Leseprobe von Alla Leshenko

Leseprobe aus dem Erzählband "Von Wespen und Raubfröschen" von Alla Leshenko.  

Buchcover "Von Wespen und Raubfröschen" von Alla Leshenko, Edition Schildwächter

Auszug aus dem Kurzroman „Mitfahrgelegenheit“, im Erzählband "Von Wespen und Raubfröschen" von Alla Leshenko. 


Sie betraten das Anwesen. Der Geruch von verrottendem Holz und schimmeligen Stoffen schlug ihnen entgegen. Feuchte, krumm gewordene Kieferndielen knarrten entsetzt unter dem Gewicht der Kinder. Sie überquerten den großzügig geschnittenen Flur und betraten einen riesenhaften Raum, der zu seiner Zeit als Salon gedient hatte.

Einst elegante, silbern schimmernde Seidentapeten hingen jetzt in modrigen Fetzen von den Wänden herunter. Teile der Einrichtung waren noch vorhanden und standen mahnend da, von Feuchtigkeit verzogen und entseelt. Liegen gelassene Kondome, Plastikfolien und dreckige Einmachgläser waren überall verstreut. All cops are bastards stand mit weißer Farbe auf dem Boden gesprüht. Daneben eine Faust mit erhobenem Mittelfinger.  

Ein vor Nässe wie Wellpappe aufgeblähtes Piano ragte verwahrlost aus der Mitte des Salons. Seine Tasten waren teils eingedrückt und teils herausgerissen worden. Nie wieder würde ihm jemand einen musikalischen Ton entlocken können. Francesca und Graziano gingen um das Piano herum.

„Die Besitzer dieses Hauses müssen ein schönes Leben geführt haben“, sagte Francesca verträumt. „Stell dir mal vor, wir besäßen so einen prächtigen Palazzo mit einem Klavier und einer großen Veranda, auf der wir Partys feiern könnten. Mamma müsste dann nicht so lange in der Wirtschaft schuften und wir bekämen die putzigsten Kinderzimmer, die man sich nur vorstellen kann.“

„Aber ich mag mein Kinderzimmer“, entgegnete Graziano.
„Du kannst dort nicht einmal fernsehen.“
„Na und? Ich mag’s trotzdem. Filme schauen können wir auch unten im Wohnzimmer.“
Francesca seufzte. „Du kapierst es nicht. Komm, lass uns nach oben gehen.“

Sie gingen die Treppe hinauf. Jedes Mal, wenn sie ihre Füße aufsetzten, gab das Holz der Stufen leicht nach und quietschte unbarmherzig. „Halte dich am Geländer fest“, sagte Francesca. Graziano tat brav wie geheißen.

Die obere Etage bestand aus Schlafräumen und einem Zimmer, das Francescas Einschätzung zufolge ein Büro gewesen sein musste. Leere Bücherregale an den Wänden und ein morscher antiker Sekretär, dessen Schubladen samt Inhalt wie herausgerissene Organe eines Bombenanschlagsopfers quer auf dem Boden verteilt lagen, glotzen die Kinder vorwurfsvoll an. Was fällt euch ein, in unsere Misere einzudringen? Wir sind geschändet und bloßgestellt und wollen keinen Besuch.

Das Büro mündete in eine Loggia. Dahinter sah man eine ehemals mit Sicherheit kunstvolle Gartenanlage, die nun ein einziges Gewirr aus Unkraut und Efeu darstellte. Sonnenlicht fiel durch die aus irgendeinem Grund immer noch intakt verglaste Loggiatür und übergoss das Zimmer mit Licht. Francesca öffnete die Tür vorsichtig. Der glühende Atem des Sommers überrumpelte sie und ließ sie nach Luft schnappen. Dann trat sie hinaus. Graziano tat das Gleiche und stand nun sichtlich überwältigt hinter seiner Schwester.

Der Garten war groß, unfassbar groß. Hier und da konnte man eine von Ranken beinahe gänzlich versteckte Marmorstatue ausmachen und mit ein wenig Vorstellungskraft ließen sich spielende Kinder und auf der Veranda Wein schlürfende Erwachsene in die Szenerie fantasieren. Alle in Weiß – wie die Adeligen aus den alten Kitschfilmen. Die Damen in langen Kleidern mit viel Spitze, Rüschen und Schleifen; die Männer in leichten Sommeranzügen und mit Hüten. Es war einmal, es war keinmal ...

(….....)

Als sie den Garten betraten, verstummte das Insektenorchester verdutzt für einen Moment. Sie waren keine Besucher gewohnt. Sobald die Eramo-Geschwister sich jedoch als unbedeutend herausgestellt hatten, fuhren sie das Musizieren kompromisslos fort.

Stellenweise reichte das Gras Francesca bis zum Bauchnabel, wohingegen Graziano brusttief im grünen Durcheinander versank. „Wir müssen öfter hierherkommen und weitere Häuser inspizieren“, sagte Francesca und strich mit der flachen Hand über die hohen Grashalme. „Dieser Ort gehört jetzt uns, Brüderchen. Ich erkläre Craco feierlich zu unserem Königreich!“

„Willst du lieber eine Königin sein oder eine Prinzessin?“
„Eine Königin.“
„Aber Königinnen sind alt und hässlich und tragen diese unmöglichen Kleider … Prinzessinnen gefallen mir viel besser.“
„Prinzessinnen bestimmen aber nicht“, entgegnete Francesca mit einer schulmeisterlichen Stimme. „Sie tun nur das, was man ihnen sagt.“
„Hmm …“ Graziano überlegte. „Ich möchte lieber ein Prinz sein“, verkündete er einige Sekunden später. „Ich werde in den Krieg ziehen und neues Land für unser Königtum erobern.“

„Gut, die Sache ist somit beschlossen“, sagte Francesca und schrie überrascht auf, weil sie plötzlich knietief im schlammigen Wasser steckte. „So ein Hühnermist!“, schimpfte sie. „Es ist ein Gartenteich!“