FRAU HATICE- Leseprobe von Hatice Günay

FRAU HATICE- Leseprobe von Hatice Günay

FRAU HATICE (Auszüge)

i.

Sie ging morgens um halb acht los und kam abends um halb acht zurück. Die Kinder jäteten Unkraut im Sonnenblumen- und Reisfeld und wenn der Mais hoch genug stand, halfen sie bei der Kolbenernte. In den Sonnenblumenfeldern trug Hatice in der Zeit, in der die Blüten voller Samen hingen, einen Korb auf dem Rücken. Mit einer Hand wurde der Blütenkopf angefasst, mit der anderen der Kopf abgeschnitten und über die Schulter in den Korb geworfen. Sie war klein, langte oft gar nicht an den Blütenkopf heran. Und immer noch war sie zu zart und schwächlich für ihr Alter, nur halb so groß wie die Körbe, die sie auf dem Rücken trug. Am Abend tat ihr alles weh. Mutter massierte ihr mit Sonnenblumenöl den Rücken, damit die Muskelschmerzen erträglicher wurden und behandelte Hatices aufgerissene und geschundene Hände. Vater strich alles Geld ein, das sie verdiente. Erwachsene bekamen für einen Tag Feldarbeit umgerechnet etwa zwei Mark. Kinder die Hälfte oder auch weniger. Schon damals hörte sie andere Frauen darüber reden, dass es in Deutschland viel einfacher sei, Geld zu verdienen. Gelegentlich zog ein Flugzeug über ihre Köpfe hinweg und sie dachte oft: »Irgendwann sitze ich da drin und fliege nach Deutschland.« Es kam vor, dass sie das laut sagte, dann lachten die Frauen über sie.

ii.

Jeder hat es schon mal erlebt. Man begegnet einem Fremden und weiß sofort, den kann ich leiden oder den mag ich nicht. Lütfiye spürte Unbehagen, als sie Ismail gegenüberstand. Mit dem wollten ihre Eltern sie verheiraten?

Ihr Schuppen hing voll von Bändern mit Tabakpflanzen. Also hatte Ismail statt Geld zu bekommen, sich in Naturalien auszahlen lassen. Den Tabak zu verkaufen kam nicht infrage, er hätte sie dafür grün und blau geschlagen. Obwohl sie jede einzelne Lira für die Kinder gut hätte gebrauchen können. So würde Ismail in wenigen Wochen nach der Fermentierung alles in Rauch aufgehen lassen, seine Lungen mit Tabakqualm aus selbstgedrehten Zigaretten füllen, seinen Husten mehren und das Haus mit dem Gestank von Zigarettenqualm verpesten.

„Ich bringe dich um“, drohte Schwager Salim, griff nach dem Brief und schwenkte ihn vor Hatices Nase herum. Der hatte es gerade nötig, wo er sie doch zu einer Scheinehe hatte überreden wollen. Sicherlich grollte er ihr immer noch, dass sie ihr Geld statt an ihn an die Eltern sandte.

„Gastarbeiter.“ Ein Wort, das Hatice öfter hörte. Sie schlug es in einem Wörterbuch nach. Gastarbeiter, war dort zu lesen, sind Arbeitsmigranten. Die Arbeitskolleginnen aber sprachen es wie ein Schimpfwort aus. Schnell erkannte Hatice, dass die beiden Frauen zum einen sehr feindselig und zum anderen recht faul waren. Sie machten jeden Tag von neune bis zehn Kaffeepause, rauchten und tratschten und ließen Nuray und Hatice arbeiten.
„Die nutzen uns nur aus“, sagte Hatice. „Ich werde es melden.“
„Wie willst du das erklären. Du kannst kein Deutsch.“
„Das kriege ich hin.“
[…]

„Frauen dürfen kein Auto fahren“, verkündete die Schwiegermutter.
„Warum denn?“
„Das ist unschicklich. Eine anständige Frau tut so etwas nicht.“
„Ich werde eines Tages einen Führerschein machen“, versicherte Hatice und das nicht nur, um die Schwiegermutter zu verärgern.
„Aber mein Sohn, die Ehemann, wird es dir verbieten.“
„er wird es erlauben“, versicherte Hatice und ahnte nicht, dass Schwiegermutter recht behalten würde.

Burkana Verlag — Bildnachweise

Publikation:
FRAU HATICE von Hatice Günay und Unetta Steemann
140 Seiten   
Preis Euro 12,80       
Burkana Verlag, Borkum, 2019
ISBN 978-3-9816347-2-3

 

 

 

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