Erinnerungskultur neu denken - Koloniale Spuren im städtischen Raum

Hintergrund

Die Aufarbeitung des deutschen Kolonialerbes läuft schleppend: Immer noch lagern tausende Schädel aus kolonialen Kontexten in deutschen Museen, Straßennamen in Berlin, Köln oder Erfurt ehren deutsche Kolonialherrschaft. Wo die Politik versagt, treiben lokale Gruppen eine kritische Erinnerungskultur im öffentlichen Raum voran, schreibt Historikerin Bebero Lehmann.

Stadtfuehrung von "Decolonize Cologne"
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Bebero Lehmann von "Decolonize Cologne" bei einer Stadtführung in Köln

Anton Wilhelm Amo, Rudolf und Emily Douala Manga Bell, Cornelius Fredericks – Persönlichkeiten Schwarzer deutscher Geschichte, denen in Berlin seit kurzem mit Straßennamen gedacht wird. Anton Wilhelm Amo war der erste Schwarze Rechtsgelehrte und Philosoph hierzulande. Im 18. Jahrhundert lehrte er an den damals renommierten preußischen Universitäten Halle und Wittenberg. 1729 verfasste er eine Disputation über die „Rechte Schwarzer Menschen in Europa“. Doch seine Arbeit ist nicht überliefert.

Ein Beispiel dafür, wie Schwarze deutsche Geschichte unsichtbar gemacht wurde, indem Quellen, die sie belegen, oftmals nicht archiviert wurden.

Der Douala-Herrscher Rudolf Douala Manga Bell, der zu Ausbildungszwecken einige Jahre in Deutschland gelebt hatte, und seine Frau Emily leisteten mit juristischen Mitteln gewaltfreien Widerstand gegen die koloniale Unrechtsherrschaft der Deutschen in Kamerun. Rudolf Douala Manga Bell wurde daraufhin 1914, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, wegen Hochverrats gehängt.

Cornelius Fredericks, der 1906 im Konzentrationslager auf der Haifischinsel in der sogenannten Lüderitzbucht interniert und ein Jahr später exekutiert wurde, war ein führender Widerstandskämpfer der Volksgruppe der Nama während des deutschen Völkermordes in Namibia. Sein Schädel soll nach Deutschland verschleppt worden sein – ob für rassistische Forschung oder als Trophäe ist bisher ungeklärt. Im Zuge des Völkermords an den Ovaherero und Nama zwischen 1904 und 1908, aber auch während anderer Kolonialkriege und durch das widerrechtliche Öffnen von Gräbern im Rahmen von Forschungsexpeditionen deutscher Wissenschaftler*innen, kamen Tausende von Schädeln und Gebeinen vom afrikanischen Kontinent und aus anderen, kolonisierten Teilen der Welt, nach Deutschland.

Die genaue Zahl ist niemandem bekannt, dazu bräuchte es weitaus mehr Provenienzforschung. Es ist aber davon auszugehen, dass sich über 10.000 Schädel aus kolonialen Kontexten vom afrikanischen Kontinent und auch von indigenen Völkern aus den Amerikas, Australien, Neuseeland und Asien in Deutschland befinden. Sie lagern heute noch in musealen und anatomischen Sammlungen. Allein in den Depots der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, eine Stiftung öffentlichen Rechts, getragen von Bund und Ländern und einer der Träger des Humboldt-Forums, lagern rund 8000 Schädel. Rückgabeforderungen von Herkunftsgemeinschaften gibt es seit langem.

Das Bedürfnis, die verstorbenen Angehörigen zu beerdigen ist groß. Der Rückgabeprozess läuft jedoch mehr als schleppend. Vor diesem Hintergrund steht das Humboldt-Forum massiv in der Kritik. Der Wiederaufbau des Stadtschlosses – einer ehemaligen Residenz der Hohenzollern, die im 17. Jahrhundert im transatlantischen Versklavungshandel involviert waren und als Kolonialherrscher die Berliner Afrikakonferenz und den Genozid in Namibia zu verantworten haben – um darin nun Kunst aus kolonialen Unrechtskontexten auszustellen, während in den Depots tausende Schädel aus kolonialen Unrechtskontexten lagern, ist absurd.

Wen wollen wir ehren? Aus wessen Perspektive erinnern?

Wie die Rückgabe von Schädeln, Gebeinen, Kunst- und Kulturschätzen aus kolonialen Kontexten, läuft auch die Umbenennung von Straßennamen, die Kolonialverbrecher ehren, schleppend. Die Straßen im sogenannten Afrikanischen Viertel Berlins, die heute an Cornelius Fredericks, Rudolf und Emily Douala Manga Bell erinnern, waren zuvor nach Adolf Lüderitz und Gustav Nachtigal benannt. Lüderitz legte mit betrügerischen Landkaufverträgen den Grundstein für die Kolonisierung Deutsch-Südwestafrikas (heute Namibia). Nachtigal erzwang durch Geiselnahmen die koloniale Unterwerfung der lokalen Bevölkerung in Togo. Nach jahrelangem dekolonialen Engagement durch den Afrika-Rat Berlin Brandenburg und das Bündnis Decolonize Berlin wurde die Umbenennung im Jahr 2018 endlich beschlossen. Bis zum tatsächlichen Austausch der Straßenschilder dauerte es allerdings vier weitere Jahre. Wann das M*straßen-Schild gegen Anton-Willhelm-Amo-Straße ausgetauscht wird, ist noch unklar. 

In vielen anderen deutschen Städten gibt es weiterhin Straßen, die Nachtigal, Lüderitz und andere Kolonialverbrecher ehren. Diese kolonialen Spuren im öffentlichen Raum sind nicht nur Überbleibsel aus der historischen deutschen Kolonialzeit. Vieles wurde nach 1919 geschaffen, mit der Absicht, die Erinnerung an die vermeintliche einstige Größe des Deutschen Reiches zu bewahren. Denn auch nach dem Verlust der Kolonialgebiete im Zuge des verlorenen Ersten Weltkriegs waren die kolonialen Ambitionen Deutschlands sowohl in der Weimarer Republik, als auch während der Zeit des Nationalsozialismus ungebrochen. In der Weimarer Republik vertraten nahezu alle Parteien die Ansicht, dass Deutschland vor allem aus wirtschaftlichen Gründen wieder Kolonialmacht werden müsse. Später schmiedeten die Nazis Pläne zur Rückerlangung der ehemaligen deutschen Kolonialgebiete auf dem afrikanischen Kontinent, die erst 1942, in Folge größerer militärischer Verluste, fallengelassen wurden.

Vortrag von "Decolonize Cologne"
Vortrag von "Decolonize Cologne"

Vielerorts setzen sich deshalb zivilgesellschaftliche Initiativen für die Dekolonisierung von Straßennamen und Denkmälern ein. In Köln zum Beispiel macht Decolonize Cologne seit 2018 unter anderem mit Stadtrundgängen auf koloniale Spuren im öffentlichen Raum aufmerksam. Denn nachdem 1990 die beiden Straßen, die nach Lüderitz und nach Carl Peters benannt waren, auf Initiative der Grünen in Usambara- und Namibiastraße umbenannt worden waren, ist auch hier nicht mehr viel passiert. Seit Januar 2021 gibt es nun ein Gremium zur Aufarbeitung der kolonialen Geschichte der Stadt, einberufen von der Oberbürgermeisterin, in dem Decolonize Cologne, der Kölner Teil der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) und weitere zivilgesellschaftliche Initiativen und Akteure unterschiedlicher Communities vertreten sind. Gemeinsam mit dem Liegenschaftsamt entsteht gerade eine Bestandsaufnahme von kolonialbelasteten Straßennamen mit dem Ziel der Umbenennung. Dabei soll der historische Kontext gewahrt und aus der Perspektive von Widerstandskämpfer*innen und Kolonialmigrant*innen erinnert werden. Wann jedoch Straßen wie die Gustav-Nachtigal-Straße oder die Wissmannstraße tatsächlich umbenannt werden, bleibt abzuwarten.

Die aktuelle Debatte in Erfurt zeigt, wie problematisch der Umgang mit Kolonialgeschichte oftmals nach wie vor ist. Decolonize Erfurt setzt sich seit Jahren für die Umbenennung des Nettelbeckufers ein. Zur Begründung wurde eine umfassende Forschungsarbeit zur Biographie Joachim Nettelbecks (1738–1824), einem Sklavenhändler und Koloniallobbyist, der von den Nazis glorifiziert wurde, vorgelegt. Als neuen Namensgeber schlägt Decolonize Erfurt Gert Schramm vor. Der Sohn eines US-amerikanischen Eisenbahningenieurs und einer weißen Erfurterin wurde 1928 am Nettelbeckufer geboren. Als Teenager überlebte er das KZ Buchenwald, nach 1990 engagierte er sich als Zeitzeuge in der antirassistischen Bildungsarbeit. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz und veröffentlichte 2011 seine Memoiren. Doch während die Erfurter Nettelbeck-Forschung in Dortmund und Berlin zu erfolgreichen Umbenennungsbeschlüssen geführt hat, ist die Straßenumbenennung in Erfurt vorerst gescheitert. Am 8. März 2023 hat der Erfurter Stadtrat mit den Stimmen von SPD, CDU und AfD beschlossen, dass das Nettelbeckufer nicht umbenannt werden soll.

Historische Aufarbeitung, um Rassismus entgegenzuwirken

Berlin, Köln und Erfurt sind drei Beispiele für lokale Decolonize- und Postkoloniale-Gruppen, die von Kiel bis München und von Aachen bis Frankfurt (Oder) zu finden sind. Sie sind es, die Orte kolonialer Kontinuitäten im öffentlichen Raum, beispielsweise durch Stadtrundgänge, zu Lern- und Erinnerungsorten machen und die eine kritische Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Rassismus vorantreiben. Teilnehmende solcher Stadtrundgänge werfen immer wieder die Frage auf, warum Straßen, die an Nationalsozialismus oder DDR erinnerten, weitaus schneller umbenannt werden konnten, als es im Kontext von Kolonialismus der Fall ist.

Bedenkt man jedoch, dass die Auseinandersetzung mit der deutschen kolonialen Vergangenheit und deren Aufarbeitung über Jahrzehnte nicht stattfand und immer noch unzureichend im Schulunterricht, in der universitären Lehre und Forschung und damit in unserem vorherrschenden Geschichtsbewusstsein thematisiert wird, ist dies kaum verwunderlich. Eine Folge dieser mangelnden Aufarbeitung ist außerdem das Selbstbild Deutschlands als weiße Nation, in der Schwarze Menschen bestenfalls als vorübergehende Gruppen in Erscheinung treten. So bleiben die Beiträge und Lebenserfahrungen Schwarzer Menschen unkenntlich und Schwarze Menschen werden kontinuierlich ausgegrenzt und als fremd konstruiert. Eine historisch-kritische Aufarbeitung ist deshalb auch notwendig, um Rassismus in Deutschland entgegenzuwirken.

Biographien wie die von Anton Wilhelm Amo, Rudolf und Emily Douala Manga Bell und Cornelius Fredericks verdeutlichen exemplarisch die Kontinuität Schwarzen Lebens in Deutschland sowie die damit einhergehende Tradition antikolonialen Widerstands. Dass wir diese Namen heute kennen, verdanken wir dem Einsatz dekolonialer und afrodiasporischer Gruppen sowie Schwarzer Historiker*innen wie Katharina Oguntoye und Paulette Reed-Anderson, die sich seit rund 40 Jahren für eine Erinnerungskultur einsetzen, die Schwarze Perspektiven und einen kritischen Umgang mit der deutschen Kolonialgeschichte mit einschließt. Die Aufarbeitung und Sichtbarmachung Schwarzer Geschichte legt koloniale Kontinuitäten offen, die in der Vorstellung, dass Schwarz- und Deutsch-Sein ein Widerspruch sei, zutage treten und sich in den Rassismuserfahrungen Schwarzer Menschen in Deutschland auf fatale Weise manifestieren.

Kolonialkritische Stadtführung in Köln
Stadtführung in Köln

Schwarze Lebensrealitäten im Kontext kolonialer Kontinuitäten

Im Grunde hat jede Schwarze Person in Deutschland vor der Vollendung des 18. Lebensjahrs bereits mehrere rassistische Erfahrungen machen müssen. Nicht nur im Alltag, durch rassistischen Sprachgebrauch und Anfeindungen, sondern auch strukturell, in Kindertagesstätten, Schulen und anderen Erziehungs-, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen. Später dann an Universitäten, auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder durch rassistische Polizeigewalt. 2017 kam auch eine UN-Expert*innenkommission in ihrer Untersuchung zur Lage von Menschen afrikanischer Abstammung in Deutschland zu diesem Schluss. Laut ihrem Bericht sind Rassismus, Vorurteile und Hasskriminalität gegenüber Schwarzen Menschen keine Einzelfälle, sondern struktureller Natur.

Dies bestätigt auch der Afrozensus, die erste umfangreiche Online-Befragung Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland, erstellt von EOTO e.V. (Each One Teach One) und Citizens For Europe (CFE). Dabei wird auch ganz klar der Zusammenhang zur fehlenden Aufarbeitung der eigenen Kolonialvergangenheit benannt sowie die dringende Empfehlung formuliert, Deutschland solle sich an seine Rolle in der Kolonisierung, Versklavung, Ausbeutung und im Völkermord von Afrikaner*innen erinnern und Reparationen leisten. Seit 2021 ist die Aufarbeitung des kolonialen Erbes nun im Koalitionsvertrag festgeschrieben. 

Doch der Handlungsbedarf ist nach wie vor groß. Dies zeigt sich unter anderem am schleppenden Verlauf der Verhandlungen Deutschlands mit der namibischen Regierung um Reparationen für den Völkermord an den Ovaherero und Nama, die selbst nicht mit am Verhandlungstisch sitzen durften. Ähnliches gilt für Diskussionen um die längst fällig gewordenen Rückgaben von menschlichen Gebeinen und Kunstschätzen aus deutschen Museumsarchiven und Sammlungen, sowie der bedrückend langen Liste ungeklärter Todesfälle Schwarzer Menschen in Deutschland, bei denen rassistische Motive nahe liegen. Oury Jalloh ist lediglich der bekannteste Fall. Auch die Menschenrechtsverletzungen, die geflüchtete Menschen vom afrikanischen Kontinent nach wie vor in Deutschland erleben – zusätzlich zu den Menschenrechtsverletzungen, die Deutschland im Zuge der perfiden Abschottungspolitik der Europäischen Union im Mittelmeer und in Libyen betreibt –  lassen sich hier einreihen. 

Die rassistische Gewalt gegenüber Schwarzen und geflüchteten Menschen vom afrikanischen Kontinent in Deutschland sowie ihre anhaltenden politischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen haben ihren Ursprung in derselben ignoranten Verdrängung der deutschen Kolonialvergangenheit. Straßennamen, die immer noch Kolonialverbrecher ehren, sind Symbole dieser Ignoranz im öffentlichen Raum.

Seit der Ermordung von George Floyd am 25. Mai 2020 in den USA und den darauffolgenden Black Lives-Matter-Protesten haben weite Teile der Gesellschaft erkannt, dass es auch in Deutschland Rassismus gibt und dass dieser seinen Ursprung in jenen Rassentheorien hat, die den Kolonialismus legitimieren sollten. Immer mehr Städte bemühen sich seither um eine kritische Aufarbeitung ihrer kolonialen Vergangenheit. Diskussionen um Erinnerungskultur im öffentlichen Raum, die Umbenennung von Straßen und der Umgang mit Denkmälern spielen dabei eine zentrale Rolle. Im Kern geht es um zwei Fragen: Wen wollen wir ehren? Aus wessen Perspektiven wollen wir erinnern? Dabei ist es essentiell, dass die Dekolonisierungsprozesse, die die Städte anstreben, von jenen dekolonialen und afrodiasporischen, zivilgesellschaftlichen Initiativen getragen werden, ohne deren Engagement und Expertise diese Themen überhaupt nicht auf die politische Agenda gekommen wären.

Der öffentliche Raum bietet ein großes Potenzial, um rassismuskritische Perspektiven auf das vorherrschende Geschichtsbewusstsein zu eröffnen und damit zu Dekolonisierungsprozessen beizutragen. Dies gelingt jedoch nur durch eine kritische Auseinandersetzung mit kolonialen Kontinuitäten in unseren gesellschaftlichen Strukturen und in unseren Köpfen. Es braucht eine Erinnerungskultur, die Schwarze Perspektiven und Geschichte miteinbezieht und als Teil der deutschen Geschichte sichtbar macht. Denn nur so können kolonialrassistische Kontinuitäten, die immer noch zu Verletzungen von Menschenrechten führen und teils lebensbedrohlich sind, endlich überwunden werden.