"Sie sagte, hier in diesem Land dürften wir nur Deutsch sprechen"

In der sechsten und vorerst letzten Episode von #zuhauselesen liest Schriftsteller Senthuran Varatharajah aus seinem mehrfach ausgezeichneten Romandebüt “Vor der Zunahme der Zeichen”. Hier gibt es den Auszug zum Nachlesen.

Senthuran Varatharajah sitzt an einem Tisch, auf dem ein großer Blumenstrauß steht, während seiner Video-Lesung
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Senthuran Varatharajah

Senthuran Varatharajah, geboren 1984 in Jaffna, Sri Lanka. Studium der Philosophie, ev. Theologie und der vergl. Religions- und Kulturwissenschaft an der Philipps- Universität Marburg, der Humboldt-Universität zu Berlin und am King’s College London. 2016 Veröffentlichung des mehrfach ausgezeichneten Debütromans Vor der Zunahme der Zeichen im S. Fischer Verlag. Varatharajahs zweiter Roman Rot (Hunger) erscheint nächstes Jahr, ebenfalls bei Fischer.

Senthuran Varatharajah lebt in Berlin.


Senthil Vasuthevan

das vierte und letzte asyllandheim, in dem wir wohnten, lag im hinterhaus einer ehemaligen metzgerei. eine ältere frau aus der nachbarschaft begann uns zu besuchen; unsere mutter nannte sie amma und wir haben sie nicht amamma gerufen; wir sagten oma. wenn unsere eltern arbeiten gingen, passte sie auf uns auf. sie backte käsekuchen mit mandarinen. sie feuchtete ihre finger mit etwas speichel an, wenn sie die seiten umblätterte, und auch ich legte meinen rechten zeigefinger auf die zungenspitze, wenn ich so tat, als könnte ich bereits lesen. wir wussten, dass sie sich auf den sessel mit dem rücken zur tür setzte und fernsah, nachdem sie uns ins bett gebracht hatte, und dort auf dem dunkelgrünen stickmuster wartete sie, bis unsere eltern zurückkamen. sie las uns die unendliche geschichte vor. sie las uns aus der einheitsübersetzung vor. sie sagte, hier in diesem land dürften wir nur deutsch sprechen. sie sagte, tamil sei eine katzensprache. unsere mutter nannte sie amma und wir sagten oma zu ihr. ich kenne nicht ihren vornamen. sie hat alles für uns getan.

in der oberfränkischen kleinstadt, in der wir aufwuchsen, wurden anfangs drei tamilische familien, zwei aus dem iran und drei kurdische untergebracht, und jeder wurde eine kleine wohnung zugewiesen, alle in diesem haus; wir wohnten im vierten stock, die anderen verteilt darunter. oma ließ die tür einen spalt weit geöffnet, damit der fernseher uns nicht weckte und sie uns noch hätte hören können, wenn wir wach blieben und über die spider man und x-men comics redeten, die wir unter der decke mit taschenlampen gelesen oder angesehen hatten. mein älterer bruder stand auf und schlich in den koridor, so, wie er es immer tat, wenn er nicht einschlafen konnte, und manchmal folge ich ihm, auf gespitzten zehen. wir standen im türrahmen, angelehnt und rückengebeugt, und wir schauten durch den feinen streifen licht, den sie ließ und der flimmerte; hellbläulich schien er auf unsere pupillen, an ihren unter glas vorbei, und wir werden uns das halbierte auge zerstört haben am grund der bilder. als sie starb, sagte ihr sohn zu meiner mutter, sie könne aus ihrer wohnung nehmen, was sie braucht, und meine mutter nahm ihre brille; sie liegt auf dem provisorischen hausschrein, einem mit
weichem strohgeflecht bezogenen stuhl, neben dem bild ihrer eltern.

ich erinnere mich. wir wussten, wann aktenzeichen xy lief. die sendung hatte bereits
begonnen. als wir nach zehn oder fünfzehn minuten die wörter tamilische flüchtlinge und sri lanka hörten, schob mein bruder mich mit seinem ellenbogen zur seite, aber ich konnte aufgequollene körper noch sehen, kurz und an der oberfläche, für einigen sekunden wasser im fleisch; es war nicht blau und nicht rot und nicht grün und nicht lila, aber es war schwarz und weiß, unterschiedslos, so wurden sie gezeigt, in dieser lage. ich erinnere mich nicht an den namen des flusses und auch nicht an den einer nahe liegenden ortschaft, die genannt wurden, bestimmt; sie könnten in der nähe der tschechischen grenze vielleicht, vermutlich gelegen haben, und vielleicht, vermutlich liegen sie noch immer dort, in einer gegend, die sich kaum nennt, und in der sich nichts vielleicht erinnert. das prinzip aller dinge ist das wasser, aus wasser ist alles und in wasser kehrt alles zurück, es nimmt und nimmt gedächtnis. sie hätten schnee gegessen. sie wollten nach deutschland kommen, hierher, durch wälder und durch dieses kleine stück noch zu fuß, das konnte ich hören, durch den spalt, den oma ließ, bevor sie
sich umdrehte und uns sah, unter glas, körper ohne bewegung in rückengebeugter form, und die flüssigkeit auf dem schlafanzug meines älteren bruders, die über seine beine rann; langsam.

 

Erschienen 2016 im S. Fischer Verlag.

 

Warum #zuhauselesen?

Die Pandemie trifft Kunst- und Kulturschaffende besonders hart. Die Video-Reihe #zuhauselesen - Literatur aus dem Zwischenraum bietet (post-)migrantischen Autor*innen eine Plattform, trotz abgesagter Buchmessen und Lesungen ihre Werke vorzustellen. Sie teilen ihre Perspektiven als Künstler*innen auf die aktuelle Situation und lesen aus ihren Romanen, Kurzgeschichten und Gedichten. Dabei filmen sie sich selbst in ihrem Zuhause, das für viele in den letzten Monaten zu einem Zwischenraum geworden ist.

Die Reihe wird kuratiert von Safiye Can und Hakan Akçit, als Teil des Open Space Projekts Zwischenraum für Kunst auf dem migrationspolitischen Portal Heimatkunde der Heinrich-Böll-Stiftung.