#BlackLivesMatter: Globale Proteste machen Hoffnung auf Veränderung

Statement

Der Mord an George Floyd durch einen weißen Polizisten in Minneapolis führt nicht nur in den USA zu anhaltenden Protesten: Am 6. Juni versammelten sich in zahlreichen Städten auf der ganzen Welt abertausende Menschen, um für Schwarzes Leben und gegen rassistische Polizeigewalt zu protestieren. Ein Statement der Heimatkunde-Redaktion zu den aktuellen Geschehnissen mit Blick auf den deutschen Kontext.

Junge Black Lives Matter-Protestierende in Washington DC, Juni 2020
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#BlackLivesMatter-Protest in Washington DC am 6. Juni 2020

Am Samstag wurde in zahlreichen Städten auf der ganzen Welt für Schwarzes Leben und gegen rassistische Polizeigewalt protestiert. Zehntausende sind nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland, Österreich, Frankreich, Großbritannien, Südkorea, Senegal, Jamaika, Australien, Kanada und an vielen weiteren Orten in Solidarität mit den Opfern rassistischer Polizeigewalt und in Gedenken an George Floyd auf die Straßen gegangen, der vor zwei Wochen von einem weißen Polizisten in Minneapolis ermordet wurde. Die Städte wurden geflutet von der Trauer, Wut und Widerständigkeit einer vor allem jungen Generation rassismuserfahrener Menschen und ihren Verbündeten. Vielerorts wurde auf rassistische Strukturen und Polizeigewalt in den jeweiligen Ländern verwiesen und die Tat in Zusammenhang mit den Verhältnissen vor Ort gesetzt.

Denn nach zwei Wochen anhaltender Proteste in den USA ist klar: Es geht um mehr, als diesen einen Fall. Es geht um alle vergangenen Fälle und um die Zukunft einer ganzen Generation, die den rassistischen Status Quo nicht mehr hinnehmen will, weder in den USA noch anderswo. Abertausende Schwarze, Migrant*innen, Menschen of Color und Weiße standen an diesem Tag über den Globus verteilt zusammen um geschlossen zu sagen: Black Lives Matter. Schwarze Leben zählen, hier und überall.

Es wurde geschwiegen, getrauert, geschrien, gesprochen, zugehört, geweint, getanzt und erinnert. Es war ein Tag der internationalen Solidarität, des gemeinsamen Aufstehens, Niederkniens, Laut- und Leiseseins gegen das System Rassismus, das mit der Verfasstheit mehrheitlich weißer Gesellschaften seit Jahrhunderten verknüpft ist. Dass es gerade im Rahmen dieser Demonstrationen auch in Deutschland zu rassistischer Polizeigewalt kam, ist beschämend.

Auch in Deutschland historisch eingeschriebenes Rassismusproblem

Das Wissen über diese Strukturen ist schon lange da, es steht in unzähligen Büchern in unzähligen Bibliotheken. Für den deutschen Kontext zeigt es die Verbindungslinien zwischen europäischer Kolonialgeschichte, dem transatlantischen Versklavungshandel, dem Nationalsozialismus, dem Umgang mit Gast- und Vertragsarbeiter*innen und Geflüchteten bis hin zu Sarrazin, den NSU-Morden, Halle und Hanau. Immer noch sind in Deutschland Straßen nach Kolonialherren benannt, immer noch wird dieser Teil der deutschen Geschichte kaum besprochen.

Rassismuserfahrene Menschen, Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen, Journalist*innen, Künstler*innen, Organisationen und Initiativen verweisen seit Jahrzehnten darauf und kämpfen, schreiben, singen, rappen, diskutieren und sprechen unermüdlich dagegen an. Dass auch das Einwanderungsland Deutschland ein fortwährendes, historisch eingeschriebenes und sich immer wieder aktualisierendes Rassismusproblem hat, sollte 2020 niemand mehr in Frage stellen. Es reicht ein Blick auf die letzten zwölf Monate, um das zu erkennen. Vor einem Jahr wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke von einem Rechtsextremen ermordet, die rassistischen Morde an Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu und Vili Viorel Păun in Hanau sind nicht mal vier Monate her. Die zahlreichen Skandale von rechtsextremen Strukturen in Polizei, Bundeswehr und Sicherheitsapparat machen zudem deutlich: Auch hier ist die Polizei nicht neutral, auch hier gibt es rassistische Strukturen, die bis in die Sicherheitsbehörden reichen.

Schwarze Menschen und Menschen of Color sind auch in Deutschland von Polizeigewalt und Racial Profiling betroffen. Laut der Kampagne Death in Custody sind seit 1990 159 Schwarze Menschen und People of Color in deutschem Polizeigewahrsam ums Leben gekommen. Auch hier werden die Verantwortlichen rassistischer Gewalt meistens nicht zur Rechenschaft gezogen, wie etwa die unzureichende Aufklärung der NSU-Morde zeigt, der unaufgeklärte Fall von Oury Jalloh, der 2005 in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte oder die ca. 500 unvollstreckten Haftbefehle gegen Neonazis. Rassifizierte Menschen werden auch im deutschen Bildungssystem, auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt, im Asylsystem, in Behörden und Institutionen diskriminiert und all dies geht auch in Deutschland Hand in Hand mit einem Alltagsrassismus, der diese Strukturen gesellschaftlich ermöglicht, reproduziert und verfestigt.

Nicht erst seit George Floyd: Wir müssen über rassistische Strukturen sprechen

Der Mord an George Floyd hat ein internationales, widerständiges Beben ausgelöst – ein kollektives Innehalten, Zuhören und Lautwerden. Es ist 2020 und es wird endlich öffentlich über Rassismus gesprochen. Es bedeutet etwas, wenn in den Tagesthemen eine Schwarze deutsche Politikerin über strukturellen Rassismus spricht und auf May Ayim und Tupoka Ogette verweist. Oder wenn bei Markus Lanz mit Hadija Haruna-Oelker und Dennis Aogo zwei Schwarze Menschen auf dem Podium sitzen. Gleichzeitig haben viele mediale Reaktionen, wie etwa die Diskussion um Maischberger zeigt, abermals offenbart, dass es noch ein weiter Weg ist hin zu einer diversen Medienlandschaft und einer informierten Berichterstattung über Rassismus.

Menschen, die von Rassismus betroffen sind, sind das nicht erst seit zwei Wochen und sie sprechen auch nicht erst seitdem darüber. Sie haben auch nicht die Privilegien, sich damit auseinanderzusetzen oder nicht, hinzusehen oder wegzuschauen, Rassismusdoku oder doch lieber Netflix. Zwar ist es gut, dass ihnen jetzt mehr zugehört wird, dass sie an die sonst so weißen Tische der Talkshows eingeladen werden, um über ihre Erfahrungen zu sprechen und ihr Wissen mit einem Publikum zu teilen, das an dieser Stelle meistens weiße Männer zu sehen bekommt.

Doch es hat auch einen bitteren Beigeschmack, dass jetzt plötzlich Schwarze Menschen und People of Color der scheinbar völlig überraschten Öffentlichkeit erklären müssen, dass es Rassismus auch in Deutschland gibt, indem sie immer wieder zu ihren eigenen schmerzhaften Erfahrungen befragt werden. Danke an alle, die diese Bildungsarbeit gerade leisten, auch wenn es ermüdend sein muss nach all den Jahren. Es ist wichtig, dass sie sprechen und gehört werden, doch wenn Schwarzen Menschen nur dann Sendezeit zugestanden wird, wenn es um das Thema Rassismus und ihre individuellen Erfahrungen geht, wurde nichts verstanden.   

Wir müssen über Strukturen sprechen, über Rassismus als kollektive statt individuelle Unrechtserfahrung und als System, das mehrere Dimensionen hat, weshalb es auch mehrdimensionale Antworten, Handlungsansätze und Maßnahmen für eine nachhaltige Veränderung dieser Strukturen und ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen braucht. Das Berliner Landes-Antidiskriminierungsgesetz (LADG) ist ein Schritt in die richtige Richtung, dem weitere Schritte bundesweit folgen müssen. Auch gilt es unsere Asyl- und Flüchtlingspolitik in Deutschland und der EU rassismuskritisch zu hinterfragen und anzupassen. Wären die Menschen in den Booten weiß, würde Europa sie vermutlich nicht im Mittelmeer ertrinken lassen. Auch das machen die Proteste an vielen Orten deutlich: All Black Lives Matter.

Die Hoffnung auf Veränderung und die Gesellschaft der Vielen

Trotz allem, was zu tun bleibt, hat der Tag Hoffnung gemacht. Die leise Hoffnung darauf, dass es vielleicht endlich Klick gemacht hat, dass die Botschaft jahrzehntelanger Kämpfe von Schwarzen, People of Color und Migrant*innen endlich angekommen ist. Die Hoffnung auf eine Bewegung, der sich nicht nur von Rassismus  betroffene Menschen anschließen, sondern auch diejenigen, die von diesem System profitieren - ob sie wollen oder nicht. Und das auch dann, wenn die Hashtags nicht mehr trenden und es um mehr als Likes und eine woke Social Media-Präsenz geht, nämlich um Haltung und Verhalten im Alltag, bei der Arbeit, in Familien und unter Freund*innen, in Macht- und Entscheidungspositionen.

Die Hoffnung also, dass das Momentum verfängt und nicht, wie so oft, in ein paar Wochen wieder zur Tagesordnung übergegangen wird und niemand mehr über George Floyd, Oury Jalloh, Breonna Taylor, Christy Schwundeck, Ahmaud Arbery, Laye Condé, Rooble Warsame und all die anderen Toten spricht. Es wieder weggeschoben wird, in die USA oder an den säuberlich abgetrennten rechten Rand der Gesellschaft, dieses für Weiße in Deutschland so unbequeme Thema Rassismus.

Der Blick auf die vergangenen Jahre stimmt nicht unbedingt optimistisch - auch nach Hanau gab es die Erschütterung, die Beileidsbekundungen, den kurzen Aufschrei, der allzu schnell wieder verhallte. Doch lasst uns hoffnungsvoll bleiben, dass das Vermächtnis all jener, die zu Unrecht aus dem Leben gerissen wurden und deren Angehörige und Freund*innen von nun an mit dieser Leerstelle, dieser Verwundung leben müssen, Veränderung sein wird. Eine Veränderung, die längst begonnen hat und an die vielen Kämpfe und Errungenschaften der Vergangenheit anschließt. Eine Veränderung, die nicht nur an einem Ort passiert, sondern an vielen Orten gleichzeitig. Lasst uns von den Erfahrungen und Bildern am Samstag zehren, von der Entschlossenheit, der Kreativität, der Einigkeit und Vielstimmigkeit der Proteste und daran anknüpfen.

Da ist sie, die Gesellschaft der Vielen, die verschieden, solidarisch und vereint zusammensteht. Lasst uns sie weiterhin verteidigen, für sie streiten, sie hervorbringen und uns mit ihr nach vorn bewegen.

 

 Verfasst von Heimatkunde-Redakteurin Lotti Schulz.