„Es geht mir nicht um Provokation, ich will Denkgrenzen auflösen“

Serdar Somuncu auf der Bühne

Interview mit Serdar Somuncu

Serdar Somuncu ist (geb. 1968 in Istanbul) ist deutsch-türkischer Schauspieler, Musiker, Regisseur und Schriftsteller. Er studierte Musik, Schauspielkunst und Regie in Maastricht und Wuppertal. 1996 wurde er mit seinen szenischen Lesungen aus "Mein Kampf" bekannt, in denen er mit deutschen Identitätskomplexen spielte und die Unlogik vieler Textstellen ironisch bloßstellte. Er diskutierte dabei u.a. auch mit Neonazis, die seine Bühne gestürmt hatten. 2000 folgte eine Lesereihe mit Ausschnitten aus Goebbels´ Berliner "Sportpalastrede". Neben Rollen in Fernsehproduktionen war Somuncu mit weiteren Programmen und Lesungen wie "Hitler Kebab" und "Bild lesen" äußerst erfolgreich. Aktuell tourt er vor ausverkäuften Häusern mit seinem neuen Programm "Der Hassprediger" durch die Republik und veröffentlicht jede Woche neueste Weltsichten auf seinem Video-Blog "Hate Night". Im Juni 2009 erscheint sein neues Buch "Der Anti-Türke", eine Geschichte des deutsch-türkischen Verhältnisses.

Identität & Selbstverständnis

Sie werden oft als „deutsch-türkischer Comedian“ bezeichnet. Wie ist ihr eigenes Selbstverständnis?

Somuncu: Ich kann das eigentlich nicht genau sagen, da ich mir nicht jeden Tag einen Titel gebe. Es ist mir auch egal. Manchmal schreibe ich, dann bin ich Autor, manchmal schweige ich, dann bin ich auch Autor. Ich passe nicht in die gängigen Denkklischees. Der wichtigste Fixpunkt, den ich als roten Faden immer wieder in meiner Arbeit erkenne, ist mein künstlerisches  Selbstverständnis als Theatermensch, also jemand der kommuniziert über Sprache, über Inszenierung von Sprache oder Erforschung von Sprache, insbesondere die Erforschung von Subtexten und das streift sehr viele andere Bereiche

Ich bin auf keinen Fall Comedian, das ist ausgeschlossen. Gerade auch weil ich jetzt zu Beginn der neuen Tour merke, wie wenig ich das mag, dieses „Lachen auf Knopfdruck“ und wie schwer ich auch damit umgehe, diese Erwartungshaltung der Zuschauer zu erfüllen, sie zum Lachen bringen zu müssen. Ob ich Kabarettist bin, weiß ich auch nicht, weil Kabarett ein mittlerweile durch die Nomenklatur des linksorientierten Spießbürgertums sehr besetzter Begriff ist. Comedy und Kabarett allerdings sind Elemente, die mit Theater zu tun haben und so gehört es auch zu meiner Arbeit, diese Facetten abzudecken.

Darüber hinaus und das wissen die wenigsten, bin ich Musiker. Ich denke tatsächlich auch in Noten, wenn ich spreche. Sprache hat für mich sehr viel mit Rhythmus zu tun, viel mit Takt und Metrum. Daher lange Rede, kurzer Sinn: künstlerisch bin ich irgendetwas zwischen Schauspieler und Musiker.

Was ich persönlich bin, weiß ich auch nicht, da geht es mir ähnlich: ich habe zwar einen Fixpunkt, das ist meine Herkunft, aber aus diesem Fixpunkt heraus gibt es viele Entwicklungsrichtungen. Ich bin manchmal sehr „holländisch“, weil ich lange in Holland gelebt habe, manchmal bin ich sehr „deutsch“, und manchmal, ohne dass ich jemals da gelebt habe, bin ich sehr „russisch“. In der klassischen Musik jedenfalls war ich schon immer eher bei Shostakovich als bei Schumann.

Ich tue mich also sehr schwer mit konkreten Definitionen, ich definiere mich lieber über das Ganze oder überlasse es dem Rezipienten meiner Arbeit, mich einzuordnen. Dieser kann gerne sagen, ich sei Künstler, ich sei Schauspieler oder was auch immer, ich selbst lege mich ungern fest.

Könnte der Begriff der individuellen „Vielfalt“ ihr geschildertes Selbstverständnis umschreiben?

Somuncu: Eher als der Begriff der Vielfalt würde „Freiheit“ mein künstlerisches Selbstverständnis umschreiben. Denn nichts ist tödlicher für die künstlerische Freiheit, als Restriktionen, Mauern und vorgefertigte Raster. Diese Raster sind für mich schon immer eine Behinderung gewesen. Es stört mich, dass Leute in vielen Bereichen Ansprüche vorgeben und sagen, etwas hat auf eine bestimmte Art so und so zu sein. Dann hört meine Kunst auch auf zu atmen, dann wird sie anorganisch.

Daher ist dieser große Anspruch an meine künstlerische Freiheit auch eher zu präsentieren in der Vielfalt, als wenn ich mich auf einen spezifischen Punkt konzentriere. Manche Leute sind da anderer Ansicht. Sie sagen, wenn ich mich auf einen speziellen Punkt konzentriere, dann könnte das eine stärkere Wirkung haben, als wenn ich mich so streue. Aber bei mir ist gerade auch das Streuen meiner Energien etwas, das mich sehr zuversichtlich, sicher und stark macht, denn es entspricht zugleich der Vielfalt meiner Eindrücke.

Sie spielen mit großem Genuss mit dem Wechsel zwischen unterschiedlichen zugeschriebenen Identitäten, mit dem „deutsch sein“, mit dem „türkisch sein“. Welche Rolle spielt dabei das „deutsch sein“ für Sie? Was heißt das, „deutsch“ zu sein?

Somuncu: Das ist eine schwere Frage. Schick wäre es, zu sagen, es gibt keine Unterschiede. Aber es gibt sicher einen Unterschied, zwischen dem Gefühl „deutsch“ zu sein und dem Gefühl „türkisch“ zu sein. Aber wo dieses Gefühl anfängt und wo es aufhört, das ist meistens sehr schwer zu erkennen.

Man kann es nur an kleinen Dingen festmachen. Es gibt z.B. eine  Stelle in meinem neuen Programm, wo ich sage „Ich weiß nicht, was ich bin, aber ich kann ihnen deutlich machen, dass sie „deutsch“ sind. Da muss ich nur mal ganz kurz über Juden reden und ihr innerer Zensor, der sich fragt 'Darf man so etwas?' ist dann das erste an dem sie spüren, wie „deutsch“ sie eigentlich sind.“ Da lachen dann viele, aber tatsächlich meine ich das sehr ernst.



Es gibt sehr viele Themen, die im Deutschen ganz anders rüberkommen als im Türkischen. Ich finde es dennoch sehr oberflächlich, eine Typologie des „typischen Deutschen“ zu zeichnen. Denn jeder empfindet es letztendlich unterschiedlich. Für mich ist die Wahrnehmung des „typisch Deutschen“, ganz anders als für Sie. Letztendlich ist „deutsch“ das, was mich umgibt. Und ich bin ein Fremdkörper in einer sehr ungewöhnlichen Welt. Ich versuche diese Welt zu verstehen, denn ich lebe schon sehr lange hier und manchmal kommt es mir sogar schon so vor wie meine eigene Welt.

Aber ich fühle auch oft, dass es nicht meine eigene Welt ist. Es macht mir dann ebenso großen Spaß, die Unterschiede zu spüren. Das sind manchmal ganz banale Dinge, wie z.B. im Türkischen Dinge, die man mit sich im Kopf ausmacht, weil man sie nicht direkt ausspricht, wie irgendwelche Höflichkeitsrituale, während „deutsch“ im Gegenzug dazu, um das jetzt mal stereotyp wiederzugeben, etwas sehr direktes und zuweilen unhöfliches ist. Aber das ist mir manchmal sogar lieber.

Sehen Sie sich selbst als „Vermittler zwischen den Kulturen“ oder ist das Bild vom „Dazwischen“ oder der „Brücke“ prinzipiell fragwürdig?

Somuncu: Ob ich mich als Vermittler sehe, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob mir das zusteht, Vermittler zu sein. Das ist eine Zuschreibung und letztendlich auch eine Kompensation für eine Auseinandersetzung, die jeder mit sich selbst zu führen hätte. Der Deutsche kann ja genauso vermitteln zwischen deutscher und türkischer Kultur, dafür braucht er ja nicht meine Herkunft.

Der Vermittler wird mir gerne zugeschrieben, vielleicht auch weil ich gut deutsch sprechen kann, besser als andere Türken, die nicht etwa nur weil sie kein Interesse daran haben die deutsche Sprache vernachlässigen, sondern auch weil ihnen eine gemeinsame Perspektive fehlt. Viele Türken erleben Deutschland aus einer sehr eingeengten, einer sehr „türkischen“ Perspektive, obwohl sie eigentlich schon sehr „deutsch“ sind. Man erkennt also nicht immer an der Sprache, wie die Menschen sich fühlen. Manchmal bin ich obwohl ich mich im Deutschen gut ausdrücken kann viel türkischer als diese Leute. Das klingt vielleicht widersprüchlich.

Die Vermittlerrolle steht mir vielleicht auch deswegen nicht zu, weil ich offen gesagt, zu wenig von der „türkischen Seite“ weiß und nicht genau sagen kann, wie sie sich anfühlen müsste, um glaubhaft zu sein. Wir Türken in Deutschland sind ja erst mal Deutsch-Türken und wir sind anders als die Türkei-Türken. Das hat sehr viel damit zu tun, dass die Türken die hier leben, die Türkei zu einer „Türkei der Erinnerung“ haben werden lassen. Das einzige was ihnen geblieben ist, ist ihr türkischer Name und das was ihnen ihre Eltern von der Türkei vermitteln. Aber auch ihre Eltern, also die Türken der Ersten und Zweiten Generation leben in einer stilisierten, in einer „Erinnerungs-Türkei“.

Ich könnte also nur sehr schlecht das repräsentieren, was die Türkei wirklich ist, ich könnte höchstens das repräsentieren, was die Ambivalenz eines Deutsch-Türken ausmacht. Das mache ich manchmal auch gerne, aber nicht „gegen jemanden“ oder „für jemanden“, sondern ohne Rücksicht auf die Herkunft, z.B. auch gegen meine eigenen Leute. Ein Vermittler zwischen den deutschen und den türkischen Ansprüchen zu sein ist daher vielleicht einfach, aber es endet meistens ohnehin in Forderungskatalogen und Anpassungsstrategien. Vermittler zwischen Deutschen und Deutschen oder etwa zwischen Türken und Türken zu sein ist viel schwieriger und deckt viel mehr Diskrepanzen auf.

Und das mache ich sehr gerne, denn ich bin am liebsten dort, wo „Gelenke“ sind. Ein Gelenk ist eine Schnittstelle zwischen zwei Knochen, aber zugleich auch etwas Bewegliches. Ich begegne den Leuten dabei zunächst neutral und nicht mit Blick auf ihre Nationalität. Ich sehe sie zunächst als Menschen an, vielleicht mit einer unterschiedlichen Herkunft, einem „Migrationshintergrund“, schreckliches Wort, aber auch mit einem anderen „Sozialisationshintergrund“. Dieser spielt ja bei Türken in Deutschland eine sehr viel größere Rolle, als die Tatsache, dass ihre Eltern irgendwann ausgewandert sind. Die meisten sind ja hier geboren und haben mit Migration überhaupt nichts zu tun.

Dient die Provokation, die in Ihrer Kunst eine große Rolle spielt, auch als Schocktherapie für eine Öffnung der medial oder politisch oft herbeigeredeten Frontstellung zwischen Deutschen und Türken?

Somuncu: Das ist eine Frage, die ich so nicht beantworten kann, da ich nicht absichtlich provoziere. Ich suche. Wenn Sie Miles Davis gefragt hätten, ob er mit seinem schrägen Ton jemand provozieren will, dann hätte er Ihnen wahrscheinlich seine Trompete auf den Kopf gehauen. Es geht ja nicht darum, dass ich schräge Töne spiele, um Sie zu belästigen, sondern ich spiele die Töne, weil mir die anderen Töne nicht mehr gefallen, so wie ich nicht Dinge sage, um sie zu provozieren, sondern ich sage Dinge auf eine Art und Weise, wie es mir am besten gefällt. Dass Sie das provoziert, hat etwas mit Ihrer Hörgewohnheit, mit Ihrer Sehgewohnheit und Denkgewohnheit zu tun.

Meine Aufgabe als Künstler ist es vor allem, Denkstrukturen zu ändern. Dass dieses gelegentlich als Provokation empfunden wird, zeigt nur, wie schwer es immer noch ist Denkstrukturen zu ändern. Letztendlich mache ich auf der Bühne ja nichts anderes als zu reflektieren. Ich bin bei Weitem nicht so schlimm wie das Fernsehen, aber sobald ich anfange zu sprechen wie der Fernseher, sind die Leute beleidigt. Weil ich sie mit etwas konfrontiere, empfinden sie das als Entfremdung. Auch im Theater erwarten die Leute oft einen ganz bestimmten Katalog von Verhalten: man spricht schön, man benimmt sich anständig. All das zu Verwischen sorgt für Irritation, wird aber oft verwechselt mit Provokation.

Dabei ist das in anderen Kunstrichtungen gang und gäbe, z.B. in der Bildenden Kunst wird schon lange nicht mehr konkret gemalt, abstrakte Kunst ist für jeden etwas ganz normales. Im Theater sehen wir seit 20 Jahren Nackte auf der Bühne und es ist oft das Einzige was Regisseuren einfällt, um Grenzen zu sprengen. Ich versuche hier andere Wege zu gehen, ich versuche Alltag, Fernsehen, Vulgarität und Boulevard zu einem Sujet zu machen, das die Leute erreicht, so wie ich es aber auch vertausche, um es verwechselbar zu machen. Das ist für mich nicht Provokation.

Provokation ist zwar manchmal ein Zugang zu diesem veränderten Denken, das ich anstrebe, aber wenn Sie mich nun fragen, ob ich es darauf anlege zu provozieren, kann ich nur sagen, nein, denn ich weiß nicht, wie ich sie provoziere, weil ich nicht weiß wo ihre Grenzen sind. Alles in allem geht es mir um Differenzierung und nicht um universelle Antworten. Ich stelle lieber Fragen.

Welche Rollen nehmen MigrantInnen in den Medien ein? Sind diese Rollen schon vorgegeben?

Somuncu: Auch „Migrant“ ist ja schon ein sehr schwer zu definierendes Wort. Migranten sind ja z.B. auch Russlanddeutsche oder Amerikaner. Die Migranten über die wir hier reden sind letztendlich die Türken. Und der Türke ist im Moment so etwas wie der „Prototyp des schlechten Ausländers“, mehr denn je vielleicht.

Wir hatten etwa vor einigen Wochen eine neue Studie, die im SPIEGEL verbreitet wurde. Da schreibt der SPIEGEL ohne jegliche Zahlenangaben, die Türken seien die am Schlechtesten integrierte Migrantengruppe. Da wird irgendetwas behauptet und in der Tat auf etwas zugearbeitet. Nämlich einer großen Vorurteilsindustrie. Und die agiert hauptsächlich in den Medien und in der Politik. Im Tatort gibt es gerade mal einen türkischen Kommissar, das ist dann schon eine Meldung wert – wenn es keine Meldung mehr wert wäre, dann wären wir schon viel weiter. Dann wären wir besser integriert und zwar nicht nur die Türken in die deutsche Gesellschaft, sondern auch die Deutschen in die deutsche Gesellschaft.

In vielen Bereichen in den Medien sind die Türken nur die Kriminellen. Bei vielen Geschichten, die ich im Fernsehen sehe, kann ich nur ganz schnell abschalten. Sobald ich da dann Kopftuchfrauen sehe oder irgendeinen schnauzbärtigen Papa, der am Wohnzimmertisch sitzt und ein Gebetskettchen bei sich hat, merke ich, dass ein Deutscher versucht hat, ein Drehbuch über Türken zu schreiben. Hier sind wir noch ganz weit weg von wirklicher Integration. Das liegt zum einen daran, dass man den Türken als Kunstfigur weiterhin gerne stilisiert, während der Anspruch der deutschen Bevölkerung an die hier lebenden Türken immer noch der gleiche geblieben ist. Sie verlangen nämlich die Anpassung an ein originäres „deutsches Leitbild“. Aber dieses deutsche Leitbild existiert gar nicht. Der Türke kann nicht deutscher sein, als der Deutsche sich traut deutsch zu sein.

Deshalb wäre erst mal dieses Leitbild zu definieren. Dieses Leitbild wäre aus meiner Sicht ein multikulturelles. Und es können noch so viele reaktionäre Kräfte behaupten, es gebe in Deutschland keine multikulturelle Gesellschaft, die deutsche Sprache allein schon ist in ihrer Vielfalt von alemannisch, bajuwarisch, keltisch und nordischen Einflüssen multikulturell. Deutschland ist seit Jahrhunderten eine multikulturelle Gesellschaft. Wer sich dieser Tatsache versperrt, der kennt die deutsche Realität nicht.

Wenn wir anfangen könnten, von diesem Punkt aus Integrationsarbeit zu leisten, wenn wir anfangen könnten zu sehen, dass Integration auch heißt, sich von seinen antiquierten Zerrbildern zu lösen, also etwa nicht gleichzeitig Integration zu verlangen und dann das Leitbild eines Deutschlands zu konservieren, das vor dem Zweiten Weltkrieg Deutschland war, müssten wir auch Fragen stellen, die wichtiger wären, als z.B. warum die in Deutschland lebenden Türken so schlecht Deutsch sprechen? Sprechen sie denn nicht auch schlecht Türkisch? Hat es nicht auch etwas damit zu tun, dass die in Deutschland lebenden Türken in einem Zwischenraum der Identitätsfindung hängen geblieben sind, weil es lange Jahre weder einen staatlichen Zuspruch gab noch eine Einladung sich zu integrieren?

Jahrelang wurden die Leute doch eher abgewiesen, sie wurden ghettoisiert und das was daraus entstanden ist, ist das was man heute dann gemeinhin als „Parallelgesellschaft“ bezeichnet. Ein absurdes Wort, was auch überhaupt nicht der Realität entspricht. Die größte Parallelgesellschaft, die ich kenne ist auf Mallorca und nennt sich Ballermann.

Gibt es auch schon positive Vorbilder von MigrantInnen in den Medien? In den USA gibt es beispielsweise eine Diskussion darüber, ob Schauspieler wie Will Smith auch möglich gemacht haben, dass man sich einen schwarzen Präsidenten vorstellen kann.

Somuncu: Das halte ich für Quatsch. Obama ist nicht schon ein guter Präsident, weil er ein schwarzer Präsident ist, das wäre positiver Rassismus. Um ein guter Präsident zu sein muss er erst mal gute Politik machen. Es macht ihn nicht glaubwürdiger, dass er eine dunkle Hautfarbe hat. So wie z.B. auch Cem Özdemir daran gemessen werden sollte, welche Politik er als Grünen-Vorsitzender macht und nicht daran, was er ist und woher er stammt. Vor 20 Jahren war Tansu Ciller Präsidentin in der Türkei, also lange bevor hier mit Angela Merkel eine Frau Kanzlerin wurde. Aber sie war deswegen keine gute Präsidentin, nur weil sie eine Frau war.

Weder das Geschlecht noch die ethnische Herkunft spielen eine Rolle dabei, wofür man steht. Und ich glaube auch nicht, dass Will Smith oder wer auch immer etwas mit Obamas Erfolg zu tun haben. Das hätte auch vor 20 Jahren passieren können, das sind Ereignisse, die auch etwas mit Zufall zu tun haben. Es hätte auch sein können, dass seinerzeit Al Gore die Wahl gewonnen hätte, dann hätte es heute Obama wahrscheinlich nicht gegeben.

Ist der migrantische „Kanaken-Diskurs“, der durch SchriftstellerInnen wie Osman Engin oder Feridun Zaimoğlu  in den 90ern populär wurde, ein erfolgreiches Konzept der Selbstermächtigung innerhalb eines oft ethnisierenden oder rassistischen Diskurses?

Somuncu: Er war mir eigentlich zuwider und ist mir eigentlich immer noch zuwider. In Folge dieser Entwicklung, die Feridun Zaimoğlu ja nicht erfunden hat, gab es schon weit vorher den Ansatz dieser Auseinandersetzung. Ob das nun Filme wie „40 Quadratmeter Deutschland“ waren oder Kabarettgruppen, wie Knobibonbon oder ob es Günther Wallraffs „Ganz unten“ war. Viele haben auch vor Zaimoğlu schon um Annäherung zwischen beiden Kulturen gekämpft und dabei auch Fehler gemacht. Manchmal war es aus einer sehr deutschen Perspektive, manchmal sehr aus einer türkischen, irgendwann fing es an sich zu vermischen und Teil einer eigenen Kultur zu werden.

Mir war das wie gesagt zuwider, denn dieser Hype, der immer darum entstand, wenn man die angeblich positiven Aspekte der Annäherung entdeckte, diese Labels die dann vergeben wurden, wie etwa „Ethno“ oder „Kanak-Attak“ fand ich sehr anstrengend, weil ich eigentlich nie wusste, was das eigentlich sein soll, aber auch gespürt habe, dass das Label irgendwie nicht funktioniert. Es hat lediglich einer eigentlich sehr undefinierbaren Sache erst mal Heimat gegeben. Und auf diese Welle haben sich sehr viele Leute dann draufgesetzt.

Kaya Yanar zum Beispiel, hat diese Ambivalenz perfekt verkörpert, obwohl das, was bei ihm dahinter stand, gar nicht so ambivalent war, denn Kaya ist nicht der Prototyp des Deutsch-Türken. Er spielt eine Rolle, die Abbild einer Sache ist, die er eher aus dem Fernsehen kennt. Bei Feridun dagegen war es anfänglich ein wesentlich intelligenterer Ansatz, aber letztendlich war es genauso wenig reflektiert und ist deshalb auch, so wie bei Kaya, als Vorzeigekultur vereinnahmt worden.

Die Realität war und ist anders. Türken, die eine solche Sprache sprechen, (redaktionelle Anmerkung: wie in den Texten von Zaimoğlu´s Kanak Sprak) sind die Minderheit. Doch wer kann überhaupt sagen, wie viele Türken in Deutschland ein ganz hervorragendes Deutsch sprechen? Insofern war dieser Weg trotz aller Verlockung für mich auch zu vereinfachend und damit auch ein Verrat an meiner eigenen Identität. Denn immer, wenn ich Rollen angeboten bekam, habe ich gemerkt, dass sich die Leute schon längst auf dieses Ethno-Label gesetzt haben und nicht mich, sondern mein Image haben wollten.

Ja, ich habe es sogar oft eher als Hindernis empfunden, Vorurteile widerlegen zu müssen, welche meine eigenen Landsleute mir in den Weg gelegt hatten. Es war zwar ein positiver Versuch, sich aus einer Zuschreibungsfalle zu befreien, aus den Klischees, die andere den Türken gegeben hatten, aber es waren letztendlich nichts anderes als neue, eben mehr eigene Klischees, die man sich sogar selbst gegeben hatte.

Integration

Betrachtet man die Bereiche Kunst, Kultur, Sport und Medien, so ist eine zunehmende Repräsentanz von Menschen mit nicht-deutscher Herkunft zu erkennen. Warum gelingt in diesen Bereichen eine „erfolgreiche“ Integration, während in den zentralen Lebensbereichen wie der Arbeitswelt, Bildung oder auch auf dem Wohnungsmarkt vor allem von Defiziten, Problemen und Diskriminierung die Rede ist?

Somuncu: Ich glaube, es ist gelogen zu sagen, dass unsere Integrationsbemühungen gescheitert sind. Vieles, was ich lese und höre, ist für mich in der Realität gar nicht nachzuvollziehen. Die in Deutschland lebenden Ausländer werden nicht krimineller, sie werden deutscher. Während die einzig erschreckende Tatsache, die ich schwarz auf weiß nachlesen kann, ist, dass im letzten Jahr rechtsradikale Taten um 20 % gestiegen sind. Ich habe noch keine Statistik gelesen, in der Zahlen über kriminelle Ausländer oder kriminelle Türken derart stark angestiegen sind, wie die der rechtsradikalen Deutschen.

Hier wird aus meiner Sicht etwas konstruiert, aus welchen Motivationen auch immer, das nicht der Realität entspricht. Ich bin da sehr kategorisch. Meist jedoch geht es um Wählerstimmen. Es gab z.B. jüngst in Hamburg die wie ich finde absurde Diskussion, eingebürgerten Deutschen, die eine Straftat begehen, ins polizeiliche Führungszeugnis zu schreiben, dass sie eingebürgert sind, aus „statistischen Gründen“. Das heißt, man wird re-kanakisiert, wenn man gegen den Strom schwimmt oder kriminell wird. Das ist eine Frechheit!

Ich glaube zwar, dass es immer noch gravierende Integrationsprobleme mit den in Deutschland lebenden Ausländern zu bewältigen gibt, viel wichtiger ist es aber, die Ursachen dieser Probleme herauszufinden und nicht, den Behauptungen derer zu glauben, die meinen, den Durchschnitt dieser Probleme bemessen zu müssen, indem sie tendenziöse Statistiken in Umlauf bringen. Da sind die Zahlen oft nicht glaubwürdig und die Themen sind oft willkürlich und falsch gesetzt.

Noch etwas ist in diesem Zusammenhang jedoch von großer Bedeutung: Während die hier lebenden Türken von Seiten des türkischen Staates weitestgehend sich selbst überlassen bleiben und sie meistens eher drangsaliert oder mit Forderungen konfrontiert werden, hat man auch von deutscher Seite aus nicht den Familien bei der Integration ihrer in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Kinder geholfen. Denn gerade hier bedurfte es dringend eines Dialogs um neue Formen des Zusammenlebens in der Fremde. Diese Arbeit kann heute etwa in Schulen passieren, indem man sich auch in Schulen gezielt mit Migrationsfragen auseinandersetzt, statt sie zu verdrängen.

Statt von den Türken ständig zu verlangen, dass sie besser Deutsch sprechen, könnte man ja als Deutscher auch mal ein bisschen Türkisch lernen.

Wo sehen sie auf der „deutschen Seite“ Defizite im Integrationsdiskurs bzw. in der deutschen Integrationspolitik?

Somuncu: Jetzt muss ich Deutschland auch mal in Schutz nehmen. Deutschland ist hier eigentlich doch sehr weit, auch wenn es noch eine Menge zu tun gibt. Es ist bei weitem nicht alles richtig gemacht worden, vieles ist auch falsch gemacht worden. Es gab durchaus auch schon früher Ansätze für eine richtige Integrationspolitik. Sich einmal mit der Kultur derer auseinanderzusetzen, die seit 40 Jahren hier leben, wäre ja kein Schaden. Es wäre ein Zugewinn an Kenntnis und Perspektive.

Dass das nicht gemacht wurde, dass stattdessen immer wieder Angst geschürt wurde vor dem „Fremden“, statt sich den „Fremden“ mal anzusehen, den „Fremden“ so anzunehmen, bis es zum Teil des „Eigenen“ wird. Das ist etwas, was man den Leuten sehr schwer vermitteln kann. Weil eben die Angst vor dem „Fremden“ geblieben ist, fühlt sich der Deutsche sehr schnell bedroht von fremden Einflüssen. Es gibt in keinem Land so viele Rollläden wie in Deutschland. Das Wort „die Bürgersteige werden hochgeklappt“ ist etwas, was ich nur aus Deutschland kenne.

Diese Ängste zu verstehen und sie abzubauen, wäre ein Schritt in Richtung einer besseren Integration gewesen und zu einer Offenheit, welche die Menschen nicht in die Isolation getrieben hätte, welche sie heute nicht selten auch in die Arme der Fundamentalisten treibt. Religiöse Identität mit nationaler Identität zu vermischen, ist ja auch Ausdruck einer Isolation und eines Rückzugs auf tradierte Werte. Das hätte man verhindern müssen.

Welche Botschaften gehen denn vom Mainstream des deutschen Integrationsdiskurses insbesondere an Jugendliche mit Migrationshintergrund aus?

Somuncu: In meiner Schulzeit wurde getrennt zwischen deutschen und ausländischen Schülern. Wir sind in der Grundschule ausgegliedert worden in eine eigene Klasse, mit der Begründung, dass wir dort „doch unter uns“ sein könnten. Später hat man sich dann beschwert, dass wir „zuviel unter uns“ sind und seit neuestem spricht man von „Parallelgesellschaften“.

Dabei ist das alles sehr leicht zu entschlüsseln: die Wohnungsämter haben in den 70er Jahren die Wohnungen in den Vierteln in denen die Ausländer gelebt haben nach Nationalitäten vergeben. Die Deutschen fanden das gut, wenn alle Türken in einem Viertel lebten. Da sind sie unter sich, „da müssen sie nicht viel Deutsch sprechen, was sie sowieso nicht können“. Was daraus entstanden ist, sieht man ja jetzt. Und diese Viertel waren ja nichts, was sich die Türken ausgedacht haben, sondern das waren zunächst mal Anlagen deutscher Behörden. Ich glaube, dass man diese Fehler nun wieder macht, insbesondere bei Jugendlichen. Man müsste Jugendliche in Kulturarbeit einbinden, man müsste vor allem auch viel mehr Türen zu gemeinsamen Lebensbereichen öffnen, die nicht traditionell türkisch sind.

Aber man muss als Migrant auch lernen seine Räume einzufordern und zu behaupten. Wenn ich z.B. Rollen spiele, dann werde ich fast nie für deutsche Figuren besetzt. Ich muss es selbst einfordern, sonst würde es immer so bleiben. Mittlerweile bekomme ich auch ab und an mal eine Rolle als Deutscher. Dieses Einfordern fängt schon auf der Schule an. Keine eigene Klasse, sondern zusammen mit den anderen. Kein eigener Religionsunterricht, sondern ein gemeinsames Fach für alle. Das wird allerdings viel zu wenig gemacht und das sind verpasste Chancen.

Es gibt auffällig viele deutsch-türkische Comedians und Kabarettisten. Ist das Zufall?

Somuncu: Das ist kein Zufall. Man muss das vor allem im Zusammenhang mit der Entwicklung unserer Gesellschaft in den letzten 10 bis 15 Jahren sehen. Die Wahrnehmung der Gesellschaft ist immer spezifizierter geworden, und doch denken wir immer mehr in Sparten. Man hat z.B. herausgefunden, dass es einfacher ist, Zuschauer zu finden, wenn man sich spezialisiert. Die in Deutschland lebenden Türken sind eine relevante Zielgruppe. Das sind immerhin 3,5 Mio. potentielle Kunden.

Und nicht nur in der Unterhaltungsbranche sind die Türken mittlerweile unübersehbar präsent. Das ist heute auch im Buchhandel so. Man sucht händeringend türkische Autoren. Wichtig ist, dass auf dem Titel ein türkischer Name steht, ein türkischer Titel und dass dieses Buch so beworben wird, dass Türken sich damit identifizieren können und das Buch kaufen. Ethnomarketing oder Zielgruppenmarketing nennt sich das.

Fehlt in den deutschen Integrationsdebatten nicht auch ein wenig die Selbstironie oder überhaupt die Ironie als Umgangsform?

Somuncu: Dazu fällt mir spontan ein Bild ein. Ich war vor kurzem auf dem „Ersten Kongress für Interkultur“ eingeladen. Unter anderem war die Integrationsbeauftragte Böhmer da, Rita Süssmuth hat mir die Hand geschüttelt, Ministerpräsident Öttinger war da. Dazu haben sie sich natürlich den üblichen Katalog der vorzeigbaren „Quotenkanaken“ eingeladen. Diese durften sogar in der ersten Reihe sitzen und was sagen. Bezeichnend fand ich allerdings dabei, dass sie sich zur Untermalung der Veranstaltung eine Musikcombo aus Afrika eingeladen hatten.

Die afrikanischen Musiker haben dann richtig heiße Musik gespielt und die Deutschen saßen dann so da und haben mit den Füßen gewippt. Und als die Deutschen dann ihre Reden gehalten haben, saßen die Afrikaner in der ersten Reihe und haben kein Wort verstanden. Das war dann der „Kongress für Interkultur“. Etwas Lächerlicheres kann man sich gar nicht ausdenken, das war keine Interkultur, das war Antikultur. Ich hätte mir gewünscht, dass man vielleicht zu der afrikanischen Musik getanzt hätte und den Afrikanern übersetzt hätte, was sie sich da anhören sollten.

Haben wir bei der WM 2006 den von Gerhard Schröder gewünschten unverkrampften deutschen Patriotismus erlebt?

Somuncu: Überhaupt nicht. Das war der verkrampfteste und widerwärtigste deutsche Nationalismus, den ich je erlebt habe. Das war die Auferstehung des deutschen Gespenstes. Die Leute haben Fahnen geschwungen, haben aber nicht gewusst mit wem zusammen sie diese Fahnen schwingen sollen. Viele Fahnen waren ja auch mit Sprüchen in altdeutscher Schrift bekritzelt. Man geriet da beim Zusehen oft in eine sehr ekelhafte Nähe zu Leuten, die ein Deutschland vertreten, das nicht mein Deutschland ist.

Außerdem ist es mir egal, ob ich mir eine Fahne aus dem Fenster hänge oder nicht. Wenn meine Mannschaft gut spielt, dann freue ich mich unabhängig von dieser Fahne für diese Mannschaft. All das, was da vorgegeben wurde von „Gastfreundschaft“ und „Zu Gast bei Freunden“, das war hochgradig geheuchelt. Es endete nämlich im Halbfinale (redaktionelle Anmerkung: als Deutschland gegen Italien ausgeschieden ist): Danach titelte die BILD-Zeitung: „Spaghetti-Boykott“. Und auch viele meiner Freunde sind dann einige Wochen nicht mehr zum Italiener. Das hatte nicht mehr mit Fußball zu tun, das war die Zurschaustellung einer sehr empfindlichen Seele.

Das fatale bei dieser WM war, dass Diskussionen um Nationalstolz auch noch weichgespült und vermischt wurden mit aktuellen Ereignissen, wie z.B. von Innenminister Wolfgang Schäuble, der nach einem rechtsextremistischen Übergriff in Potsdam auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. verlauten ließ, dass es keine No-go-areas in Ostdeutschland gebe, um so zu tun, als wären wir „Einig-Fußballland“ und hätten keine Probleme mit Rechtsextremen. Das war ein Schlag ins Gesicht all derer, die versuchen, ernsthaft etwas gegen Neonazis zu unternehmen. Es war vor allem eine Tourismuskampagne für Deutschland.

So ist es oft. Auf der einen Seite wird Hysterie geschürt und auf der anderen Seite ignoriert. Der U-Bahn-Überfall in München durch migrantische Jugendliche hat lange Zeit die Medien beherrscht und wurde als absolute Grenzüberschreitung bewertet. Er war sogar Anlass für einen kompletten Wahlkampf, den Roland Koch auf dem Rücken der Ausländer ausgetragen hat. Der nahezu zeitgleiche rechte Überfall auf eine Theatergruppe in Halberstadt lief als Kurzmeldung bei „ARD-brisant“ und das war´s. Hier stimmen die Relationen nicht und das ärgert mich sehr.

Künstlerische Wege

Welche Inhalte hat ihr aktuelles Programm „Hassprediger“?

Somuncu: Das ist in der Kürze schwer zu beantworten. Wie ein roter Faden zieht sich durch meine letzten Programme, angefangen mit der Lesung aus „Mein Kampf“, die auch ein Einschnitt war, die auch eine Lösung von traditionellen Theaterformen war, die Frage „Was ist Faschismus?“, „Wie entsteht er?“, „Was kann man dagegen tun?“ und „Wie kann man sich selbst eigentlich in diesen Themenbereichen hinterfragen und positionieren?“.

Bei „Mein Kampf“ war das sehr konkret und klar. Da war ein Text, hier waren wir und da waren die Gegner. Aber schon bei dieser Auseinandersetzung merkte ich, dass das sehr stereotyp war, und es schnell langweilig wurde, vor Gleichgesinnten Gleichgesinntes zu erzählen und es eigentlich viel spannender war, zu den vermeintlichen Gegnern zu gehen und mit denen zu reden. Dabei habe ich auch in Kauf genommen, vor der Wegegablung zu stehen und mich entscheiden zu müssen, denn oft war es auch gefährlich und es bestand das Risiko, entweder einen Orden oder ein blaues Auge zu bekommen. Aus diesem Gedanken ist sehr viel Neues entstanden.

Nach dem Ende der Lesungen aus „Mein Kampf“, die sehr anstrengend waren, weil das in der breiten Masse irgendwann als etwas sehr symbolisches wahrgenommen wurde und ich irgendwann standing ovations bekommen habe, noch bevor ich etwas gesagt hatte, ist mir ein Ruf vorausgeeilt, den ich überhaupt nicht haben wollte. Ich wollte nicht „der Aufklärer“ oder der „Entnazifizierer“ oder „Tabubrecher“ oder „Provokateur“ sein. Ich wollte eine Reise in mich selbst machen und Facetten an mir entdecken, die ich vorher noch nicht kannte. Deswegen war es auch spannend, in ehemaligen KZs zu spielen und zu schauen, wie dort die Leute damit umgehen.

In der zuweilen sensationslüsternen Verbreitung durch die Medien hat das dann aber auch etwas sehr profanes hinterlassen. „Da fährt ein Türke in den Osten und liest aus 'Mein Kampf'“ und „guckt mal, der führt die bösen Nazis vor“. Das wollte ich aber gar nicht, ich wollte vielleicht nur mit denen sprechen und vielleicht fand ich es sogar manchmal gut, was die gesagt haben. Es war viel spannender für mich, herauszufinden, warum ich plötzlich den Nazi vielleicht viel sympathischer fand als den Antifaschisten, den ich unsympathisch und verkrampft fand.

Die spannende Frage war aber doch, warum kennt man das nicht, was man doch seit gut 60 Jahren eigentlich kennen müsste. In den meisten Debatten, die geführt werden – und das sind meist Schlussstrichdebatten – geht es um die Verarbeitung von Schuld, aber nicht um die Betrachtung der Schuld. Es geht um ein adäquates Zeitmaß zur Bewältigung von Schuld. Mein Ansatz war anders: Ich habe „Mein Kampf“ als Ausgangspunkt für diese Auseinandersetzung genommen. Denn die meisten kennen das Buch nicht und deshalb habe ich die Frage gestellt, warum sie das Buch nicht kennen. Die Antwort reduzierte sich oft darauf, dass man es nicht durfte. Und gleichzeitig unterstellte man mir, dass ich mich indirekt für eine Publikation von „Mein Kampf“ einsetzen würde.

Im nächsten Schritt habe ich mir überlegt, einen Text zu suchen, der frei publiziert war und die gleiche Frage noch einmal zu stellen. So kam ich auf die „Sportpalastrede“ von Joseph Goebbels, denn die konnte man jederzeit frei nachlesen. Fakt war aber, das auch diese niemand gelesen hatte. Dahinter schien also doch zu stecken, dass sie auch niemand lesen wollte. Die Auseinandersetzung mit den Inhalten schien sekundär zu sein, die Auseinandersetzung mit den Affekten der Ideologie war für viele interessanter, ob sie die Inhalte nun kennen oder nicht. Für mich aber war die Frage wichtig, warum diese beiden Teile nicht miteinander verbunden waren. Und das spannende blieb, ob man durch die Verbindung der beiden Teile hätte erreichen können, dass die Ideologie ihre Anziehung verliert.

Und genau das war der Fall: wenn ich Nazis die Sportpalastrede vorlas, hatte das viel mehr Effekt als wenn ich ihnen ständig gesagt hätte, „Das ist schlecht, was ihr tut“. Plötzlich war ein Diskurs zwischen mir und Nazis möglich, der sehr fruchtbar war. Dieser Dialog ist elementar. Ich bin daher z.B. auch strikt gegen das kategorische Aussperren von Nazis bei öffentlichen Veranstaltungen, wie das etwa bei meiner Tour gegen Rechts mit Claudia Roth oft der Fall war. Ich habe bei jeder Veranstaltung darauf bestanden, dass das Mikro auch dorthin gehalten wurde, wo die Nazis stehen. In Anklam bin ich sogar direkt auf einen der 120 anwesenden Nazis mit dem Mikro zugegangen. Danach haben mir Anklamer Bürger gesagt, dass es das erste mal war, das ein echter Diskurs stattgefunden hat zwischen den Anklamer Bürgern und denen von der NPD.

Danach dachte ich, die Richtung wird nun zu einseitig. Wenn ich jetzt jedes Jahr ein neues Programm gegen Nazis mache, dann werde ich irgendwann so eine Art Chefankläger gegen Rechtsradikale in Deutschland. Das ist aber nicht meine Aufgabe, ich bin Theatermensch und spreche eben über Themen, aber ich muss sie nicht ständig transportieren können. Nachdem das Thema Rechtsradikalismus im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit angekommen zu sein schien, konnte ich jetzt darauf verzichten.

Für mich war dies dann der Zeitpunkt meine eigenen Landsleute in Frage zu stellen, weil diese nie in Vorstellungen präsent waren, wo ich sie eigentlich gebraucht hätte. Es wäre doch eine Steilvorlage für alle in Deutschland lebenden Türken gewesen, in meine Vorstellungen zu kommen und mich vor den Angriffen der Nazis in Schutz zu nehmen und Flagge zu zeigen. Das ist aber nicht passiert. Und auch die folgende Auseinandersetzung mit den Marotten der eigenen Landsleuten war katastrophal. Letztendlich haben diejenigen, die am meisten von der Toleranz anderer profitieren, selbst am wenigsten Toleranz gezeigt.

Meine vorletzte Fragestellung war dann „Wo entsteht Meinung?“. Nämlich in der Mitte der Gesellschaft. Ich habe mich gefragt, wie entsteht Meinung, wer erzeugt Meinung, wie wird Meinung zur Überzeugung. Warum glaubt man mehr, als man weiß. Und da setzt nun mein neues Programm „Hassprediger“ an, wo ich nun versuche, selbst Meinung zu erzeugen. Ich spreche zu einem großen Teil fremde Texte, ohne dass die Leute wissen, was ich spreche, sie stimmen mir aber meistens zu. Es gibt beispielsweise einen längeren Text, der immer mit viel Zwischenapplaus begleitet wird, der ist von Scientology und handelt von einer Fernsehkritik. Im weiteren kommen sogar Bin Laden und der Papst und andere vor und am Ende kommt etwas sehr Erschreckendes heraus. Irgendwann verlieren die Leute nämlich den Überblick und man kann sagen was man will, sie stimmen einem zu. Ich spiele hier mit eingeschliffenen Befindlichkeiten, ohne sie sofort aufzulösen.

Nochmal: Es geht nicht um Provokation. Es geht mir um das Auflösen von Denkgrenzen.

Wie sind die Publikumsreaktionen darauf?

Somuncu: Zunächst muss ich mal sagen, dass ich sehr unterschiedliches Publikum habe. Türkische Jugendliche aus der Youtube-Generation oder 75-jährige deutsche Männer, die sonst nie im Theater sind. Die Reaktionen sind überwiegend positiv und die Leute finden das, was ich mache zwar hart, aber angemessen. Vor einigen Jahren wäre das den Leuten zu hart gewesen.

Public Enemy bezeichnen Rap als „Black CNN“. Ist ihr samstäglich erscheinender Video-Blog „Hate Night“ ebenso als eine Art Gegenöffentlichkeit zu verstehen? Um was geht es bei dem Projekt?

Somuncu: Die Hate Night ist zunächst einmal eine Gegenöffentlichkeit, die versucht das Medium Internet mit all seinen Facetten zu nutzen. Auch wenn das Internet nur begrenzt frei zu nutzen ist, denn es gibt ja auch bei Youtube Zensur, so etwa auch bei der Hate-Night-Folge 20, wo wir immer noch nicht wissen aus welchem Grund sie zensiert wurde. Vor allem aber nutze ich das Medium Internet, um Dinge auszuprobieren und zu erforschen, wie die Sehgewohnheiten sind, wer was sieht und wie es dann in der Veränderung wahrgenommen wird.

Am Anfang haben wir Fernsehen imitiert und es wirkte wie eine klassische Comedy-Sketch-Show. Unsere größten Fans übten dann nach anfänglicher Euphorie Kritik, was uns dazu geführt hat, zu überlegen, wie wir das ändern können, um zu zeigen, dass es etwas anderes ist als Fernsehen im Internet. Dann hatten wir die Idee, uns selbst zu zensieren. Wir haben angekündigt nur noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu senden, was einen Sturm der Entrüstung entfacht hat. Danach gab es eine verschlüsselte Folge, wie auf Premiere, wenn man keinen Decoder hat. Diese Serie hatte die höchste Anzahl an Clicks bis dahin, obwohl nichts zu sehen war.

Die Leute wollen also keine Reproduktion, sondern unverkennbar originären Inhalt. Sie wollen Statement und keine Allgemeinplätze. Da haben wir gemerkt, wie viel Freiheit wir hier eigentlich haben und sind viel spielerischer und anarchistischer geworden. In jeder Folge greifen wir daher mittlerweile Themen auf, die heikel sind. Auch ich mich selbst. Wir wechseln ständig die Positionen und Sichtweisen. Hinzu kommt: Das ganze ist ein No-budget-Konzept. Wir haben also kein Geld, sind aber auch nicht abhängig. Wir experimentieren deshalb munter weiter, zum Beispiel mit Geschwindigkeiten und versuchen das Medium Internet zu verstehen. Das Internet ist die Zukunft und noch weitestgehend unerforscht.

Sie thematisieren in der Hate Night immer wieder das Thema „Angst“ und die Produktion von Angst sowie das Thema Kontrolle über Medien und die Verbindung zur Sucht vieler Menschen nach Unterhaltung. Was steckt dahinter?

Somuncu: In diesen Episoden spiele ich eine Figur. Ich spiele einen verbitterten, einsamen Typen, der alles hasst, der vor allem eine nicht mehr schweigende Mehrheit repräsentiert, der auf Dinge reagiert, die ihm geschehen. Bankenkrise, Dschungelcamp, Wahlen, Sex und Crime. Und er sagt das auf deutliche, direkte und rücksichtlose Art und Weise. Inmitten einer Welt voller Grauzonen wirkt das wie ein gerader Strich, den man zieht. Erholsam kathartisch, wertfrei und ungerecht zugleich. Das ganze Angstszenario, das um uns gebildet wird, ist vor allem eins: Es ist sehr diffus und der Typ stellt einfach Fragen, die diese Ängste widerspiegeln und auflösen.

Im Juni 2009 erscheint im Rowohlt-Verlag ihr neues Buch „Der Anti-Türke“. Es soll dabei um eine Geschichte des deutsch-türkischen Verhältnisses gehen. Können Sie uns schon einige Highlights verraten?

Somuncu: Das Buch ist ein Sachbuch. Es wird zunächst eine historische Übersicht darüber geben, wie die Türken nach Deutschland kamen, kulturgeschichtliche Aspekte, wie etwa den Einfluss der türkischen Kultur auf Mitteleuropa. Dann diskutiere ich die Frage der Leitkultur, und ob diese Frage nicht eigentlich völlig obsolet und anachronistisch ist, weil sich die deutsche und die türkische Kultur seit Jahrhunderten sehr weit angenähert und vermischt haben und hier eigentlich nur eine Ersatzdebatte geführt wird.

Das Buch stellt Fragen nach den Versäumnissen der deutschen Integrationspolitik, aber auch nach den Versäumnissen der Türken selbst, die eine Integration auch nicht vehement eingefordert und Beiträge dazu gebracht haben, die mehr sind als nur ein Forderungskatalog um Anerkennung oder nach einer neuen Moschee.

Diese Defizite haben viel mit den Strukturen der türkischen Familien zu tun, die hier in Deutschland leben. Viele kamen aus einem ländlichen Teil der Türkei, aus Ostanatolien. Die Leute kamen oft mit einem relativ kurzfristigen Anspruch. Sie hatten nicht nur die Idee des Zurückkehrens, sondern auch die einer Türkei, die sie sich hier bewahren wollten, diese „Erinnerungs-Türkei“, die sie auch ihren Kindern mit auf den Weg gegeben haben. Das hat sich 40 Jahre und über Generationen gehalten und zu etwas ziemlich unberechenbarem entwickelt. Weiterhin geht es um fundamentalistische Strömungen und die Rolle der türkischen Innenpolitik und deren Einfluß auf diese fundamentalistischen Entwicklungen.

Es ist zum einen ein sehr ernstes Buch, zum anderen aber auch ein humoristisches. Ich gebe z.B. auch eine wechselseitige Anleitung zum Umgang miteinander. Die braucht man auch. Ich habe als Kind nie verstanden, warum einen die Deutschen nicht zum Essen einladen. Bei uns wurden auch die deutschen Kinder immer zum Essen eingeladen und alle saßen an einem Tisch. Da muss man dann wissen, dass der Deutsche nicht per se unfreundlich zu Gästen ist, er kennt das einfach nicht. Einen Schlüssel zum wechselseitigen Verständnis zu geben, ist das wichtigste  Anliegen meines Buches.

Ende 2009 wollen sie sich vorerst als Theatermensch von der Bühne verabschieden. Warum machen sie diesen Schritt und wohin geht die Reise?

Somuncu: Zunächst gibt es dafür persönliche Gründe. Ich habe ja quasi jeden Abend eine Premierensituation und spiele frei, ohne eingeübte Texte und erfinde sozusagen jedes Mal ein neues Stück. Das mache ich jetzt seit 25 Jahren und das finde ich mittlerweile unheimlich anstrengend. Ich muss mich da jeden Abend neu erfinden.

Was mich auch ziemlich überfordert, ist die ständige Positionierung in den vielen unterschiedlichen Zusammenhängen und der Umgang mit dieser Flut an Meinungen und Haltungen. Das strengt mich als Künstler zu sehr an. Ich habe das Bild noch nicht gemalt und schon stehen im Internet fünf Kritiken zu dem Bild. Ich hätte aber gerne mehr Zeit das Bild zu malen und es dann vielleicht wieder weiß zu übertünchen.

Ich gehe wieder mehr zu meinen Ursprüngen zurück, Theater und Musik. Ich werde wieder viel mehr Musik machen, was mir bis dato nicht möglich war, weil ich kein Geld und somit keine Zeit für Musik hatte. Ich werde auch wieder mehr am Theater sein und vielleicht an einem größeren Haus inszenieren.

Ich will wieder mehr literarisch sein, ich will Zeit für mich und meine Arbeit haben und nicht immer auf der Flucht sein und nicht immer up-to-date. Ich habe keine Lust mehr weitere 15 Jahre durch die Republik zu tingeln und immer das gleiche zu machen, auch wenn das Erfolg hätte.

 

Das Interview führte Andreas Merx.

 

Mehr zu Serdar Somuncu finden Sie hier:

Zur Homepage von Serdar Somuncu hier
Zu Serdar's Hate Night hier
Zum Auftritt als Preisträger beim Prix Pantheon 2004 hier 


Serdar Somuncu ist deutsch-türkischer Schauspieler, Schriftsteller und Musiker, der mit Lesungen aus „Mein Kampf“ für Furore sorgte. Zur Zeit betreibt er den Video-Blog „Hate Night“ und tourt mit seinem Programm „Hassprediger“.

   

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