Mit Bitte um Vorstellung

Mit Bitte um Vorstellung

Tayo OnutorTayo Onutor. Urheber: Tayo Onutor. All rights reserved.

Ich bin zu einem Panel eingeladen. Bei der Vorbereitung dieses Panels wurden alle Redner_innen gebeten im Vorfeld mitzuteilen, wie sie gerne vorgestellt werden möchten.

Lange habe ich über "diese Sache" nachgedacht. Meine Vorstellung. Meine Bezeichnung. Meine Person. Meinen Namen.

Eigentlich hätte ich schon gestern antworten sollen. Doch diese kleine Bitte um Antwort, aus organisatorischen Gründen, bitte rasch, mensch sei schon spät dran. Verständlich. Doch es fällt mir schwer dieser Bitte nachzukommen, ich überlege, versuche die richtigen Worte zu finden und hoffe insgeheim auf Nachsicht für die verspätete Antwort.

Bekanntlich soll es ja keine zweite Chance für einen ersten Eindruck geben. Also sollte ich mir doch sehr genau überlegen, wie ich vorgestellt werden möchte. Wie meine Bezeichnung ist.

Ich merke, wie ich mich darüber freue, dass ich meine Vorstellung dieses Mal selbst bestimmen darf. Als Künstlerin, Sängerin auf der Bühne, ist das für mich nicht immer möglich. Mensch kann probieren einer Veranstalter_in oder Moderator_in einen tollen Pressetext vorzugeben, doch was davon letztendlich verwendet wird, grenzt manchmal an höhere Gewalt. Ein Risiko oder gar Glücksspiel, dessen bitteren Beigeschmack ich schnell mit den ersten Taktschlägen des Eröffnungssongs davonsinge.

Tayo (35). Warum nicht das Alter nennen? Ich finde es toll fünfunddreißig zu sein. Nur weil ich jetzt fünfunddreißig bin, bin ich ich und durfte die Dinge erleben, die Erfahrung genannt werden. Also, Tayo 35, Afro-Deutsche Mutter und Sängerin, Mitglied der IniRromnja. Berlinerin oder aus Baden-Württemberg immigrierte Berlinerin. Ob es dann so auch klar wird, weshalb ich Mitglied der IniRromnja bin? Da meine Identität als Sintezza nicht sichtbar ist, muss ich Transparenz schaffen.

Also Afro-Sintezza!

Plötzlich erinnere ich mich zurück an einen Jugendkongress für junge Sinti und Roma vor 22 Jahren, veranstaltet vom Landesverband Deutscher Sinti und Roma Rheinland-Pfalz. Damals, als Dreizehnjährige, trug ich mein Haar auch schon gerne offen und lockig. Weil ich es schon damals mochte. Lange vor dem Natural Hair-Movement. Heute weiß ich, ich bin Haartyp 3b.

Ich erinnere mich an ein tolles Wochenende der Begegnung in einer etwas fahlen Jugendherberge. Damals hatte sich ein junger Sinto in mich verknallt. Zu seinem Cousin meinte er ganz verträumt, das eine Mädchen da, gefällt mir sehr. „Welche meinst du denn?", antwortete dieser. „Na, die mit dem buschigen Haar". Die mit dem buschigen Haar, lächle ich in mich hinein. Ich erinnere mich, dass ich schon damals, vor 22 Jahren, über diese Bezeichnung lächeln musste. Meine drei Cousinen und ich haben uns noch auf der Heimfahrt köstlich darüber amüsiert.

Meine zwei Jahre jüngere Cousine Melinda, auch Afro-Sintezza, und ich waren schon immer ein unschlagbares Team. An einem warmem Julitag während der Sommerferien wurde unsere Cousine Alina geboren, Afro-Sintezza. Seit diesem Tage sind wir zu dritt. Das gilt in manchen Kreisen schon als Gruppe.

Für uns war und ist es Empowerment. Lange bevor wir dieses Wort kannten und bewusst, ja vielleicht sogar dankbar, füllen konnten.

Empowerend war für mich auch unbestreitbar mein erster Besuch in Nigeria. Um nichts in der Welt möchte ich diese tolle Zeit missen.

Auf der Straße allerdings wurde mir des öfteren "Hello Oyinbo!", "Oyinbo, Oyinbo" zugerufen. Meine Cousine, die mich stets schwesterlich begleitete, wollte mir auf die Frage nach der Bedeutung dieses Wortes "Oyinbo" nicht antworten. Doch ich fragte beharrlich weiter, meine linguistische Neugier ließ mir und ihr keine Ruhe und so sagte sie mir schließlich: Oyinbo heißt Weiß/Weißer!

Ich war entsetzt! Beleidigt! 8Stunden Flug, endlich angekommen in Nigeria und dann das! Eine dahergelaufene lexikalische Semantik wollte mir, einfach so, meinen langersehnten Familienurlaub, meine Reise zu meinen Wurzeln verderben. Mit der Trotzigkeit, die meist nur Menschen zwischen 0 und 17 Jahren liefern können, erklärte ich meinen Eltern, dass ich für den Rest dieses Urlaubs nicht mehr aus dem Haus gehen werde. Eine Frechheit war das!

Am nächsten Tag und auch den folgenden bin ich trotzdem wieder rausgegangen.

In Nigeria genauso wie in Deutschland.

Leipzig, vor einigen Jahren. Nach einem Auftritt in einem schicken Hotel mit Glanz und Glamour bin ich mit einem Schwarzen Musikerkollegen auf dem Rückweg nach Berlin. Am Hauptbahnhof sehen wir eine große Gruppe von rechts gesinnten Personen, leicht erkennbar an ihrem fehlenden Haupthaar, ungemütlichem Schuhwerk und sogenannten Bomberjacken. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Wie ein Daumenkino blitzen automatisch Bilder in meinem Kopf auf. Unaufhaltbar. Ein Automatismus. Auschwitz. Sachsenhausen. Mein Großvater. Meine Familie. Gaskammern. Wenige überlebende Zeitzeug_innen. Traumatisierte Menschen, die zurückkehren. Zum "normalen" Leben. Familien gründen. Mama. Tanten. Und ich. Wir. Die dritte Opfergeneration. Heute.

Ich bin heilfroh, als wir endlich in unserem Zug sitzen und mit ICE-Geschwindigkeit davonfahren. Mein afro-amerikanischer Kollege kommt nicht umhin, meinen beklemmenden Gesichtsausdruck zu bemerken. Und schon sind wir mittendrin in dem Thema. "Das ewige Thema", wie meine Mutter und ich es teils ironisch, teils verbittert, manchmal nennen.

Mein Kollege Gregory, ein EX-GI, mit dem ich schon viele Jahre gearbeitet habe, versichert mir, er hätte keine Angst vor denen. Er als "military man" wüsste genau, wie er sich zur Wehr setzten könnte. Hmmm. Ich bin skeptisch.

Über Sinti und Roma allerdings kann er nur mit einer breiten Palette von Klischees und Vorurteilen dienen. Auch kennt er, wie so viele, nur die rassistische Bezeichnung für Sinti und Roma.

Es beginnt ein gefühltes 5023stes Aufklärungsgespräch. Gregory kann es nicht fassen und holt schnell Papier und Stift heraus, notiert sich alle wichtigen Informationen. Mit einer Motivation, wie man sie sonst nur von Erstsemestern an der Universität kennt, schreibt er alle wichtigen, neuen Informationen auf.

Dieses Papier, schwört er feierlich, wird er gut aufbewahren, und ich muss ein bisschen beeindruckt lächeln.

Bei unserem nächsten gemeinsamen Auftritt treffen wir uns beim Soundcheck, und Gregory ruft mir gleich von Weitem zu als er mich sieht:

"Tayo, I still got that note from last time!"

Ich hoffe meine Antwort kommt nicht allzu spät. Ich klicke schnell auf den Antwort- Button. In der E-Mail steht: "Ich möchte vorgestellt werden als: Tayo."

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