltenskodex kennen, um in der Schule erfolgreich zu sein, das ist die eigentlich unangenehme Botschaft der PISA- und IGLU-Studien der letzten Jahre, wie auch der Deutschen Bildungsberichte 2008 und 2010. SchülerInnen, die nicht dem selben sozialen Milieu wie ihre LehrerInnen entstammen – und das gilt für den überwiegenden Teil der Kinder aus nicht-akademischen Familien – haben es oft schwer, diesen Kodex zu entziffern. Sie verhalten sich in den Augen der LehrerInnen schnell „daneben“ und wirken je nach Situation ungehobelt oder anbiedernd, frech oder schüchtern. Kurz: sie treffen nicht den richtigen Ton. Folglich haben sie es bei gleichen Leistungen deutlich schwerer als ihre Altersgenossen aus bildungsorientierten Elternhäusern, den Übergang ins Gymnasium zu schaffen.

Ähnlich geht es den Eltern dieser Kinder, die sich oftmals nicht bewusst sind, wie wichtig der enge und regelmäßige Umgang mit LehrerInnen ist. Falls aber doch, hindert sie nicht selten eine Mischung aus sozialer Fremdheit, intellektueller Unterlegenheit oder vermeintlich mangelndem Ausdrucksvermögen, den Kontakt offensiv und in einer für die Kinder vorteilhaften Art und Weise zu suchen. Es sind eben doch diese eminent wichtigen Sekundärtugenden, die den Unterschied in der Bildungslaufbahn ausmachen und die sind meist milieu- und nicht unbedingt kulturspezifisch.

Angesichts dieses Befunds verwundert es auch nicht, dass Eltern aus nicht-akademischen Milieus ihren Kindern den erfolgreichen Übergang ins Gymnasium nur bei überdurchschnittlich guten Leistungen zutrauen. Viele dieser Eltern verfügen über ein gutes Gespür für die unsichtbaren Schranken, die ihre Kinder in einem akademisch geprägten Setting überwinden müssen. Das Stigma des Außenseiters kann nur kompensieren, wer mit besonders guten Leistungen aufwartet. Man kennt diesen Mechanismus aus der Genderdebatte und aus der Rassismusforschung.

Was heißt das für eine moderne Integrationspolitik?

1. Sie muss natürlich ressourcenorientiert denken, den Blick umkehren und den Rahmen für Gelegenheiten zur Bewährung und zu entlohnter Leistung setzen. Sie muss glaubhaft machen, dass die Investition in die Zukunft der Kinder die Mühe wert ist. Der Arbeitsmarkt ist noch immer der beste Integrationsmotor.

Die Zeit ist günstig für einen solchen Perspektiven- und Politikwechsel. Der demographische Wandel schlägt bereits durch, viele Firmen können ihre freien Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen. Was liegt da näher, als, anstatt abstrakte Erwartungen zu formulieren, in Wirtschaft, Zivilgesellschaft und in den Kommunen konkrete Arbeits- und Ausbildungsangebote zu machen. So viel Vertrauen muss sein. Große Firmen und einige kommunale Arbeitgeber suchen bereits jetzt gezielt nach Auszubildenden mit Migrationshintergrund wegen ihrer spezifischen Kompetenzen. Die meisten von ihnen nehmen die Herausforderung zur Bewährung an. Ein gelungenes Beispiel ist die Kampagne „Berlin braucht dich!“ durch die das Land Berlin den Anteil der Auszubildenden mit Migrationhintergrund in den vergangenen drei Jahren nahezu verdreifacht hat. Mittlerweile kommt jeder fünfte Azubi im Berliner Öffentlichen Dienst aus einer Einwandererfamilie.

2. Andererseits darf eine moderne Integrationspolitik nicht die Augen verschließen vor den nach wie vor erheblichen Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt, in der Schule, in der Ausbildung und auch im Öffentlichen Dienst. Lediglich das Schaffen von Gelegenheiten reicht nicht aus, der Konkurrenzkampf und das Beharrungsvermögen der „Etablierten“ sind nach wie vor ausgeprägt. Institutionen müssen daher lernen, produktiv mit Diversität umzugehen. Erst wenn sie sich diese Kompetenz angeeignet haben, sind sie wirklich im 21. Jahrhundert und damit in der Einwanderungsgesellschaft angekommen. Dieser Lernprozess ist aufwendig und grundlegend. Er bedeutet eine fundamentale Neuorientierung durch die die Perspektive der Interkulturalität, die Kern des institutionellen und betrieblichen Selbstverständnisses werden muss. Der demographische Wandel lässt uns auch hier keine Wahl. In 15 Jahren werden mehr als 50% der Jugendlichen in Berlin einen Migrationshintergrund haben, mit einer steigenden Tendenz. Bislang sind unsere Bildungs- und Arbeitsmarktinstitutionen aber auch viele Unternehmen auf diesen Wandel nicht vorbereitet.

Der jüngst vorgestellte Entwurf des Berliner Senats für ein Partizipations- und Integrationsgesetz geht in diese Richtung. Auch wenn sich das Gesetz vor allem an den Öffentlichen Dienst richtet und sich das Land Berlin gewissermaßen mit rechtlichen Mitteln an die eigene Nase fasst, kann es doch einen erheblichen Vorbildcharakter für andere Institutionen entfalten. Zudem ist der Öffentliche Dienst, gerade in Berlin, einer der größten Arbeitgeber.

Die dritte Generation als gleichberechtigte Staatsbürger

Dass die dritte Generation in dem Entwurf zum Integrationsgesetz formal nicht mehr mit einem Migrationshintergrund versehen wird, ist folgerichtig. Es handelt sich bei dieser Gruppe, den Enkeln der ersten Einwanderergeneration, um deutsche StaatsbürgerInnen. Bereits ihre Eltern wurden in Deutschland geboren. Im Sinne einer Politik der gesellschaftlichen Inklusion sollten deren Probleme als das behandelt werden was sie sind: nicht mehr die Schwierigkeiten einer ausländischen Sondergruppe, sondern Herausforderungen vor denen eine ethnisch diverse und sozial höchst heterogene inländische Jugend und damit die gesamte Gesellschaft steht.

Das heißt auch: Institutionen wie Schulen, Kindergärten, Jobcenter etc. werden sich im Zuge eines interkulturellen Lernprozesses darauf einstellen müssen, dass die Folgen zunehmender gesellschaftlicher Diversität nicht mehr ausschließlich den als anders identifizierten NeubürgerInnen aufgebürdet oder schlicht einem bestimmten fremd erscheinenden Gruppenmerkmal zugeschrieben werden können. Das war bislang der einfachste Ausweg, verhinderte aber wirkliches Umdenken.

Wenn sich interkulturelle Kompetenz auf den Umgang mit der Diversität und kulturellen Heterogenität einer gesamten Gesellschaft bezieht, kehrt sich die Perspektive tatsächlich um. Die Verschiedenheit ist dann kein Anpassungsproblem der „Anderen“ oder „Fremden“ mehr, sondern führt zu einem beständigen inneren Aushandlungsprozess zwischen gleichberechtigten StaatsbürgerInnen. Das ist anstrengend und erfordert ein hohes Maß an Wachheit, Aufmerksamkeit und institutioneller Konfliktfähigkeit. Spätestens dann aber entspricht institutionelles Handeln, verstanden als lernendes Handeln, auch der Wirklichkeit einer von Einwanderung geprägten Gesellschaft. Auch im Hinblick darauf ist der Berliner Entwurf zu einem Partizipations- und Integrationsgesetz im besten Sinne modern – und doch seiner Zeit voraus.

Oktober 2010

Literatur

  • Beauftragter des Berliner Senats für Integration und Migration (2009) Erster Umsetzungsbericht zum Berliner Integrationskonzept 2007. Berlin.
  • Pierre Bourdieu (1996) Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main.
  • Heinz Bude (2008) Exklusion. Die Debatte über die „Überflüssigen“. Frankfurt am Main.
  • Norbert Elias und John L. Scotson (1993) Etablierte und Außenseiter, Frankfurt am Main.
  • Sabine Mannitz (2002) Disziplinarische Ordnungskonzepte und zivile Umgangsformen. In: Rainer Ohliger und Ulrich Raiser (2005) Integration und Migration in Berlin. Zahlen – Daten – Fakten. Berlin.
  • Werner Schiffauer et al. (Hg.) Staat – Schule – Ethnizität. Politische Sozialisation von Immigrantenkindern in vier europäischen Ländern. Münster, New York.
  • Ulrich Raiser (2007) Erfolgreiche Migranten im deutschen Bildungssystem – es gibt sie doch. Berlin, Münster.

Ulrich Raiser arbeitet für den Berliner Integrationsbeauftragten und ist Dozent für Soziologie an der Humboldt Universität zu Berlin. Aktuelle Fragen der Integrationspolitik kommentierte er zuletzt u.a. in der taz und in der Berliner Republik.