Leseprobe von Lamja Aazzouzi

Lesedauer: 5 Minuten

Leseprobe aus Gedichten von Lamja Aazzouzi.

Buchcover "Bad Times Poetry. Schluss mit schönen Worten", herausgegeben von Alina Plohmann und Tamer Düzyol, im Verlag w_orten & meer

Gedichte von Lamja Aazzouzi. Das Gedicht "Vili Viorel Paûn" erschien im März 2026 in der Anthologie "Bad Times Poetry. Schluss mit schönen Worten", herausgegeben von Alina Plohmann und Tamer Düzyol im Verlag w_orten & meer. 


(ohne Titel)

 

Deutschland, Deutschland,

sollen wir zusehen

wie du uns

deinen Haken ins Kreuz rammst?


Morgentau

Ich pflücke die schönsten Sterne

aus dem Himmelsbeet

und binde daraus einen Strauß für dich.

So hältst du einen Teil des Himmels in deinen Händen,

so wie ich einen Teil des Himmels in meinen Händen halte –

jedes Mal, wenn ich dein Gesicht fasse,

um dich zu küssen.


Vili Viorel Păun

Nach dem Vili Viorel

1 Mal

3 Mal

und 1 Mal mehr

und 2 Mal

vergebens die 110 tippte

bleibt mir nichts mehr anderes übrig

als 1.3.1.2. in mein Handy zu tippen,

wenn ich an Bullen denke.

Das ist das, was ich tippe.

Einige von ihnen tippen gelegentlich

88

in ihre Handys

und freuen sich darüber, dass ihre Kollegen

beim Verfassungsschutz und in der Justiz

denselben Humor teilen.

Wie witzig!


Räucherstäbchen

Wochen ist es nun her, seitdem ich wieder auf der Erde laufe,

auf der ich oft versuchte, Wurzeln zu schlagen –

doch sie schlug zurück.

Ich verwurzelte mich also im Himmel

und nutzte die Wurzeln wie Lianen,

um immer etwas über der Erde zu schweben.

Der Boden ist Lava.

Die Lieblingspflanze meiner Mutter ist Lavendel.

Lavendel wächst nicht auf Lava.

Er wächst dort, wo der Lehm gelegen hat,

den Gott nutzte, um Eva zu formen.

Aus ihrer Lavendelblüte formte Gott Adam.

Etwas von der Lava musste aber in ihn geraten sein,

sonst würden uns Männer heute

das Leben auf der Erde nicht zur Hölle machen.


Für meine Tante, Fatima Aazzouzi

Ich wollte sie noch so viel fragen, ihr noch so viel sagen.

Ich bin oft ein Mensch der Schweigsamkeit

bin nicht immer zu Gesprächen und zum Antworten bereit

vor allem auf Tamazight, meiner Muttersprache

die Sprache, die ich leider spreche nur wage

in der ich leider nicht träume,

weil ich früh versäumte,

dass diese Sprache mir den Zugang ebnet zu Räumen,

in denen wir uns vor unsren Wurzeln verbeugen.

Ich wollte sie noch so viel fragen, ihr noch so viel sagen.

Doch ich lebe in der Diaspora

nach Marokko geh' ich höchstens einmal im Jahr

das Einzige, was ich hier von dort habe,

sind Traditionen und nun ja:

die Sprache

die Sprache, die mich an meine Wurzeln denken lässt

die Sprache, durch die ich oft wurde verletzt,

weil viele Menschen sie hässlich fanden

nur weil sie meine Sprache nie verstanden

die Sprache, bei der, wenn ich sie nur höre, ein warmes Gefühl in meinem Brustkorb

entsteht

und bei der plötzlich ein Mittelmeerwind an mir vorbeiweht

der Klang dieser Sprache ist Heimat

und das Land dieser Sprache trägt die Saat,

aus der sich erst Wurzeln, dann Äste und schließlich Blätter formierten,

die im Herbst durch kalten Wind in dieses Land flatterten,

sodass ich hier nun leiste meinen Beitrag

auch wenn mich keiner danach fragt

und in den Wurzeln liegt sehr viel Heilkraft

also gebe ich sie in Wasser und presse daraus einen Saft,

der sich gut als Medizin macht

durch den süßen Geschmack erwacht in meinem Inneren die Botschaft der Saat

und verschafft mir einen Ausgang aus der landesgrenzlichen Haft.

Ich wollte sie noch so viel fragen, wollte ihr noch so viel sagen.

Aber ich schämte mich oft, Tamazight zu sprechen,

denn so viele Worte, ich muss sie brechen,

weil mein Wortschatz so klein

meine Aussprache nicht fein

und mein Aussehen nur Schein

so fühle ich zumindest

weil du mein fehlendes Tamazight mit Verrat verbindest

und ich auch

weil es immer heißt, warum ich in der Sprache so stottere

warum ich so verkrampft rede und mich nicht lockere

und so fragte ich nur wenig, wegen meiner Unsicherheit

ich sagte nur wenig und jetzt bleibt keine Zeit.

Ich wollte dich noch so viel fragen, 3anti, wollte dir noch so viel sagen!

Manchmal, wenn ich dich in Nador besuchen kam, schimpftest du lieblich mit mir:

„Maymi the9adh Mama, ikhssa atinidh yemma!"

also: „Warum sagst du immer Mama, du solltest Yemma sagen!"

du hast recht und du hattest oft recht, das ist klar

dein Charakter, eine Mischung aus humorvollem Herzensmensch

und strenger Frau

und betratst du einen Raum

sollte sich ja keiner trauen

irgendwas Sexistisches rauszuhauen

du hieltest alle im Zaum

und ich blickte zu dir auf.

Ich wollte dich doch noch so viel fragen, dir noch so viel sagen.

Und auf deinen Schultern trugst du das Patriarchat

du gingst nie zur Schule, erhieltest kein Zertifikat

weil man(n)s dir als Mädchen damals verbot

als Älteste von elf Kindern kümmertest du dich schon früh um deine Geschwister

holtest im jungen Alter Wasser vom Brunnen im Kanister

und trugst diesen, neben dem Patriarchat, auf deinen Schultern

zu den spanischen Nachbarskindern warst du sehr nett

obwohl hinter diesen Kindern auch der Kolonialismus steckte

und sie euch oft behandelten wie Dreck,

aber du bliebst nett

und weißt du noch, 2017 erzählte ich dir, dass ich zum Abiball ein Tfin trug, eine

amazighische Tracht

der Stolz funkelte in deinen Augen und ich spürte eine Macht

du pflegtest zu sagen: „Allahi sla7, du hast an deiner Kultur und deiner Religion

festgehalten.

Halt auch an deiner Bildung fest! Heiraten kannst du später. InshaAllah wirst du

erfolgreich in allem, was du tust."

und ich verstand zwischen den Zeilen,

dass du mir eine Zukunft bereiten möchtest,

die du selbst nicht beschreiten konntest.

Und ich wollte dich noch so viel fragen, dir noch so viel sagen.

Meine letzten Worte an sie müssen gewesen sein: „InshaAllah a ghwam d3a9begh nha

naghni",

also dass ich sie bald wieder besuche

mein nächster Besuch wird jedoch am Grabstein sein

mein nächster Besuch wird erst die Realisierung sein,

dass nun nicht mehr die Welt, sondern das Jenseits dein ist

aber vielleicht kannst du mich mal besuchen, in meinen Träumen

so können wir gemeinsam Blüten bestäuben

vielleicht kannst du mich mal besuchen, in meinen Träumen

ich warte auf dich und würd‘ mich sehr freuen

Falls nicht, so warte du auf mich

InshaAllah sitzen wir im Paradies alle gemeinsam an einem Tisch

an einem Tisch

an einem Ort,

ohne dass die Familie geteilt ist in hier und dort

an einem Tisch

an einem Ort

und bis dahin bin ich perfekt in Tamazight

in Schrift und Wort.