„Nicht repräsentativ, sondern vor allem persönlich“

„Nicht repräsentativ, sondern vor allem persönlich“

Jugendliche die Ruetli T-shirts tragen

Interview mit Shermin Langhoff

Frau Langhoff, in dem Stück „Ferienlager – Die 3. Ge-neration“, das im Ballhaus Naunynstraße, dem Berliner Theater, das sie leiten, mit großem Erfolg immer wieder aufgeführt wird, kommen Jugendliche aus dem multiethnischen Schmelztiegel Kreuzberg selbst zu Wort, anstatt dass nur - wie so oft - über sie gesprochen wird. In Wechseldialogen werden Wahrnehmungen, Erlebnisse, Träume und Wünsche von den Jugendlichen artikuliert. In welchem Maß lassen sich darunter verallgemeinerbare Aussagen finden, die Ist-Zustand und Konturen dieser Generation aufzeigen? Welche Träume, Wünsche, Zukunftsperspektiven aber auch Brüche spiegeln sich in ihnen wider?

Shermin Langhoff: Jeweils sehr individuelle. Ihre Biografien, bisherigen Lebensläufe und Ist-Zustände sowie Zukunftsträume unterscheiden sich sehr voneinander. Es handelt sich um eine heterogene Gruppe, und das hat sicher etwas mit unserer komplexen Realität zu tun. Was sie jedoch alle im Alter zwischen 18 und 21 eint, sind die Hormone und die Suche nach einem Liebespartner.

Mit Bezug auf das Stück „Klassentreffen – Die 2. Generation“: Lässt sich bei den ProtagonistInnen von „Ferienlager - Die 3. Generation“ ein anderer Lebens- und Zukunftsentwurf identifizieren? Wo liegen Ihrer Auffassung nach Unterschiede zwischen der 2. und 3. Generation, wo die Parallelen, was Gestaltung und Gestaltbarkeit des eigenen Lebens in Deutschland betrifft?

Shermin Langhoff: Es ist schwierig, künstlerische Arbeiten solchen Vergleichen auszusetzen. Wir haben die Protagonisten ja nicht nach einem statistischen Prinzip auf Basis des Mikrozensus oder ähnlichem ausgesucht. Im Gegenteil, wir fragten uns: Wie und was lässt sich von der Lebenswirklichkeit von MigrantInnen erzählen, jenseits der in den Integrationsdebatten ausgeleierten Begriffe und Kategorien, jenseits der starren Muster von Identität und Zugehörigkeit?

Ausgangspunkt für „Klassentreffen – Die 2. Generation“ waren somit die konkreten Biografien von sechs Berliner Deutsch-TürkInnen. Die AkteurInnen erzählten aus ihrem eigenen Leben, und die Geschichten ergaben eine Collage von Momentaufnahmen deutsch-türkischen Lebens in Berlin. Sie erzählten aus ihrem Alltag, von Erfolgen, Katastrophen, Sehnsüchten, von Liebe, Tod und den Wunden, die das Leben hinterlässt. Zum Vorschein kamen Ausschnitte von Wirklichkeiten - unübersichtlich, voller Brüche, Widersprüche, Überschneidungen und Verschlingungen; nicht repräsentativ für irgendetwas, sondern vor allem persönlich.

Sie verbindet, dass ihre Eltern vor etwa vierzig Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen und von einem besseren Leben träumten und dass sie es waren, die diesen Traum verwirklichen sollten. Darüber hinaus sind sie in mindestens zwei Kulturen zuhause und gelten trotzdem als "integriert". Die 2. Generation bildet eine Art Schnittstelle zwischen der 1. und 3. Einwanderergeneration. Sie haben bereits ein ganzes Stück Leben hinter sich, man könnte auch sagen, dass sie ein „Schicksal“ mit sich tragen.

Bei „Ferienlager – Die 3. Generation“ waren ebenso die persönlichen Geschichten der 10 jugendlichen DarstellerInnen der Hintergrund. Jedoch wurde hier mit vielen Fremdtexten, mehr Phantasie und mehr Spiel bei der Inszenierung ihrer Geschichten gearbeitet. Bühnenbild, Musik und Inszenierung spielten ebenso eine größere Rolle und dienten als Schutzraum für die Jugendlichen, die zu den Akteuren ihrer eigenen Geschichte werden.

Aus meiner künstlerischen und persönlichen Erfahrung würde ich aus den beiden Stücken jedoch keine Schlüsse in einem großen Zusammenhang ziehen wollen. Ich denke aber, dass es die 3. Generation heute nicht einfacher hat, mitten in einer ökonomischen und ökologischen Globalisierungskrise, in einem Land der Bildungsunterschiede und -miseren als Diskursware von den Keleks und Sarrazins der Republik missbraucht zu werden. Sie sind im Vergleich zu ihren herkunftsdeutschen Altersgenossen meist doppelt benachteiligt, wenn es um Ausbildungs- und Berufschancen geht.

Die aktuelle Debatte um das Berliner „Partizipations- und Integrationsgesetz“ hat zwischen PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen und MigrantInnen-Organisationen für Diskussionsstoff gesorgt. Demnach soll es qua Gesetz keine 3. Generation an Einwandererkindern mehr geben. Nur noch die 1. und 2. Generation sollen statistisch dementsprechend erfasst werden. Die MigrantInnen-Organisationen pochen jedoch auf den Zusatz „mit Migrationshintergrund“ auch für die 3. Generation, um weiterhin strukturelle Diskriminierung sichtbar zu machen. Wo liegen ihrer Meinung nach die Chancen, aber auch Risiken einer solchen Neubestimmung?

Shermin Langhoff: Das scheint mir der ewig alte Streit zwischen dem Wunschzustand und der Realität zu sein. Es wäre prinzipiell natürlich wünschenswert, wenn wir die 3. Generation nicht mehr als Spezialbürger betiteln müssten. Jedoch ist der Haken daran, dass diese in der Realität als ‚Spezialbürger’ behandelt werden und strukturelle Diskriminierung erfahren, die das vorliegende Gesetz ja abzuschaffen gedenkt. Das ist ähnlich wie in der Kulturförderdebatte. Solange Intendanten, künstlerische Leiter, Dramaturgen und Schauspieler migrantischer Herkunft keine Selbstverständlichkeit an den deutschen Bühnen sind, braucht es weiterhin eine besondere Förderung der Talente durch "Spezialfonds" oder "Gesetze zur Gleichberechtigung".

Viele WissenschaftlerInnen wenden sich in der Migrationsforschung immer häufiger Begriffen wie Hybridität oder auch Milieu zu, um adäquatere Einblicke in die Lebenswelt von MigrantInnen zu geben. Ihr Stück selbst bedient sich des Begriffs „Generation“. Wie stehen Sie generell zu dem Generationsbegriff?

Shermin Langhoff: Er bezieht sich in den Stücken ja explizit auf die Einwanderer aus der Türkei, mit der vor 50 Jahren das Anwerbeabkommen geschlossen wurde. Wir haben uns als erstes für die zweite Generation interessiert, die sowohl die Erfahrungen und Traumata der Elterngeneration erlebte, als auch ein eigenes Leben lebte und zum Teil verantwortlich für die Kinder ist, die zur 3. Generation zählen. Verantwortung ist vielleicht ein wichtiges Stichwort, das im Zusammenhang mit Generation steht.

Pauschalurteile über muslimische Jugendliche, oft skandalisiert und klischeehaft, sind in den Medien keine Seltenheit. Wie schätzen Sie Ihre Arbeit mit Jugendlichen in diesem Kontext ein? Können Sie diesem Bild etwas entgegensetzen?

Shermin Langhoff: Wir setzen gerade bei der Arbeit mit Jugendlichen auf Individualität gegen Pauschalität.

Wie haben Sie die Arbeit mit den Jugendlichen während der Proben und Inszenierungen erlebt? Wo sehen Sie Potentiale, die gefördert werden sollten, wo spezifischen Nachholbedarf bei ihrer Förderung?

Shermin Langhoff: Die meisten der Jugendlichen gingen während der Proben zur Schule oder einer Ausbildung nach und brachten ihren Frust und Alltag mit zur Probe. Es brauchte immer einige Zeit, bis der Alltag abgelegt war und das Spiel mit dem Alltag auf der Bühne beginnen konnte. Jede und jeder einzelne hat sehr individuelle Begabungen und, wie alle Kinder und Jugendliche in unserem defizitären und nicht egalitären Bildungssystem, fallen sie als Kinder von Arbeitern oft raus und werden generell zuwenig gefördert. Oft stehen zudem keine engagierten Eltern hinter ihnen, die kompensierend und unterstützend wirken. Die üblichen Konflikte in der Pubertät tun ihr übriges dazu.

Es braucht Anreize, Chancen zum Einstieg und Aufstieg, um ihnen zu zeigen, dass sie einen Platz haben in dieser Gesellschaft und gebraucht werden. Es braucht Anerkennung und Liebe von den Eltern und dem persönlichen Umkreis. Also eigentlich die selbstverständlichsten Dinge, möchte man meinen. Das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein sowie die Selbsterkenntnisse sind wichtige Erfahrungen in und aus der Theaterarbeit, wie sie selbst berichten.

Die Jugendlichen in dem Stück sprechen in ihrer Sprache real, ungeschönt und direkt. Inwieweit war es wichtig, nicht ein Stück über, sondern mit den Jugendlichen zu machen und welche neuen Einblicke in deren Lebenswelt wurden Ihnen dadurch aufgezeigt?

Shermin Langhoff: Das war das Anliegen selbst und vor allem eine künstlerische Entscheidung. Dokumentarisches Theater mit professionellen SchauspielerInnen hat in beiden Projekten nicht interessiert. Am Anfang der Theaterrecherche stand die Suche nach den Protagonisten, die nicht nur von sich erzählen, sondern am Ende auch die Figuren spielen, die auf ihren Geschichten basieren. Nach 30 Vorstellungen, mit Gastspielen bei den Münchner Kammerspielen, im Hamburger Thalia Theater und demnächst in New York im Perfomance Space 122, sind sie mittlerweile Profis, haben gelernt, bei sich selbst zu bleiben und die Texte gezielt abzurufen.

Gegen Ende des Stücks, wenn die Jugendlichen über ihre Zukunfts- und Berufswünsche sinnieren, äußert keiner der DarstellerInnen den Wunsch oder Willen zum Aufstieg durch Bildung. Dafür greifen aber die Mechanismen des schnellen Ruhms durch Castingshows oder das Streben nach Erfolg auf dem Parkett des Leistungssports. Wie erklären Sie sich das? Ist das Zufall oder symptomatischer Ausdruck einer wachsenden Resignation unter ihnen?

Shermin Langhoff: Also in dem Alter wollte auch so mancher in meiner Generation Rockstar werden. Aber ganz so ist es in dem Stück am Ende auch nicht. Bis auf zwei haben alle ‚bescheidene’ bzw. romantische Träume. Diese reichen von dem Wunsch, das Dorf der Großeltern zu besuchen, Kinder zu bekommen oder eine eigene Konditorei zu führen, über den Wunsch, auf Weltreise zu gehen oder ein Haus am See zu besitzen bis hin zu einer Karriere als Basketballprofi. Von den Zweien, die nach Hollywood wollen, arbeitet der eine zumindest derzeit kräftig daran und die Chancen stehen gar nicht schlecht! Warum auch nicht; Hollywood oder zumindest seine wichtigen Genres wie Western oder Mafiafilme verdanken wir auch den Geschichten und Protagonisten der Migration...

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Giuseppina Lettieri im August 2010.

Shermin Langhoff ist seit 2008 künstlerische Leiterin des Ballhaus Naunynstraße in Berlin, das als „postmigrantisches Theater“ eröffnet wurde. Zuvor war sie Kuratorin am Hebbel Am Ufer (HAU) und arbeitete oft mit Fatih Akin zusammen. (Foto: Ute Langkafel)