Leseprobe aus Gedichten von Lamja Aazzouzi.
Gedichte von Lamja Aazzouzi. Das Gedicht "Vili Viorel Paûn" erschien im März 2026 in der Anthologie "Bad Times Poetry. Schluss mit schönen Worten", herausgegeben von Alina Plohmann und Tamer Düzyol im Verlag w_orten & meer.
(ohne Titel)
Deutschland, Deutschland,
sollen wir zusehen
wie du uns
deinen Haken ins Kreuz rammst?
Morgentau
Ich pflücke die schönsten Sterne
aus dem Himmelsbeet
und binde daraus einen Strauß für dich.
So hältst du einen Teil des Himmels in deinen Händen,
so wie ich einen Teil des Himmels in meinen Händen halte –
jedes Mal, wenn ich dein Gesicht fasse,
um dich zu küssen.
Vili Viorel Păun
Nach dem Vili Viorel
1 Mal
3 Mal
und 1 Mal mehr
und 2 Mal
vergebens die 110 tippte
bleibt mir nichts mehr anderes übrig
als 1.3.1.2. in mein Handy zu tippen,
wenn ich an Bullen denke.
Das ist das, was ich tippe.
Einige von ihnen tippen gelegentlich
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in ihre Handys
und freuen sich darüber, dass ihre Kollegen
beim Verfassungsschutz und in der Justiz
denselben Humor teilen.
Wie witzig!
Räucherstäbchen
Wochen ist es nun her, seitdem ich wieder auf der Erde laufe,
auf der ich oft versuchte, Wurzeln zu schlagen –
doch sie schlug zurück.
Ich verwurzelte mich also im Himmel
und nutzte die Wurzeln wie Lianen,
um immer etwas über der Erde zu schweben.
Der Boden ist Lava.
Die Lieblingspflanze meiner Mutter ist Lavendel.
Lavendel wächst nicht auf Lava.
Er wächst dort, wo der Lehm gelegen hat,
den Gott nutzte, um Eva zu formen.
Aus ihrer Lavendelblüte formte Gott Adam.
Etwas von der Lava musste aber in ihn geraten sein,
sonst würden uns Männer heute
das Leben auf der Erde nicht zur Hölle machen.
Für meine Tante, Fatima Aazzouzi
Ich wollte sie noch so viel fragen, ihr noch so viel sagen.
Ich bin oft ein Mensch der Schweigsamkeit
bin nicht immer zu Gesprächen und zum Antworten bereit
vor allem auf Tamazight, meiner Muttersprache
die Sprache, die ich leider spreche nur wage
in der ich leider nicht träume,
weil ich früh versäumte,
dass diese Sprache mir den Zugang ebnet zu Räumen,
in denen wir uns vor unsren Wurzeln verbeugen.
Ich wollte sie noch so viel fragen, ihr noch so viel sagen.
Doch ich lebe in der Diaspora
nach Marokko geh' ich höchstens einmal im Jahr
das Einzige, was ich hier von dort habe,
sind Traditionen und nun ja:
die Sprache
die Sprache, die mich an meine Wurzeln denken lässt
die Sprache, durch die ich oft wurde verletzt,
weil viele Menschen sie hässlich fanden
nur weil sie meine Sprache nie verstanden
die Sprache, bei der, wenn ich sie nur höre, ein warmes Gefühl in meinem Brustkorb
entsteht
und bei der plötzlich ein Mittelmeerwind an mir vorbeiweht
der Klang dieser Sprache ist Heimat
und das Land dieser Sprache trägt die Saat,
aus der sich erst Wurzeln, dann Äste und schließlich Blätter formierten,
die im Herbst durch kalten Wind in dieses Land flatterten,
sodass ich hier nun leiste meinen Beitrag
auch wenn mich keiner danach fragt
und in den Wurzeln liegt sehr viel Heilkraft
also gebe ich sie in Wasser und presse daraus einen Saft,
der sich gut als Medizin macht
durch den süßen Geschmack erwacht in meinem Inneren die Botschaft der Saat
und verschafft mir einen Ausgang aus der landesgrenzlichen Haft.
Ich wollte sie noch so viel fragen, wollte ihr noch so viel sagen.
Aber ich schämte mich oft, Tamazight zu sprechen,
denn so viele Worte, ich muss sie brechen,
weil mein Wortschatz so klein
meine Aussprache nicht fein
und mein Aussehen nur Schein
so fühle ich zumindest
weil du mein fehlendes Tamazight mit Verrat verbindest
und ich auch
weil es immer heißt, warum ich in der Sprache so stottere
warum ich so verkrampft rede und mich nicht lockere
und so fragte ich nur wenig, wegen meiner Unsicherheit
ich sagte nur wenig und jetzt bleibt keine Zeit.
Ich wollte dich noch so viel fragen, 3anti, wollte dir noch so viel sagen!
Manchmal, wenn ich dich in Nador besuchen kam, schimpftest du lieblich mit mir:
„Maymi the9adh Mama, ikhssa atinidh yemma!"
also: „Warum sagst du immer Mama, du solltest Yemma sagen!"
du hast recht und du hattest oft recht, das ist klar
dein Charakter, eine Mischung aus humorvollem Herzensmensch
und strenger Frau
und betratst du einen Raum
sollte sich ja keiner trauen
irgendwas Sexistisches rauszuhauen
du hieltest alle im Zaum
und ich blickte zu dir auf.
Ich wollte dich doch noch so viel fragen, dir noch so viel sagen.
Und auf deinen Schultern trugst du das Patriarchat
du gingst nie zur Schule, erhieltest kein Zertifikat
weil man(n)s dir als Mädchen damals verbot
als Älteste von elf Kindern kümmertest du dich schon früh um deine Geschwister
holtest im jungen Alter Wasser vom Brunnen im Kanister
und trugst diesen, neben dem Patriarchat, auf deinen Schultern
zu den spanischen Nachbarskindern warst du sehr nett
obwohl hinter diesen Kindern auch der Kolonialismus steckte
und sie euch oft behandelten wie Dreck,
aber du bliebst nett
und weißt du noch, 2017 erzählte ich dir, dass ich zum Abiball ein Tfin trug, eine
amazighische Tracht
der Stolz funkelte in deinen Augen und ich spürte eine Macht
du pflegtest zu sagen: „Allahi sla7, du hast an deiner Kultur und deiner Religion
festgehalten.
Halt auch an deiner Bildung fest! Heiraten kannst du später. InshaAllah wirst du
erfolgreich in allem, was du tust."
und ich verstand zwischen den Zeilen,
dass du mir eine Zukunft bereiten möchtest,
die du selbst nicht beschreiten konntest.
Und ich wollte dich noch so viel fragen, dir noch so viel sagen.
Meine letzten Worte an sie müssen gewesen sein: „InshaAllah a ghwam d3a9begh nha
naghni",
also dass ich sie bald wieder besuche
mein nächster Besuch wird jedoch am Grabstein sein
mein nächster Besuch wird erst die Realisierung sein,
dass nun nicht mehr die Welt, sondern das Jenseits dein ist
aber vielleicht kannst du mich mal besuchen, in meinen Träumen
so können wir gemeinsam Blüten bestäuben
vielleicht kannst du mich mal besuchen, in meinen Träumen
ich warte auf dich und würd‘ mich sehr freuen
Falls nicht, so warte du auf mich
InshaAllah sitzen wir im Paradies alle gemeinsam an einem Tisch
an einem Tisch
an einem Ort,
ohne dass die Familie geteilt ist in hier und dort
an einem Tisch
an einem Ort
und bis dahin bin ich perfekt in Tamazight
in Schrift und Wort.