"Vielleicht brauchen wir mehr Widerstandslyriker*innen"

Lesedauer: 13 Minuten
Interview

Lamja Aazzouzi ist Dichterin, Soziologin und Referentin in der Bildungsinitiative Ferhat Unvar in Hanau. In ihrer Arbeit ist ihr wichtig, nicht nur über das Leid zu sprechen, das Menschen angetan wird, sondern auch darüber, was sie ihm entgegensetzen. Im Interview erzählt sie, wie ihre Kunst durch die Kultur der Imazighen geprägt ist und warum so wenig über ihre Geschichte in Deutschland bekannt ist.

Portrait von Lamia Aazzouzi
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Lamja Aazzouzi verbindet in ihrem Schreiben persönliche, politische und wissenschaftliche Perspektiven auf Rassismus, Erinnerung und Körper.

Safiye Can und Hakan Akçit: Liebe Lamja, du bist Dichterin und Soziologin. Du bewegst dich zwischen Soziologie, politischer Bildungsarbeit und Poesie. Autor*innen, die über Rassismus, Migration oder Diaspora schreiben, werden häufig genau auf diese Themen festgelegt. Erlebst du diese Erwartung auch?

Lamja Aazzouzi: Ja, diese Erwartung kenne ich. Gerade als ich noch stärker in Poetry-Slam-Kreisen unterwegs war, hatte ich manchmal das Gefühl, als „Quoten-Kanackin“ mit Rassismuserfahrung aufzutreten, zuständig für Aufklärung, Betroffenheit und – wenn es gut läuft – eine Pointe am Ende. Ich finde diese Reduktion problematisch, und darüber haben viele Autor*innen of Color vor mir bereits gesprochen. Es ist bemerkenswert, wie schnell aus einer künstlerischen Arbeit eine Art Bildungsangebot über „die Lebensrealitäten von Migrant*innen“ gemacht wird. Plötzlich ist man weniger Dichterin als Auskunftsstelle. Natürlich ist es wichtig, über Rassismus, Migration und Diaspora zu schreiben. Gerade die künstlerische Verarbeitung solcher Erfahrungen ist notwendig, und dass sie häufig abgewertet oder als weniger universell gelesen wird, spricht für sich. Gleichzeitig sind das nicht unbedingt die Kategorien, in denen ich meine eigene Arbeit denke. Wenn man genauer liest, geht es auch um Liebe, Angst, Beziehungen, Befreiung, Widerstand, Verletzlichkeit und unsere Potenziale. Es geht um die tiefsitzenden kapitalistischen Strukturen, die unsere Gesellschaft prägen und bis in unsere intimsten Beziehungen hineinwirken. Wenn man das alles unter „Migrations-, Diaspora- und Rassismuslyrik“ zusammenkomprimiert, sagt das vielleicht mehr über die Lesenden als über den Text aus. Ich bin schließlich nicht nur die Person, die bestimmte Erfahrungen gemacht hat. Ich bin auch die Person, die daraus hundert verschiedene Dinge machen kann.

Du arbeitest als bildungspolitische Referentin der Bildungsinitiative Ferhat Unvar mit den Schwerpunkten Hanau, Antirassismus und Antidiskriminierung. Wie gehst du persönlich mit der emotionalen Last um, die die Erforschung von Rassismus und Diskriminierung unweigerlich mit sich bringt?

Community. Freundinnenschaften. Humor. Tanzen. Gutes Essen und Abgrenzung. Ich teame die Workshops mit sehr süßen Menschen, und wir sprechen sehr offen darüber, was diese Arbeit mit uns macht. Das klingt vielleicht banal, ist es aber überhaupt nicht. Nach einigen Jahren in der politischen Bildungsarbeit habe ich meinen Umgang damit gefunden. Ich weiß inzwischen besser, wann ich mich zurückziehen muss, wann ich zuhören kann, wann ich etwas aushalten kann und wann ich einfach Abstand brauche. Abgrenzung ist für mich keine Gleichgültigkeit, sondern eine Voraussetzung dafür, langfristig politisch arbeiten zu können. Trotzdem werde ich emotional. Ich muss zum Beispiel jedes Mal mit den Tränen kämpfen, wenn wir die Namen der in Hanau Ermordeten lesen und über sie sprechen: Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun, Said Nesar Hashemi und Fatih Saraçoğlu. Und inzwischen gehört auch Ibrahim Akkuş in dieses Gedenken, der sechs Jahre nach dem Anschlag an den Spätfolgen seiner Verletzungen gestorben ist. Ich möchte mir bewahren, dass mich das nicht kalt lässt. Wenn ich irgendwann die Namen von Menschen, die ermordet wurden, aussprechen kann, ohne dass es etwas mit mir macht, wäre das für mich kein gutes Zeichen. 

Mich interessiert mehr, wie Menschen widerstehen, wie sie sich organisieren, füreinander sorgen, sich Wissen aneignen, Räume schaffen, lieben, lachen und weitermachen. Vielleicht brauchen wir deshalb mehr Widerstandsforscher*innen und mehr Widerstandslyriker*innen.

Eine Freundin hat mir einmal erklärt, dass man im Kurdischen sagt: „Berxwedan jîyan e“, also „Widerstand ist Leben“. Das ist sehr stark bei mir hängengeblieben, denn ich glaube, dass wir in der politischen Bildungsarbeit manchmal zu sehr auf das schauen, was Menschen angetan wird: auf Rassismus, Diskriminierung, Gewalt, Ausschlüsse. Das alles muss benannt und erforscht werden. Aber ich möchte nicht, dass unsere Perspektive dort endet. Mich interessiert mehr, wie Menschen widerstehen, wie sie sich organisieren, füreinander sorgen, sich Wissen aneignen, Räume schaffen, lieben, lachen und weitermachen. Vielleicht brauchen wir deshalb mehr Widerstandsforscher*innen und mehr Widerstandslyriker*innen. Menschen, die nicht nur untersuchen, wie Diskriminierung funktioniert, sondern auch, wie Communities sich dagegen behaupten. Wie Fürsorge politisch wird. Wie Solidarität entsteht. Wie wir einander durchbringen. Der Blick auf das Leid allein kann uns schließlich auch erschöpfen. Und dann kommt bei mir das Tanzen ins Spiel. Meine Wurzeln liegen im Rif, also im Norden Marokkos, und dort gibt es unter anderem Reggada, eine Musik- und Tanztradition, die auch mit Vorstellungen von Zusammenhalt, Kraft und dem Feiern von Sieg verbunden ist. Für mich ist Tanzen heute vor allem eine Form, den Körper wieder zu mir zu holen. Politische Arbeit findet ja nicht nur im Kopf statt. Vieles davon sitzt irgendwann im Körper und manchmal muss es dort auch wieder heraus. Und Humor und gutes Essen ist dabei unverzichtbar. Sie sind für mich eine Art Überlebensvitamin für schwere Seelen. Vielleicht ist das überhaupt mein Umgang mit dieser Arbeit: Ich versuche nicht, weniger zu fühlen. Ich versuche, mehr Leben um das Gefühl herum zu bauen.

Dein Schreiben begann mit Rap-Lyrics. Das rhythmische Vortragen deiner Texte erinnert sehr stark an die rifischen Izran-Gesänge, eine mündliche Gesangstradition der Amazigh-Frauen. Wie verändert sich literarisches Schreiben, wenn eine Sprache traditionell stark durch mündliche Dichtung und Erzähltraditionen geprägt ist?

Wow, ich liebe diese Frage sehr, weil sie zwei sehr wichtige Inspirationen verbindet: Rap und Izran. Rap hat mich schon früh geprägt – insbesondere als eine aus der Schwarzen US-amerikanischen Community entstandene Form, gesellschaftliche Realitäten zu kommentieren, anzuklagen und sich sprachlich Raum zu nehmen. Und Izran erinnert mich unmittelbar an meine Oma, meine Mutter und meine Tanten: Frauen mit lauten, starken Stimmen, die mit kräftigen Schlägen auf das Adjoun, die Trommel, sehr poetische, metaphorische und auch politische Botschaften transportierten. Tamazight hat als Sprachfamilie vor allem durch mündliche Überlieferung überlebt, auch wenn viele seiner Varietäten heute stark bedroht sind. Ich glaube, dass mich diese Oralität in meinem Schreiben geprägt hat. Ich bin lange gar nicht auf die Idee gekommen, etwas „Literarisches“ zu machen. Für mich waren Texte zunächst etwas, das man vorträgt, hört und gemeinsam erlebt. Beim Izran gibt es diese starke kollektive Dimension, die mir gefällt: Man singt nicht einfach für ein Publikum, sondern miteinander. Menschen wiederholen, antworten, greifen etwas auf, improvisieren, kommentieren etwas, das gerade im Raum passiert. Es entsteht ein direkter Diskurs. Das ist etwas völlig anderes, als allein auf einem Sessel zu sitzen und einen Text auf sich wirken zu lassen. Beides hat seine Berechtigung, aber ich liebe diese Unmittelbarkeit von Stimme, Körper und Resonanz. 

Und ich finde noch etwas an mündlicher Überlieferung unglaublich spannend: Sie bewahrt Geschichten, Gedichte und Erzählungen, aber sie konserviert sie nicht unbedingt. Vielleicht gibt es eine Geschichte, die seit Generationen weitererzählt wird, und jedes Mal verändert sich ein Detail, ein Bild, eine Pointe – angepasst an die Zeit, an die Menschen, die sie erzählen, und an das, was gerade relevant ist. Und irgendwann weiß man vielleicht gar nicht mehr genau, was davon ursprünglich war und was später dazugekommen ist. Ich finde das eigentlich sehr schön, weil es dazu einlädt, kritisch zu bleiben und nachzufragen: Woher kommt diese Geschichte? Was wurde verändert? Warum wurde gerade dieses Detail weitergegeben? Und was möchte ich selbst daraus machen? 

Oralität bedeutet für mich deshalb nicht nur Bewahrung, sondern auch ständige Neuinterpretation und Aneignung. Man kann alten Dingen auf die Spur gehen und sie gleichzeitig weitertragen, indem man sie verändert. Vielleicht verändert Oralität deshalb auch meine Vorstellung davon, was ein Gedicht sein kann.

Oralität bedeutet für mich deshalb nicht nur Bewahrung, sondern auch ständige Neuinterpretation und Aneignung. Man kann alten Dingen auf die Spur gehen und sie gleichzeitig weitertragen, indem man sie verändert. Vielleicht verändert Oralität deshalb auch meine Vorstellung davon, was ein Gedicht sein kann. Ein Gedicht ist für mich nicht nur Text, sondern auch Stimme, Rhythmus, Atem, Körper und Begegnung. Ich möchte irgendwann auch die Rhythmen und Trommelschläge des Izran auf dem Adjoun beherrschen und meine Lesungen damit begleiten. Das wäre richtig schön.

Wenn deine Gedichte sprechen könnten: Würden sie eher flüstern, diskutieren, rappen oder jemanden anschreien? 

Sie sprechen bereits durch mich – und sie haben eigentlich schon alles gemacht: geflüstert, gerappt, diskutiert, geweint, geschluchzt und jemanden angeschrien. Manche sind auch einfach wie ein Kuss. Diskutieren tun sie vielleicht sogar am wenigsten. Einige meiner Texte haben einen ziemlich unerschütterlichen Kern. Sie wollen nicht unbedingt eine Gegenposition anhören, sondern stellen sich manchmal eher wie ein Elefant mitten in den Raum und sagen: Hier bin ich. Und ja, manche Texte schreien auch das Publikum an. Sonst könnte ich mir nicht erklären, warum bei einem ziemlich provokanten rassismuskritischen Text ungefähr 40 Prozent des mehrheitlich weißen Publikums nicht geklatscht hat. Aber manche Gedichte weinen. Manche sind wütend. Manche wollen einfach gehalten werden. Und manche sind ein sanfter Kuss.

Was bedeutet es für eine Minderheit, wenn ihre Sprache und Kultur offiziell anerkannt werden, aber die gesellschaftlichen Machtstrukturen sich dadurch kaum verändern? 

Dann bleibt Anerkennung schnell symbolisch. Eine Sprache oder Kultur kann offiziell anerkannt sein, während sich an den tatsächlichen Machtverhältnissen kaum etwas verändert. Das kann zu einer Form von Stagnation führen - politisch, gesellschaftlich und auch wirtschaftlich, bis hin zu wirtschaftlichem Prekariat. Ich glaube außerdem, dass solche Strukturen nicht folgenlos für die mentale und körperliche Gesundheit bleiben. Menschen spüren sehr genau, wenn sie aufgrund ihrer Identität benachteiligt oder nicht ernst genommen werden. Wenn einem immer wieder vermittelt wird, dass die eigene Sprache, Kultur oder Geschichte weniger wert ist, kann das auch Minderwertigkeitsgefühle erzeugen. Für mich reicht es deshalb nicht, eine Minderheit symbolisch anzuerkennen. Anerkennung muss sich auch darin zeigen, wer Zugang zu Ressourcen und politischer Teilhabe hat, wer gehört wird, wer welche Position erhält und wer tatsächlich mitentscheiden kann. Sonst besteht die Gefahr, dass Anerkennung eher dazu dient, Unzufriedenheit zu befrieden, als die bestehenden Verhältnisse zu verändern.

Warum wird die Imazighen-Frage in europäischen Debatten über Nordafrika so häufig hinter der Kategorie ‚arabisch‘ unsichtbar? 

Meine kurze Antwort wäre: Rassismus. Ein Teil von Rassismus besteht auch darin, zu vereinfachen, zu homogenisieren und Menschen unter Kategorien zu subsumieren, die ihre tatsächliche Geschichte und Identität unsichtbar machen. Ich glaube, ein Teil des Problems ist, dass es für das europäische Bild von „der arabischen Welt“ sehr bequem ist, Nordafrika als homogenen arabischen Raum zu betrachten. Aber die Verantwortung dafür liegt nicht nur in Europa. In Marokko und anderen nordafrikanischen Staaten wurde nach der Unabhängigkeit eine arabisch-islamische nationale Identität stark gemacht und durch Arabisierungspolitiken reproduziert. Tamazight und amazighische Identität wurden und werden marginalisiert. Deshalb finde ich die Frage eigentlich noch größer als: Warum sehen Europäer:innen Imazighen nicht? Sie lautet auch: Wer hat die Macht, die Identität eines Landes zu definieren und wer wird dabei unsichtbar gemacht? Und wenn Europa die Selbstbeschreibung nordafrikanischer Staaten als Teil einer „arabischen Welt“ einfach übernimmt, ohne diese Geschichte und die darin enthaltenen Machtverhältnisse mitzudenken, reproduziert es genau diese Unsichtbarmachung.

Was würdest du dir wünschen, das europäische Medien und Politiker über die Imazighen endlich verstehen?

Speziell in Deutschland würde ich mir wünschen, dass endlich verstanden wird, dass sehr viele Imazighen schon seit den sogenannten Gastarbeiter*innen-Anwerbungen Teil dieser Gesellschaft sind. Viele wissen bis heute nicht, dass unter den Menschen, die damals nach Deutschland kamen, sehr viele Imazighen waren – und dass wir Imazighen heißen.

Speziell in Deutschland würde ich mir wünschen, dass endlich verstanden wird, dass sehr viele Imazighen schon seit den sogenannten Gastarbeiter*innen-Anwerbungen Teil dieser Gesellschaft sind. Viele wissen bis heute nicht, dass unter den Menschen, die damals nach Deutschland kamen, sehr viele Imazighen waren – und dass wir Imazighen heißen. Der Begriff „Berber“ ist eine Fremdbezeichnung; „Amazigh“ bedeutet freier Mensch. Ich wünsche mir außerdem, dass Imazighen nicht immer nur als etwas Exotisches, Mystisches oder als Menschen dargestellt werden, die irgendwann einmal in irgendwelchen Dörfern gelebt haben. Unsere Geschichte ist viel komplexer: Es gibt eine reiche Geschichte von Widerstand, eine lebendige Sprache und Kultur und heute unzählige Vereine, Initiativen und Menschen, die sich für ihre Rechte, Kunst, Kultur und ihre Sichtbarkeit einsetzen. Gleichzeitig gibt es bis heute politische Repressionen gegen Imazighen. Ich denke, es ist wichtig, Imazighen nicht nur als Teil einer vergangenen Geschichte zu sehen, sondern als eine lebendige Gesellschaft, die auch heute politische Kämpfe führt, sich organisiert, ihre eigene Geschichte erzählt. Und ich würde mir auch wünschen, dass in Deutschland endlich mehr darüber gesprochen wird, dass Spanien im Rifkrieg chemische Waffen einsetzte und deutsches Giftgas nutzte. Bis heute leiden viele Menschen deswegen an verschiedenen Erkrankungen, vor allem an Krebs, aber weder Spanien noch Deutschland hat dafür je Verantwortung übernommen.

Sprache beeinflusst unser Denken, unsere Wahrnehmung und wie wir die Realität interpretieren. Gibt es ein deutsches Wort, das du wunderschön findest – und eines, das du am liebsten abschaffen würdest?

Ein Wort, das ich süß finde, ist „bisschen“. Wusstet ihr, dass „bisschen“ ursprünglich mit „Bissen“ zusammenhängt? Also im Grunde: ein kleiner Bissen. Ich finde das irgendwie sehr süß, so als würde man aus allem einfach ein kleines Stück abbeißen. Ein Wort, das ich aber wirklich schön finde, ist „Magie“. Es klingt so leicht und irgendwie weich. Und ich mag, wie wir das Wort benutzen: Wenn etwas so schön oder besonders ist, dass man nicht mehr das Gefühl hat, es sei einfach gemacht worden, sondern, als hätte jemand es verzaubert. Ich mag diese fantasievolle Dimension, die das Wort eröffnet. Und ein Wort, das ich am liebsten abschaffen würde, wäre „Kapitalismus“. Buchstäblich.

Du darfst für einen Tag eine Pflichtlektüre für den Deutschen Bundestag bestimmen. Was müssen alle lesen?

Ich glaube, ein Buch allein wird es nicht richten – aber wenn ich eine Pflichtlektüre bestimmen dürfte, wäre es This Bridge Called My Back: Writings by Radical Women of Color, herausgegeben von Cherríe Moraga und Gloria Anzaldúa. Die 1981 erstmals erschienene Anthologie versammelt Essays, politische Texte, Interviews, Testimonials, Lyrik und visuelle Kunst von Women of Color und beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Rassismus, Klasse, Geschlecht und Sexualität, aber vor allem auch mit Widerstand und Befreiung. Und ich würde die Pflichtlektüre tatsächlich ernst meinen: Alle müssten danach einen Reflexionsessay abgeben. Vielleicht wäre das für manche Abgeordnete sogar die anspruchsvollere Form von politischer Bildung: einmal nicht selbst reden, sondern erst einmal lesen, zuhören und sich irritieren lassen.

Und eine Frage für den Schluss: Was bringt dich trotz deiner Beschäftigung mit schweren politischen Themen zuverlässig zum Lachen?

Ich bin ein großer Comedy-Fan. Ich schaue mir sehr gerne Videos von Comedians an, zum Beispiel Zainab Johnson, und auch Maram Haram trifft bei mir einen Nerv. Ansonsten sind es vor allem meine Freundinnen und meine Schwestern, die mich zum Lachen bringen. Wir labern viel Nonsens, lachen über die absurdesten Kleinigkeiten, ziehen Grimassen – und uns gegenseitig auf. Das ist wahrscheinlich mein liebster Ausgleich: einfach albern sein, lachen und nicht alles so ernst nehmen.

Lamja Aazzouzi, 1998 in Mainz geboren, ist Dichterin, politische Bildungsreferentin und Soziologin. Derzeit schreibt sie ihre Masterarbeit darüber, wie amazighische FLINTA-Kunstschaffende in der europäischen Diaspora durch die Wiederbelebung amazighischer kultureller Praktiken der Unsichtbarmachung der Imazighen etwas entgegensetzen – eine Auseinandersetzung, die auch ihr eigenes künstlerisches Schaffen maßgeblich prägt.

Eine besondere Prägung erhielt ihr literarisches Schaffen außerdem durch die Leitung der Schreibworkshops mit Angehörigen und Freund:innen von Ferhat Unvar, einem der neun Ermordeten des rassistischen Anschlags von Hanau 2020. Die daraus entstandenen Texte wurden 2022 als Performance am Kampnagel Hamburg aufgeführt und in der 3sat-Dokumentation „Ab 18 – Ich brenne" dokumentiert. 

Sie arbeitet als bildungspolitische Referentin der Bildungsinitiative Ferhat Unvar mit den Schwerpunkten Hanau, Antirassismus und Antidiskriminierung, begleitete migrantisierte Jugendliche im Youth Think Tank von Mosaik Deutschland und leitete über Jahre hinweg Jugend- und Empowerment-Projekte. Sie war Mitbegründerin des dekolonial-feministischen Kollektivs ttt.tamurth.tamgharth.tasghart (Erde.Frau.Recht), in dem Empowerment-Arbeit für amazighische und generell für BIPoC Frauen geleistet wurde, und ist Vereinsmitglied der Amazigh-Akademie. 

Als gesellschaftskritische Poetin veröffentlichte sie unter anderem in Anthologien, zuletzt in „Bad Times Poetry“ (2025). Aktuell arbeitet sie an ihrem ersten Gedichtband und ist auf Verlagssuche.