Die Schriftstellerin und Lektorin Alla Leshenko hat ein Faible für Märchen, Horror und die deutsche Sprache, die sie sich selbst beigebracht hat. Für ihr Engagement gegen rechts bekommt sie viel Hass ab, trotzdem steht für sie fest: Unpolitisch zu sein ist keine Option. Ein Gespräch aus unserem Zwischenraum für Kunst.
Hakan Akçit: Liebe Alla, du bist Autorin und Lektorin, geboren und aufgewachsen in Usbekistan und lebst in Duisburg. Du hast die deutsche Sprache autodidaktisch erlernt und schlägst dich als Lektorin mit den Feinheiten der deutschen Grammatik herum. Wie kam es zu diesem Beruf und welche Fähigkeiten zeichnen eine gute Lektorin aus?
Alla Leshenko: Ich war schon immer eine aufmerksame Leserin, Zuschauerin, eine gnadenlose Beobachterin und Klugscheißerin. Ob im Kinosessel oder auf der Couch daheim – ich sehe Dinge, die die meisten Menschen übersehen: dramaturgische Ungereimtheiten, Logikpatzer, Plotlöcher, grammatische Kapriolen, nicht plausible Figurenentwicklungen, sinnfreie Dialoge, Redundanzen und, und, und … Da war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis mein Deutsch so gut wurde, dass ich mir mein erstes Lektorat zugetraut habe.
Eine gute Lektorin muss meiner Meinung nach in erster Linie in der Lage sein, minimalinvasiv vorzugehen. Schließlich gehört das Manuskript dem Autor und es gelten seine Vorstellungen, Regeln und Ansichten. Allerdings sollte die Lektorin laut schreien, wenn der Autor vorhat, seinen Protagonisten Adolf-Atomfried von Nazareth zu nennen. Außer der Kontext gibt das her. Du siehst ja, es ist immer ein individueller Prozess, der jede Menge Fingerspitzengefühl erfordert.
Die Kurzgeschichten in deinem Band Von Wespen und Raubfröschen handeln von surrealen Ereignissen und bewegen sich zwischen Fantasy und Horror. Was fasziniert dich an dem Genre Fantasy und gibt es Autor*innen, die dein Schreiben beeinflusst haben?
Interessant, dass du das so empfindest. Dabei finde ich Fantasy, um ehrlich zu sein, gar nicht so prickelnd. Mit ein paar Ausnahmen, versteht sich. Die verspielten, magischen Elemente, die ich in meinen Erzählband einfließen ließ, gehen wohl eher aus meiner Liebe zu Märchen hervor.
Seit ich fünf bin, sind Märchen meine treuen Weggefährten. Skandinavische, slawische, orientalische, südamerikanische, indische, asiatische, baltische, westeuropäische und westafrikanische Märchen habe ich schon immer verschlungen. Eine besondere Freude bereiten mir die Kunstmärchen – von Krishan Chander über Charles Perrault und Hans-Christian Andersen bis hin zu Tove Jansson und Pawel Baschow. Wenn ich nur daran denke, geht mir schon das Herz auf. Und da Märchen sehr oft Unheimliches und Grausames offenbaren, hat es nicht lange gedauert, bis ich das Horror-Genre für mich entdeckt habe. Als ich 14 war, fixte meine Englischlehrerin mich mit Stephen King an – eine Liebesgeschichte, die bis heute währt.
Du bist in den sozialen Medien sehr aktiv und positionierst dich deutlich gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus. Unter deinen Beiträgen finden sich zahlreiche problematische Kommentare und Fake News. Wo siehst du aktuell die größten Gefahren durch Desinformation – und wie können wir ihr begegnen?
Die größte und gefährlichste Desinformationsschleuder ist meiner Meinung nach die gegen den Westen gerichtete russische Destabilisierungskampagne. Wenn Putin eines gut kann, dann ist es Propaganda. Deutschland ist dabei eines der wichtigsten Ziele dieser Maschinerie aus Lügen, Halbwahrheiten und Aufwiegelei. Zum einen wegen der geopolitischen Bedeutung Deutschlands, zum anderen wegen des DDR-nostalgischen Ostens und nicht zuletzt aufgrund des hohen Anteils der Bevölkerung mit Migrationshintergrund aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Hierzulande fällt die Kreml-Propaganda auf einen überaus fruchtbaren Boden. Putins Trolle und Bots im Internet tragen aus meiner Sicht massiv dazu bei, dass der Zuspruch für die AfD immer größer wird. Aber ich bin überzeugt, dass die AfD wie ein Wollpullover nach dem 60-Grad-Waschgang schrumpfen wird, sobald Putin stirbt. Denn Russland wird nach seinem Ableben eine Reihe von kräftezehrenden Herausforderungen bewältigen müssen – geopolitisch, wirtschaftlich, finanziell, demografisch, innenpolitisch – da wird sich niemand um die Troll-Fabriken kümmern. Ein paar Jährchen noch, dann haben wir das Schlimmste überstanden.
Leider wird man in den sozialen Medien auch mit Hass und Drohungen konfrontiert. Hast du solche Erfahrungen gemacht und wie gehst du persönlich damit um?
Hass, Hetze, Drohungen und Gewalt sind spätestens seit Corona bedauerlicherweise fester Bestandteil unseres politischen Miteinanders. Da ich aber ein großes Interesse daran habe, meiner Community auf Facebook, Threads und LinkedIn ein sicheres Umfeld für einen respektbasierten Austausch zu bieten, blockiere und lösche ich fleißig. Für Pöbler, Hetzer und Fake-News-Verbreiter habe ich keinen Platz. Und keine Nerven. An manchen Tagen – je nach Reichweite – erweitert sich meine Blockierliste um 50, 60 Kandidaten. Das ist viel Arbeit, aber sie lohnt sich. Auf mich und meine Familie bezogene Drohnachrichten in unterschiedlichen Härtegraden erhalte ich auch regelmäßig. Diese werden stets an die Polizei weitergeleitet.
Wie politisch dürfen oder müssen Autor*innen sein – gerade in Zeiten von Polarisierung und rechtspopulistischer Polemik?
Jetzt ist keine gute Zeit, um unpolitisch zu sein. Den Luxus namens „Lass mich in Ruh’, ich grille gerade!“ können wir uns aktuell nicht leisten. Denn jede Stimme, die nicht erhoben wird, ist eine Stimme, die von den Feinden der Demokratie als Zustimmung gedeutet werden kann. Zum Glück gibt es immer mehr Autor*innen und Verlage, die sich deutlich gegen Rechts oder den desinformationsgetriebenen Umgang mit dem Klimawandel positionieren. Zum Beispiel das Aktionsbündnis „Verlage gegen Rechts“ oder der Verein „Climate Fiction Writers Europe“. Auch die Podiumsdiskussionsreihe „Die Zuversichtlichen“ bietet Sachbuchautor*innen im Bereich Nachhaltigkeit, Klima und Transformation regelmäßig eine Bühne für den fundierten Austausch. Das neue Buch von Hermann Vinke „Entscheidet euch!“ darf in diesem Kontext auch nicht unerwähnt bleiben. Ach, ich könnte noch jede Menge Beispiele liefern! Es passiert also durchaus was und das macht Hoffnung.
Inwieweit haben deine Migrationsgeschichte und Mehrsprachigkeit deine Sicht auf Sprache, Kultur und Heimat geprägt?
Wer die Sprache noch nicht ausreichend beherrscht, wird erfinderisch. Aus dem mageren Wortschatz, der mir in Deutschland am Anfang zur Verfügung stand, kreierte ich mitunter skurrile Wortkombinationen, die aber überraschenderweise meistens verstanden wurden. Das hat mir gezeigt, dass Sprache nicht statisch ist, sondern lebendig, biegsam und offen für Einflüsse. Das Gleiche gilt für die Kultur. Sie verändert sich ständig. Was gestern noch exotisch war, ist heute Normalität. Man muss nur bereit sein, es zuzulassen. Daher finde ich diese leidige Leitkultur-Debatte so befremdlich.
Schaut man sich an, wie selbstverständlich die Jugendlichen heute herkunftsübergreifend türkische, arabische, englische, russische Begriffe in ihren Sprachgebrauch integrieren, fragt man sich zu Recht – was soll das ganze Gerede von der hypothetischen kulturellen Homogenität bringen?!
Heimat und Sprache sind für mich dennoch unzertrennlich. Deutschland ist zu meiner zweiten Heimat und die deutsche Sprache zu meiner zweiten Muttersprache geworden. Das eine kann man nicht ohne das andere ergründen. Mehrsprachigkeit verleiht dem Prozess eine zusätzliche Tiefe, denn so hat man mehr Spielraum für Vergleiche. Außerdem hält Mehrsprachigkeit das Gehirn fit. Eine wichtige Fähigkeit in Zeiten von KI.
In den letzten Wochen wurde viel über das Stadtbild in deutschen Städten diskutiert. Wie würdest du als Duisburgerin in einigen Sätzen das Stadtbild von Duisburg beschreiben?
Ich sehe viel Armut und Niedergeschlagenheit. Aber auch den Willen, weiterzumachen, die Zuversicht, die Fähigkeit, sich an den kleinen Dingen zu erfreuen. Unser Stadtbild glänzt vielleicht nicht mit einer imposanten Skyline oder anspruchsvollen Etablissements, aber wir haben wahnsinnig viele schöne Ecken: Duisburg-Ruhrorter Häfen zum Beispiel, den Innenhafen, Friedhof Sternbuschweg, den Landschaftspark Duisburg-Nord, die Sechs-Seen-Platte, die Salvatorkirche und den Burgplatz, das Museum Küppersmühle … Wer Schönheit sucht, wird Schönheit finden. Darüber hinaus beherbergt Duisburg 163 Nationen. Fast 50 Prozent der Einwohner*innen haben eine Migrationsgeschichte. Und irgendwie schaffen wir es hier, überwiegend friedlich miteinander auszukommen. Stadtbild hin oder her.
Wenn du Bundeskanzlerin von Deutschland wärst, welchen gesellschaftlichen Problemen und Herausforderungen würdest du dich primär widmen?
Um die verhärteten Fronten in unserer Gesellschaft zu glätten, würde ich meine Energie primär der sozialen Gerechtigkeit widmen: Bedingungsloses Grundeinkommen, die Wiedererweckung der Vermögenssteuer, faire Erbschaftsteuer, Klimagerechtigkeit, Bildungsgerechtigkeit, tatsächliche Aufstiegschancen, unbürokratische Förderprogramme für Kulturschaffende. Und natürlich die Energiewende, um uns von den fossilen Energieträgern unabhängig zu machen und aus der damit einhergehenden Erpressbarkeit zu lösen. Auf Dauer sind Erneuerbare ohnehin wesentlich billiger.