"Zeigen wir, was wir drauf haben" - Das Buchprojekt HEAVEN HELL & PARADISE

"Zeigen wir, was wir drauf haben" - Das Buchprojekt HEAVEN HELL & PARADISE

von Heidemarie Brosche

Die Idee zu diesem Buchprojekt entstand, als eines Tages - im Zuge einer der Lesungen, die ich an meiner Schule gehalten hatte, Schüler meiner 7. Klasse zu mir sagten: „Sie schreiben doch Bücher. Schreiben Sie mal ein Buch über uns!“ In diesem Moment war die Idee geboren. Doch es war nicht in meinem Sinn, bloß über die Jugendlichen zu schreiben. So bot ich ihnen im Gegenzug an: „Schreibt selbst ein Buch über euch. Ich helfe euch dabei.“

Als Buchautorin sah ich in dieser Idee die Möglichkeit, den SchülerInnen meiner Klasse, die durch einen sehr hohen Migrationsanteil gekennzeichnet ist, eine Ausdrucksform, das Schreiben, näherzubringen und sie dahingehend zu unterstützen, den LeserInnen dieses Buches Einblicke in ihre Lebenswelt, Wünsche, Träume, aber auch Ängste und Sorgen zu gewähren.

Nur fünf der 26 AutorInnen von HEAVEN HELL & PARADISE haben Eltern, die aus Deutschland stammen. Der Rest setzt sich wie folgt zusammen: acht TürkInnen, fünf AramäerInnen bzw- AssyrerInnen, vier AussiedlerInnen aus Russland und Kasachstan, zwei VietnamesInnen, ein Serbe, ein Albaner, ein Halb-Inder/Halb-Österreicher, eine Irakerin. Trotz anfänglich zurückhaltender Reaktionen wurde allmählich durch die Schaffung verschiedener Schreibanlässe ein produktiver und vor allem kreativer Schreibprozess bei und mit den Jugendlichen initiiert. Die Texte und Bilder entstanden hauptsächlich in einer Schreibwerkstatt, unter der Anleitung zweier Münchener Schriftstellerinnen sowie in Workshops zu den folgenden Themen, die in verschiedenster Form Einzug in das Buch erhalten haben:

  • Lyrik
  • Zweisprachigkeit
  • Grafik, Layout und Covergestaltung
  • Buchmarkt und Marketing
  • Businesstraining
  • Tischkultur 
  • wahre und falsche Paradiese

. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich den SchülerInnen während des Schreib- und Gestaltungsprozesses ganz schön auf die Nerven ging. Einige sagten mir ehrlich: „So viel schreiben [...] Das passt eigentlich gar nicht zu mir.“ Umgekehrt hörte ich Stimmen wie: „Mir macht es zurzeit in der Schule richtig Spaß. Das ist auch wegen des Buchprojekts.“ Für diejenigen, die ihren Alltag schon immer gerne schreibend verarbeiteten, reichten oft winzige Schreibanlässe – und es sprudelte. Andere schienen selbst erstaunt, dass sie plötzlich Texte produzierten. Ein paar tobten sich zielgerichtet am PC aus. Eine Schülerin illustrierte unermüdlich für ihre eigenen, aber auch für die Texte der anderen SchülerInnen.

Ich ließ die Jugendlichen paradiesische Bilder nachempfinden, inspiriert durch den Besuch einer Kunstausstellung und setzte Impulse zu Texten über „Mein persönliches Paradies“. Die Ergebnisse gerieten so bemerkenswert, dass den daraus entstandenen Gedanken und Bildern eine Sonderausstellung in der Neuen Galerie im Höhmannshaus in Augsburg gewidmet wurde.

 
von Ha Vi                                                        von Mohammed
Bilder aus „Mein persönliches Paradies“

Aus der anfänglichen Titelidee „Himmel, Hölle, Paradiese“ – für die schönen und die unschönen Dinge des Lebens und für die Wunschträume und Ängste, die jeder so hat – wurde auf Wunsch der Jugendlichen „HEAVEN HELL & PARADISE“: „Wenn schon, dann auf Englisch! Das passt besser zu uns, und Jugendliche werden das Buch so lieber kaufen.“ Dank zahlreicher WegbegleiterInnen, UnterstützerInnen und Sponsoren  konnte das Buchprojekt über den Zeitraum von zwei Jahren stetig vorangebracht werden, so dass wir das Buch nach intensiver Arbeit im Jahr 2010 fertig stellen und veröffentlichen konnten.

Freundschaften, Freitzeitinteressen und Zukunftswünsche

Trotz oder auch gerade wegen der ethnischen Vielfalt in der Klasse gibt es kaum Konflikte unter den SchülerInnen, manchmal erfolgen scherzhafte Verweise auf die Nationalität des anderen bzw. der anderen. Insgesamt habe ich als Lehrerin das Gefühl, dass sie sich als Klasse „mit sehr hohem Migrantenanteil“ wohlfühlen. Freundschaften gibt es quer durch alle ethnischen Zugehörigkeiten.

Auch die Freizeitinteressen gestalten sich sehr ähnlich – und unabhängig von der Nationalität. Fußball wird von vielen Jungen als Sport und Freizeitaktivität bevorzugt, aber auch Basketball und ein paar Kampfsportarten wie Thaiboxen oder Karate. Die Mädchen scheinen sportlich nicht sehr aktiv zu sein, ein paar spielen zumindest in der Schule Basketball. Beide Geschlechter vereint in ihren Interessen, dass sie viel Zeit am PC und an der Spielekonsole verbringen. Die Jungen – wie nicht anders zu erwarten – vertreiben sich die Zeit mit Computerspielen, nutzen das Medium aber auch zum Chatten. Für viele Mädchen scheint das Chatten die Hauptnutzungsart des Computers zu sein. So können sie in ihrem Zimmer sitzen und zugleich den virtuellen Kontakt zum Freundeskreis pflegen. Gerade für die türkischen Mädchen, die sich oft noch heftig überwacht von Eltern und großen Brüdern fühlen, ist dies eine Möglichkeit, Außenkontakte nach ihren eigenen Vorstellungen  und mit einer gewissen Autonomie zu pflegen.

Selbstverständlich wird auch viel Zeit vor dem Fernseher verbracht, oft mit muttersprachlichen Fernsehprogrammen, wie Quiz Shows und TV-Serien. Bei beiden Geschlechtern steht das Zusammensein mit FreundInnen hoch im Kurs. Auf meine Frage „Was ist für dich der Himmel auf Erden?“ wurde als häufigste Antwort genannt: „mit Freunden zusammen“, dicht gefolgt von „Musik“ und „mehr Freizeit“. Musik ist für alle wichtig – ihre Musik. Wie verschieden die Geschmäcker sind, spürt man, wenn man z. B. während des Kunstunterrichts das Musikhören gestattet. Nie wird darum gebeten, gemeinsam eine CD zu hören. Dank MP3-Player kann jeder seine Musik hören. Die Palette reicht von Hip-Hop über Metal, Punk-Rock, Hardrock, Gothic, House, RnB bis zu Pop.

Einblicke in die Wünsche und Sehnsüchte der Jugendlichen zeigten sich vor allem bei den Themen „Traumwochenende nach einem Lottogewinn“ und „Mein persönliches Paradies“. Nicht wenige würden nach einem hohen Lottogewinn erst einmal ihre Familie absichern und reich beschenken: ein eigenes Haus, Schulden abzahlen, ein Sicherheitsbetrag auf dem Bankkonto, ein paar Geschenke für die Familienangehörigen. Für viele Jungen ist das „dicke Auto“ erstrebenswert, für manche gar die eigene Firma, die man sich dann endlich kauft – und natürlich viele technische Geräte. Mädchen wie Jungen fänden es schön, fein essen zu gehen, zu verreisen oder auch ein Privatflugzeug zu besitzen – auch um oft in die alte Heimat der Eltern oder Großeltern fliegen zu können. Sowohl das Traumwochenende also auch das Paradies wäre aber keines ohne Freunde. Sehr oft wird betont, dass man sich über all die schönen Dinge gemeinsam mit Freunden freut und mit ihnen „chillen“ möchte. Bei den Mädchen fällt auf, dass sich viele von ihnen – in die Zukunft blickend – eine eigene Familie wünschen. Doch auch der gute Job – bei den Jungen oft gepaart mit Führungsanspruch und Reichtum - taucht als „Traum“ des Öfteren auf.

Stärken und Schwächen

Auf Anhieb wussten die SchülerInnen viel mehr Schwächen als Stärken aufzuzählen. Kein Wunder, schaut die Schule doch meist auf das, was man noch nicht kann. Über die allgegenwärtigen Noten bekommen gerade die HauptschülerInnen, die „es“ ja auf Grund ihrer Noten nicht geschafft haben, beständig den Stempel aufgedrückt: "Das kannst du noch zu schlecht. Hier solltest du [...] Hier musst du [...] Das reicht nicht. Wenn du einen guten Abschluss machen willst, muss das aber anders werden."

Die vielen Dinge, die die SchülerInnen gut können, haben oft nichts mit der schulischen Leistung zu tun – mit Ausnahme von Sport oder Kunsterziehung. Sie spielen sich im ebenso wichtigen Bereich der sozialen Kompetenz ab. Dass es auch eine Leistung ist, ein guter Babysitter zu sein, anderen gut zuhören zu können, sich mit verschiedenen Menschen in jeweils unterschiedlichen Sprachen zu verständigen, ist ihnen oft selbst nicht bewusst und erfährt in der Beurteilung ihrer Fähigkeiten und Entwicklung immer noch zu wenig Anerkennung. Am Ende gab es aber dann doch vieles, worauf die SchülerInnen stolz blickten.

Schülerin, 15 Jahre

Meine drei größten Probleme

Hi… Ich sitze hier in der 8. Klasse (könnte genau so gut in einer 4. sitzen, die Lautstärke ist bestimmt die gleiche) der Hauptschule.

Das ist schon mal mein erstes Problem! Egal, wieviel ich mir Mühe in den schriftlichen Arbeiten gebe ... Es reicht nicht! Immer wieder denke ich: “Oh ja! Das wird was! Diesmal habe ich alles richtig!” und dann wieder eine Note, über die ich mich ärgern muss!

Mein zweites Problem ist, dass ich meine Wut kaum kontrollieren oder einfach runterschlucken kann. Dann muss ich mir nur selbst weh tun und die Wut und den Rachegedanken an bestimmten Personen stillen.

Das dritte Problem: Wirklich zuzuhören, obwohl es mich einen feuchten Kehricht interessiert. Im Unterricht sollte man aufpassen, auch wenn es zum Schnarchen langweilig ist, doch bei mir schalten die Ohren automatisch auf Durchzug! Dann dös ich nur vor mich hin und sehe aus, als ob ich zuhöre. In Wahrheit denke ich vielleicht darüber nach, was ich meinem Kater heute zu essen geben könnte … Trockenfutter oder nicht? Rind oder doch Pute?
Ja, sei verflucht, blöder Sarkasmus!

Dinge, die ich am besten kann:

Tja ... was kann ich am besten? Ich liebe es zu zeichnen - was ich auch schon recht gut kann. Es ist nicht immer alles perfekt, was mich meist wieder ärgert, da ich in Sachen Kunst und Werken Perfektionist bin. Alles muss stimmen und die Proportionen genau sein!
Am liebsten male ich mit Bleistift, da man da so gut die Schatten darstellen kann.
Außerdem kann ich mich gut verstellen und Rollenspiele spielen (meist im Internet).

Einstellung zur Schule

Das Verhältnis zur Schule erleben die jungen AutorInnen als zwiespältig. Einerseits schleppen sie sich oft regelrecht ins Klassenzimmer, wirken müde und unlustig, erwecken den Eindruck, eine lästige bis schreckliche Pflicht zu absolvieren. Andererseits haben sie (noch?) Großes vor im Leben. Sie wollen es zu etwas bringen und sie wissen, dass die schulische Bildung ein Türöffner ist. Außerdem tauchen erfahrungsgemäß einige sehr bald nach dem Ende ihrer Schulzeit wieder in der Schule auf, um ehrlich zuzugeben, dass „Schule“ viel besser war als die Arbeit oder Ausbildung jetzt.

Als ich anlässlich des Amoklaufs von Winnenden um anonyme(!) Meinungsäußerungen bat, war ich mir nicht sicher, ob nicht der eine oder andere Verständnis für die Tat äußern würde. Immerhin war der Hass des jungen Amokläufers auf die Schule wohl doch mit eine treibende Kraft gewesen. Doch nicht ein Einziger meiner SchülerInnen zollte dem Täter Applaus. Im Gegenteil, man zeigte Abscheu und Unverständnis oder versuchte, die Gründe für die Tat zu analysieren.

Denis bringt die zwiespältigen Schülergefühle in seinem Gedicht – es ist Brechts Gedicht „Vergnügungen“ nachempfunden – auf den Punkt:

Der erste Blick
von Montag bis Freitag
aus dem Fenster ist
wie die Hölle mit
dem Teufel höchstpersönlich
Die Hölle, die Schule
Der Teufel
Manche Lehrer, nicht alle
Es klingelt, der Unterricht beginnt
3 Stunden, dann die Erlösung Pause
Ding Dong Pause aus
Jeder trottet ins Höllenhaus
3 Stunden später
gehen wir nach Haus,
außer der Nachmittag
fällt nicht aus
Schule ist Hölle,
aber auch ne gute Zeit
Schade, wenn sie vorbei ist
bald
die Höllenfahrt

Schule als Hölle, aber auch „ne gute Zeit“.

Zukunftsängste- „ Was kommt in der Zeit „danach“?

Kurz vor Redaktionsschluss des Buches, zur „Halbzeit“ des letzten Schuljahres für meine SchülerInnen, wurde der Ton in den Texten nachdenklicher. Ängste und Sorgen wurden verstärkt artikuliert, vor allem mit Blick auf das nahende Schulende und die bevorstehende Zukunft. Der Blick ins Ungewisse, die Frage „Was kommt danach?“ stand immer wieder im Raum.

Edlir

Ich habe ein bisschen Angst vor dem, was kommt. Ich habe große Angst, dass ich keinen Ausbildungsplatz finde. Mir ist es sehr wichtig, mein Leben nicht zu „vergammeln“, aber man hat es nicht so im Kopf, was eigentlich passieren könnte, wenn man die Schule nicht schafft. Das kommt erst später – das Bereuen.

Wunderbarerweise musste gerade Edlir nichts bereuen. Er schaffte den qualifizierten Hauptschulabschluss („QA“), zeigte sich überglücklich und erhielt seine Wunsch-Ausbildungsstelle. Auch andere von ihnen erreichten ihr großes Ziel „QA“. Einen Ausbildungsplatz hatten sie damit aber nicht automatisch in der Tasche. Nach meiner Information

  • haben neun der AutorInnen ein Ausbildungsverhältnis begonnen,
  • haben drei ein so genanntes EQJ (Einstiegsqualifizierungsjahr) begonnen, das – wenn es gut geht – nach  einem halben oder ganzen Jahr in ein Ausbildungsverhältnis umgewandelt wird,
  • werden vier eine Wirtschaftsschule besuchen,
  • werden drei an einer Maßnahme der Agentur für Arbeit teilnehmen,
  • wird eine Schülerin weiter die Hauptschule besuchen, um dort die Mittlere Reife zu erreichen,
  • wird ein Schüler vermutlich die 9. Klasse freiwillig wiederholen, um den QA doch noch zu schaffen.

Von fünf SchülerInnen weiß ich nicht, wie sie entschieden haben. Sie waren sich bei unserem letzten Kontakt noch nicht sicher bzw. noch auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle.

Meine Einblicke in „ihre“ Welt

Vieles, was mir bereits ansatzweise bekannt war, hat sich durch die Arbeit an diesem Buchprojekt und vor allem durch die intensive Arbeit und den ständigen Austausch mit den SchülerInnen vertieft und auch korrigiert.

Wie wichtig ihnen FreundInen und Familie sind, habe ich im Laufe der Jahre erfahren und hat sich in ihren Texten bestätigt.

Eugen

Ich würde mir Konsolen, Kleidung, Autos und viele Geschenke für meine Familie kaufen. Nach der Shopping-Tour würde ich mir ein schönes Haus außerhalb der Stadt kaufen und meine Eltern in den Urlaub schicken, da sie nie wieder arbeiten müssten.

Sie sind keine egoistischen EinzelkämpferInnen. Menschliche, freundschaftliche und familiäre Bindungen bedeuten ihnen viel. Überrascht hat mich jedoch, welch große Rolle die Natur in den Paradies-Wunschträumen dieser Großstadtkinder spielt. Im Unterricht war davon wenig zu spüren.


Eugens
Steckbrief (aus Heaven Hell & Paradise)

Sara

So stelle ich mir mein Paradies vor: an einer Insel mit klarem türkis-blauen Meer, mit vielen schönen großen Muscheln. Man sollte nur das Geräusch vom Meer hören, es sollte nach Blumen duften und es sollten viele verschiedene Blumen sein.

Auch bei den Texten über das Verhältnis von Mann und Frau war ich erstaunt. Gegenseitiges Vertrauen und spürbare Wertschätzung für den Partner/die Partnerin wurden als sehr wichtig eingestuft – und zwar von beiden Geschlechtern.

Schülerin, 15 Jahre

Ohne Vertrauen würde meine Beziehung nicht klappen. Dass man füreinander immer da ist. Wenn ich etwas brauche, dann sollte er immer bei mir sein oder mir helfen. Dass man sich nicht wegen des Aussehens, sondern wegen des Inneren liebt; wenn man zu sehr aufs Aussehen achtet, kann man sich sofort in jemand anderen verlieben.

Schüler, 15 Jahre

Die Frau muss nett sein: Sie soll nicht immer schreien und schimpfen. Der Mann muss ihr immer zuhören: Er soll hören, was sie sagt und es respektieren. Pünktlichkeit: Wenn sie sich verabreden, müssen beide pünktlich sein. Die Frau soll mit dem Mann zusammen putzen: Der Mann sollte der Frau beim Putzen helfen, dass sie nicht alles alleine machen muss.

Die Aussagen machen Mut; obwohl sich neben und während des Unterrichts immer wieder zeigt, wie vor allem türkische Mädchen unter der traditionellen Rollenverteilung leiden. Wenn es um solche Themen geht, sind große Unterschiede zu sehen und hören: Die einen verhalten sich still oder stimmen ihren Eltern zu, die es schon richtig machen werden, wenn sie Mädchen und Jungen ganz unterschiedlich behandeln. Die anderen machen ihrer Empörung Luft: ungerecht sei das, unerträglich, wie sehr ihre Freiheit als Mädchen beschnitten werde und was sich die Jungen alles erlauben können. Einige wenige berichten, dass es in der eigenen Familie schon ganz anders zugehe, eher so wie bei den Deutschen. „Chillig“ sei eine der türkischen Mütter und das sei richtig toll.

Viele meiner SchülerInnen wachsen in Familien auf, die zwei- oder mehrsprachig sind. Ich hatte zwar ein Gefühl dafür, wie es ist, mit zwei oder mehr Sprachen aufzuwachsen, aber keine Ahnung, wie sich das konkret anfühlt. Erst durch die Einblicke, die mir die SchülerInnen in ihren Texten zur Mehrsprachigkeit gewährten, wurde mir so richtig bewusst, dass die Kommunikation in manchen Migrantenfamilien nichts mit einer klar strukturierten Zweisprachigkeit zu tun hat.

Johann

Ich kann zwei Sprachen: Aramäisch und Deutsch. Mit meinen Eltern rede ich hauptsächlich Aramäisch. Ich finde, ich beherrsche Aramäisch sehr gut. Ich „muss” Aramäisch schreiben, lesen und das sehr gut. Mit meinen Geschwistern rede ich oftmals Deutsch, ab und zu Aramäisch. Mein Dad kann Aramäisch, Arabisch, Kurdisch, Türkisch und Deutsch, aber das Deutsch ist nicht perfekt. Mit meinen Kumpels rede ich ab und zu Aramäisch und ab und zu Deutsch. Meine Eltern reden ab und zu unter sich Türkisch, weil es sich bestimmt um „etwas” handelt – oft verstehe ich nur Bahnhof. Fernseh-Serien schauen die auch oft auf Türkisch an. Meine zwei ältesten Geschwister können nicht nur Deutsch und Aramäisch, sondern auch Türkisch, weil sie in der Türkei geboren sind, und der Rest der Geschwister kann kein Türkisch, das ist Wahnsinn. Haha! Fluchen tu ich oft auf Aramäisch. Die aramäische Sprache: Ich selbst finde sie wirklich toll, weil die anderen Klassenkameraden sie alle sprechen wollen, direktes Reden, „Schimpfaktionen”, na ja. Ich spreche gerne zu jedem meine Sprache und bin froh, sie zu beherrschen. Diese Sprache war Jesus‘ Sprache.

Auch hatte ich bisher das Wort „Migrationshintergrund“ recht routiniert verwendet, doch wie es sich wirklich anfühlt, „ein Kind mit Migrationshintergrund“ zu sein – das hat sich durch die Arbeit an diesem Buch intensiviert. Eine meiner Schülerinnen hat einen eindrucksvollen Text über ihre Reise von Russland nach Deutschland geschrieben, in dem sie den Abschiedschmerz aber auch die Hoffnungen auf das Leben in einem neuen Land treffend und gefühlvoll darlegt.

Wirklich überrascht haben mich auch die Texte zum Thema „Mein persönliches Paradies“. Erstens zeigen sie so wunderbar, dass auch die Hauptschüler, die Migrantenkinder Individuen sind. Individuen mit unterschiedlichen Sehnsüchten, mit unterschiedlichen Träumen, mit unterschiedlichen – oft sehr tiefgehenden – Gedanken.

Seyhan

Für mich lebe ich schon in einem Paradies, denn ich habe alles, was ich brauche: meine Familie, meine Freunde, etwas zum Essen und Trinken. Immer wenn ich an die Menschen, insbesondere an die Kinder in Afrika bzw. auch in anderen armen Ländern, denke, stelle ich mir vor, wie gut ich es eigentlich habe. Ich kann mir etwas leisten, ich kann essen und trinken, was ich will. Und die Kinder in Entwicklungsländern? Sie haben fast nie etwas zum Essen oder Trinken. Sie sterben sogar aus Hungersnot. Die Menschen dort würden alles dafür tun, um so zu leben wie wir. Und wir sind nicht einmal dankbar dafür. Sie würden alles dafür tun, um nur so zu leben wie wir, deshalb denke ich, wir sollten auch mal an diese Menschen denken und wirklich dankbar sein für das, was wir haben. Wegen Kleinigkeiten regen wir uns so auf, weil wir vielleicht mal etwas nicht bekommen oder weil wir manchmal Probleme haben, oder weil wir nicht in die Schule gehen wollen, aber müssen. Wenn man an die Kinder in solchen Ländern denkt: Sie wollen freiwillig in die Schule, aber sie können nicht, sie wollen sich weiterbilden, aber haben nicht die Möglichkeiten. Anstatt froh zu sein, dass wir in die Schule gehen können, regen wir uns auf. Wir machen einen Aufstand, weil wir gerade mal nicht die Markensachen tragen können, die wir wollen, doch die Menschen dort haben nicht einmal etwas Gescheites zum Anziehen. Deshalb, wenn ich an solche Menschen denke und solche Menschen sehe, denke ich, dass ich schon in einem Paradies lebe.

Hier aber dennoch mein persönliches Paradies:
Ich habe einen Super-Job, wo ich gut verdiene. Eine Familie, also einen Lebensgefährten, mit dem ich mich gut verstehe, Kinder, die glücklich sind. Ein Haus in der Nähe von einem Wald, also frische Luft und auch Grünes um uns herum. In diesem Paradies wäre für mich auf jeden Fall Frieden wichtig. Wo es wirklich keinen Streit und keine Gewalt gibt. Paradies kann auch auf Erden sein, man muss es nur wollen. Paradies ist nicht nur in Fantasien. Für jeden heißt Paradies was anderes. Für mich ist dieses sehr wichtig, man muss sich immer wieder überlegen, was man in der Vergangenheit und in der Gegenwart erlebt hat, und was man aus seiner Zukunft machen will, zumindest ändern will. In meinem Paradies sollte es so sein, dass wirklich alle in meinem Leben zufrieden sind. Ich glaube, ich könnte sogar in diesem Paradies landen, wenn ich es nur will. In meinem Paradies kann es natürlich nicht nur Gutes geben, denn man lernt aus Fehlern, und Fehler kann man und sollte man auch machen. Man fühlt in meinem Paradies nur gute Sachen. Furcht oder Angst wird nicht existieren. Ich hoffe, dass ich mein Paradies eines Tages erreiche.

Ein ganz besonderes Buch

Zum Abschluss möchte ich betonen, warum mir dieses Buch besonders am Herzen liegt. In Gesprächen stelle ich immer wieder fest, dass Menschen, die sich als gebildet betrachten - klassischerweise LeserInnen also - recht wenig über das Leben, das Denken, das Fühlen von HauptschülerInnen im Allgemeinen und Migrantenkindern im Besonderen wissen. Ursache hierfür: Es gibt kaum Berührungspunkte. Wenn überhaupt, wird etwas über diese jungen Leute geschrieben. Dass sie in diesem Buch selbst schreiben, dass sie ihre Gedanken und Gefühle, ihre Hoffnungen, Sehnsüchte und Ängste in schriftlicher Form preisgeben, halte ich wirklich für etwas Besonderes und unbedingt Lesenswertes.

Oktober 2010

 

Von Russland nach Deutschland - Der Abschiedsschmerz

von Kristina Springer, Schülerin der Schiller-Volksschule in Augsburg-Lechhausen

Der Tag war sonnig. Wir standen am Flughafen und unterdrückten die Tränen. Wir mussten weg. Wir wollten eine bessere Zukunft in Deutschland haben.

„So, euer Flugzeug! Ruft an, wenn ihr da seid, ja!?“, sagte meine Großmutter. Man konnte hören, wie sie sich bemühte, ihre Stimme nicht traurig klingen zu lassen, was ihr allerdings nicht so gut gelang.

Ihre Tochter, also meine Mutter, reiste ab. Sie wusste, dass das das Beste für sie war. Sie war froh darüber, dass ihre zweite Tochter in eine bessere Zukunft flog, aber zugleich auch traurig, weil sie von ihr Abschied nehmen musste. Meine Mutter war genauso traurig wie sie, aber wir waren schon so weit! Wir durften jetzt keinen Rückzieher machen. Sie nickte: „Ja, sicher.“

Dann nahm sie meine Hand und drückte sie so fest, dass es fast schmerzte, aber ich konnte sie verstehen. Ich war fast meine ganze Kindheit bei meiner Großmutter gewesen. Sie war zwar streng, aber immer gerecht. Sie war für mich wie eine zweite Mutter geworden. Meine Mutter und ich unterdrückten die Tränen. Wir mussten jetzt stark sein! Wenn wir jetzt anfangen würden, wie zwei Schlosshunde zu heulen, würde sich meine Großmutter nur noch mehr Sorgen machen. Sie war eine Frau, die immer nur an die anderen dachte.

„Natasch, komm schon, sie lassen schon die Leute rein“, sagte mein Vater mit trauriger Stimme. Die Eltern meines Vaters flogen mit nach Deutschland, aber die Verwandten meiner Mutter nicht. Es lebten zwar Verwandte von ihr bereits in Deutschland, aber weder sie noch ich kannten sie richtig. Die meisten kannten wir nur von Fotos her.

Mein Vater ging zu meiner Mutter, legte eine Hand auf ihre Schulter und sagte mit mitfühlendem Blick ein paar tröstende Worte. Sie nickte und lächelte traurig. Sie hielt immer noch meine Hand fest und drückte sie. Ich drückte zurück.

Nach einem langem Verabschieden mussten wir zur Kontrolle. Es war alles okay. Danach mussten wir einen Gang entlanggehen. Wir waren nicht allein, viele Leute gingen vor, hinter und neben uns. Ich vermutete, dass sie mit dem selben Flugzeug fliegen würden wie wir. Die rechte Wand war aus Glas. Ich sah hinüber und sah alle unsere Verwandten. Sie waren auf der anderen Seite! Nur ein dickes Glas trennte uns! Ich fühlte mich wie ein Tier in einem Käfig. Warum stand dieses verdammte Glas da?!

Meine Mutter sah sie mit einem traurigen Blick an. Dieses Gefühl, das ich gerade in meiner Brust hatte, zerriss mich fast. Es tat so weh! Ich wollte nicht weg! Wir gingen näher an das Glas und schauten uns gegenseitig stumm an. Wir konnten uns sowieso nicht hören wegen diesem Glas. Meine Großmutter winkte und zeigte in die Richtung, in der das Flugzeug stand. Dann sagte sie noch irgendetwas, aber es war wie in einem Stummfilm. Ich guckte mich um.

Alle Leute waren schon weg, nur unsere Familie stand noch da. Anscheinend verstand meine Mutter, was meine Großmutter sagte und nickte. Sie verstanden sich auch ohne Worte. Meine Mutter legte die Hand auf das Glas, doch dann zog sie sie wieder zurück und mit einem letzten Lächeln winkte sie zum Abschied. Nach etwa zehn Minuten saßen wir schon im Flugzeug und starrten aus dem Fenster. Die Anweisungen der Stewardess hörte ich nicht mehr, sondern schnallte mich einfach an. Ich kämpfte gegen die Tränen. Ich versuchte mich selbst mit Gedanken zu trösten: Wir werden ja nächstes Jahr zu Besuch zurückkommen, zwar nur für drei Wochen, aber das war doch trotzdem schon etwas.

Als der Flieger in der Luft war und wir aufstehen durften, ging meine Mutter weg. Ich vermutete, dass sie sich in der Toilette eingeschlossen hatte, um zu weinen. Ich konnte sie ja auch verstehen. Ich hätte in diesem Moment auch heulen wollen. Die Einzige, die gar kein Problem hatte, war meine drei Jahre alte Schwester, die ich in diesem Moment fast erwürgt hätte, weil sie immer wieder „Flugzeug-Fliegen“, „Flugzeug-Fliegen“ brüllte und das ununterbrochen.

Als meine Mutter zurück war, waren ihre Augen gerötet. Ich sah sie an, sagte aber nichts. Was hätte ich auch sagen können? Immerhin war ich erst neun Jahre und ... Hallo? Wer hört schon auf eine Neunjährige? Meine Mutter dachte bestimmt, dass ich nichts merkte und keine Ahnung hatte, aber ich verstand sehr wohl alles.
Die ganze Flugzeit saßen alle da und schwiegen. Selbst meine Schwester, was allerdings eine Ausnahme war. Es war still, jedenfalls für mich. Ich war so mit meinen Gedanken beschäftigt, dass ich die anderen Passagiere gar nicht mal wahrnahm. Nach zweieinhalb Stunden Flugzeit waren wir endlich angekommen: in Deutschland!

Ich bin in einer russischen Familie aufgewachsen und kannte in diesem unbekanntem Land gerade mal, wie „Guten Morgen“ ging. Rosige Aussichten, nicht wahr?

Nun ... Unsere ganze Reise bis zu dem Punkt, wo wir endlich auf Dauer bleiben durften, dauerte ganze zehn Tage … Zuerst waren wir in einem Heim gelandet! Ein Zimmer 4 x 4 Metern mit vier Betten und aus! Im Grunde war's nicht so schlecht.

Unsere Verwandten, die schon eine Behausung in Deutschland hatten, statteten uns einen Besuch ab. Ich muss sagen, die Geschenke, die sie mitgebracht haben, waren für ein Dorfkind wie mich riesig! Ich glaube, ich habe noch nie so viele Süßigkeiten gesehen! Von den Toffifee war ich ganz besonders begeistert.

Nach ca. fünf Tagen ging es auch wieder weiter. In ein weiteres Heim. Ich glaube, es war in Nürnberg. Dort blieben wir kurze zwei Tage! Diese zwei Tage haben aber auch gereicht, um mit meiner Schwester im Aufzug stecken zu bleiben. Mein erstes Abenteuer in Deutschland! Way! Auch die zwei Tage waren schnell vorbei. Es ging weiter. Zum dritten Heim. Dort durften wir so lange bleiben, bis wir eine Bleibe für uns gefunden hatten. Vielleicht sagt euch der Name „Birkenhof“ etwas? Eineinhalb Jahre haben wir da gelebt, bis wir uns endlich eingelebt hatten und eine Wohnung fanden, doch dazu später.

Mein Opa war der Einzige, der einen Hauch von Deutsch konnte, da seine Großmutter eine Deutsche in Russland gewesen war und nur Deutsch mit ihm gesprochen hatte. Es war fast schon amüsant, wie sechs Personen, Vater, Mutter, Oma, Schwester, Onkel und ich hinter unserem Opa überallhin mitgedackelt sind. Es erinnerte mich immer an die Ente, die mit ihren Kleinen spazieren ging.

Die ersten Monate in der Schule waren hart. Die Sprache war schwer und auch das Mobbing anderer Schüler setzte mir zu. Immer wieder hackte man auf der kleinen Russin herum, die einen schrecklichen Akzent hatte und auch noch ein Dreikäsehoch war. Dummerweise war ich auch noch nah am Wasser gebaut. Das perfekte Opfer also, auf dem man herumhacken konnte! Natürlich war es nicht für immer so. Wir fanden Anschluss, schlossen Freundschaften und lebten uns langsam ein. Die Sprache wurde auch mehr oder weniger erlernt. Ich glaube, dass ich sie nach gut zwei Jahren konnte ... man lernt aber natürlich nie aus und so lerne ich heute noch (nach sieben Jahren) immer ein paar neue Wörter dazu.

Es verging ein Jahr, bis wir eine Möglichkeit gefunden hatten, nach Russland zu reisen. Leider konnte mein Vater nicht mit. Den Grund weiß ich nicht mehr. Fünf lange Tage saßen wie in einem Bus voller Leute auf dem Weg in unsere Heimatstadt. Es ist besser, die Erinnerung nicht zu sehr aufzuwärmen. Sie ist furchtbar. Allein der ältere Herr neben mir ließ mir zwei Tage keinen Schlaf, da er unbedingt der Meinung war, mich mit den Geschichten seiner Familie langweilen zu müssen. (Klingt gemein, ich weiß, aber versucht es auch ihr mal auszuhalten!) 20 ... 19 ... 18 ... zählten alle im Chor die Kilometer, bis es so weit war und wir angekommen waren. Ein Besuch, der nur einen Monat dauerte. Es war wirklich erleichternd, wieder da zu sein, und die Zeit verging wie im Flug. Eigentlich wollte ich gar nicht zurück, doch eine Wahl hatte ich ja leider nicht.

Mit den Jahren fiel es mir leichter loszulassen und heute würde ich von hier nicht mehr zurück wollen, obwohl ich die anderen sehr vermisse. Wir versuchen jedes Jahr mit dem Auto dahin zu fahren. Jedes Jahr für einen Monat! Dem schönsten im Jahr! (Die acht Tage Hin- und Rückfahrt zählen aber nicht als schön! Irgendwann sitzt man mit dem Kopf nach unten im Sitz. Manchmal klappt es aber natürlich auch nicht. Erst letztes Jahr aber war mein Onkel mit seiner Familie zu Besuch bei uns! Dann wurden alle Schwimmbäder und Freizeitparks unsicher gemacht, um ihnen so viele Eindrücke wie nur möglich mitzugeben.

Das ist meine kleine Geschichte von der Zeit, als wir in Deutschland endlich angekommen waren. Ich kann nur hoffen, dass es weiterhin so bleibt!

Heidemarie Brosche ist Autorin von Kinder-, Jugend- und Sachbüchern. Sie arbeitet an der Schiller-Volksschule Augsburg-Lechhausen als Hauptschullehrerin. (Foto: Behrbohm)