Musik kennt keine Grenzen: ein Gespräch mit der deutsch-türkischen Band SAFKAN

Safiye Can und Hakan Akçit sprechen mit den Mitgliedern der deutsch-türkischen Band SAFKAN über die Zukunft der Türkei, über das Zusammenleben in Deutschland und darüber, wie Musik Grenzen überwinden kann.

 

SAFKAN - Das Rote Kleid - Safkan_Official

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SAFKAN ist eine deutsch-türkische Rockband, die offiziell 2006 in Osnabrück gegründet wurde. Seitdem hat sich viel getan: Es gab Preise, Fernseh- und Stadionauftritte sowie deutschlandweit Konzerte. Wie habt ihr damals zueinander gefunden?

Matze: Ich habe Timur und Kemal 2004 über Gesangsaufnahmen in meinem Studio kennengelernt. Wir sind ins plaudern gekommen und Timur erzählte mir, dass er eigentlich Rockmusik machen will, bisher aber keine Leute dafür gefunden hat. Die Chemie stimmte sofort. Wir haben uns verabredet und einen Song zusammen geschrieben. Das hat gut funktioniert, Spaß gemacht und wir sind dabei geblieben.

Florian: Matthias und ich haben zusammen Musik studiert. Als er fragte, ob ich bei SAFKAN dabei sein wollte, musste ich nicht lange überlegen.

Euer Song „Das rote Kleid“ bezieht sich auf die Gezi-Proteste in der Türkei, im Mai 2017 habt ihr ein Musikvideo dazu veröffentlicht. Im Songtext heißt es:

„die kameraden sehen jetzt alt aus

es ist der beginn einer neuen zeit

sie richten ihre waffen

auf eine frau in einem roten kleid

ihr sollt nachhause gehen und schweigen

was wollen sie tun, wenn ihr bleibt?

überall ist widerstand

und eine frau in einem roten kleid“

Während des Referendums in der Türkei habt ihr mit eurem neuen Song „#Hayır“ (dt.: „#Nein“) erneut eine eindeutige politische Position bezogen. Gab es im Nachhinein Anfeindungen? Wie sieht die Zukunft der Türkei nach dem Referendum aus?

Timur: Ja, Anfeindungen hat es gegeben, aber überwiegend auf digitaler Ebene. Es gab viele Kommentare auf Facebook, die niveaulos waren, weil es einigen Menschen schwer fällt, sachlich differenziert zu argumentieren. Wir hatten aber auch damit gerechnet und waren nicht überrascht. Wir lassen uns nicht einschüchtern und stehen zu unserer Meinung.

Ich kann leider keine positive Tendenz für die Zukunft der Türkei nach dem Referendum erkennen. Viel mehr glaube ich, dass sich die Situation in den nächsten 2 bis 3 Jahren weiter zuspitzt, denn die Gesellschaft ist mehrfach tief gespalten und das Vertrauen für mehrere Generationen geschädigt. Es gibt keine Presse- und Meinungsfreiheit; wenn, dann nur bedingt geduldete. Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung. Die Korruption hat jede Schamgrenze überschritten. Das Land ist hoch verschuldet und die Beziehungen zu Europa liegen am Boden, um nur einige wenige Punkte zu nennen. Die Rechtsstaatlichkeit ist das unverzichtbare Fundament eines jeden Landes, dies wurde aber in der Türkei in den letzten Jahren systematisch demontiert. Die Konsequenzen aus der „Ein-Mann-Herrschaft“ wird das gesamte Volk tragen müssen, auch die Ja-Sager.

 

v.l.n.r: Matthias Lohmöller (Gitarre), Florian Seidenstücker (Bass), Kemal Yurtkuran (Background Gesang), Timur Safkan (Sänger/Leadgesang), Sven Jentgens (Schlagzeug/Drums)

Ihr seid eine multikulturelle Band. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit von Musikern mit unterschiedlichen Hintergründen, wenn z.B. deutschsprachige Musiker auf türkische Texte treffen?

Florian: Ehrlich gesagt fallen mir als Musiker besonders meine eigenen Unzulänglichkeiten auf: Bei einem Song in deutscher oder englischer Sprache kann man sich im Laufe eines Stücks am Text orientieren und es fällt leichter, sich den Ablauf zu merken. Wenn man den Text nicht versteht, ist das zunächst schwieriger. Da hilft es leider auch nicht, dass man ja ungefähr weiß, worum es in den Texten geht. Türkisch hat aber eine eigene Sprachmelodie und Ausdruckskraft, die sehr gut für Rockmusik geeignet ist. Für mich entsteht dadurch zusammen mit Musik ein einheitlicher Sound, in dem ich Timurs Stimme wie ein Instrument wahrnehme.



Sven: Es ist tatsächlich etwas schwieriger, sich im Bezug auf den Songablauf am Gesang zu orientieren, wenn man die Sprache nicht versteht. Es ist aber sehr inspirierend, da mit der türkischen Sprache automatisch Textzeilen anders phrasiert werden und auch Melodien anders geführt werden als beispielsweise bei englisch- oder deutschsprachigen Songs. Die Zusammenarbeit ist dadurch jedoch nicht anders als bei anderen Bands. Man schreibt Songs, die in der Regel erst einmal bei Matze am Computer entstehen, und dann mit der Band umgesetzt werden. Und wenn Timur neue Texte geschrieben hat, übersetzt er sie für uns und legt dabei großen Wert auf unsere Meinung zu den Inhalten seiner Texte.

Timur: Ich finde die Zusammenarbeit nach wie vor sehr spannend. Die Sprache der Musik kennt keine Grenzen und hält sich auch nicht mit Herkunftsfragen auf.

 

Lieber Timur, Du bist in Istanbul aufgewachsen und kamst als Jugendlicher nach Deutschland. Was waren für Dich die größten Probleme, die Du erfahren hast? Und was empfindest du bei dem Wort „Integration“?

Timur: Die Auswanderung nach Deutschland im Alter von 13 Jahren, und die damit verbundenen Erlebnisse, entwurzelten mich. Es fühlte sich an wie ein Erdbeben in der Seele, wodurch mein Selbstwertgefühl langsam anfing zu bröckeln und letztendlich vollständig zusammenbrach. Die Sprache spielte dabei eine wichtige Rolle. Ich konnte kein Wort Deutsch, mich mit keinem verständigen und in der Schule waren meine Leistungen nicht bewertbar. Obwohl ich vom Wissensstand her viel weiter war als meine Altersgenossen, wurde ich vom Gymnasium auf die Hauptschule abgeschoben, perspektivlos.

Nach und nach wurde mein Selbstbild dermaßen demontiert, das ich mich ganz früh in einer Identitätskrise befand. Dies führte in die Entgleisung. Zu dieser Zeit und auch danach, bin ich niemandem begegnet, der mich unterschützen wollte, damit ich mich „integrieren“ kann. Meine Eltern waren selbst mit der Situation überfordert, denn wenn man nach über 40 Jahren harter, ehrlicher Arbeit in der Fremde, immer noch nicht angekommen oder nicht willkommen ist, fehlen einem natürlich die Argumente und die Überzeugung für eine häusliche „Integrationsarbeit“. Sie besaßen auch schlicht und einfach nicht die Fähigkeit bzw. oder die nötigen Kenntnisse darüber.

Irgendwann realisierte ich, dass ich auf mich allein gestellt war und fing an, mein Leben zu reflektieren und hart daran zu arbeiten. Ich schaffte es aus eigener Kraft, meinen Weg zu finden. Es hätte aber auch schief gehen können.

Ich halte das Wort „Integration“ für eine leere abgenutzte Worthülse, das gerne von der Politik, wenn die Wahlen anstehen, ausgenutzt und danach zur späteren Wiederverwendung weggepackt wird. Wenn wir alle ab und an unsere Vorurteile und Haltungen hinterfragen und aufeinander zugehen, werden wir sicherlich mehr erreichen, als die nie ernsthaft betriebene, Integrationspolitik.

 

Im Hinblick auf gegenwärtige Ereignisse in Deutschland, wie PeGiDa oder zunehmende Brandanschläge gegen Flüchtlingsheime und Moscheen, ist Rock gegen Rassismus ein Thema für euch?

Matze: Auf jeden Fall! Unsere aktuellen Songs setzen sich viel mehr als früher mit aktuellen Themen auseinander und beziehen klar Stellung. Wobei wir uns nicht in erster Linie als politische Band verstehen; es geht in den Texten vor allem um Dinge und Situationen, die Timur im alltäglichen Leben oder auch in der Vergangenheit beschäftigen bzw. beschäftigten, Politisches und Sozialkritisches ist dann natürlich auch dabei.

Florian: Eine Haltung zu haben, die sich gegen Rassismus wendet, sollte in unserem Land generell selbstverständlich sein. Aber unsere Musik wird davon nicht bestimmt. So laut diese Gruppierungen auch schreien mögen, sie sind trotzdem in der Minderheit und nicht „das Volk“. Leider ist es für eine Band wie uns auch schwierig, Menschen zu erreichen, deren Lebenseinstellung von Ängsten und Vorurteilen einerseits, aber auch Halbwissen und Ignoranz andererseits geformt wurde. Die sind nicht gerade unsere größten Fans.

Timur: Es finden Konzerte und Veranstaltungen zu diesem Thema statt, an denen wir teilnehmen. Wie Matze sagt, sehen wir uns nicht als eine primär politische Band.

Ist die gemeinsame Bühnenpräsenz nicht schon eine politische Stimme für sich allein?

Florian: In den Augen mancher mag dies so wirken. Ich glaube aber, dass wir einfach nur ein Abbild des aktuellen Lebens in Deutschland sind. Überall arbeiten Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen – warum sollte das bei Musikern anders sein? Wir leben hier in Deutschland und gestalten unser Zusammenleben durch das gemeinsame Musizieren ganz praktisch, anstatt über Modelle des Zusammenlebens zu diskutieren oder an Bezeichnungen zu basteln. Die Wörter „Multikulturell“ und „Integration“ sind schöne Beispiele dafür.

Matze: Für uns ist es keine politische Aktion, sich mit den Kumpels zu treffen und gemeinsam Musik zu machen. Dass da jetzt Deutsche und Türken zusammenkommen, ist nicht viel mehr als ein Zufall. Wobei es extrem reizvoll ist, Musik aus verschiedenen Kulturkreisen miteinander zu verbinden.

Timur: Es kann und wird sicherlich von außen als eine politische Stimme aufgefasst, allerdings haben wir es nie so wahrgenommen, weil es für uns keine Rolle spielt welcher Herkunft ein Bandmitglied ist. Erfreulicherweise gibt es in Deutschland eine Menge ähnlicher Zusammenkünfte, in den unterschiedlichsten Bereichen, die durch einen natürlichen Prozess entstehen und in denen der „Mensch“ die zentrale Rolle spielt und nicht die Herkunft, eine vermeintliche "Rasse" oder Religion.

Man schätzt Künstler wie euch, die sich auch an Wohltätigkeitsveranstaltungen beteiligen, wenn Erlöse z.B. Kinderhilfswerken zugutekommen. Wie wichtig sind euch diese Auftritte?

Timur: Für mich sind diese Auftritte sehr wichtig, aber auch selbstverständlich. Den großen Respekt verdienen hauptsächlich die Veranstalter, deren Einladungen ich immer gerne folge und denen ich dafür dankbar bin. Ich freue mich immer, wenn sich uns eine solche Möglichkeit ergibt und ich meinen Beitrag leisten kann. Ich wünsche mir viel mehr davon!

Sven: Wenn man irgendwo durch seine Musik helfen kann und man sich sicher sein kann, dass die Erlöse auch wirklich da ankommen, wo sie benötigt werden, ist das eine tolle Sache!

 

Das Maskottchen der Band

Was wolltet Ihr als Kinder werden? Wann wusstet Ihr, dass Ihr Musiker werden wolltet? Und in welchem Alter habt Ihr angefangen zu singen bzw. Musikinstrumente zu spielen?

Florian: Ich habe ungefähr mit 10 Jahren angefangen im örtlichen Musikverein kleine Trommel zu spielen. Meine Eltern wollten mein musikalisches Interesse fördern und haben mich zum Klavierunterricht geschickt, auch, weil das Klavier meines Großvaters ungenutzt im Keller stand. Das war aber auf Dauer nichts für mich und ich begann mit 12 in der Schule Posaune zu lernen. Mit 15 kam dann der E-Bass hinzu. Seitdem ist die Musik Teil meines Lebens.

Matze: Rockmusik habe ich für mich eigentlich erst recht spät entdeckt. Mit 16 gab‘s die erste Gitarre und irgendwie bin ich das nie wieder losgeworden.

Sven: Bei mir ging das ziemlich früh los. Im Alter von 5 Jahren habe ich angefangen Klavier zu spielen und mit 13 ging es dann ans Schlagzeug. Und irgendwie spukte der Gedanke, Musiker werden zu wollen, schon immer in meinem Kopf herum. Aber wirklich sicher war ich mir dann, als ich mit 17 Jahren „Jugend Musiziert“ auf Landesebene gewonnen habe. Ich weiß auch nicht warum, aber irgendwie war diese Bewertung durch Fremde die letzte wichtige Bestätigung, die ich brauchte, um den Weg des Musikers auch beruflich mit einem guten Gefühl einschlagen zu können.

Timur: Als Kind wollte ich der Robin Hood der Neuzeit werden, ein Mann der sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Robin Hood als Idol ist mit den Jahren verblasst, aber der Einsatz für soziale Gerechtigkeit ist für mich wichtiger denn je. Musiker wollte ich werden, als ich die Musik, für mich als Ausdrucksmittel entdeckte. Da war ich etwa 14-15 Jahre alt, von dem Moment an begannen auch meine ersten Gehversuche als Musiker.

 

Wenn man über Jahre hinweg in derselben Band spielt, geht man sich da nicht auch mal stark auf die Nerven? Was ratet ihr jungen Bands?

Matze: Da haben wir eigentlich nicht so die großen Sorgen. Eigentlich verbringen wir viel zu wenig Zeit miteinander. Das Wichtigste für mich ist auf jeden Fall eine gute Kommunikation und respektvoller Umgang untereinander. Dann kann man auch zusammen alt werden.

Florian: Ich freue mich immer, wenn wir zusammen Musik machen können – auch wenn wir alle oft viel um die Ohren haben. Wenn man keinen Spaß mehr daran hat, ist eine Trennung ehrlich gesagt manchmal sinnvoll und kann vielleicht sogar neue kreative Energie frei setzen.

Timur: Die größte Herausforderung besteht darin, mit Frustration umzugehen und Durststrecken zu überwinden. Man steckt sehr viel Arbeit, Zeit, Geld und ganz besonders Herzblut in die Musik und wenn dann erhoffte Erfolge ausbleiben, gelangt man schnell an einen kritischen Punkt. Ich bin der Meinung, dass der öffentliche Erfolg einer Band, nicht in ihrem direkten Einflussbereich liegt und es auch daher verfehlt wäre, wenn man daraus direkte Rückschlüsse auf die Qualität der Band und Ihrer Musik ziehen würde. Deshalb halte ich die intrinsische Motivation einer Band für ausschlaggebend, um zu bestehen.

Was bedeutet Musik für Dich, Timur?

Timur: Musik ist für mich der Soundtrack zu meinem Leben. Unverzichtbar wertvoll.

Auf dem ersten Studioalbum sind zehn Tracks mit türkischen Texten. Was erwartet uns im nächsten Album? Und was sind die nächsten Projekte?

Das erste Studioalbum war schon insgesamt eine großartige Leistung von allen Beteiligten. Es gab aber auch berechtigterweise Kritik an einigen Songtexten, seitens der Menschen, denen ich vertraue und vor deren Kompetenz und Fähigkeit ich große Achtung habe. Diese Kritik war aber so konstruktiv und goldwert, dass sie dazu geführt hat, intensiver an mir zu arbeiten und auch neues zu wagen, dafür bin ich sehr dankbar!

Aus diesem Prozess heraus resultiert auch eines unserer Überraschungen, die wir für unsere Fans für das zweite Album bereithalten, es wird nämlich auch Songs geben mit deutsch-türkischen Texten. Ich glaube, dass das zweite Album für uns ein Meilenstein sein wird. Wir haben uns sehr viel Zeit gelassen, weil es uns nie um Quantität ging.

 

SAFKAN live auf der Bühne

Wer sind eure absoluten Lieblingsmusiker bzw. Lieblingsbands?

Sven: Da gibt es viele, die man aufzählen müsste. Aber wenn es gezielt um einen Musiker geht, wäre das Steve Gadd. Er ist einfach ein unglaublich musikalischer und geschmackvoller Schlagzeuger, der es irgendwie immer schafft genau das richtige Gefühl in einen Song einzubringen und durch sein Schlagzeugspiel die Songs sehr prägt. Und vor allem nie ,,zu viel“ spielt. Ein Musterbeispiel dafür ist auf jeden Fall das Live-Album ,,One more Car, One more Rider“ von Eric Clapton. Unfassbar geile Platte!

Florian: Es gibt zu viel gute Musik, um einzelne zu nennen. Wenn ich eine Lieblingsband herausstellen sollte, wäre das die Funk Band „Tower of Power“ mit der Bass-Ikone Rocco Prestia. Die gibt es schon seit 50 Jahren – ich fürchte, das schaffen wir nicht mehr.

Timur: Schwer zu sagen. Jede Band und jeder Musiker hat für mich seinen oder ihren ganz speziellen Platz. Derzeit finde die Sänger M. Shadows (Avenged Sevenfold) und Myles Kennedy (Alter Bridge) überragend.

Unsere letzte Frage an euch: Was wäre die eine Sache, die ihr auf keinen Fall mitnehmen würdet, wenn Ihr – jeder alleine – auf eine einsame Insel müsstet?

Florian: Auf keinen Fall? Ein Buch von Thilo Sarrazin.

Matze: Inline-Skates. Das funktioniert nicht am Strand.

Timur: Einen Fernseher.

Sven: Eine Badehose.

Wir bedanken uns für dieses Interview!

Das Gespräch führten Safiye Can und Hakan Akçit im Mai 2017.